Zum ersten Mal: Baby Boss backt kleine Brötchen

oder: Keine Zeit fürs Ehrenamt?

Als ich Baby Boss gestern von ihrem Turntraining abgeholt habe, berichtete sie mir voller Stolz von ihrem ersten Gehalt, wie sie es nannte. Es handelte sich um vier Zwei-Euro-Münzen, die in einem Briefumschlag steckten, auf dem Baby Boss‘ Name stand und „3. Quartal 2023“. Streng genommen handelt es sich nicht um Gehalt, sondern um eine Aufwandsentschädigung. Denn Baby Boss hat im zarten Alter von zehn Jahren ein Ehrenamt übernommen. Sie trainiert noch kleinere Kinder.

Passenderweise wurde ich gerade gestern im Rahmen einer Umfrage, an der ich seit einiger Zeit wiederholt teilnehme, zu meinen ehrenamtlichen Tätigkeiten befragt. Und ich redete mich damit heraus, dass ich neben Job, Familie und Haushalt keine Zeit dafür finden würde. Das klang lahm und ich merkte es schon in dem Moment, in dem ich es schrieb. Ich könnte mir Zeit nehmen, habe ich beim Beantworten der Fragen gedacht. Anders funktioniert es nicht mit dem Ehrenamt. Diejenigen, die ich kenne, die ehrenamtlich tätig sind, tun das ja auch: Sie nehmen sich Zeit – neben und trotz Arbeit, Familie und Haushalt. Nachmittags und abends und am Wochenende. So kenne ich das zum Beispiel von den Trainerinnen und dem Trainer meiner Töchter Supergirl und Baby Boss. Die stehen zu den genannten Zeiten in der Turnhalle, auch mal am Sonntagmorgen um 8 Uhr. Und das Beste daran: Sie scheinen gern dort zu stehen. Sie sehen erfüllt aus. Manchmal etwas verschlafen, aber erfüllt. Allein das kann doch Anreiz für mich sein, es ihnen gleichzutun.

In meiner sogenannten freien Zeit schreibe ich für gewöhnlich. Heute Vormittag sind Belle und Supergirl recht früh von einem schulischen Event zurückgekehrt und hatten sich im Bus darüber unterhalten, was verschiedene Menschen, die sie kennen, wohl gerade tun würden. Mich hatten sie am Computer verortet. Und sie hatten recht damit. Und ich fragte mich, ob das eigentlich so gut ist: ständig am Computer zu sitzen und zu schreiben und dort von anderen vollkommen zu Recht verortet zu werden.  

Baby Boss und Supergirl haben beide nach den Sommerferien in ihrem Turnverein als Hilfstrainerinnen begonnen. Baby Boss ist mittwochs dran. Die Schule endet für sie an diesem Tag um 14.45 Uhr, beim Turnen sollte sie im besten Fall um 15.15 Uhr sein. Das Training beginnt um 15.30 Uhr, aber vorher werden die einzelnen Stationen aufgebaut.

Wir haben kurze Wege in Friedenau, aber so kurze nun auch wieder nicht. Für Baby Boss bedeutet das, dass sie nach der Schule nach Hause eilt, eine Kleinigkeit isst und sich in Windeseile umzieht, dann pest sie sofort wieder mit ihrem Roller los. Baby Boss ist ihr Trainerjob wichtig, sie setzt alles daran, ihr restliches Leben und ihr Ehrenamt unter einen Hut zu kriegen. Nach dem Kleinkinderturnen beginnt Baby Boss‘ eigenes Training. Um 19 Uhr ist sie fertig, regelmäßig warten dann noch Hausaufgaben auf sie.

Supergirl trainiert „ihre“ Turnriege sogar zweimal pro Woche, mittwochs und freitags jeweils von 17 bis 19 Uhr, danach beginnt ihr eigenes Training, das erst um 21 Uhr endet. Manchmal frage ich mich, ob das nicht alles ein bisschen viel wird, aber sie scheint großen Spaß an allem zu haben. Auch sie hat gestern das erste Mal eine Aufwandsentschädigung erhalten. Es waren fast 50 Euro.

Beim Abendessen erzählt Baby Boss von ihrem Trainerjob. Von den kleinen Kindern, die sie so niedlich findet. Von einem kleinen Jungen, mit dem sie sich gestern warmgelaufen hat, er an ihrer Hand. „Ich musste mich die ganze Zeit runterbeugen. So wie eine alte Oma“, sagt Baby Boss, aber ich habe nicht den Eindruck, als habe ihr das etwas ausgemacht. Der Junge ist asiatischer Herkunft und Baby Boss sagt: „Er sieht immer so niedlich aus, wenn er lacht. Dann sind seine Augen fast gar nicht mehr zu sehen.“ Ich glaube, sie mag ihn von all den kleinen Kindern am liebsten.

Sie erzählt auch von einem Mädchen, das beim Abgeben immer weint. „Das nervt.“ „Du hast auch beim Kinderturnen geweint, wenn ich dich abgegeben habe. Dann hast du aufgehört“, sage ich. „Siehst du, ich habe aufgehört! Das Mädchen weint ganz lange.“ „Mit ‚aufgehört‘ habe ich gemeint, dass du dann gar nicht mehr zum Kinderturnen gehen wolltest“, sage ich. „Ach so“, sagt Baby Boss und danach für einen kurzen Moment nichts mehr.

Vielleicht, denke ich mir – und das nicht zum ersten Mal –, sollte ich mir mal ein Scheibchen von meinen Töchtern abschneiden. Ich denke zum Beispiel immer mal wieder darüber nach, Lesepate zu werden. Das würde mir bestimmt Spaß machen. Dann würde ich nicht mehr unbedingt am Computer verortet werden, sondern in einer Kita oder vielleicht auch bei alten Leuten. Gibt es in Seniorenresidenzen überhaupt Lesepaten? Ich hätte große Lust, Kästner vorzulesen, selbst auf die Gefahr hin, vor Rührung ein paar Tränen vergießen zu müssen.

Die Mädchen haben sich sehr über das Geld gefreut. Aber als sie den Trainerjob angenommen haben, wussten sie davon nichts. Also kann ich mit Fug und Recht behaupten: Sie würden es auch ohne Bezahlung tun.

8 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Baby Boss backt kleine Brötchen“

  1. Das ist mal wieder ein prima Blog. Ich finde es gut, wie du das „Ehrenamt“ würdigst.
    Ohne die vielen „Engagierten“ wäre ein Sportangebot in dieser Breite gar nicht möglich.
    Danke an alle, die mitmachen. Etwas besonderes ist es für seine Leistung auch noch eine Belohnung zu bekommen: das erste selbst verdiente Geld. Das erste kleine „Brötchen“.

    Ich kann mich noch daran erinnern, wie es ist, die erste Mark in meine Hosentasche gleiten zu lassen.
    Ich hatte auf dem Wochenmarkt, der vor unserer Wohnung gelegen war, dreimal die Woche beim Abbauen geholfen. Die nicht verkaufte Wolle, die Herr G. dort an seinem Marktstand angeboten hatte, musste nach Marktende in seinem dreirädrigen Wagen („Dreikantfeile“) verstaut werden. Das war meine Aufgabe. Geschickt und beflissen hatte ich die Tätigkeit  übernommen. Ich habe mich auf jeden neuen Markttag gefreut und das nicht nur des Geldes wegen.

    Die Idee „Lesepate“ zu werden, finde ich toll; vielleicht kannst du ja etwas Selbstgeschriebenes vorlesen. Vielleicht den „Eiscreme Wettbewerb“ oder vom „Schüleraustausch“.

    Es grüßt recht herzlich der „Follower“

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    1. Das ist eine sehr herzige Geschichte von deinem ersten Job. Außerdem hast du das auch so schön aufgeschrieben: Ich mag Wörter und Formulierungen, die ich nicht allzu oft lese und höre wie „geschickt und beflissen“ und „die erste Mark in die Hosentasche gleiten lassen“. Oder auch „Markttag“ – was für ein schönes Wort, bei dem mir all die Gerüche sofort in die Nase steigen, die ich mit einem Wochenmarkt verbinde: von frischem Obst und Gemüse zum Beispiel oder von Käse. Und die bunte Wolle sehe ich vor meinem geistigen Auge.
      Danke fürs Teilen!
      Herzliche Grüße!

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  2. Chapeau für das Engagement der Mädchen! Toll, dass sie neben der Schule noch die Energie für ehrenamtliche Tätigkeiten aufbringen… und auch sehr schön ist, dass ihre Mutter so gekonnt und subtil Werbung für mehr gesellschaftliches Engagement macht! Ich jedenfalls bin überzeugt und mache ab sofort mit, wo muss ich unterschreiben? 😉

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    1. Ich finde es auch ganz toll, dass die Mädchen das machen. So geben sie gleich etwas von dem weiter, was sie selbst erleben, denn ihre Trainerinnen und Trainer arbeiten ja auch alle ehrenamtlich und mit einem Engagement, das mich echt begeistert. Ich finde es auch gut, dass sie so früh ans Ehrenamt herangeführt werden. Dann fühlt es sich vielleicht ganz selbstverständlich an, sich auch in Zukunft für andere zu engagieren.
      Herzliche Grüße, Sophie

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  3. Ich kann dich nur ermutigen. Ehrenamt macht Spaß und gibt viel zurück. Allerdings solltest du von vornherein (und wenn es nur für dich selbst ist), abschätzen, wieviel Zeit du aufwenden kannst und willst, sonst kann es recht schnell passieren, dass sich das Ganze verselbständigt. Meine Erfahrung…
    Vielleicht ergibt es sich ja auch, dass du dich „zum Schnuppern“ erstmal für ein zeitlich begrenztes Projekt einbringst.
    Wie heißt es so schön: Einfach mal machen, könnte ja gut sein😊.
    Liebe Grüße
    Anja

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    1. Liebe Anja,
      vielen Dank für die Tipps: einschätzen, wieviel Zeit man aufbringen kann, und vielleicht erstmal ein zeitlich begrenztes Projekt unterstützen. Ich war nämlich gestern noch auf der Webseite der Berliner Lesepaten und da stand, dass man sich wöchentlich zwei bis drei Stunden Zeit nehmen sollte. Das ist nicht sooo wenig, finde ich, und das muss man sich wirklich gut überlegen. Macht aber natürlich total Sinn, dass es nicht nur eine halbe Stunde pro Woche ist. Wenn ich kurz darüber nachgedacht hätte, hätte mir das auch klar sein können. Wie gesagt, ich würde das echt gern machen, aber vielleicht sollte ich ein bisschen kleiner starten (kleinere Brötchen backen). Eine meiner Freundinnen arbeitet ehrenamtlich für UNICEF, vielleicht frage ich mal bei ihr nach.
      Und, ja, du hast recht: Könnte ja gut sein! 😉
      Liebe Grüße zurück!
      Sophie

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  4. Liebe Sophie, ich finde es wunderbar, wenn Kinder etwas gefunden haben, wo sie sich einbringen, anderen helfen und gemeinsame Erlebnisse schaffen können. Dann ist das zeitliche Gerenne am Nachmittag auch überhaupt kein Stress, sondern eine glückbringende, sinnvolle und sinnstiftende Freizeitgestaltung. Das mit dem Vorlesen und dass es da eine Internetseite bei euch gibt, die das vermittelt, klingt gut. Aber vielleicht kannst du auch ein Heim oder eine Kita direkt ansprechen, dein Angebot unterbreiten und einmal pro Woche eine Stunde dort lesen, vor einer Gruppe Interessierter? Ich fühle mich auch manchmal etwas schäbig, dass ich „nur“ Geld und Kleider spende, habe aber auch noch nichts Ehrenamtliches gefunden. Ich muss mich mal umhören, danke für den Anschubser! (Das letzte Wort unterstreicht mein Korrektursystem als nicht existent, aber ich mag es, denn es passt so gut zu deinem engagierten Text.) Liebe Grüße!

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    1. Liebe Anke, das ist eine gute Idee: ohne Vermittlungsplattform einfach mal bei einer Kita oder Schule nachfragen. Die Kita, in der unsere Kinder waren, ist nur drei Minuten von uns entfernt, und die Grundschule sieben. Das wären dann auch keine weiten Wege. Muss man ja auch mit bedenken. 😉
      Geld und Kleidung spenden finde ich auch sehr wichtig! Nachdem ich den Blogbeitrag veröffentlicht hatte, musste ich an ein Interview denken, das ich mal für meine Arbeit geführt habe. Es ging unter anderem um Klimaschutz und der Experte sagte, dass es – wenn man selbst keine Zeit findet, sich zu engagieren – für Vereine total gut ist, sie mit Spenden zu unterstützen. Auch das wäre ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz. Das fand ich sehr interessant, und seither sind wir zahlende Mitglieder bei einem ziemlich großen und bekannten Verein, der sich für Natur und Umwelt einsetzt. Also: Spenden und/oder Mitgliedsbeiträge sollte man nicht gering schätzen!
      Herzliche Grüße!

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