Zum ersten Mal: Rausgeschlichen

oder: Karma is gonna get you

Am vergangenen Freitag lag morgens ein kleines Stöckchen vor unserer Wohnungstür, ein paar Zentimeter lang, die Rinde war säuberlich entfernt. Ich sah es, als ich Baby Boss verabschiedete, bevor sie zur Schule ging. Auch ihr fiel das Stöckchen auf, sie kommentierte es, aber ich weiß nicht mehr, was sie sagte. Ich wunderte mich kurz darüber, winkte Baby Boss und schloss die Tür.

Am Vormittag dachte ich darüber nach, ob ich unsere norwegische Austauschschülerin vielleicht nicht herzlich genug verabschiedet hatte. Sie hatte mich morgens, bevor sie mit Belle die Wohnung verlassen hatte, umarmt und sich wortreich für ihren Aufenthalt bei uns bedankt. Ich war vielleicht etwas zurückhaltend gewesen, aber nicht wegen des Vorfalls am ersten Tag, sondern weil ich erstens überrascht war, dass sie mich umarmt hatte, und zweitens, weil ich mir nicht ganz sicher war, wie ich auf Englisch auf ihren Dank erwidern sollte. „You are welcome“? „You were welcome“? Irgendwie klang das alles nicht richtig, also sagte ich nichts, sondern setzte ein Lächeln auf, das vielleicht nicht von Herzen kam. Ich wollte nichts sagen wie: „Wir waren so glücklich, dich kennengelernt zu haben.“ Denn wir hatten sie nicht kennengelernt und wir waren auch nicht glücklich.

Nachdem unsere Austauschschülerin in der ersten Nacht gegen unsere ausdrückliche Anweisung bei einer anderen deutschen Schülerin übernachtet hatte, waren wir ihr erst am Abend des Folgetages wiederbegegnet. Wir hatten ihr am ersten Tag angekündigt, dass wir mit ihr in die Pizzeria gehen wollten. Eigentlich hatten wir diesen Plan verworfen, vor Ärger und Enttäuschung über ihr Verhalten. Dann aber war ich mir nicht mehr so sicher, ob es als Strafe nicht zu hart wäre. Wenn alles in Scherben liegt, muss man sich ja irgendwann daran machen, wieder aufzuräumen. Wieso nicht bei einem gemeinsamen Abendessen?

Wir hatten nach dem Vorfall vom ersten Tag einen der deutschen Lehrer kontaktiert, die hier für den Austausch verantwortlich waren. Mit den Schülern waren einige ernste Worte gesprochen worden: keine Übernachtungen bei anderen, Rückkehr für alle Austauschschüler um 22.30 Uhr. Belle hatte mir erzählt, dass eine mitgereiste norwegische Lehrerin ein Einzelgespräch mit unserer Austauschschülerin geführt hatte, das sie unter Tränen verlassen hatte. Irgendwie konnte ich nicht anders: Sie tat mir fast schon wieder leid.

Belle und ich holten unsere Austauschschülerin an diesem Abend vom Bus ab, um direkt zur Pizzeria zu gehen. Die anderen warteten vor Ort. Die Norwegerin entschuldigte sich vielmals, sagte, sie würde sich jetzt an alle Regeln halten, sie hätte uns nicht enttäuschen wollen, es wäre ein Missverständnis gewesen etc. Ich nahm die Entschuldigung an. Wir hatten einen netten Abend. Später zogen Belle und sie noch weiter, um 22.30 Uhr kehrten beide absprachegemäß zurück.

Am Mittwoch und am Donnerstag sahen wir unsere Austauschschülerin kaum, sie war den ganzen Tag unterwegs, kam aber zur vereinbarten Zeit zurück. Am Donnerstagabend hatte sie darum gebeten, später nach Hause kommen zu dürfen. Ich hätte das eigentlich sogar erlaubt, ich wusste natürlich, dass es der letzte gemeinsame Abend der norwegischen Schüler war. Aber wegen uns hatten die Lehrer die Rückkehrzeit festgelegt, es hätte sich schal angefühlt, davon abzuweichen. In ihrer Nachricht hatte sie auch gefragt, ob es nicht möglich wäre, die Tür für sie offenstehen zu lassen. Das wäre es natürlich nicht, hatten wir geantwortet. In Oslo geht so etwas vielleicht, in Berlin sollte man sein Schicksal nicht derartig herausfordern.

Am Freitag reisten die Norweger ab. Als Belle von der Schule nach Hause kam, machte sie ein ernstes Gesicht. Eine der deutschen Mitschülerinnen, die ebenfalls eine Norwegerin bei sich aufgenommen hatte, hatte sie in der Schule beiseitegenommen und ihr erzählt, dass sich unsere Austauschschülerin zweimal abends aus unserer Wohnung geschlichen hätte: am Dienstag und am Donnerstag. Das hätte diese der deutschen Schülerin selbst gesagt und auch andere hätten davon gewusst. Obwohl sie Ärger befürchtete, hätte sie es nicht richtig gefunden, wenn ausgerechnet Belle nichts davon erfahren würde.

Die Geschichte erklärte das Stöckchen, das vor unserer Wohnungstür lag, später fand ich auch eines vor dem Eingang zu unserem Haus. Sie musste es in die Türen geklemmt haben, damit sie nicht zufielen. Es erklärte, warum sich unsere Austauschschülerin abends nicht umgehend für die Nacht fertiggemacht hatte, sondern nach ihrer Rückkehr direkt in ihrem Zimmer verschwunden war. Es erklärte, warum sie morgens schwer aus dem Bett gekommen war und ihre Snap Map ausgeschaltet hatte. Zumindest Belle konnte nicht nachvollziehen, wo sich unser Gast aufhielt.

Die gegen sie erhobenen Vorwürfe stritt unsere Austauschschülerin ab, ich hatte es nicht anders erwartet.

Wir fünf blieben mehr oder weniger enttäuscht und verärgert zurück. Mein Mann und Belle lassen sich von solchen Dingen nicht stark beirren, Supergirl und Baby Boss hatten unsere Austauschschülerin kaum zu Gesicht bekommen. Ich wusste, dass Baby Boss sie trotzdem gemocht hatte. Es tat mir leid. Supergirl sagte etwas wie: „Karma wird sie schon kriegen.“ Und es klang so überzeugend, dass ich es nicht in Zweifel ziehe.

Und ich? Mir zitterten die Hände, als mir Belle die Geschichte erzählte. Vor Wut, aber vor allem vor Enttäuschung. Und ich fragte mich, ob ich jemals wieder einen Austauschschüler mit offenen Armen, offener Wohnung, offenem Herzen und selbstgebackenen Cookies empfangen würde. Ich habe zwei Tage gebraucht, um eine Antwort zu finden. Sie lautet: Ja.

PS Die Schachtel Schokolade hat unsere Austauschschülerin übrigens auf Belles Hochbett stehen lassen. Ich hoffe, vor Scham.

11 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Rausgeschlichen“

  1. Ich finde das Verhalten des Mädchens unfassbar und auch ein bisschen respektlos. Umso schöner finde ich es, dass deine Gastfreundschaft darunter überhaupt nicht gelitten hat😊. Karma…

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    1. Wir haben im vergangenen Jahr auch eine sehr gute Erfahrung mit einer französischen Schülerin gemacht, das möchte ich nicht vergessen. Ich glaube außerdem an Wahrscheinlichkeiten und denke mir, dass es so schlimm vermutlich nicht wieder kommen wird. Das hoffe ich zumindest.
      Ich habe das Verhalten der Austauschschülerin erst sehr auf mich bezogen, bin dann aber zu dem Schluss gekommen, dass es mich nur zufällig getroffen hat. Sie war übrigens nicht die einzige Schülerin, die sich nicht an die Regeln gehalten hat. Mindestens ein weiterer Austauschschüler hat sich ebenfalls wieder herausgeschlichen, der hatte aber wenigstens einen Schlüssel und hat nicht auch noch die Tür offenstehen lassen.

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  2. Liebe Sophie, was du als Reaktion auf den Kommentar von Antonia geschrieben hast, ist der richtige Ansatz: Nimm es nicht persönlich! Die Norwegerin hätte sich woanders genauso verhalten. Blöd, dass es ausgerechnet dich/euch getroffen hat!
    Lass dir wegen dieses Vorfalls nicht die Laune an weiteren Austausch-Schülern vermiesen, nach Murphy’s Law müssten die nachfolgenden Gäste zuckersüß sein 😉

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    1. Das hoffe ich sehr! Meine mittlere Tochter Supergirl meinte allerdings schon, dass sie keine Lust auf einen Schüleraustausch hat … Vielleicht kann mein Mann sie umstimmen, der hat immer die besten Argumente. 😉

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  3. Hm…ich glaube hätte sich eine von den Engländern hier bei meinen Eltern so verhalten, wären SIE alleine nach England zurück gefahren.
    Auch damals von der Schule aus.
    Merkwürdiges Verhalten der Norwegerin der Gastfamilie gegenüber finde ich.
    Schön das Du trotzdem noch Austauschschüler aufnehmen würdest.
    Aber das Verhalten Euch gegenüber finde ich unter aller Kanone.

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    1. Ich muss auch ehrlich sagen, dass ich überhaupt nicht mit so etwas gerechnet hätte. Das hat mich vollkommen unvorbereitet getroffen. Und erklären kann ich es mir auch nicht. Vielleicht war der Druck in der Gruppe sehr groß, vielleicht wollte sie um jeden Preis dazugehören. Ich werde es nie erfahren.

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      1. Wer weiß vielleicht war auch Liebe im Spiel und zu Hause dürfen SIE nicht.
        Keiner weiß es. Wir werden es nicht mehr erfahren.😉

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  4. Liebe Sophie! Das ist wirklich blöd gelaufen. Wie schade. Aber gut, dass du weiteren potenziellen Gästen eine Chance gibst. Da bin ich richtig stolz auf dich, denn ich weiß nicht, wie ich an deiner Stelle schlussfolgern würde. Jemandem gegenüber nachtragend zu sein ist generell falsch, aber manchmal schwer zu vermeiden. Vorurteile Unbekannten gegenüber aufgrund von negativen Erfahrungen mit anderen zu entwickeln, wäre fatal. Wo kämen wir da hin?
    Ich drücke die Daumen und schließe mich Herrn Zeitgeiststories bei seiner Prognose an, dass es beim nächsten Mal eine rundum positive Erfahrung wird.
    Herzliche Grüße! Anke

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    1. Liebe Anke, ich glaube, dass ich einfach nicht anders KANN, als weiteren potenziellen Gästen eine Chance einzuräumen. Ich habe ja neulich darüber geschrieben, dass ich nicht mehr Everybody’s Darling sein möchte. Im Nachhinein habe ich darüber nachgedacht und mich gefragt, was das bedeuten würde. Ich glaube, ich würde mich zu weit von mir entfernen, wenn ich diese Wesensart, das Liebsein, das Harmoniebedürftige plötzlich hinter mir ließe. Ergibt das Sinn?
      Wenn ich mich ungerecht oder schlecht behandelt fühle, gehen meine Emotionen schon oft mit mir durch, das gebe ich zu. Aber nach kurzer Zeit bin ich dann auch schon wieder sanft wie ein Lamm und sehne mich nach Harmonie. In der Wut, die manchmal in mir hochkocht, steckt eigentlich meist Traurigkeit oder Enttäuschung.
      Was das Projekt Schüleraustausch betrifft: Ich möchte weiterhin daran glauben. Ich möchte, dass es funktioniert. Und das tut es nur, wenn sich genügend Menschen finden, die sich als Gastfamilie zur Verfügung stellen.
      Herzliche Grüße zurück!

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  5. Liebe Sophie!

    Danke für die Geschichte von der Austauschschülerin.

    Ich musste sofort daran denken, wie ich selbst als Schüler in einer Reisegruppe zum ersten Mal in Norwegen zu Gast war. Es war im Sommer 1964. Die Fahrt war von den „Falken“, der Jugend der SPD organisiert. Zwei Sonderzüge mit fast 1000 Berliner  Mädchen und Jungen sind damals unterwegs gewesen. Ziel war die Insel Tromoe. Untergebracht in großen Hauszelten, die in „Dörfern“ gruppiert waren, ging es Richtung  Arendal. Zwei Wochen Abenteuer für 16-18 jährige junge Menschen.

    Die Zeltstadt war auf einem ehemaligen Kasernengelände: gekocht wurde unter Anleitung durch die Mitfahrenden, es gab eine eigene Rock Band, eigenes Geld und einen eigenen Laden. Schirmherr des Zeltlagers war der ehemalige Bürgermeister von Berlin: Willi Brand, der selber, während der Nazidiktatur in Norwegen im Exil gelebt hatte.

    Dank der großen Toleranz der norwegischen Bevölkerung wurden die „pubertierenden Berliner“, trotz aller Probleme, die auftreten, wenn Liebe, Lust und Leidenschaft zusammen treffen, als Gäste herzlich willkommen geheißen.

    Es war einfach toll, gemeinsam Erfahrungen im Erwachsenen werden zu machen. Dabei sind wir sicher auch öfter über des Ziel hinaus geschossen.Daran musste ich denken, als ich deinen Blog gelesen habe.

    Gut, dass du trotzdem dein Herz und dein Haus offen halten willst.

    Es grüßt recht herzlich der „Follower“

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    1. Lieber Follower,
      vielen Dank fürs Teilen deiner eigenen Norwegen-Geschichte. Das klingt alles toll: eigene Rock Band, eigenes Geld, eigener Laden!
      Das mit dem Übers-Ziel-hinaus-Schießen hat mich nachdenklich gemacht. Bin ich zu streng? Das frage ich mich oft. Das habe ich mich auch gefragt, als die Norwegerin noch bei uns war.

      Benedict Wells, einer meiner Lieblingsschriftsteller, hat in einem Podcast mal etwas gesagt wie: Er fühle sich manchmal, als ob er nur als Erwachsener verkleidet wäre, mit angeklebtem Bart und so. Mir geht das auch manchmal so, zum Beispiel jetzt, wo ich plötzlich die Gastmutter war. Was soll ich denn für Regeln aufstellen, wo ich mich doch gefühlt nur als Gastmutter verkleidet hatte? Gibt man als Zeit für die Rückkehr 22 Uhr an oder 23 Uhr oder 24 Uhr? Was sind die Argumente dafür und dagegen? Am Ende ist es vielleicht sogar beliebig!

      Der Grund war eigentlich nur: Einer von uns musste wachbleiben, um die Tür zu öffnen, und keiner wollte total spät ins Bett gehen. Unter der Woche ist das bei uns so: Wir müssen alle früh raus. Es ging gar nicht um Strenge, sondern eigentlich nur um die eigene Müdigkeit am Abend in einer Woche mit beruflichen, privaten und schulischen Herausforderungen.

      Nachdenkliche, aber herzliche Grüße sendet Sophie

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