Immer wieder: Kinder unter Vollnarkose

oder: Sorge dich nicht, lebe

Ich habe nie so richtig darüber nachgedacht, ob ich Kinder haben möchte. Irgendwie war das für mich gesetzt. Vielleicht war es ganz gut so, denn wenn ich über Dinge nachdenke, verfalle ich manchmal ins Grübeln und kann den Gedankenstrom kaum mehr stoppen. Vielleicht hätte ich mich zu fragen begonnen, ob man, wenn man Kinder hat, nicht in wahnsinnig viele Situationen gerät, in denen man sich so sehr um sie sorgt, dass es kaum auszuhalten ist. Dieser Gedanke hätte mich sicherlich beunruhigt.

Ich liebe es, Mutter zu sein, es füllt mich aus bis in den letzten Winkel meines Herzens. Aber es gibt diesen einen Aspekt am Elternsein, der mich angreifbar macht: Meine drei Töchter sind mir wichtiger als alles andere auf der Welt. Es klingt so überzogen und fast schon kitschig, aber ich würde mein Leben für sie geben. Und die Sorge um sie frisst mich manchmal auf.

Vor einer Woche saß ich morgens in der Cafeteria im sechsten Stock eines Berliner Krankenhauses und starrte in den grauen Dezemberhimmel. Meine jüngste Tochter Baby Boss lag zu dieser Zeit unter Vollnarkose auf einem OP-Tisch im zweiten Stock. Ich hatte sie bis zum Eingang begleiten dürfen, sie hatte in einem Bett mit Rollen gelegen, trug über einem Netzhöschen nur ein Krankenhausnachthemd, ausgewaschen weiß mit aufgedrucktem grauem Muster, das von zwei Bändchen im Nacken zusammengehalten wurde. Ihr blondes langes Haar war unter einem Häubchen versteckt. Sie ließ sich nicht anmerken, ob sie aufgeregt war oder nicht, und ich nahm mir ein Beispiel daran.

Als Mutter habe ich schon viele Situationen erlebt, in denen die Sorge an mir nagte oder sogar das Chaos in mir tobte, ich aber nach außen hin völlig gefasst wirkte, einfach, weil ich mich zusammengerissen habe. Zusammenreißen musste.

Wenn ich etwas verinnerlicht habe in der Zeit meines Mutterseins, dann das: Sich zusammenzureißen. Todmüde nach durchweinten Nächten? Zusammenreißen und weiterstillen. Völlig im Eimer vor Überforderung? Zusammenreißen und so tun, als ob man alles im Griff hätte. Zerfressen vor Angst um Töchter, die in der Dunkelheit unterwegs sind und sich nicht wie besprochen melden? Zusammenreißen und hinter dem Vorhang verborgen auf die menschenleere Straße starren.

Es gibt Momente, in denen die Zeit scheinbar nicht vergeht, stehenbleibt oder sich vielleicht sogar rückwärts bewegt. Auf Berliner U-Bahnhöfen kann man das erleben, wenn der nächste Zug zehn Minuten lang in zwei Minuten und dann plötzlich in drei Minuten kommen soll. Genauso war es, als ich in besagter Cafeteria saß, in meinem Rücken eine riesige Uhr, deren Zeiger an die Wand montiert waren, die Ziffern angeklebt oder angemalt. Ich traute mich nach einer Weile kaum mehr, mich umzuschauen, weil sich hinter mir gefühlt nichts mehr tat. Die Zeiger waren so gelähmt wie ich mich fühlte.

Als ich Baby Boss am OP verabschiedet hatte, sagte der Arzt/Pfleger/Mitarbeiter, dass der Eingriff nicht lange dauern würde. Etwa anderthalb Stunden später verließ ich meinen Platz in der Cafeteria und begann, auf dem Flur der Station herumzutigern. Was bedeutet denn unter Medizinern „nicht lange“? War irgendetwas Außerplanmäßiges passiert? Etwas Schlimmes? Ohne es zu wollen sehe ich in Krankenhäusern ständig Ärzte mit Defibrillatoren vor meinem geistigen Auge. 

„Sie tigern hier so rum“, sagte eine Mitarbeiterin/die Stationsleitung/eine Pflegekraft zu mir. „Ja“, sagte ich. „Ich habe eben im System nachgeschaut. Ihre Tochter ist noch im OP. Es ist alles im Zeitplan.“ „Danke“, sagte ich und setzte mich wieder in die Cafeteria.

Wenig später kamen eine Frau und zwei ihrer Freundinnen dazu und nahmen am Tisch neben mir Platz. Ich bekam mit, dass die Frau am nächsten Tag operiert werden sollte – und vor einem Jahr schon einmal hier war. Wir kamen kurz ins Gespräch und deshalb traute ich mich, ihr zu sagen, dass mir ihr Kurzhaarschnitt sehr gut gefiel und im Übrigen auch ihr weißes Sweatshirt mit Herzchen-Aufdruck. Sie freute sich und zeigte mir ihre dazu passenden Socken: schwarz mit Herzchen-Aufdruck. Ich freute mich, dass sie sich freute und dass ich mich an meinen Vorsatz gehalten hatte. Ich möchte es anderen Menschen öfter sagen, wenn ich etwas Nettes über sie denke. Life is short. Kindness can change the world. Ich möchte keine Gelegenheiten verpassen. Das ist mir leider schon zu oft passiert. Vielleicht spielt es für den anderen eine Rolle, etwas Nettes gesagt zu bekommen. Vielleicht kann sie oder er genau das gut gebrauchen. Später ergab sich aus dem Gespräch am Nebentisch, dass die Frau mit dem Herzchen-Pullover im vergangenen Jahr wohl an Krebs erkrankt war. Life is short.

Bis ich zu meiner Tochter in den Aufwachraum gerufen wurde, machte ich mir rund zweieinhalb Stunden Sorgen, zugegebenermaßen: umsonst. Im Aufwachraum waren alle Betten besetzt, Trennwände standen dazwischen, im letzten Bett Nummer Sechs lag meine Tochter, mein Baby Boss. Warme Luft wurde durch einen Schlauch unter ihre Decke geblasen, sie wölbte sich und wackelte. Baby Boss lag also in einer Art Wärmebett, als wäre sie ein Frühchen. An ihre Trennwand waren Bilder von Tieren gemalt. Sie versuchte, zu sich zu kommen, wurde aber immer wieder vom verbliebenen Narkosemittel übermannt. Ihre Herzfrequenz wurde maschinell überwacht ebenso wie ihr Blutdruck, die Manschette pumpte sich alle paar Minuten auf. Baby Boss lag da und schien klein und zerbrechlich wie das Leben selbst. Es war so ein Moment, in dem ich sie noch lieber hatte als ohnehin schon.

Sich zweieinhalb Stunden Sorgen zu machen, ist lang und fühlt sich fast so an, als würde man sein halbes Leben auf dem U-Bahnhof verbringen und auf die Bahn warten, die in zwei Minuten kommen soll. Ich hatte darüber nachgedacht, wie ausgeliefert man oft ist. Anderen Menschen, den Umständen. Dem Schicksal vielleicht? Dass statistisch gesehen am Ende doch vieles gutgeht, aber dass es natürlich immer Ausnahmen gibt und man im Vorfeld nicht weiß, wohin man gehört. Dass eigentlich jede einzelne Sekunde etwas Schreckliches passieren kann. Eine Komplikation unter der Narkose zum Beispiel. Ich weiß nicht, welche es überhaupt gibt, und möchte nicht dazu nachlesen. Baby Boss muss in Kürze ein weiteres Mal operiert werden, ich möchte mich nicht mit unnötigem Wissen belasten. Life is short. Life is beautiful.

8 Kommentare zu „Immer wieder: Kinder unter Vollnarkose“

  1. Liebe Sophie, jede Mutter und jeder Vater kann das, was Du sehr anschaulich geschildert hat, nachvollziehen. Auch wir hatten mit unserem Sohn in letzter Zeit drei OPs unter Vollnarkose, in einem halben Jahr. Viel zu viel! Und genau die gleichen Gedanken. Und ja: das Leben ist kurz und trotzdem darf man den Glauben daran, dass alles gut wird, nicht verlieren – meist geht es dann ja auch gut. Bleib so positiv und so wachsam für die „kleinen“ (wichtigen) Alltäglichkeiten. Liebe Grüße

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  2. Liebe Sophie, da dehnen sich Minuten zu Stunden, ich kann deine Angst in dieser Situation gut nachfühlen, obwohl ich zum Glück noch nie vorm OP auf jemanden gewartet habe. Da muss man einfach Urvertrauen in die Ärzte haben und auf die Statistik setzen, nach der gesunde junge Menschen auch Vollnarkose i.d.R. gut vertragen.
    Ich wünsche der Kleinen von Herzen schnelle Genesung, für die noch folgende OP einen ebenso guten Verlauf und dir starke Nerven und beim nächsten Mal vielleicht geeignete Ablenkung während des Wartens, jemand der dich begleitet?! Alle Daumen sind gedrückt!

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    1. Danke dir, liebe Anke, für deine lieben und mitfühlenden Worte. Ja, das nächste Mal muss ich mir jemanden mitnehmen, am besten meinen Mann, aber der war beim ersten Eingriff ausgerechnet auf Dienstreise. Meine Tante hatte sich übrigens angeboten, uns zu begleiten, was ich wirklich sehr herzig fand. Aber ich wollte sie nicht zu 7 Uhr (zu dieser Uhrzeit sollten wir im Krankenhaus erscheinen) nach Spandau lotsen. Das ist für jeden Berliner, der nicht dort wohnt, eine halbe Weltreise. Baby Boss und ich saßen an dem Tag schon vor 6 Uhr in der U-Bahn …

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  3. Danke für diesen Beitrag. Er trifft mich gerade voll ins Herz.
    Mein Sohn hat gerade Herzschmerz, weil die Freundschaft zu seinem besten Freund auseinanderbricht.
    Und ich leide so mit.
    Es gibt so einen Spruch, der heißt „Eine Mutter ist immer nur so glücklich wie ihr unglücklichstes Kind“.
    Es ist manchmal erschreckend, dass dreiviertel seines Herzens allein draußen herumspazieren wo ihnen alles mögliche passieren kann.

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    1. Ich bin ganz gerührt von deinem Kommentar und habe sogar ein bisschen feuchte Augen bekommen … Danke für deine Nachricht. Und deinem Sohn wünsche ich alles Liebe. Dass Freundschaften auseinanderbrechen, begegnet einem ja leider immer wieder im Leben. Und nie ist man dafür gewappnet. Mir ist es in diesem Jahr seit langer Zeit auch mal wieder passiert, also kann ich das sehr gut nachempfinden.
      Ganz herzliche Grüße!

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