oder: Die Geste zählt
Gestern Vormittag war ich ein bisschen gestresst. Während ich im Homeoffice saß, wurden diverse Pakete geliefert, die wir über eine große, international agierende Internetplattform bestellt hatten. Gefühlt jedes Ding kam einzeln an und war aufwändig verpackt, oft in viel zu großen Päckchen. Und dann waren auch noch Sachen dabei, die im Internet viel besser ausgesehen hatten als in der Realität, die jetzt einen geradezu klapprigen Eindruck machten. Einen Kulturbeutel hatten wir aus Versehen und wahrscheinlich vor lauter Hektik in S statt in L bestellt. Er war wirklich winzig, der kleinste Kulturbeutel, den ich je gesehen hatte, noch nicht einmal eine Zahnbürste würde hineinpassen, ich weiß gar nicht, wofür er überhaupt gut sein soll und warum er als Kulturbeutel verkauft wird, wo es sich doch allenfalls um einen Kulturteebeutel handelt. Ich wusste gleich, dass wir das eine oder andere Ding, das wir als Weihnachtsgeschenk vorgesehen hatten, würden zurückschicken müssen und schrieb hilflose Nachrichten an meinen Mann, der sich auf Dienstreise befand und aus der Ferne auch nichts tun konnte. Ich weiß gar nicht, wie er sich fühlt, wenn er nach einer anstrengenden Sitzung solche Hilferufe erhält.
Vor einigen Tagen habe ich mich Sätze sagen hören wie „Wir haben noch kein einziges Weihnachtsgeschenk!“ und „Wir müssen jetzt dringend handeln!“ Der zweite Ausspruch passt für viele Probleme, mit denen die Welt und/oder einzelne Staaten derzeit zu tun haben – bezogen auf Weihnachtsgeschenke erscheint er mir jetzt fast ein bisschen übertrieben.
Während ich die zahlreichen Pakete mit einer Schere zerkleinerte, damit sie besser in den seit Wochen überquellenden Papiermüll unten im Hof passen, kam ich noch nicht darauf, dass es zu Weihnachten doch um andere Dinge gehen sollte als darum, möglichst viele Geschenke unter dem Baum zu stapeln (den wir auch noch nicht besorgt haben! Dringend erledigen! Am Ende gibt es nur noch Krücken!).
Als ich später von einem der wenigen Präsenztreffen bei meiner Arbeit zurückradelte, um Baby Boss von der Schule abzuholen, hatte mich erfreulicherweise der eigentliche Geist der Weihnacht wieder eingeholt. Es war wohl nicht leicht gewesen, ich war schnell unterwegs. Worum also geht es (also abgesehen davon, die Geburt Jesus‘ zu feiern)? Da gibt es viele Weihnachtsfilme, die es sich lohnt anzuschauen und die es einem vielleicht unterhaltsamer erklären können als ich es vermag. Besonders gern schaue ich Jahr für Jahr „Der kleine Lord“ (Themen: Wer grimmig und egozentrisch war, muss es nicht bleiben. Familie und Versöhnung. Die Reichen geben den Armen. Nächstenliebe.), „Last Christmas“ (Themen: Das Leben schätzen. Zusammenhalt, Familie und Versöhnung. Nächstenliebe.) und „Die Muppets Weihnachtgeschichte“ mit Michael Caine als Ebenezer Scrooge (Themen: Wer grimmig und egozentrisch war, muss es nicht bleiben. Die Reichen geben den Armen. Zusammenhalt, Familie und Versöhnung. Nächstenliebe.).
Überhaupt geht es in Weihnachtsfilmen viel darum, zusammenzuhalten, um zwischenmenschliche Beziehungen, darum, diese wertzuschätzen, um Versöhnung und Vergebung. Und wenn dann am Ende alle gemeinsam unter dem Baum (dringend zeitnah kaufen!) oder sonst wo zusammensitzen, dann macht mich das glücklich und manchmal (meistens!) vergieße ich auch Tränen der Rührung.
Um Geschenke materieller Art geht es in all den Filmen nicht, nirgendwo sitzt ein riesiges Kuscheltier unter dem Baum oder steckt eine Designer-Handtasche in einem Strumpf am Kamin. Niemand beklagt sich über klapprige Ware, die nicht der Abbildung im Internet entspricht, oder über winzig kleine Kulturbeutel. Und wenn es um Geschenke geht, scheint es mir, als ob doch vielmehr die Geste zählt als der Inhalt. Das muss ich mir fürs nächste Jahr dringend merken. Jetzt sind schon (fast) alle Bestellungen gemacht.
Das hast du gut erkannt – es geht an Weihnachten um weit mehr als nur 🎁 🎁 … wer diesen Umstand nicht aus den Augen verliert, bei dem kommt bestimmt auch der Geist der Weihnacht vorbei😉
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Für nächstes Jahr will ich mir das dringend merken. Hoffentlich gibt es dann keine langen Gesichter unter dem Weihnachtsbaum, wenn ich die PowerPoint-Präsentationen meiner Töchter außer Acht gelassen habe. Ich werde berichten. 😉
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Liebe Sophie, jetzt würde ich beinah den gleichen Kommentar noch einmal schreiben, den ich grad auf einem anderen Blog zum Geschenkekaufenstress hinterließ … es ist traurig, was aus der Idee des Schenkens (geworden) ist. Aber es ist noch trauriger, dass wir da mitmachen. Es scheint, wir tun es für die Kinder, die doch Geschenke erwarten, obwohl sie schon alles haben. Ich bin gerade etwas ratlos. Es geht uns zu gut, das macht unglücklich. Deprimierend, oder?
Wie du es sagst: Schön zusammensitzen, vielleicht den Sommerurlaub planen (und sich den schenken), und das Geld für klapprige Kulturteebeutel lieber spenden für die, die kein warmes Dach überm Kopf haben. Vielleicht warten wir noch ein paar Jahre, und unsere Kinder können sich auch mit dieser Idee eines Feierns ohne Pakete Auspacken anfreunden?
Liebe Grüße und habt einen gemütlichen Advent (ohne weiteren Konsumstress!😉)! Anke
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Liebe Anke, die Idee des Schenkens, wie du so schön schreibst, mag ich nach wie vor sehr. Es ist ein gutes Gefühl, anderen eine Freude zu machen. Das muss aber nicht mit einem riesigen Geschenkeberg sein, es reicht eine wohldurchdachte Kleinigkeit, die von Herzen kommt. Ich empfinde es ebenso wie du: mit der Zeit ist irgendwie etwas anderes aus der Idee des Schenkens geworden. Und manchmal lasse ich mich zu sehr von diesem Weihnachtsgeschenke-Rummel vereinnahmen und es fällt mir dann irgendwann auf und ich rudere wild zurück.
Ich glaube sogar, dass es den Mädchen (trotz Wunschzettel mit PowerPoint) auch gar nicht so wichtig ist, viele oder große Dinge zu bekommen. Seit einigen Jahren verschenken wir vor allem zu Weihnachten gern Tickets für Veranstaltungen: Dann haben wir etwas, auf das wir uns alle gemeinsam freuen können und das uns hoffentlich in guter Erinnerung bleibt. Im vergangenen Jahr waren es Karten für Holiday on Ice. Das hat sich sehr gelohnt. Ob es dieses Jahr etwas Vergleichbares gibt, kann ich noch nicht verraten. Die Mädchen lesen mit. 😉
Ich wünsche dir ebenfalls von Herzen ein wunderschönes und im besten Fall sogar besinnliches Adventswochenende!
Sehr herzliche Grüße, Sophie
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