Zum letzten Mal: Beipackzettel lesen

oder: Autosuggestion für Anfänger

Seit einiger Zeit rechne ich damit, nach dem Haarewaschen Brustschmerzen zu entwickeln. Das hat mit meinem neuen Shampoo zu tun. Supergirl hat mir erzählt, dass sie ein Video dazu auf Instagram gesehen hätte. Darin wird zuerst eine Aufnahme des Shampoos gezeigt. Dann sind wie bei einer PowerPoint-Präsentation auf einer neuen „Folie“ die Nebenwirkungen aufgelistet, von denen Nutzer des Produkts berichtet haben. Ich wusste nicht, dass Haarpflegeprodukte Nebenwirkungen haben können, und ich hätte mir gewünscht, mir diese Naivität zu bewahren. Aber Supergirl sagte, sie hätte nicht mit der Last leben können, etwas über dieses Shampoo zu wissen, das vielleicht von Bedeutung wäre, und es nicht mit mir zu teilen. Deshalb hat sie mir davon erzählt und mich damit quasi aus dem Haarpflege-Paradies vertrieben.

Von Berufs wegen weiß ich, dass nicht alle Produkttests gleichermaßen vertrauenswürdig sind. Nur, weil jemand bei einem großen Onlinehändler bei den Bewertungen schreibt, er habe nach der Nutzung des Shampoos plötzlich Probleme mit dem Nervensystem entwickelt, heißt das noch lange nicht, dass es überhaupt einen Zusammenhang gibt. „Probleme mit dem Nervensystem“ habe ich mir als Stichwort übrigens nicht ausgedacht. Auch das stand auf der eben erwähnten Folie. Die habe ich nicht auswendig gelernt, sondern Supergirl gezwungen, mir einen Screenshot davon auf mein Smartphone zu schicken. Denn als ich von den vermeintlichen Nebenwirkungen erfahren hatte, wollte ich es ganz genau wissen. Warum? Ich wollte vorbereitet sein. Ich wollte bei jeder Verwendung des Shampoos in mich hineinhören können. Habe ich Brustschmerzen? Vielleicht ein leises Ziehen oder Stechen? Ist mit meinem Nervensystem alles in Ordnung? Verspüre ich eine innere Unruhe? Zittern? Habe ich Herzrasen oder Atembeschwerden? All die letztgenannten Symptome findet man, wenn man die Phrase „Probleme mit dem Nervensystem“ bei Google eingibt. (Symptome zu googeln, ist übrigens etwas, das ich dringend unterlassen sollte. In willensschwachen Augenblicken tue ich es dennoch manchmal.)

Mein Problem: Ich könnte sämtliche erwähnte Nebenwirkungen bei mir finden, wenn ich mich nur lange genug damit beschäftige. Es ist ein bisschen wie beim autogenen Training: Wenn ich daran denke, dass meine Hand ganz warm und schwer wird, dann passiert das auch. Sie wird warm und schwer. Und das innerhalb weniger Sekunden. Und wenn ich Sorge habe, ich könnte Brustschmerzen verspüren, dann ist der Weg dahin leider auch nicht allzu weit. Ich glaube, das nennt man Autosuggestion. Und ich bin sehr gut darin.

Deshalb lese ich auch keine Beipackzettel, schon seit Jahren nicht mehr. Wenn ich ein Medikament nehmen muss, was erfreulicherweise nur sehr selten passiert, muss mein Mann für mich die Nebenwirkungen recherchieren und mich dann „im Auge behalten“, wie ich ihm in solchen Fällen gern aufgebe.

Ich glaube, ich erwähnte irgendwo schon mal am Rande, dass ich einen leichten Hang zur Hypochondrie habe. Zum Beispiel denke ich fast jedes Mal, wenn ich Nüsse esse, die nicht allzu oft auf meinem Speiseplan stehen, dass ich zwischenzeitlich eine Allergie dagegen entwickelt haben könnte. Walnüsse sind okay, die esse ich ständig. Para- und Pekannüsse sind mir unheimlich. Nach dem Verzehr schaue ich auf die Uhr und beobachte mich einige Minuten lang. Wenn ich keinen anaphylaktischen Schock bekomme, bin ich erleichtert.

Neulich war ich mit meinem Mann im Theater. Vor dem Besuch habe ich eine Weile zum Thema „Stroboskop“ recherchiert. Auf der Webseite des Theaters gab es nämlich einen Warnhinweis in roter Schrift: „Achtung: Bei dieser Vorstellung kommen Stroboskopeffekte zum Einsatz.“ Ich hatte vor langer Zeit von einem Zusammenhang mit epileptischen Anfällen gehört. Nicht, dass ich jemals einen solchen Anfall gehabt hätte. Dennoch musste ich mich eine Weile damit befassen und im Internet nachlesen. Man weiß ja nie.

Zurück zum Shampoo. Ich hatte mich sehr darauf gefreut, es zu benutzen. Ich hatte es gekauft, weil es für mehr Volumen sorgen soll – das ist natürlich auch wieder so eine Angabe, die vielleicht ebenso wenig stimmt wie die zu den Nebenwirkungen.

Neulich hat Supergirl meine Frisur kommentiert. „Warst du beim Friseur? Die Haare fallen so schön.“ „Es liegt am neuen Shampoo“, sagte ich. „Die Haare haben deutlich mehr Volumen, dafür habe ich jetzt ständig Brustschmerzen.“ Supergirl grinste nur breit. Und ich denke mir: Wer schön sein will, muss leiden. Heißt es nicht so? Mit ein paar eingebildeten Symptomen muss ich jetzt vielleicht leben, denn das Shampoo gefällt mir eigentlich sehr gut. Aber wenn es leer ist, werde ich es wohl nicht noch einmal kaufen. Zu gefährlich.

9 Kommentare zu „Zum letzten Mal: Beipackzettel lesen“

      1. Da fällt mir noch ein: Ich esse gerne rohe Möhren. Wenn ich nur diese allein knabbere, als Snack im Büro zum Beispiel, bekomme ich zu 99 Prozent heftigen Schluckauf. Da sollte man mal eine Warnung auf die Verpackungsbeilage schreiben. 😉

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  1. Für mehr Volumen muss man auch mal ein Auge zudrücken und Nebenwirkungen riskieren. 😉
    Oder, wie Kästner es bereits so unübertroffen treffend formulierte:
    „… Aber seien wir ehrlich, Leben ist immer lebensgefährlich.”

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