Immer wieder: Gut fürs Karma

oder: Typisch ich?

Manchmal denke ich darüber nach, was meine Töchter wohl typisch für mich finden, wie sie mich sehen. Ich glaube, alle drei sind sich zum Beispiel einig, dass ich bei Bananen „zu gerade“ abbeiße, es entsteht angeblich ein zu glatter Schnitt. Das liegt vielleicht einfach an meinen Zähnen, die meine Töchter übrigens auch „zu gerade“ finden. Außerdem würde ich niesen wie ein Meerschweinchen. Ich glaube, diese Eigenart wird allgemein als niedlich empfunden. Mein Mann hingegen niest sehr laut, es hört sich an wie ein Peitschenknall, was einige von uns stört.

Diese Woche ist etwas passiert, was meine Töchter auch total typisch für mich fanden. Ich war mit Baby Boss in einem Drogeriemarkt und habe Proteinriegel für Supergirl gekauft, die gerade ihr Schülerpraktikum in einem Crossfit-Studio macht und jeden Tag total davon schwärmt. Ich hatte drei verschiedene Riegel in meinem Korb und die Kassiererin zog zweimal denselben über den Scanner und stornierte einen der beiden Posten wieder, als sie merkte, dass es nicht dieselbe Sorte war. Am Ende sah es auf dem Bon trotzdem so aus, als hätte sie mir vier statt drei Riegel berechnet. Ich hielt ihn ihr hin, fragte nach, sie gab mir den Betrag für den vermeintlich zu viel berechneten Riegel in bar zurück: 1,99 Euro. Mein Mann hatte im Nachhinein einen Nervenzusammenbruch wegen des Preises, Supergirl freute sich sehr darüber und fand die Riegel „total lecker“.

Baby Boss und ich verließen das Geschäft, die Sache mit den Riegeln spukte mir weiterhin im Kopf herum. Vor der Apotheke, die wir auf unserem Nachhauseweg passierten, blieben wir kurz stehen, weil Baby Boss schauen wollte, ob es noch das kostenlose medizini-Heft gab. Während sie ins Schaufenster guckte, zog ich den Bon aus meiner Tasche und ging nochmals alle Posten durch. Dabei bemerkte ich, dass sich die Kassiererin vielleicht doch nicht vertan und mir alles richtig berechnet hatte. Mir schwante Fürchterliches und ich beschloss, den Bon ein weiteres Mal zu kontrollieren, wenn wir zuhause wären.

Dabei stellte ich fest, dass tatsächlich nur drei Riegel berechnet worden waren. Die ausgezahlten 1,99 Euro wogen plötzlich schwer in meinem Portemonnaie. Sie gehörten dort nicht hin. Sie gehörten nicht mir! Ich hatte sie mir versehentlich erschlichen!

„Ist doch nicht schlimm“, sagte Baby Boss. „Ist doch wirklich nicht deine Schuld. Du hast der Kassiererin den Bon doch gezeigt. Sie hat es selbst nicht gesehen.“

Ich fühlte mich schlecht. Zu Unrecht bereichert.

„Es sind doch nur 1,99 Euro“, sagte Belle.

„Ich geh‘ jetzt zurück“, sagte ich.

„Wirklich? Das ist doch Quatsch. Du musst doch deswegen nicht zurückgehen.“

Doch. Das musste ich. Die Mädchen fanden es typisch für mich. Damit kann ich leben.

Ich schnappte mir meine Kopfhörer, mein Handy, die 1,99 Euro in Münzen, den Bon – und ging in der Dunkelheit und Kälte zurück zum Drogeriemarkt. An der Kasse saß niemand. Ich fand die Kassiererin beim Einräumen von Regalen.

„Hallo“, sagte ich. „Sie hatten recht. Sie haben richtig abkassiert. Ich wollte Ihnen die 1,99 Euro zurückbringen.“

Die Kassiererin stand auf, dachte vielleicht: Hä?! Im besten Fall freute sie sich. Sie sagte dann etwas wie: „Schon okay. Sie hätten deshalb nicht extra zurückkommen müssen.“

„Ich wollte nicht dafür verantwortlich sein, dass die Kasse abends nicht stimmt. Mein Bruder arbeitet auch im Einzelhandel. So etwas ist doch immer doof.“

Ich gab ihr das Geld. Sie sagte: „Ich zahl das gleich ein.“

„Okay, alles klar.“

Und dann ging ich wieder zurück nach Hause. In der Dunkelheit und Kälte. Es hatte sich richtig angefühlt. Ich würde es immer wieder machen.

10 Kommentare zu „Immer wieder: Gut fürs Karma“

  1. Wow, ich bin beeindruckt angesichts solcher Korrektheit. Ich hätte mich in einem solchen Fall über die „Bankirrtum zu deinem Gunsten“-Karte gefreut und das Geld behalten. Die Reaktion der Verkäuferin zeigt auch, dass solche Kunden wie du die absolute Minderheit sind…

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    1. Ich glaube, wenn ich nicht schuld gewesen wäre an diesem Irrtum, hätte ich auch besser damit leben können. Aber ich war es ja, die die Kassiererin unabsichtlich auf die falsche Fährte geführt hatte. Das konnte und wollte ich nicht so stehenlassen. 🙂

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  2. Richtig gemacht! Es sind die vermeintlich „kleinen Dinge“, an denen wir arbeiten sollten. Ich hätte auch das Geld zurück gebracht. So wie ich unseren Müllplatz immer wieder aufräume. Dabei bin ich durchaus tolerant, was die Eigenheiten von anderen betrifft. Danke für den erbaulichen Blog. Es grüßt recht herzlich der Follower. Mach weiter so und schreibe darüber

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    1. Mein Mann ist auch so jemand, der den Müllplatz aufräumt. Gut, dass es Menschen gibt, die die Verantwortung übernehmen und damit fürs Gemeinwohl sorgen. Besser wäre es allerdings, wenn sich alle gleichermaßen korrekt verhielten und es gar nicht erst zu solchen Situationen käme.
      Herzliche Grüße!

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  3. Super gemacht, und ein Vorbild für deine Kinder bist du so auch noch gleich.
    Manchmal ist es ernüchternd oder traurig zu sehen, wie wenig Wert auf Rücksichtname oder Ehrlichkeit gelegt wird. Als ob alle schon abgestumpft sind.
    Ich fiel vergangene Woche auf, weil ich angesichts meiner Erkältungssymptome, die sehr wahrscheinlich von einem Virus herrührten, in Geschäften und in einer Sprechstunde eine OP-Maske trug und mir die Hände mit dem bereitstehenden Gel desinfizierte, ehe ich ein Formular unterschrieb. Da sind Sie eine Ausnahme, stellte man fast irritiert fest.
    Lass dich nicht beirren, folge deinem Verstand und Herzen, auch wenn es nur um 1,99 Euro geht! Liebe Grüße!

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    1. Das ist auch ein gutes Vorbild, das du mit deiner Maske abgegeben hast! Und seit Corona sollte es doch eigentlich gang und gäbe sein und nicht mehr für Staunen sorgen. Ich würde es im Zweifel genauso wie du machen. Man will doch auch nicht dafür verantwortlich sein, dass andere vorm Inhalator sitzen müssen. Eigentlich wollte ich jetzt gern zu dir verlinken, aber es hat irgendwie nicht geklappt. Puh!
      Herzliche Grüße!

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  4. Ich hatte tatsächlich neulich einen ähnlichen Kunden. Ich kannte den, denn er kaufte regelmäßig Magazine. Er kam dann und sagte, dass beim letzten Einkauf die Kasse offenbar nicht richtig gescannt hätte. Er hätte nur für eines anstatt für zwei bezahlt. Ähnlich wie die Dame in der Drogerie, habe ich gesagt: danke für die Ehrlichkeit! Passt so! Sie sind ja oft da. Geht aufs Haus! Aber er bestand darauf das zweite Magazin auch zu bezahlen! Es würde sonst auf seiner Seele lasten! So sagte er! Da war ich verblüfft! Aber das ist offenbar zum Glück kein Einzelfall! Wenn ich sehe, was alles geklaut wird, kann ich es eigentlich kaum glauben…!

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    1. Ich verstehe das, also den Kunden, sehr gut. Mir hätte es auch irgendwie auf der Seele gelastet, auch wenn es vielleicht albern klingt. Ich hätte nicht gewusst, was ich mit diesen 1,99 Euro hätte machen sollen. Es freut mich jedenfalls, dass ich nicht die einzige Person bin, die ins Geschäft zurückkommt, um reinen Tisch zu machen. 😉 Es besteht noch Hoffnung!

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