oder: An der Marathon-Strecke
Gestern war ich auf einer Beerdigung. Ein Kollege ist gestorben, im Alter von nur 40 Jahren. Ich kannte ihn besser als viele andere meiner Kollegen und mochte ihn gern.
Beerdigungen sind immer traurig, sie haben das natürlich an sich, aber ich finde, es gibt verschiedene Kategorien der Traurigkeit. Zum einen hängt es natürlich davon ab, wie nah man der oder dem Verstorbenen gestanden hat. Und zum anderen spielen die Umstände des Todes und das Alter eine Rolle. Gestern habe ich die traurige Erkenntnis gewonnen, dass ich öfter auf Beerdigungen junger Menschen war als auf solchen älterer. Wenn junge Menschen sterben, ist das für mich noch schwerer zu ertragen. Kirche oder Kapelle sind voll, die Menschen drängen sich am Grab, Kinder laufen umher, die Alten beweinen die Jungen, Mütter und Väter ihre verstorbenen Kinder. Ich habe das alles mehrfach erlebt und es erschüttert mich jedes Mal aufs Neue, weil es gegen den Lauf der Natur ist. Zuerst sterben für gewöhnlich die Alten, später ihre Kinder, und zwar im besten Fall erst, wenn diese selbst alt sind. Wenn schon jemand sterben muss, dann sollte es so sein. Nicht andersherum. Es sollten auch keine Kinder am Grab stehen und Erde oder Blütenblätter auf den Sarg oder die Urne eines Elternteils werfen.
Ich war gestern nur als Kollegin betroffen, wir waren nicht befreundet, aber besser bekannt, haben unsere Jobs ungefähr zeitgleich bei unserem Arbeitgeber angetreten. In den ersten Monaten hatten wir viel miteinander zu tun, ich fand ihn so nett, dass ich ihn gern einer Freundin vorgestellt hätte, die damals solo war. Auf unserer ersten gemeinsamen Weihnachtsfeier haben wir uns ewig unterhalten. Das alles ist mehr als zehn Jahre her. Jetzt war ich nicht mehr nah an ihm dran, aber trotzdem sehr betroffen. 40. Das ist ja noch nicht einmal ein halbes gelebtes Leben. Was liegt da normalerweise alles noch vor einem?
Außer mir waren viele andere Kollegen bei der Beerdigung, einige von ihnen waren eng mit ihm befreundet, auch eine meiner besten Freundinnen. Viele waren also wirklich und im wahrsten Sinne des Wortes vom Tod betroffen. Ich hingegen stand mit anderen im übertragenen Sinne eher am Rand, in der zweiten Reihe. Aber auch ich war Teil dieser riesigen Trauergemeinde und bestimmt allein deshalb irgendwie „wichtig“. Die Frau meines verstorbenen Kollegen, sein Bruder, seine Mutter, seine gesamte Familie und Freunde konnten sehen: Er war beliebt, er hat eine Lücke hinterlassen, es gibt viele Menschen, die hier zusammengekommen sind, um gemeinsam Abschied zu nehmen und zu trauern.
Auch in meinem Leben gibt es diese zweite Reihe und ich habe schon ewig vor, darüber zu schreiben. Über Menschen, die am Rande stehen, aber das auf eine so hervorragende Art und Weise, dass ich mich glücklich schätze, sie dort zu sehen. Vielleicht ist es wie bei einem Marathonlauf, bei dem die jubelnden Zuschauer die Läuferinnen und Läufer anspornen und bis zur Ziellinie tragen, zumindest einen Beitrag dazu leisten. Oder wie bei einem dieser Filme, in denen sogar die Nebenrollen mit so viel Liebe und Präzision besetzt sind, dass sie den ganzen Film entscheidend aufwerten.
In meinem glücklichen Leben ist das so: dass die Menschen, die bei mir in der zweiten Reihe stehen, mein Leben ganz entscheidend aufwerten. Ich denke das zum Beispiel jedes Mal, wenn ich von meiner Friseurin komme, die ich seit rund 20 Jahren kenne. „Was habe ich nur für ein Glück, so eine nette Friseurin zu haben?“, denke ich mir dann. Und freue mich nicht nur darüber, dass wir uns so gut verstehen, sondern auch, dass sie mir so kompetent die Haare schneidet und immer ein herzliches Wort für mich übrighat und Sachen sagt wie „Du schaust heute aus wie eine Prinzessin“ (als ich einmal einen rosa Tüllrock getragen habe). Das sagt mir sonst niemand, noch nicht einmal mein Mann.
Oder zum Beispiel die Freundinnen meiner Tochter Supergirl. Eine von ihnen habe ich gestern Nachmittag auf der Straße getroffen, als sie auf dem Weg zum Turntraining war. Sie ist ein Mädchen, das so lieb und herzlich lächeln kann, dass man meinen könnte, es wäre die liebe Sonne höchstpersönlich, die einen anstrahlt. Sie wusste es ja nicht, aber so ein Lächeln kann an einem Tag, der mit einer traurigen Beerdigung begonnen hat, einen großen Effekt auf das Leben einer anderen Person haben. Es kann einen entscheidend besser fühlen lassen, im Vorbeigehen so angestrahlt zu werden.
Und auch über einige meiner Kollegen, die gestern auf der Beerdigung waren, habe ich das gedacht: dass es wirklich gute Menschen sind, alle auf ihre Art und Weise, und dass sie das Herz am rechten Fleck haben. Und dass es gut war, sie zu sehen, auch wenn es ein trauriger Anlass war, der uns zusammengeführt hat. Und dass es vielleicht nicht gut ist, wenn wir alle nur weiterhin im Homeoffice sitzen, dass der Kontakt darunter leidet und man auf Dauer vergisst, wer da alles bei einem selbst in der zweiten Reihe steht. Dass auch viele Kollegen dazu gehören, denen es vielleicht ebenso guttut wie mir, ab und zu angestrahlt zu werden. Und zwar nicht nur im Video-Call.
Vielleicht sollte man nicht erst auf einer Beerdigung darüber nachdenken, wie wichtig diese zweite Reihe ist und was man aneinander hat.
Das hast du schön geschrieben, liebe Sophie! Ich sehe es genauso wie du – die Bedeutung der Menschen aus der zweiten Reihe sollte nicht unterschätzt werden, auch sie sind wichtig.
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Sympathisch schöne Idee über Menschen in der 2. Reihe zu schreiben. Und wie immer so schön geschrieben!
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Danke dir, lieber Farid. Ich glaube, dass man sich das ruhig immer mal wieder bewusst machen kann: wie sehr das Leben einem Mosaik gleicht und dass alle kleinen Steinchen (Begebenheiten, Erlebnisse, Menschen) zusammen ein großes Ganzes ergeben. Und dabei kommt es eben auf jedes Steinchen an, auch auf die kleinen. ☺️
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