oder: Verschmutzungsketten
Vor einiger Zeit liehen sich unsere Nachbarn Baby Boss‘ Roller für ihren Sohn, der ein paar Jahre jünger als Baby Boss ist und dieselbe Grundschule besucht. Sie war dagegen, aber ich hatte es schwierig gefunden „Nein“ zu sagen. Unsere Nachbarn sind sehr nett, sie hatten höflich gefragt, es sollte nur für einen Nachmittag sein, für einen kleinen Ausflug im Kiez. Nachdem der Sohn unserer Nachbarn mit dem Roller gefahren war, wollte Baby Boss ihn nicht mehr benutzen. Nicht aus Protest, das war mir sofort klar. Ich kenne solche Verhaltensweisen: Dinge nicht mehr benutzen, weil man sie nicht mehr anfassen möchte. Dinge, die schmutzig geworden sind oder auch nur vermeintlich schmutzig. Oder Dinge, die giftig sein könnten. Oder auf andere Weise schädlich.
Der Roller jedenfalls, so erklärte es Baby Boss, könnte schmutzig geworden sein, weil es nicht auszuschließen wäre, dass der Nachbarssohn sich nicht immer die Hände wasche, nachdem er auf die Toilette geht. Das läge im Bereich des Möglichen, in der Schule könnte sie immer wieder beobachten, dass sich Kinder so verhielten. Sie fände das eklig. Ich pflichtete ihr bei. Ich bemerke diese Verhaltensweise leider auch auf der Arbeit unter Erwachsenen, die sich nach dem Gang zur Toilette nicht oder nur mit Wasser die Hände waschen. Nach Corona sollten es alle besser wissen – Kinder und Erwachsene. Wenn ich bei der Arbeit auf die Toilette gehe, berühre ich die Klinke deshalb nie direkt, sondern immer mit einem Papierhandtuch.
Ich versuche in solchen Gesprächen, wie ich sie zuweilen mit Baby Boss führe, damit zu argumentieren, dass es keine „Verschmutzungsketten“ gebe. Menschen mit Zwangsstörungen denken manchmal in solchen Szenarien, zum Beispiel: Jemand setzt sich nicht auf den Fußboden im Wohnzimmer, weil es sein könnte, dass jemand mit seinen Socken über diese Stelle gelaufen und vorher mit seinen Socken über eine andere Stelle gelaufen ist, wo zuvor jemand mit Schuhen entlanggelaufen ist, der damit draußen unterwegs war und es nicht auszuschließen sei, dass dieser den Bürgersteig an einer Stelle berührt hat, wo zuvor jemand mit Schuhen vorbeigelaufen ist, mit denen er irgendwann einmal in Hundehinterlassenschaften getreten ist. Nachvollziehbar? ICH habe lange Zeit NICHT auf dem Boden gesessen, nachdem ich mir das einmal klar gemacht hatte.
Irgendwo hatte ich auch mal ein Beispiel gelesen, in dem es um eine Person ging, die sich vor Stoffbeuteln und wehenden, langen Mänteln ekelte, weil sie dachte, diese könnten eine Häuserecke berührt haben, gegen die zuvor ein Hund gepinkelt hatte.
Ich weiß noch, wie mir vor langer Zeit in einer Bar in Berlin-Mitte mein Schal heruntergefallen war und ich ihn auf dem Rückweg nach Hause leider nicht mehr um den Hals wickeln konnte, obwohl es Winter war. Ich hatte ihn nur widerwillig aufgehoben und trug ihn in meiner Hand, der Arm war leicht abgespreizt, damit mich der Schal nicht berühren konnte.
Damit will ich sagen: ICH glaube natürlich schon an „Verschmutzungsketten“, tue aber so, als ob es sie nicht gebe. (Ich meine: Klar gibt es Verschmutzungsketten! Alles ist total kontaminiert, wenn man es genau nimmt! Alarm! Nicht weiter darüber nachdenken!)
Ich weiß, dass es wirklich schlecht ist, einer Zwangsstörung auch nur ansatzweise Raum zu geben. Man darf dem Zwang nicht gehorchen, sobald man einmal damit anfängt, sucht er sich ständig neue Unsicherheiten, über die er angreifen kann. Dennoch tat ich es: Ich stellte den Roller in die Dusche und wusch ihn, während Baby Boss nicht zuhause war. Ich hätte auch einfach so tun können, als hätte ich ihn geduscht, aber das wäre mir schäbig vorgekommen. Es ist schlimm genug, dass ich die Existenz von Verschmutzungsketten bestreite! Der Roller schaute nach dieser Prozedur neu und frisch aus und ich stellte ihn zum Trocknen auf. Baby Boss war zufrieden und stieg wieder auf.
Und die Moral von der Geschichte? Tue die Probleme der anderen nicht ab, vor allem nicht die psychischen. Sie wirken vielleicht absurd, nicht nachvollziehbar, überzogen. Aber sie belasten den anderen unter Umständen mehr, als es erkennbar ist. Höre zu, sei offen. Niemand sucht sich so etwas aus.
PS Vor ein paar Tagen habe ich einen neuen Bikini von mir gewaschen, er ist schön, er war nicht gerade billig, ich wollte nicht, dass er einläuft. Ich wusch ihn bei 30 Grad, wollte sichergehen, dass ich die Temperatur richtig eingestellt hatte. Ich starrte auf das Display, fotografierte die Temperaturanzeige. Am Ende musste ich Belle fragen, ob sie einen Blick darauf werfen könnte. Sie tat es – und zeigte mir danach mit ihren Daumen und Zeigefingern ein Herz.
Ein sehr anschaulicher Beitrag! Immerhin ist es gut und wichtig, wenn man den eigenen Verhaltensweisen mit einer Portion Humor und Distanz gegenübersteht. Ich habe mich neulich furchtbar über meine Nachbarin aufgeregt, als diese, unwissentlich natürlich, mein „Die-Tür- Schließen“- Ritual gestört hat und ich es überstürzt ausführen mußte! Zum Glück war ich immerhin in der Lage es korrekt abschließen zu können…!
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Ich kenne das! Ich fühle mich manchmal sehr beim Händewaschen gestört. Es kann mich aus dem Konzept bringen, wenn jemand quer über meine Hände nach der Seife greift. 😳
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Ein schöner Aufruf zu mehr Toleranz für alle, die ihre „kleinen Macken“ haben…
Und ein Glück, dass es in deiner Familie funktionierende „Hilfe-Ketten“ gibt (du hilfst Baby Boss, Belle hilft dir…) 😉
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Das mit den „Hilfe-Ketten“ hast du schön gesagt. Die funktionieren wirklich sehr gut. Damit lässt sich so manchem Zwang begegnen.
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Liebe Sophie, das kann ich alles wunderbar nachvollziehen. Ich erlebe es bei mir zum Glück nicht als zwanghaft oder belastend, aber all diese Gedanken habe ich auch. Ich stelle in Verkehrsmitteln oder Restaurants nie meine Handtasche neben dem Stuhl auf den Boden. Lieber hocke ich unbequem mit allem Gepäck im Rücken oder auf dem Schoβ. In unseren Grundschulen gibt es Stehklos, aus hygienischen Gründen, so wird argumentiert. Auch so ein Thema, das ich nicht weiter ausführen möchte, du kennst selbst die Gedankenketten. Zum Glück sind die Mädels mittlerweile in einem Alter, wo ich davon ausgehen kann, dass sie jede noch so unappetitliche öffentliche Toilette auf berührungsfreie Art zu nutzen wissen. Aber mit den Schuhen steht man da immer … man muss also gar nicht an Hundehinterlassenschaften denken, um zu verstehen, warum manche Leute (wir) niemanden mit Straßenschuhen in die Wohnung lassen. Weißt du, was ich mich aber frage: Wie war das, als wir jung waren? Alles kein Problem! Heute gehe ich nie ohne Feuchttücher für die Hände und Desinfektionstücher für Gegenstände aus dem Haus. Ich nutze sie nicht immer und überall, aber es beruhigt schon, sie dabeizuhaben.
P.S: Ich weiß nicht, ob ich den ganzen Roller geduscht hätte. Aber die Griffe mit einem Desinfektionstuch bearbeitet, das schon. 😉
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Liebe Anke, Stehklos sind für mich auch ein Gräuel. Erfreulicherweise gibt es die in Deutschland meines Wissens (so gut wie) gar nicht. Aber was Baby Boss von den Toiletten in ihrer Grundschule berichtet … Naja.
Die Griffe des Rollers sind leider aus so einer Art Schaumstoff, der sich mit Desinfektionstüchern nicht hätte behandeln lassen. Ansonsten hätte ich natürlich auch gern darauf verzichtet, den Roller zu duschen. Denn das war dann auch prompt damit verbunden, das Bad zu putzen …
Herzliche Grüße und ein schönes, keimfreies Wochenende! 😉
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Hihi, danke, das wünsche ich dir auch!😄
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Danke dir! 🙂
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