oder: Nicht tolerierbar
Neulich hat mein Mann seinen Geburtstag nachgefeiert. Ich kam mit einem seiner Kollegen ins Gespräch, wir unterhielten uns übers Joggen. „Ich gehe gern noch am späten Abend laufen“, sagte er. „Das würde ich nie tun“, entgegnete ich. „Wieso nicht?“, fragte er überrascht. „Weil ich denke, dass es für Frauen nicht sicher ist, so allein im Park oder im Wald.“ Ich hatte den Eindruck, dass er noch nicht darüber nachgedacht hatte. Aber nicht aus Desinteresse oder Naivität, sondern einfach, weil ihm die von mir befürchteten Gefahren als Mann nicht drohen.
In Deutschland erleben zwei von drei Frauen in ihrem Leben sexuelle Belästigung. Jede siebte Frau wird Opfer schwerer sexualisierter Gewalt. Das habe ich auf der Website des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gelesen. Sexualisierte Gewalt meint dabei jeden Übergriff auf die sexuelle Selbstbestimmung. Auch obszöne Worte und Gesten gehören dazu – ebenso wie aufdringliche oder unangenehme Blicke. Bei dieser Definition habe ich das Gefühl, dass die oben genannte Zahl fast noch zu niedrig angesetzt ist.
Bisher hatte ich Glück: Ich bin keine der Frauen, die schwere sexualisierte Gewalt erlebt haben. Und ich möchte es nicht darauf ankommen lassen. Deshalb jogge ich zum Beispiel nicht bei Dunkelheit, weder im Park noch sonst irgendwo, obwohl ich mir wünschte, dass das ohne mit der Wimper zu zucken möglich wäre. Was ich allerdings erlebt habe, sind Griffe an den Hintern und anzügliche, teilweise sehr grobe sexuelle Bemerkungen. Und das nicht nur einmal. Vieles davon fand im Vorbeigehen statt. Es waren Männer, die ich nie zuvor gesehen hatte. Es passierte nachts in Clubs und tagsüber auf offener Straße. Was ich mir genau habe anhören müssen, möchte ich hier nicht aufschreiben, weil ich weiß, dass ab und zu auch Kinder diesen Blog lesen, zum Beispiel meine. Ich war damals Mitte zwanzig, aber was gesagt wurde, weiß ich noch immer Wort für Wort.
Wenn ich an meine eigenen Erfahrungen zurückdenke und die Zahlen lese, die ich oben zitiert habe, frage ich mich, ob ich damit rechnen muss, dass es eine oder zwei meiner Töchter trifft oder vielleicht auch alle – oder nicht sogar schon getroffen hat. Ich frage mich, ob es irgendwie in meiner Macht steht, sie davor zu beschützen. Ich würde alles dafür tun. Oder sollte ich lieber gleich ihre Resilienz stärken, weil Übergriffe unvermeidbar erscheinen?
Vor einigen Monaten kam heraus, dass sämtliche Jungen aus der Klasse meiner ältesten Tochter in einen Klassenchat verwickelt waren, in dem frauenverachtendes und sexistisches sowie ausländerfeindliches und Nazi-Gräuel verharmlosendes Gedankengut verbreitet wurde. Sie geht auf keine „Problemschule“, wir leben hier in einem gutbürgerlichen Umfeld, die Jungen hatte ich durchgehend als nett empfunden.
Die Inhalte des Klassenchats wurden uns Eltern auf einem außerplanmäßigen Elternabend vorgestellt. Einer der Jungen hatte den Chat auffliegen lassen, weil es ihm zuwider war, was dort geschrieben wurde. Die Inhalte hatte er zuvor gesichert.
In der Gruppenbeschreibung des Chats wurden die Brüste der Mädchen als Milchtüten bezeichnet, es hieß, der richtige Ort für Frauen sei die Küche. Im Chat selbst wurden Umfragen zu verschiedenen Themen erstellt: Wer ist das größte Flittchen der Klasse? Wer hat den größten Po? Welches Mädchen könnte am ehesten ein Junge sein? Es gab Fragen, die ich als noch schlimmer empfunden habe. Ich möchte darauf verzichten, sie zu zitieren.
Meine jüngste Tochter wurde in der dritten Klasse von einem Jungen gefragt, ob sie später eine „Hure“ werden wolle. Was das ist, stand in einem Buch, das ein Kind aus der Klasse als Vorbereitung für den Sexualkundeunterricht mitgebracht hatte. Es war also kein Versehen, kein Umgang mit einem unbekannten Wort. Anfang dieser Woche gab es Vorfälle in der Klasse, die mich wütend gemacht und befremdet zurückgelassen haben. Wohlgemerkt: Ich spreche von Viertklässlern, 10-jährigen Mädchen und Jungen. Dann denke ich: Wehret den Anfängen! Natürlich sind sich Kinder dieses Alters nicht immer der Tragweite ihres Handels bewusst. Umso wichtiger ist es, klare Signale zu senden, klare Regeln vorzugeben. Aufzuzeigen, wann und womit sie Grenzen überschritten haben. Damit es nicht noch einmal passiert.
Wenn solche Vorfälle ans Licht kommen, fällt mir vor allem eines immer wieder auf: Es schämen sich die Falschen. Meine älteste Tochter hat damals Stunden gebraucht, mir die Details zum Klassenchat zu erzählen, weil sie (!) sich so für die anderen (!) geschämt hat. Am liebsten hätte ich zu ihr gesagt: „Okay, erzähle es mir nicht, wenn du dich so unwohl dabei fühlst.“ Aber ich hatte Sorge, dass sie mir etwas Wichtiges vorenthalten könnte, etwas, das unmittelbar sie betraf. Und ich habe mir Gedanken um den Elternabend gemacht, von dem schon klar war, dass er stattfinden würde. Ich hatte die Befürchtung, ich würde das Schlimmste erst dort erfahren. Ich wollte gewappnet sein. Also erzählte sie mir damals alles, was sie über den Chat wusste. Und schämte sich dabei.
Wenn meine Töchter von solchen Vorfällen berichten, sind mir vor allem zwei Dinge wichtig: ihnen zu zeigen, dass so ein Verhalten absolut nicht tolerierbar ist und ich mich sofort und in aller Deutlichkeit für sie einsetze. Es geht nicht um Kavaliersdelikte, es geht um Verhaltensweisen, denen ein Riegel vorgeschoben werden muss. Fangen Elternteile an, Vorfälle zu verharmlosen, schwillt mir der Kamm. Interessanterweise sind das – wenn überhaupt – sehr viel häufiger Eltern von Jungen als von Mädchen. Ich halte das für kurzsichtig. Repräsentative Befragungen zeigen: Auch jeder dritte Mann ist bereits Opfer sexistischer Übergriffe geworden.
Gut, dass man einen Elternabend gemacht hat und Hut ab vor dem Jungen, der sich getraut hat, den Chat auffliegen zu lassen.
LikeGefällt 2 Personen
Ich war auch sehr beeindruckt von dem Jungen, denn es gab massive Drohungen für den Fall, dass jemand den Chat verraten würde. Ich weiß nicht, ob es im Nachhinein überhaupt herauskam, wer es gewesen ist. Anfangs jedenfalls wurde es geheim gehalten.
Übrigens stellte sich heraus, dass viele Jungen (wenn nicht die meisten) den Chat nicht in Ordnung fanden, aber irgendwie hat sich keiner getraut, es den jeweils anderen zu sagen. Sehr merkwürdig und psychologisch nicht uninteressant, was da passiert ist.
Der Elternabend war sehr gut und hilfreich. Besonders bewegt hat es mich, dass als Vertreter der Klassengemeinschaft vier Mädchen und vier Jungen (!) anwesend waren, die sich zu den Vorfällen vor der versammelten Elternschaft geäußert haben. Das hat sicherlich viel Mut gekostet.
LikeGefällt 1 Person
Schön, dass man die Sache von Seiten der Schule ernst nimmt. Hoffen wir, dass die Jugendlichen etwas daraus gelernt haben für jetzt und das Leben allgemein.
Schöne Abendgrüβe nach Berlin!
LikeGefällt 1 Person
Als sogenannte Überlebende könnte ich da jetzt ganz viel schreiben von meiner eigenen Geschicht aber das wäre hier fehl am Platz.
Nur kurz eines, als mein eigenes Kind (ein Junge, damals 7 Jahre alt) in der Grundschule angefasst worden ist (mit durchaus entsprechendem Hintergrund) von einem ca. 16/17 jährigen, hat er mir das erzählt. Meiner erste Reaktion war, wir gehen sofort zur Polizei (ich hätte mir gewünscht meine Eltern, mein Umfeld oder irgendeiner dieser ….) und das taten wir, mein Kind musste mehrmals zur Polizei zur Aussage! Die Direktorin der Schule rief hier an und sagte uns das würde an ihrer Schule nicht vorkommen und mein Kind hätte eine blühende Phantasie dem dürfte man kein Wort glauben. Die Anzeige haben wir trotzdem aufrecht erhalten (wäre ne längere Geschichte). Als ein paar Jahre später aber ähnliche, ich nenn es mal Übergriffe auf Mädchen statt fanden an ihrer Schule war die Empörung groß. Das ist eine Problematik die auch kleine Jungs betreffen kann.
Was diese Chats anbelangt so frage ich mich auch was benötigen Grundschüler bereits WA Chats oder anders geartete Dinge … das Problem liegt leider oft daran, das viele Eltern gar nicht gucken was ihre Kinder bereits treiben in dem Alter wenn sie über entsprechende Geräte verfügen. Oft reden Grundschüler auch einfach nur daher und wissen eben nicht was sie da so von sich geben, aber da sind eben auch die Eltern gefragt, genau zu schauen was machen die Kinder. Das klar mit den Kindern zu thematisieren, wenn die Eltern da nicht mit anfangen ist es dann vielleicht auch einfach zu spät, wenn es Thema in der Schule wird!
Deine Tochter ist im übrigen absolut grossartig und auch der Junge der das ins Rollen gebracht hat! Deine Tochter hat keinen Grund sich zu schämen, es ist grossartig das sie solche Dinge sagen kann, sie hat es Dir gesagt also alles richtig gemacht von Euch aus, denn ihr habt ihr vermittelt das sie solche Dinge sagen kann und das ihr ihr glaubt usw. usf.! 😍
LikeGefällt 1 Person
Es tut mir total leid zu hören, was deinem Sohn passiert ist. Ich hoffe, er konnte die Geschehnisse gut verarbeiten. Und ja, ich sehe es ganz genauso wie du: Natürlich kann es auch Jungen treffen, und deshalb war es mir total wichtig, das in meinem letzten Satz zu schreiben.
Schlimm, dass die Schule offenbar mit zweierlei Maß gemessen hat.
Es tut mir übrigens auch sehr leid, was du zu deiner eigenen Geschichte andeutest. Ich hatte es schon auf deinem Blog gelesen.
Herzliche Grüße!
LikeLike
Auf jeden Fall muss die Devise immer lauten: Wehret den Anfängen! Solche Sachen neigen dazu, eine Eigendynamik zu entwickeln, wo es jeden Tag immer schlimmer kommt.
LikeGefällt 1 Person