Zum ersten Mal: Auf Delfine hoffen

oder: Karma is my boyfriend

Ich glaube, dass sich die Persönlichkeit der meisten Menschen in drei, vier Sätzen zusammenfassen lässt. Oder dass es die eine Geschichte gibt, die jemanden von Kopf bis Fuß charakterisiert. Meine Freundin Pippilotta zum Beispiel hat neulich morgens Erdbeeren an einem Stand gekauft, es handelte sich um eine begehbare Erdbeere. Der junge Mensch, der dort saß (ich weiß nicht mehr, ob es ein Mann oder eine Frau war), fragte sie, ob sie wisse, wann der Imbiss nebenan öffnen würde. Er habe nämlich sein Frühstück vergessen. Ich denke, Pippilotta wusste es nicht, vielleicht schaute sie nach, erkannte, dass der Imbiss aus der Perspektive eines Erdbeerverkäufers mit knurrendem Magen erst viel zu spät öffnen würde oder dachte, dass Pommes als Frühstück nichts taugen. Wie auch immer: Sie marschierte zu einer nahegelegenen Bäckerei, kaufte dort ein Brötchen, vielleicht sogar belegt, und brachte es dem jungen Menschen in der Erdbeere. Voilà! Haben alle verstanden, was ich meine?

Eine Geschichte, die mich beschreibt, könnte folgende sein: Wir sind gerade im Sommerurlaub in Kroatien – mein Mann, Belle, Supergirl, Baby Boss und ich. Am Tag nach unserer Ankunft waren wir baden und danach für einen ersten kurzen Eindruck im nächstgelegenen größeren Ort: Rovinj. An der Promenade am Meer gab es Stände, an denen zwar keine Erdbeeren verkauft wurden, aber Bootsfahrten zu den umliegenden Inseln sowie – und daran blieb ich gedanklich sowie mit meinem Herzen hängen – abendliche Delfin-Exkursionen.

Je älter ich werde, desto klarer wird mir, was ich will und was ich nicht will. Oder – besser gesagt – was ich mir wünsche. Es hat damit zu tun, dass ich mich selbst sehr gut kennengelernt habe in den letzten 25, äh, 35, hüstel, 45 Jahren. Es hat aber auch damit zu tun – und ich schreibe es äußerst ungern –, dass die Zeit knapper wird. Meine Lebenszeit, meine ich.

Mir wurde sehr schnell klar, dass ich unbedingt und zwar am besten sofort Delfine sehen wollte. Und zwar live von einem Boot aus, vor der kroatischen Stadt Rovinj schippernd. Etwa zwei Minuten, nachdem ich das gedacht hatte, wurde ich von einem Stand aus von einem Mann angesprochen, der mir eine ebensolche Fahrt verkaufen wollte. 1 ½ Stunden, 20 Euro pro Nase, ein Schnäppchen geradezu. Delfine waren nicht garantiert. „Wie oft haben Sie in der letzten Zeit Delfine gesehen?“, fragte ich auf Englisch. „Von 52 Abenden an 50“, antwortete der Mann. Ich habe es nicht so mit Statistiken, schließlich könnte es ja sein, dass ich zu denen gehöre, die Pech haben: 50 Abende mit Delfinen, ich ausgerechnet an Bord an einem der zwei Abende ohne Delfine. „We think about it“, sagte ich.

Und das tat ich. Ich dachte mir, dass es vielleicht besser wäre, eine solche Fahrt gar nicht erst zu buchen. Wenn wir nicht führen, würde ich auch nicht enttäuscht sein können, wenn ich keine Delfine zu Gesicht bekäme. Diese Lösung schien mir auf Anhieb sympathisch. Jeder möglichen Enttäuschung aus dem Weg gehen! Das war wohl auch der Grund, warum ich mein Kinderbuch so lange nicht bei Verlagen eingereicht habe. Gut durchdacht, aber irgendetwas schien mir faul daran zu sein. Vielleicht war es der Aspekt, dass ich, wenn ich mich gegen den Bootstrip entschied, AUF GAR KEINEN FALL Delfine sehen würde. Das wäre ja wohl auch nicht im Sinne des Erfinders. Also doch lieber fahren und es riskieren, enttäuscht zu werden?

Kurz darauf sah ich in der Insta-Story eines guten Bekannten, dass er in Costa Rica einen Bootstrip unternommen hatte und ein Delfin nebenher schwamm. Er hatte die niedliche Szene mit der Titelmusik der Serie „Flipper“ unterlegt, die mich tagelang begleitete wie der Delfin das Boot. Die Story inspirierte mich. Wenn dieser gute Bekannte mit Delfinen herumschippern konnte, könnte ich es vielleicht auch! Mein Entschluss stand fest. Wir würden die Fahrt unternehmen.

Wir planten den Ausflug für Mittwochabend und ich versuchte, an diesem Tag besonders lieb zu sein, ließ zum Beispiel ein ekliges Insekt am Leben, um mein Karma günstig zu beeinflussen. Wir fuhren am späten Nachmittag nach Rovinj, leider gab es bei dem von mir ausgewählten Anbieter (dem Mann an seinem Stand vom ersten Abend mit der 50 zu 2-Quote) keine Plätze mehr auf dem Boot. Wir mussten die Fahrt auf den nächsten Abend verschieben, buchten und leisteten die Anzahlung für ein Ticket.

Als ich später im Bett lag, dachte ich darüber nach, ob das Boot auch sicher sei, ob ich meine Töchter oder mich selbst in Gefahr bringen würde. Ob eine von uns über Bord gehen könnte oder das Boot kentern. Ich dachte darüber nach, dass ich – falls ich das alles überleben, aber keine Delfine sehen würde – ja jederzeit wieder nach Kroatien zurückkehren und einen weiteren Bootstrip buchen könnte, solange, bis ich irgendwann Delfine sehen würde. Dass ich mir ja zum Beispiel nicht ständig neue Klamotten kaufen müsste, sondern das Geld für Delfin-Exkursionen sparen könnte.

Am nächsten Tag versuchte ich wieder, besonders lieb zu sein. Erfreulicherweise musste ich mich dafür nicht erneut von einem ekligen Insekt umschwirren lassen. Morgens entdeckte ich auf meinem Gesicht zwei lose Wimpern. Ich nahm sie behutsam eine nach der anderen von meinem Gesicht und pustete sie nacheinander weg. Dabei wünschte ich mir zweimal dasselbe.

Am Nachmittag zog es sich etwas zu, während mein Mann und ich im Pool planschten. Besorgt schaute er zum Himmel und sagte: „Na, ob wir heute noch rausfahren können? Vielleicht gibt es ein Gewitter.“ „Ich habe mir die Wettervorhersage angeschaut“, erwiderte ich. „Es soll nur bedeckt sein.“ „Es soll nur bedeckt sein“, wiederholte mein Mann und fügte hinzu: „Das waren ihre letzten Worte, bevor das Boot kenterte.“

Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage: Das Boot kenterte nicht. Es war einer der schönsten Momente meines Lebens: mit meiner Familie abends im Sonnenuntergang vor der Küste Rovinjs zu schippern und den spektakulären Blick auf die Stadt zu genießen. Ein Augenblick, an den ich mich bestimmt immer erinnern werde. Ob wir auch Delfine gesehen haben? Ja! Und es war traumhaft. Aber nicht nur das hat mich glücklich gemacht. Ich war froh, dass Risiko eingegangen zu sein, enttäuscht zu werden. Anders funktioniert das Leben nicht.

6 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Auf Delfine hoffen“

  1. Liebe Sophie, wie wunderbar! Das erste Mal als ich Delfine von einem Boot in freier Wildbahn gesehen habe, war vor der Meeresenge von Gibraltar. Da gab es dann sogar Orcas zu sehen. Seitdem fahren wir fast in jedem Urlaub mal aufs Meer raus und können Wale und Delfine beobachten und wir kriegen nicht genug davon…. Eine gewisse Unruhe spielt natürlich immer mit, so ist in freier Wildbahn nun nie eine Garantie, welche zu sehen. Umso glücklicher kann man sich schätzen, wenn man dann welche gesehen hat.

    Ich wünsche dir noch einen schönen Abend,
    Christin von https://wanderschoen.at

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Christin, ja, das war wirklich ein wunderschöner Moment. Vielleicht gehört es ja sogar ein bisschen mit dazu, dass man eben keine Garantie hat, die Tiere zu sehen. Das macht es zu einem besonderen Erlebnis, weil es nicht planbar ist. Auf unserem Boot waren alle total aus dem Häuschen, als wir die Delfine gesehen haben. In einem Delfinarium wäre die Begeisterung wahrscheinlich nicht so groß gewesen. 😉
      Ich kann sehr gut verstehen, dass ihr jetzt immer wieder raus aufs Meer fahrt. Für mich war das bestimmt auch nicht das letzte Mal! 🐬💕
      Herzliche Grüße, Sophie

      Gefällt 1 Person

  2. Schön, dass es mit dem Delfine-Sichten geklappt hat! Es sind erhabene Tiere (ich habe mal welche im Delfinarium in Nürnberg gesehen, Anfang der 90er, und war total beeindruckt!). Einen weiterhin schönen Urlaub mit vielen Highlights!

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen Dank!!!
      Ich hoffe, dass es nicht das letzte Mal gewesen ist, dass ich Delfine in freier Wildbahn gesehen habe. Nächster Delfin-Wunsch: mit ihnen schwimmen. Ich habe gehört, dass das wunderschön sein soll. ☺️

      Like

  3. Liebe Sophie, ich glaube, so eine abendliche Bootstour wäre auch ohne Delfine in Sichtweite ein wunderschönes gemeinsames Erlebnis gewesen. Umso besser, dass wirklich alles gepasst hat. Ich freue mich für euch. Möge die Erkenntnis in deinem letzten Satz Ansporn zu weiteren gelungenen Erfahrungen sein! Habt noch weitere spannende Urlaubstage mit gutem Karma! 😉 LG Anke

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Anke, ich denke, du hast recht. Die Delfine waren sozusagen die bunten Streusel auf der Schokosauce auf dem Sahnehäubchen. 😉 Ich war aber sehr froh, sie gesehen zu haben. 🐬💕 Das war irgendwie filmreif.
      Danke für deine lieben Grüße zum Urlaub. Heute haben wir es bis in deine Heimat geschafft, wo wir bis Mittwoch bleiben. Italien ist doch immer wieder eine Reise wert! 🥰
      Sehr herzlich, Sophie

      Gefällt 1 Person

Hinterlasse eine Antwort zu Anke Antwort abbrechen