Immer wieder: Angst vor dem Absturz

oder: Glückspersonen leben länger

Vor langer Zeit waren meine Freundin Goldlöckchen und ich zusammen in der Karibik. Wir haben uns diese Reise zum Abitur gegönnt und vor Ort Drinks mit Strohhalmen aus ausgehöhlten Kokosnüssen geschlürft. Auf dem Rückflug hatten wir derartig schlimme Turbulenzen, dass die Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter – damals flogen sie noch unter der Bezeichnung Stewardessen und Stewards – aufhören mussten, das Essen zu verteilen. Einige Passagiere hatten die Plastikverpackungen bereits vor sich zu stehen, andere waren mit ihren Spucktüten beschäftigt. Ich weiß nicht mehr, zu welcher Gruppe Goldlöckchen und ich gehörten, und das ist auch gut so, denn der Flug hätte das Zeug dazu gehabt, ein Trauma auszulösen und meine möglichen Reiseziele drastisch einzuschränken.

Als ich ein kleines Kind war und Orangenlimonade mit Strohhalmen aus Gläsern geschlürft habe, sind meine Eltern mit meinem Bruder und mir nach Kreta geflogen. Ich habe einige Erinnerungen an den Urlaub, aber keine an den Flug. Es gab wohl eine Zwischenlandung und so eine Art Kommunikationsproblem mit Piloten oder Crew, die die Passagiere nicht ausreichend darüber aufklärt haben, warum das Flugzeug zwischenlanden musste. Jedenfalls sind meine Eltern seitdem nie wieder geflogen und ich als Kind auch nicht mehr.

Heutzutage fliege ich schon, aber nicht gern. Meinen Töchtern geht es ähnlich, mein Mann ist gegen jegliche Art von Sorgen immun. In 98 Prozent der Zeit ist er die Ruhe selbst, der sprichwörtliche Fels in der Brandung. Wenn er mal explodiert, erschrecken sich alle anderen Familienmitglieder sehr und brauchen Wochen, um das Erlebte zu verarbeiten. Wegen der Mädchen und wegen mir – und nicht zuletzt wegen des Klimas – versuchen wir als Familie Flugreisen auf ein Minimum zu reduzieren. Zuletzt sind wir im Oktober 2019 nach Sizilien geflogen (und haben den CO²-Ausstoß kompensiert, aber das nur nebenbei).

Meine größte Tochter hat Sorge, dass ihr im Flugzeug schlecht werden könnte. Sie hat das mal erlebt – mit Einsatz der Spucktüte –, jetzt hängt ihr das irgendwie nach, was ich gut verstehen kann. Meine mittlere Tochter wiederholt in den Wochen vor einer anstehenden Flugreise gebetsmühlenartig folgenden Satz: „Ich habe im Flugzeug immer Angst, dass wir abstürzen könnten.“ Das deckt sich leider zu hundert Prozent mit meiner Angst, dennoch sage ich in solchen Momenten immer etwas Kluges wie: „Flugzeuge sind das sicherste Verkehrsmittel überhaupt. Sie können auch nicht einfach so abstürzen, weil…“ Dann tue ich so, als ob ich in einem anderen Raum zu tun hätte und verschwinde oder fange an zu nuscheln. Ich weiß nämlich nicht so richtig, warum Flugzeuge nicht einfach abstürzen können. Auftrieb oder so?

Die Angst vor einem Absturz halte ich eigentlich für total unbegründet. Dennoch hält sie sich hartnäckig. Meine Ängste führen nämlich eine Art Eigenleben und kümmern sich zum Beispiel nicht darum, was der Verstand zu bestimmten Sachverhalten zu sagen hat. Es ist aber nicht so, dass ich wirklich Flugangst hätte. Ich kann ohne Heulen, Zähneklappern und Herzrasen einsteigen und mir steht auch kein Schweiß auf der Stirn. Aber gern sitze ich nicht dort oben fest, angewiesen auf das Können und die geistige Gesundheit eines Piloten und eine Technik, die einwandfrei funktionieren sollte und von der ich nicht die geringste Ahnung habe.

Beim Fliegen helfen mir – wie in einigen anderen Lebensbereichen auch – Rituale. Ich glaube, es war meine Freundin Schneewittchen, die mir mal empfohlen hat, vor jedem Flug unter den anderen Passagieren eine Glücksperson ausfindig zu machen. Das ist jemand, bei dem man davon ausgehen kann, dass ihm oder ihr nie etwas Schlimmes im Leben zustößt, also jedenfalls kein Flugzeugabsturz. Damit bin ich eigentlich immer ganz gut geflogen. Bei unserem Flug am Pfingstwochenende nach Oslo war es nicht schwer, eine Glücksperson zu finden, es gab zig. An unserem Gate traf eine Horde Jugendlicher ein, eine Fußballmannschaft mit Betreuern und Co. von RB Leipzig. Das Glück und die Sorglosigkeit, die von den Jungs ausgingen, schwappten geradezu in den Boarding Bereich. Außerdem gab es da noch einen älteren Mann, der uns an einen Freund meiner Eltern erinnerte. Er war mit zwei jüngeren Männern unterwegs, mutmaßlich seinen Söhnen, und mutmaßlich, um gemeinsam mit ihnen in Norwegen zu angeln. Es handelte sich also um drei ganz klassische Glückspersonen. Meine Töchter hatten sich darüber hinaus eine Frau ausgeguckt, die sie Barbara genannt und die wir an einem anderen Tag in Oslo wiedergesehen haben.

Ich musste mir also keine großen Sorgen machen, als meine Mittlere auf dem Hinflug bei jeder Wendung des Flugzeuges sagte: „Oh, ist das gruselig.“ Und auch nicht, als wir durch ein langes Wolkenband flogen und sie fragte: „Kann der Pilot überhaupt etwas sehen?“ „Ich denke schon“, sagte ich und wandte mich geschäftig dem Flugzeugmagazin zu.

Vor dem Rückflug tat ich mich zunächst ein bisschen schwer damit, eine Glücksperson zu finden. Mir fehlte der Angler mit seinen Söhnen, mir fehlten die Fußballer. Ich hatte mir einen nichtssagenden Mann ausgesucht, der so unauffällig war, dass auch das Schicksal noch nie auf ihn aufmerksam geworden war. Damit konnte ich mich zufriedengeben. Meine größte Tochter fand meine Ausführungen dazu gemein, musste aber trotzdem lachen. Später erschienen die Jungfußballer am Gate, der Flug war gerettet.

Als wir einstiegen, sahen meine kleinste Tochter und ich den Piloten im Cockpit sitzen, er winkte Baby Boss zu und sie ihm. Ich verbuchte das als weiteres gutes Zeichen, im Flugzeuginneren stiegen aber unbegründete Zweifel in mir auf. Ich habe noch nie den Piloten gesehen und bin noch nie abgestürzt. Jetzt habe ich ihn gesehen und – könnte das vielleicht unerwünschte Folgen haben? Zumindest nicht auf diesem Flug, denn ich bin entgegen aller Erwartungen sicher gelandet. Zwischen Pilot-Sehen und Pilot-nicht-Sehen und einem Absturz scheint also kein unmittelbarer Zusammenhang zu bestehen. Vielleicht hat mir aber auch einfach nur das geballte Fußballer-Glück aus Leipzig geholfen.

Und was macht ihr so vorm Fliegen?

11 Kommentare zu „Immer wieder: Angst vor dem Absturz“

  1. Liebe Sophie, ich bin gerade im Urlaub (mit dem Auto und der Fähre, nicht mit dem Flugzeug unterwegs) und habe die beiden letzten Beiträge gerne gelesen. Wie immer gute Ideen und ernste Probleme unterhaltsam formuliert.

    Mit der „Vorfreude“ und dem Fliegen geht es mir, wie dir. Du solltest ab jetzt immer nach jungen Sportlern Ausschau halten wenn du mit dem Flugzeug reist. Vielleicht hilft auch ein kleiner Flirt mit dem Piloten.

    Als du von der Kraft, die dir ein kleines Gebet bringt, geschrieben hast, sind mir spontan die Worte von Dietrich Bonhoeffer eingefallen: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag, Gott ist bei dir am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag!“

    Also vielleicht etwas weniger „worst case“ und stattdessen mehr Zuversicht . Die letzte Zeile ist wohl eher an mich als an dich gerichtet.

    Es grüßt ganz herzlich der Follower

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    1. Lieber Follower,
      vielen Dank für deine lieben Worte. Das Bonhoeffer-Zitat berührt mich sehr, ich kenne es als Kirchenlied, und wenn mich nicht alles täuscht, haben wir es bei unserer Trauung gesungen. Und an weniger „worst case“ und mehr Zuversicht möchte ich gern arbeiten. Ich denke, es lohnt sich. 🙂
      Es grüßt sehr herzlich zurück: Sophie
      PS Gute Heimreise!

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  2. Danke für den unterhaltsamen Beitrag! Besonders witzig die Passagen, in denen den Fragen/Stellungnahmen der Kinder zum Fliegen und damit verbundenen möglichen Gefahren ausgewichen wird.
    Zu deiner Frage: Ich freue mich auf tolle Ausblicke von ganz weit oben, in denen alles unten wie ein Miniatur-Wunderland zusammen schrumpft!

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  3. Sehr nett, die Idee, sich Glücksmenschen auszugucken. Gelten auch VIPs? Wir saßen mal mit Zucchero und seiner Band im Flieger von Berlin nach Mailand.😎
    Ich hatte zuerst gar keine Angst, erst seit ein paar Jahren hab ich das Vertrauen in die Technik verloren. Das mag auch daran liegen, dass es meinem Mann gefiel, ständig solche Dokus zu schauen, in denen Flugzeugunglücke rekonstruiert werden. Die Szenen im Flieger nachgespielt. Wenn es jetzt Turbulenzen gibt, dann bin ich da mittendrin und denke immer, das wars jetzt. Das ist schrecklich. Leider kann ich selbst, um mal kurz nach Dresden zu meiner Mutter zu kommen, nicht auf einen Flieger verzichten, es sind sogar zwei hin und zwei zurück, da es keinen Direktflug gibt. Was ich davor mache? Mich auf das Ziel konzentrieren und mir sagen, es wird wie immer gutgehen. Die Kinder haben zum Glück keine Angst und so thematisiere ich meine auch nur hier. Also: Pst! 😉

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    1. Klar gelten auch VIPs! (Als Supergirl deinen Kommentar gelesen hat, wollte sie sofort wissen, wer Zucchero überhaupt ist.)
      Apropos VIP: In Oslo hatte ich ja die leise Hoffnung, Morten Harket von a-ha über den Weg zu laufen. Aber wir hatten unseren Promis-Treffen-Bonus leider schon am Flughafen in Berlin aufgebraucht, als uns Armin Laschet entgegeneilte. Wenn du mich fragst: Ich hätte sehr viel lieber Morten gesehen!

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      1. 😂 Das glaube ich. Beides. Dass deine Tochter Zucchero nicht kennt, und dass du lieber Morten gesehen hättest. Obwohl ich mir letzteren lieber als jungen Mann der 80-er Jahre in Erinnerung behalte.😉

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    1. Es freut mich sehr, dass du das schreibst, liebe Zeliha. Die Wolken sahen von oben teilweise wie Schneelandschaften aus, richtig spektakulär. Manchmal stelle ich mir auch vor, es wäre alles Schlagsahne. Das habe ich mir schon als Kind gedacht. Allerdings vom Boden aus, denn geflogen bin ich ja damals nur einmal… 😉

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  4. Heute vor 40 Jahren bin ich zum letzten Mal geflogen. Nach dem Horrorflug von Kreta nach Berlin habe ich das Fliegen endgültig aufgegeben. Nur wenn ich jemandem, der in Not ist, zu Hilfe eilen müsste, würde ich es erneut wagen, würde Schneewittchens Rat im Hinterkopf haben und mir wünschen, dass eine Fußballmannschaft mit an Bord ist.

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    1. Ich nehme an, es war damals ähnlich heiß wie heute. Ich habe den Urlaub auf Kreta als sehr warm in Erinnerung. Man konnte kaum über den heißen Sand gehen. Und haben wir Kinder nicht Ameisen mit Melonenstücken versorgt? Ich habe ein paar blasse Bilder dazu im Kopf.
      Gab es nicht auch streunende Hunde, die in den kühlen Räumen der Außentoilette Zuflucht gesucht haben? Hatten wir dort überhaupt eine Außentoilette? Jetzt, wo ich es schreibe, kommt es mir abwegig vor. Ich sage es ja: nur noch blasse Bilder.
      Es ist jedenfalls gut zu wissen, dass du uns in größter Not zu Hilfe eilen würdest. 😉🥰

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