Zum ersten Mal: Perücke tragen

oder: Du hier und nicht in Hollywood?

Als mein Bruder und ich Kinder waren, haben wir manchmal bei unserer Oma übernachtet. Dort lief vieles nach einem ganz bestimmten Schema; es gab Rituale, die uns beiden sehr am Herzen lagen, unserer Oma vielleicht auch. Zum Beispiel haben wir gern abends vor dem Fernseher sitzend gegessen, das war etwas ganz Besonderes, normalerweise machten wir das nicht. Dazu stellten wir zwei Ledersessel, die zur Couch-Garnitur unserer Oma gehörten, vor dem Fernseher auf und ließen uns darauf nieder. Das Abendessen bestand aus belegten Broten, die unsere Oma in Streifen schnitt. Es waren also eher Schnittchen und in meiner Erinnerung aßen wir sie von Brettchen, nicht von Tellern. Meine Brote waren mit Zervelatwurst belegt, ich glaube, die habe ich seit den 80er Jahren nicht mehr gegessen.

Wir schauten immer dieselben Filme: „Spartacus“ mit Tony Curtis und Kirk Douglas, „Der Fälscher von London“ mit Karin Dor oder „Im weißen Rößl“. Ich würde sagen: die Verfilmung mit Peter Alexander, aber es kann auch die mit Theo Lingen gewesen sein, irgendwie sehe ich auch ihn vor mir, ich hätte bis eben schwören können, dass beide gemeinsam in diesem Film gespielt haben. Aber ich glaube, das stimmt nicht.

Ich war gern bei meiner Oma. Aber wenn ich abends nicht einschlafen konnte oder nachts wach wurde, weinte ich manchmal. Meine Oma versuchte natürlich, mich zu trösten. Aber genau genommen war sie das Problem, denn sie sah nachts so anders aus als am Tag. Wenn sich schon alles immer nach einem ganz bestimmten Schema abspielte, dann sollte man doch auch davon ausgehen können, dass sich alle daran hielten – ans Skript sozusagen – und sich niemand in der Nacht komplett verwandelte. Aber meine Oma tat es, und es war ihr wahrscheinlich noch nicht einmal bewusst. Tagsüber trug meine Oma eine Perücke und ihre Zähne, nachts war das nicht der Fall.

Die Perücke befand sich dann in ihrem Badezimmer auf einem Kopf aus Styropor. Mein Bruder wird jetzt vielleicht einwenden, dass das alles gar nicht stimmt, dass ich mich komplett falsch erinnere, dass die Sessel nicht mit Leder bezogen waren, sondern mit Cord. Dass ich keine Zervelatwurst hatte, sondern veganen Brotaufstrich. Dass es nicht „Der Fälscher von London“ war, sondern „Der Bucklige von Soho“. Und dass sich die Perücke auch nicht auf einem Styropor-Kopf befand. Aber in meiner Erinnerung war es so!

Ich dachte lange Zeit, dass meine Oma die Perücke trug, weil ihr während einer Chemotherapie die Haare ausgefallen und nie wieder richtig nachgewachsen waren. Um genauer zu sein: Als Kind dachte ich, eine Krebserkrankung würde direkt zu Haarausfall führen (und nicht die Chemotherapie) und deshalb machte ich mir auch manchmal Sorgen, wenn mir selbst Haare ausfielen. Meine Oma trug die Perücke aber, weil sie meinte, zu dünnes Haar zu haben. Die Chemotherapie hatte damit gar nichts zu tun.

Der Styroporkopf im Bad – das war also meine erste Begegnung mit dem Thema Perücke. Sie hat mich irgendwie geprägt, aber nicht traumatisiert. Dennoch wollte ich nie wirklich etwas mit Perücken zu tun haben. Bis ich ihnen nicht mehr aus dem Weg gehen konnte. Neulich war das, als ich auf eine Party eingeladen worden war, auf der alle Gäste eine tragen sollten. Mein Bruder hatte auch eine Einladung bekommen, der alte Styroporkopf, äh, ich meine: Haudegen.

Aus gegebenem Anlass haben mein Mann und ich keine Perücken zuhause und mussten welche bestellen. Mein Mann entschied sich für einen dunklen Lockenkopf, früher hätte man das als „Afro“ bezeichnet, heute natürlich nicht mehr. Ich suchte mir eine Perücke aus, bei der möglichst auf den ersten Blick klar sein sollte, dass es sich um eine solche handelte. Einfach nur meine eigene Frisur mit mehr Haaren wäre mir langweilig vorgekommen. Meine Perücke hatte sehr langes, dichtes Haar, das mir nach vorn und hinten über die Schultern fiel und bis zur Brust reichte. Es war hellblau, rosa und lila gefärbt. Obwohl ich zuerst aus mir unerklärlichen Gründen Berührungsängste hatte, freundete ich mich doch am Abend der Party mit der Perücke an. Ich fand, sie stand mir. Ich dachte: Wenn ich nur immer so viele Haare hätte.

Mein Bruder ist ein spezieller Typ. Ich schreibe des Öfteren über ihn, aber ich kann ihn doch nicht ganz fassen. Vielleicht liegt das daran, dass ich noch immer in gewisser Weise zu ihm aufschaue, so wie damals, als wir unsere Schnittchen von Brettchen vor dem Fernseher unserer Oma gegessen haben. Er ist jedenfalls jemand, von dem man nicht unbedingt denken würde, dass er dem Party-Motto Folge leisten würde. Aber er ist auch jemand, der immer für Überraschungen gut ist. Aus mir unerklärlichen Gründen war es ihm total wichtig, sich auch eine Perücke zu organisieren. Und es sollte eine Frisur sein, wie sie Uma Thurman im Film „Pulp Fiction“ trägt (in der Verfilmung ohne Peter Alexander). Mein Mann und ich bestellten ihm die Perücke, wir wollten uns am Abend der Party vor der Location treffen, damit ich sie ihm aushändigen konnte.

Die Party fand im schönen Friedenau statt, fußläufig, und ich streifte mir ein schwarzes, ärmelloses Kleid meines englischen Lieblingsdesigners über, steckte meine eigenen Haare zu einer engen Banane zusammen, klemmte meinen Pony zur Seite und zog mir eine Art Nylonstrumpf über den Kopf, danach die Perücke. Das Eigentümliche ist: So eine Perücke macht im Handumdrehen etwas mit einem. Ich war nicht mehr ganz ich, sondern eine Kopie meiner selbst mit mehr Haaren. Viel mehr Haaren. Die Perücke machte mich erstaunlicherweise direkt ein bisschen selbstbewusster. Ich fühlte mich verkleidet, aber gut.

Mein Bruder und ich trafen uns wie vereinbart draußen vor der Location und er setzte sich mit einer geschickten Handbewegung seinen schwarzen Bob mit Pony auf. Man sagt ja immer: Einen hübschen Menschen entstellt nichts – und so war es auch bei ihm. Er sah aus wie eine Mischung aus Prinz Eisenherz und Severus Snape und ich gewöhnte mich überraschend schnell an seinen Anblick. Er trug die Perücke mit einer Selbstverständlichkeit, die ich nicht erwartet hatte, und frei von jeglicher Ironie.

Später am Abend wählte die sechsjährige Nichte der Gastgeberin meine Perücke zur schönsten des Abends und schenkte mir eine Kastanie. Mein Bruder schrieb mir am nächsten Tag: „Du hast ausgesehen wie ein Hollywood-Star!“ Wie gut, dass ich die Perücke in Rosa, Hellblau und Lila gekauft habe. Sonst würde ich sie vielleicht sogar öfter tragen. Und einen Styroporkopf bei uns im Bad aufstellen. Und dabei an meine Oma denken, an die ledernen Sessel, die Schnittchen und Peter Alexander.

9 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Perücke tragen“

  1. Wow, was für ein Photo, Sophie! Du siehst wirklich klasse aus.

    Unpassender Start für einem Text-Kommentar. 😉

    Aber der Beitrag selbst hat mich auch zum Schmunzeln gebracht, ich musste sofort an „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ denken. Ich glaube, die Abende bei Deiner Oma standen Pate für die Beschreibung der Abende bei Frau Dahling.

    Und es ist schon interessant, wie sehr uns die Aufenthalte bei den Großeltern prägen; man hat Jahrzehnte später noch (tatsächliche oder erfundene) Details parat.

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    1. Lieben Dank für das Kompliment! Ich sage es ja: Die Perücke in Brünett und ich hätte sie jetzt ständig auf dem Kopf! 😉
      Jetzt bin ich doch sehr gespannt, was bei Frau Dahling so los war. Das Buch kenne ich nicht und ich habe das Gefühl, dass ich es kennen sollte!
      Während ich an dem Blogbeitrag geschrieben habe, ist mir übrigens auf Yotube ein Medley aus „Im weißen Rößl“ untergekommen. Gefühlt hätte ich jedes Lied mitsingen oder zumindest mitsummen können. Und Baby Boss, die gerade in der Nähe war, hat große Augen gemacht zu der 60er-Jahre-Heiterkeit … 😉

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    1. Wenn du so fragst: Ich war wirklich sehr froh über meine. So langes, dichtes Haar hatte ich noch nie in meinem Leben. Das hat sich gut angefühlt. Aber ich fand zum Beispiel auch den rötlichen Lockenkopf der Gastgeberin toll, der hat mich irgendwie an das Sams erinnert. Und die Perücke meines Mannes fand ich auch gut. Sie hat ihm tatsächlich auf eigentümliche Weise gut gestanden.

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  2. Zuerst einmal einen herzlichen Dank für mein so positives Abschneiden in diesem Beitrag! Zweitens die Bestätigung hinsichtlich des Mobiliars, der Filmauswahl und des Essens bei unserer lieben Oma! Das mit dem Perücke-Tragen (als Folge der Krankheit) habe ich wohl auch so empfunden. Dabei muss ich sagen, dass unsere Oma später ihr Haar wieder natürlich getragen hat. Schlohweiß und immer akkurat onduliert!

    Das nächtliche Unbehagen mag ich verdrängt haben, da mir der Umstand, dass immer tiefste Finsternis im Schlafzimmer herrschte, noch mehr Unbehagen bereitet hat. Ich wusste manchmal gar nicht, ob ich noch da bin.

    Was nun das Perücke-Tragen bei besagtem Fest angeht, so war ich zuerst ratlos! Wozu? Um Glatzen, Halbglatzen oder Fast-Halbglatzen (Thymianöl soll helfen) der Männer zu kaschieren oder dünnes Haar der Frauen? Welche sollte ich wählen? Was wäre es für eine Travestie, bloß eine andere Männerfrisur zu wählen? Wenn aber schon Verkleidung, dachte ich, dann doch haardefiniert weiblich. Und da kam mir die großartige Uma Thurman in den Sinn, die ich in dem Tarantino-Film sehr schätze! So einen Bob wollte ich haben!

    Meine Schwester und mein Schwager nahmen sich dessen an und dann kam es wie geschildert. Snape, Eisenherz, auch Javier Bardem waren die Assoziationen. Im „No country for old men“. Tatsächlich haben auch alte Freunde mich auf Fotos zuerst nicht erkannt! Mindestens eine aber, die ich nie und nimmer wiedererkannt hätte, erkannte mich trotzdem. Schon komisch! Sieht man doch nur mit dem Herzen gut? Als Kinder hatten wir einen recht großen Fundus an Verkleidungsstücken und haben diesen auch oft genutzt! Ich hatte lange vor, Schauspieler zu werden. Daher vielleicht die Unbefangenheit beim Tragen der Perücke. Aber wohl eher für ein C-Movie! Meine liebe Schwester hingegen war hollywoodesk und hat ja dafür auch den Preis der kleinen Betrachterin bekommen!

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    1. Hihi, dein Kommentar hat mich sehr amüsiert! Vielleicht verstehen die Leserinnen und Leser meine Bewunderung für meinen großen Bruder jetzt umso besser.
      Es könnte sein, dass Baby Boss in deine berufswunschmäßigen Fußstapfen tritt und Schauspielerin wird. Sie ist sehr selbstbewusst, auch ohne „eine Löwin“ zu sein. Dafür ein Widder. 😉
      Und nur, um die Männer mit Glatzen, Halbglatzen und Fast-Halbglatzen nicht auf eine falschen Fährte zu führen: Helfen soll Rosmarinöl!!!
      PS Und wer hat das mit Javier Bardem gesagt?! Das war vielleicht jemand, dem der Perücken-Pony über die Augen hing. 🙂

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  3. Wenn wir in Ostberlin geahnt hätten, dass ihr drüben auch bloß Schnittchen esst und auch mit Zervelatwurst belegt … hätten wir die Mauer trotzdem eingerissen, um uns die Sache mit eigenen Augen anzusehen. 😉
    Wieder ein schöner Text, liebe Sophie, und ja, die nächtliche Verwandlung der Großeltern hat etwas Gruseliges. Ich erlebte das mit meinen Eltern im Verhältnis zu meinen Kindern. Da tat es auch ein wenig weh. Gut, dass du zumindest dein Perückenunbehagen so glamourös überwunden hast! Sie steht dir fantastisch.
    PS: Wie hieß denn die Perücke, die nicht mehr Afro heißen darf, und war deine farblich von Einhornfantasien inspiriert? 😉

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    1. Hihi, ja, das haben wir. Von wegen Canapés mit Räucherlachs oder so! War alles total bodenständig und unglamourös! Aber wie gut, dass ihr dass mit eigenen Augen sehen wolltet. 😉
      Apropos Räucherlachs und Erinnerungen an die Großeltern: Meine Oma hat sehr gern Toast mit Räucherlachs gegessen. Einen riesigen Gefallen konnte man ihr tun, wenn man gesalzene Butter von Butter Lindner mitbrachte. Die strich sie nicht aufs Toast, sie legte sie in kleinen Scheiben darauf.
      PS Die Afro-Perücken findet man bei großen Online-Versandhändlern immer noch unter diesem Namen. Da steckt bestimmt das SEO-Team dahinter. 😉

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