Immer wieder: Vom Sixpack träumen

oder: Schatten der Vergangenheit?

Neulich ist mir ein Foto in die Hände gefallen, das mich als kleines Mädchen in einem Badeanzug zeigt. Es ist ein besonderes Bild, weil damit ein für mich sehr unangenehmer Moment verbunden ist. Ich habe schon einmal darüber geschrieben. Das Foto hing eine Weile als Teil einer Collage bei uns zuhause an der Wand, als ich noch ein Kind war. Ich stand zufällig hinter meinen Bruder und einem seiner Freunde, als sich beide die Collage anschauten und der Freund über mich sagte: „Mann, ist die dick.“ Ich erinnere mich, dass mich die Bemerkung aus dem Nichts getroffen hat und ich mich in dem Moment sehr geschämt habe. Mir ist richtiggehend heiß geworden.

Ich hatte das Bild jahrzehntelang vage vor Augen und dachte all die Zeit, dass ich darauf tatsächlich „dick“ ausgesehen hätte. Und neulich stellte ich fest, dass das gar nicht stimmt. Ich kann nicht allzu viel erkennen, weil meine Mutter das Foto in Blütenform zurechtgeschnitten und in ein Album geklebt hat, das sie und mein Vater meinem Mann und mir zur Hochzeit geschenkt haben. Aber ich sehe nicht dick darauf aus, sondern maximal (!) ein bisschen (!) pummelig. Jetzt, wo ich das Bild zufällig wiedergefunden habe, fällt es mir auf. Ich habe es auch meinem Mann gezeigt, der die Geschichte kennt. „Du siehst überhaupt nicht dick aus“, sagte er. Und fügte hinzu: „Wie gemein.“

Auf dem Foto strahle ich über das ganze Gesicht, mir hängen nasse Strähnen in die Stirn, mein Badeanzug ist türkis. Ich hatte bestimmt Spaß an diesem Tag, ich glaube, es war im Urlaub auf Bornholm in einem Freizeitpark. Ich bin vielleicht neun oder zehn Jahre alt. Ich scheine nicht darüber nachzudenken, dass ich vielleicht den Bauch einziehen könnte/müsste/sollte, wie ich es jetzt im Schwimmbad tue. Ich sehe glücklich aus. Niedlich. Rührend.

Jetzt, wo ich dieses Bild nicht mehr nur vor meinem geistigen Auge habe, sondern genau weiß, wie es aussieht, deprimiert es mich ein bisschen, dass ich mich an diese Geschichte von damals noch so genau erinnern kann und dass sie mir so zugesetzt hat.

Wie schafft man es, Dinge loszulassen, die man schon sein Leben lang wie in einem Bollerwagen hinter sich herzieht? Wieso stellt man ihn nicht einfach irgendwo ab mit all den Glaubenssätzen und Unsicherheiten, der falschen Wahrnehmung und den Erinnerungen an Ereignisse, die einem nicht gutgetan haben?

Stattdessen ging mir all die Jahre dieser Satz nicht aus dem Kopf, den übrigens nicht nur ein Freund meines Bruders gesagt hat, sondern den ich während meiner Kindheit und Jugend in verschiedenen Momenten von verschiedenen Personen immer wieder gehört habe.

Ich merke gerade, dass das hier ein doch eher nachdenklicher Beitrag wird, obwohl ich mir vorgenommen hatte, etwas Lustiges, vielleicht sogar Selbstironisches zu schreiben. Als ich neulich an dem Seminar „Der Weg zum eigenen Kinderbuch“ teilgenommen habe, ist mir aufgefallen, dass ich das auf dem Blog oft mache: Im letzten Augenblick noch ein Augenzwinkern hinzufügen, damit niemand betroffen zurückbleibt. Ich bin ein glücklicher Mensch, ich möchte nicht, dass es anders wirkt.

Wie bekomme ich denn jetzt den Übergang zum Sixpack hin? Das hätte ich mir mal vorher überlegen sollen. Aber die Zeilen und Absätze sind einfach so aus mir herausgeflossen. Ich konnte das nicht stoppen.

Eigentlich wollte ich davon erzählen, dass ich versuche, mir ein Sixpack anzutrainieren. Ich glaube, ich bin auf dem besten Wege dahin. Ich war nie näher dran! Das heißt aber nicht unbedingt, dass ich wirklich nah dran bin. Wobei: Supergirl hat gestern Morgen diesen Begriff fallenlassen, als ich nach dem Duschen bauchfrei vor dem Spiegel posierte. Das hat mich insgeheim gefreut. Denn solche Aussagen von meinem Sporty Spice fühlen sich an, als wäre man geadelt worden. SIE hat einen bis in jede Zelle durchtrainierten Körper, den einer Turnerin, den Körper einer Person, die sich leidenschaftlich gern bewegt.

Und das tue ich auch gern, und zwar nicht als Kontrapunkt zu meinem kindlichen Ich. Ich war nämlich auch schon als Kind sportlich und habe zum Beispiel jahrelang Hockey gespielt. Jetzt laufe ich im besten Fall mehrmals pro Woche, mache seit Anfang des Jahres JEDEN TAG Yoga und trainiere fast täglich mit Fitness-Videos (besonders gern meine Arme mit Hanteln). Es macht mir Spaß und es hat auch damit zu tun, dass ich sehr viel Gutes zum Thema Muskelaufbau gelesen habe. Krafttraining soll total gesund sein! Dabei werden nämlich so genannte Myokine produziert, Botenstoffe, die vorbeugend gegen Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Osteoporose wirken. Muss ich mehr sagen? Der positive Nebeneffekt: Die Muskeln wachsen, und zwar auch am Bauch.

Früher habe ich gedacht, dass Sixpacks so eine Art Mythos sind, dass es in der Realität eigentlich niemanden gibt, der wirklich eines hat. Nur seilspringende Typen bei Instagram oder so. Aber! Es gibt solche Menschen! Ich kenne sogar welche! Neulich hatte ein Bekannter von mir ein Foto von sich im WhatsApp-Status, das ihn am Meer zeigte. ER hat wirklich ein Sixpack, da bin ich ganz blass geworden vor Bewunderung. Und er ist nicht etwa Mitte zwanzig, sondern so alt wie ich. Seitdem ist er mein heimliches Sixpack-Vorbild. Vielleicht, ganz vielleicht habe ich eines Tages auch so einen durchtrainierten Bauch.

Dann lasse ich ein Foto von mir machen und hänge es bei uns in der Wohnung auf und hoffe, dass jemand vor dem Bild stehenbleibt und sagt: „Mann, hat die ein Sixpack.“ Und sehr wahrscheinlich packe ich dann diese Geschichte in meinen Bollerwagen und zerre ihn hinter mir her durchs Leben und bilde mir ein, dass ich noch immer so aussehe, wenn ich alt und grau bin.

PS Diesen damaligen Freund meines Bruders habe ich neulich auf einer Party getroffen. Er schaute sehr viel älter aus als er ist. Das habe ich ihm aber nicht gesagt.

4 Kommentare zu „Immer wieder: Vom Sixpack träumen“

  1. Sehr schöner Beitrag, insbesondere das Bild vom Bollerwagen, der mit unguten Erinnerungen beladen ist, ist wirklich stark.
    Ich drücke dir die Daumen, dass dein Sixpack-Projekt von Erfolg gekrönt ist… gleichzeitig denke ich aber, dass du für dein Selbstbewusstsein gar kein Sixpack mehr nötig hast, oder?
    PS Dein PS zeigt von wahrer Größe 😉

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  2. Liebe Sophie, dein Bild trifft es gut: So einen seelischen Bollerwagen ziehen wir wohl alle hinter uns her. Aber ich bin mir, wie Herr Zeitgeiststories, auch sicher, dass du ein physisches Sixpack gar nicht nötig hast. Die „Kritik“ von damals, als die wir Kinder dumme Bemerkungen leider oft verstanden haben, hast du längst unter einem Berg von Anerkennung vergraben können.
    Dein wöchentliches Trainingsprogramm ist anspruchsvoll! Immerhin habe ich vor zwei Wochen angefangen, zweimal die Woche zu einer sportlichen Gymnastik mit Musik, neudeutsch Aero-GAG, zu gehen. Kein Gag: Es tut mir gut, ein bisschen für die Muskeln, aber noch viel mehr für die Seele. Vielleicht schreibe ich da auch noch mal was.
    Liebe Grüße!

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    1. Liebe Anke, das mit dem Berg von Anerkennung ist auch ein schönes Bild. 🙂
      Weißt du, was mich jetzt interessieren würde? Erstens: was du so in deinem Bollerwagen hinter dir herziehst. (Musst du aber natürlich nicht beantworten, vor allem nicht hier.) Und zweitens: Genaueres zu Aero-GAG! Aber da hast du ja jetzt fast schon versprochen, etwas dazu zu schreiben. 😉 Ich freue mich darauf!
      Mein Sportprogramm tut mir auch sehr gut, vor allem die Dinge, die ich mit anderen gemeinsam mache. Laufen zum Beispiel. Das mache ich regelmäßig mit meinem Mann und mit meiner wundervollen Laufgruppe (bestehend aus drei Freundinnen und mir).
      Sehr herzliche Grüße aus Berlin!

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