Immer wieder: Die Spitze des Eisbergs

oder: Irre Untermieter

Dass Weihnachten jetzt vorbei ist, hat auch sein Gutes: Wir konnten den Adventskranz entsorgen. Der Moment erleichtert mich jedes Jahr ein bisschen, obwohl ich Adventskränze mag. Auch diesen mochte ich, weil er ein Schnäppchen und trotzdem sehr hübsch war. Ich konnte meinem Mann damit eine Freude machen, Schnäppchen kommen bei ihm gut an.

Ich mag es, im Schein der flackernden Kerzen zu sitzen, die erst vereinzelt, später in Gruppen das Näherkommen des Weihnachtsabends verkünden. Ich mag Kerzen. Einige stehen auch außerhalb der Weihnachtszeit bei uns im Wohnzimmer, aber wenigstens nicht auf trockenen, leicht brennbaren Tannenzweigen. Wo sich Adventskränze befinden, sind Wohnungsbrände nicht weit. Kommt mir jedenfalls so vor.

Im Dezember verlasse ich selten die Wohnung, ohne meinen Mann vorher gefragt zu haben, ob die Kerzen des Adventskranzes „aus“ sind. Manchmal sagt er dann so etwas wie: „Sie waren doch gar nicht an.“ „Kannst du bitte trotzdem nochmal nachschauen?“, frage ich dann kleinlaut. Und er tut es.

Im vergangenen Monat lag der Kranz neben meinem Arbeitslaptop und mir auf dem Esstisch. Von meinem Homeoffice aus konnte ich ihn also gut sehen. Morgens, noch während alle anderen zuhause waren, habe ich Tag für Tag die Streichhölzer aus dem Wohnzimmer in die Küche gebracht, vielleicht wollte ich dabei nicht entdeckt werden. Auch das mache ich jedes Jahr: die Streichhölzer in die Küche legen. Achtung, jetzt kommt eine eher verrückte Aussage: Ich habe Sorge, ich könnte die Kerzen sonst anzünden und dann nicht daran denken, sie wieder auszupusten. Oder – noch verrückter – ich könnte sie von mir unbemerkt anzünden. Deshalb ist es sicherer, wenn die Streichhölzer erst gar nicht in meiner Reichweite sind. Damit es nicht zu einem Wohnungsbrand kommt.

Wenn ich an einen Brand zu einem Zeitpunkt, an dem wir alle nicht zuhause sind, denke, dann ist es das Schlimmste für mich, dass unsere Zwergkaninchen Jimmy und Hermine in Gefahr wären oder sogar sterben könnten. Obwohl ich Kerzen mag, sind sie unterm Strich nicht so mein Ding, selbst dann nicht, wenn sie hübsch und Schnäppchen sind.

Manchmal sehe ich auf Fotos oder Insta-Storys anderer, dass sie es sich zuhause für sich selbst so richtig gemütlich machen und im flackernden Kerzenschein sitzen. Dann denke ich jedes Mal: Das könnte ich nicht genießen. Also zumindest dann nicht, wenn niemand dabei wäre, der mir die Sicherheit geben kann, dass die Kerzen in entscheidenden Momenten – Verlassen der Wohnung, zu dicht am vertrockneten Tannenzweig – auch wieder ausgepustet werden. Es gab Zeiten, da musste ich – schon in Hut und Mantel – ins Wohnzimmer zurückkehren und den Adventskranz beziehungsweise die Kerzen kontrollieren, den befeuchteten Daumen und Zeigefinger an jedem Docht. Dabei noch „aus, aus, aus“ murmeln. Dabei waren sie gar nicht angezündet gewesen. So etwas kann passieren, wenn man eine Zwangsstörung hat. Für mich ist es nicht leicht, mich auf meine eigene Wahrnehmung, mich auf mich selbst zu verlassen.  

Neulich hatte ich bei der Arbeit einen lichten Moment. Ich kam nach dem Weihnachtsurlaub zurück an den Rechner und hatte einen Leserkommentar in meinen E-Mails, der mich auf einen Fehler in einem fast zwei Jahre alten Artikel aufmerksam machte. Es ging um den Stichtag der Bewertung von Immobilien für die Berechnung von Schenkungsteuer. Ich hatte den kompletten und komplexen Text einem Fachanwalt für Erbrecht zum Faktencheck gegeben. Er hatte ihn mit Korrekturen zurückgeschickt, unter anderem hatte er eine Anmerkung zu dem fraglichen Passus gemacht, den ich daraufhin geändert habe. Man könnte in diesem Fall auch von Verschlimmbessern sprechen, denn der Satz war vorher richtig gewesen, erst nach der Korrektur des Rechtsanwalts falsch.

Diesen Umstand finde ich wirklich nicht schlimm. Jeder macht mal Fehler. Besorgniserregend war für mich die Erkenntnis, dass ich mich trotz genauester Recherche und umfassender Rückversicherung immer noch in erster Linie auf mich selbst verlassen sollte. Oder vielleicht sogar muss! Ausgerechnet auf mich! Dass ich in meinem Job kaum Verantwortung abgeben kann, ist für jemanden mit meiner Persönlichkeitsstruktur oder meinetwegen neurotischer Störung ein Stressfaktor. Ich drehe doch eh schon jedes Wort mindestens dreimal um, bevor ich es aufschreibe. Und danach auch noch mal. Schön wäre es, wenn mir jemand verlässlich dabei helfen würde. Bin ich beruflich am richtigen Ort?

Wenn ich an meinen Seelenfrieden denke, würde ich lieber nicht über Dinge schreiben, die richtig oder falsch sein können. Und wenn schon, dann vielleicht lieber für die Tageszeitung, bei der die Artikel von gestern gerade noch dazu taugen, den Fisch auf den Markt darin einzuwickeln.

Vor einiger Zeit hat mich meine Freundin Alex gefragt, wie sich meine Zwangsstörung im Alltag äußert. Na, gar nicht, habe ich gedacht und nachgeschaut, ob mein Portemonnaie und mein Handy noch in meiner Handtasche stecken. „Ach, du, mir geht’s eigentlich total gut damit“, habe ich geantwortet und das stimmt auch. Vielleicht ist es so, dass ich mich auch einfach an vieles gewöhnt habe: „Ach so, ja, die armen Irren da drüben. Die meinst du, ja? Na, das sind meine Zwänge, mit denen wohne ich schon seit Jahrzehnten zusammen, die fallen mir gar nicht mehr auf.“ An viele meiner zwanghaften Verhaltensweisen habe ich mich derart gewöhnt, dass sie für mich gar keinen Krankheitswert mehr haben. Aber es war auch nicht immer so.

Es gibt nur wenige Menschen, denen ich mich auch in Phasen anvertraut habe, in denen diese armen Irren große verrückte Rollen in meinem Leben gespielt haben. Die meisten anderen kennen nur – wenn überhaupt – die Spitze des Eisbergs. Ich glaube, so ist das häufig. Auch Menschen, die einem sehr vertraut sind, möchte man nicht unbedingt seine gesammelten Neurosen auftischen, den Inhalt seines Giftschranks präsentieren. Seltsamerweise ist das für mich aber auch nicht entscheidend. Viel wichtiger ist es für mich zu wissen, dass es Menschen gibt, denen ich all das erzählen könnte, wenn ich wollte. Und davon habe ich mittlerweile mehr als genug. Ich glaube, das hilft mir, meine irren Untermieter in Schach zu halten. Selbst wenn ich nicht oft von ihnen spreche – oder vielleicht gerade deshalb.

4 Kommentare zu „Immer wieder: Die Spitze des Eisbergs“

    1. Danke dir, lieber zeitgeiststories. Für mich ist es total hilfreich, dass es Menschen gibt, die mich wirklich gut beim In-Schach-Halten unterstützen. Ich glaube zum Beispiel, dass meine Symptomatik um einiges schlimmer wäre, wenn es meinen Mann nicht gäbe, der im privaten Bereich für vieles die Verantwortung übernimmt. Und nicht nur im Privaten: Manchmal liest er sogar meine Texte, die ich von Berufs wegen schreibe. Dafür bin ich sehr dankbar. Lucky me.

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  1. Ich kontrolliere nicht den Herd, aber den Stecker des Wasserkochers. Ich kann mich daran erinnern, dass ich meine Kollegen mal damit genervt habe, mir sicher zu sein, dass ich vergessen hatte, den Stecker aus der Dose zu ziehen. Bernhard hat mich dann nach Hause gefahren, damit ich nachsehen konnte. Was meinst du wohl, wo sich der Stecker befand?
    Ach, ich kann dich so gut verstehen !

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