Zum ersten Mal: Angebermieze

oder: Altlasten loswerden

Ich erinnere mich an eine Feier bei meiner Oma, vermutlich war es ihr Geburtstag. Ihre Geschwister waren da, bestimmt auch mein Onkel, ganz sicher mein Cousin. Als Nachtisch gab es bei solchen Anlässen Fürst-Pückler-Rolle, ich mochte das Eis. Wenn mein Großonkel meiner Oma „Alles Gute“ wünschte, sagte sie: „Was? Alte Tute? Na, du bist mir ja einer.“ Und wenn mein Onkel eine Frau zuerst durch eine Tür treten ließ, sagte er: „Ladies first, James Last.“ Das waren noch Zeiten, die späten 80er des vergangenen Jahrhunderts.

Mein Cousin, mein Bruder und ich lagen bäuchlings auf dem Teppichboden, wie man das als Kind unter zehn Jahren oft machte. Vielleicht haben wir gespielt oder geredet, ich weiß es nicht mehr. Aber ich kann mich noch gut daran erinnern, wie meine Großtante über mich sagte: „Schaut mal, Sophies Po steht ja viel weiter hoch als der von den anderen.“ Das waren noch Zeiten.

Gestern saß ich mit meinen beiden jüngeren Töchtern Supergirl und Baby Boss in einem vietnamesischen Restaurant ein paar Häuser weiter. Supergirl erzählte von einer Influencerin auf Instagram, die Mitte zwanzig ist, mit ihrem Mann drei kleine Kinder hat und zahlreiche Tiere, die zuvor im Tierheim waren. Diese junge Frau bekomme „viel Hate“, wie Supergirl es ausdrückte, also Hasskommentare. „Das tut mir echt leid“, sagte meine Tochter. „Die wirkt nämlich total nett“. Und führte aus: „Sie hat zum Beispiel einen Korb mit Essen für eine Freundin zusammengestellt, die ihr viertes Kind bekommen hat. Damit die nicht einkaufen gehen muss, sondern sich um ihr Baby kümmern kann.“

Mir geht es nahe, wenn meine Kinder darüber sprechen, dass jemand „gehatet“ wird. Vor allem, wenn es dabei um eine junge Frau geht, die Essenskörbe zusammenstellt und Kaninchen aus dem Tierheim adoptiert. Für die Influencerin gibt es laut Supergirl aus unterschiedlichen Gründen „hate“. Zum Beispiel, wenn sie es nicht schafft, ihre drei Kinder morgens zur Kita zu bringen, weil alle verschlafen haben. Oder früher dafür, dass sie pummelig war. Und jetzt dafür, dass sie in der vergangenen Zeit viel abgenommen hat und sich die Brüste hat operieren lassen. Ich führe jetzt mal nicht weiter aus, weil ich mich in Rage schreiben würde, wenn ich darüber nachdächte, wozu Menschen alles eine Meinung haben – und sie auch noch kundtun.

Es war auch gestern Abend, als mich Supergirl dazu ermunterte, ein Foto von mir in meinen WhatsApp-Status zu stellen, das ich vorher für meine Töchter aufgenommen hatte, um es in unserer Gruppe zu verschicken. Es handelt sich um ein Spiegel-Selfie, auf dem man mich in einem neuen, sehr engen Kleid sieht, eigentlich nur meinen Torso. Ich würde sagen, es zeigt, dass ich viel trainiere, vor allem meinen Bizeps und meine Schultern. Und für Menschen, die mich seit Jahren oder Jahrzehnten kennen, zeigt es darüber hinaus eine sogenannte Body Transformation, also dass ich mich vom Aussehen her stark verändert habe.  

Mit 47 fühle ich mich so wohl in und mit mir selbst, wie noch nie zuvor in meinem Leben. Kraftvoll, fit, gesund. Ein Grund zur Freude? Für mich auf jeden Fall! Aber ich werde das Gefühl nicht los, es damit nicht allen recht zu machen. Seltsam, oder? Früher war ich pummelig und habe dafür negative Kommentare zu hören bekommen, die allermeisten davon als ich ein Kind war. Ein Kind! Viele aber auch später, in meiner Teenagerzeit und als Erwachsene. Einmal bin ich vom Büro nach Hause geradelt und ein Lieferwagen fuhr an mir vorbei und aus dem geöffneten Fenster rief jemand: „Schon mal etwas von Diäten gehört?“

Und jetzt bin ich glücklich – muss mich aber interessanterweise dennoch manchmal erklären. Und frage mich dann: Darf ich nicht auch zu den Dünnen gehören? Macht das aus mir einen anderen Menschen? Bin ich deshalb oberflächlich? Eine Angebermieze, weil ich Spiegel-Selfies mache? Sollte ich das alles lieber geheim halten? Meine Body Transformation? Meinen Bizeps?

Es gibt aber auch viele Menschen, die sich für mich freuen. Nicht, weil ich dünner geworden bin, sondern weil es mir merklich gut geht. Weil ich selbstbewusster geworden bin und nicht mehr das Gefühl habe, irgendetwas an meinem Körper verstecken zu müssen. Niemand muss das je! Aber ich habe es anders gelernt.

Jeder Mensch ist die Summe all seiner Erlebnisse und Erfahrungen. Das lässt sich nicht leugnen und erst recht nicht einfach so abstreifen. Vielleicht können andere ein bisschen Verständnis für mich aufbringen, Nachsicht sogar für das eine oder andere Spiegel-Selfie, wenn ich erahnen lasse, wie viele Kämpfe ich im Laufe meines Lebens auf diesem Schlachtfeld ausgefochten habe, wie viel Hohn und Kritik und Beleidigungen ich habe einstecken müssen. Don’t judge a book by its cover.

2 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Angebermieze“

  1. Ich find es eigentlich schade, das einige Leute immer nur das Negative an einer Person suchen und dementsprechend negativ bewerten, anstelle das Positive bei der Person zu sehen und zu fördern.

    Arne Wilhelm

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