Immer wieder: Get rich or die tryin‘

oder: Alles ist relativ

In den vergangenen Wochen hatten wir aus gegebenem Anlass öfters mit einer renommierten deutschen Unternehmensgruppe zu tun, die Immobilien vermittelt, genauer gesagt: mit zwei dort beschäftigten Maklern. Manchmal denke ich, dass ich das auch gern beruflich machen würde: Maklerin sein. Erstens schaue ich mir gern Wohnungen, besser noch Häuser an, ich mag Besichtigungen, vor allem, wenn die Immobilien leer stehen und ich Visionen entwickeln kann, wie ich die Räume einrichten würde. Zweitens scheint der Maklerberuf sehr lukrativ zu sein. Makler verdienen viel Geld, ohne anderen Leuten im Mund herumzufummeln, wie Kieferorthopäden es tun. Ich hatte ja schon mal erwähnt, dass das nichts für mich ist. Aber manchmal denke ich, dass es etwas für mich wäre, echt viel Geld zu haben. Also nicht unanständig viel Geld, sondern einfach nur echt viel Geld. Der Arbeitsaufwand von Maklern erscheint mir aus weiter Ferne betrachtet auch recht überschaubar zu sein, aber vielleicht tue ich ihnen unrecht.

Ich habe mein Abitur an einer Schule gemacht, an der bis auf wenige Ausnahmen sehr viele Jugendliche waren, die sehr reiche Eltern hatten. Mein Bruder und ich gehörten zu den Ausnahmen. Das Gymnasium liegt im schönen Berliner Ortsteil Dahlem in der Nähe des Grunewalds, dort haben wir manchmal Waldläufe gemacht, was ich früher nicht zu schätzen gewusst habe. Umgeben ist die Schule von vielen schönen Einfamilienhäusern, manche Immobilien lassen sich durchaus als Villen bezeichnen. Früher war ich dort täglich unterwegs, ich näherte mich morgens auf dem Weg zur Schule der Villengegend und ließ sie nachmittags auf meinen Nachhauseweg zurück. Man kann sagen: Bei den Reichen war ich nur zu Besuch.

Heute gehen wir manchmal dort spazieren, ich mag diese Gegend sehr und ich male mir aus, wie es wäre, dort zu wohnen. Aber dazu wird es nie kommen. Das ist so sicher wie das Amen in der nahegelegenen Sankt-Annen-Kirche, in der wir geheiratet haben. Wir nennen diesen Spaziergang spaßhaft „Sozialneid-Runde“ oder sagen „Lass uns mal wieder dort spazieren gehen, wo wir nie wohnen werden“. Ich glaube, dass es sehr schwierig ist, aus der eigenen Klasse in die nächste aufzusteigen. Über Geld spricht man nicht, man hat es. Sagte angeblich J. Paul Getty.

Während des für unsere Verhältnisse recht engen Kontakts zum Maklerbüro wurde meinem Mann und mir ein Hochglanzmagazin in die desinfizierten Hände gedrückt, das auf mehr als 150 Seiten Luxus-Kaufimmobilien weltweit zeigt. „Was wir noch so vermitteln“, sagte der Makler, auf einem Hinterhof in Leipzig stehend, und wir nickten ehrfürchtig.

Als wir im Zug zurück nach Berlin saßen, waren wir beschwingt, fast berauscht von unserem kleinen, greifbar gewordenen Immobilienprojekt, es ist eine bedeutende Sache für uns. Es fühlt sich an, als hätten wir diesmal ein richtig großes Brötchen gebacken, vielleicht sogar ein Brot, nachdem es jahrelang eher kleine waren. Vielleicht würde uns bald eine Immobilie gehören. Uns! Das machte mich froh, aber irgendwie auch – ja, wie soll ich sagen? – verlegen vielleicht?! Der Gedanke daran war schön, aber auch sehr fremd. Hatte ich mich nur als mögliche Immobilieneigentümerin verkleidet? Würde der Bluff auffliegen und der Makler erkennen, dass er eigentlich eine typische Mieterin vor sich gehabt hatte? Eine, die in der Welt der Immobilieneigentümer immer nur zu Besuch gewesen war? Eine Hochstaplerin?

Mein Mann hatte eine Weile lang mit dem Gedanken gespielt, einen BMW zu kaufen, wir waren sogar in einem Autohaus und hatten uns einen schnittigen Wagen aus der 2er-Serie angeschaut, um herauszufinden, ob eine fünfköpfige Familie darin Platz findet oder ob die Autokindersitze meine Oberarme quetschen würden, wenn ich wie gewohnt hinten in der Mitte sitze. Das taten sie. Das war aber nicht der einzige Grund, mich gegen dieses Auto auszusprechen. Der andere trippelte durch das Autohaus, eine Frau mit Burberry-Schal und dazu passender Mund-Nasen-Bedeckung. Solche Frauen sieht man im Grunewald bei ihrem Hundespaziergang mit High Heels oder ganz dicken wieder in Mode gekommenen Moon Boots. Das war der Moment, in dem ich ganz sicher wusste: Das bin ich nicht, ich bin nicht BMW.

Ein ähnliches Erlebnis hatte ich neulich, als ich mir eine neue Uhr kaufen wollte. Meine alte habe ich seit mehr als 15 Jahren. Auf die Gefahr hin, maßlos zu wirken: Irgendwie wollte ich noch eine Zweituhr haben. Ich wollte mir etwas gönnen und hatte mir drei Modelle in ein Juweliergeschäft schicken lassen. Eine Schweizer Tissot mit 12 kleinen Diamanten auf dem Ziffernblatt für 295 Euro, in die ich mich schockverliebt hatte, eine amerikanische DKNY, reduziert von 149 Euro auf 89,35 Euro, mit der ich als müder J.Lo-Abklatsch durchgehen könnte, und eine dänische Skagen, reduziert von 99 Euro auf 69,30 Euro, die bei meinem nächsten Bornholm-Urlaub zeigen würde, wie Skandinavien-affin ich bin.

Jetzt darf jeder mal ganz kurz überlegen, welche ich genommen habe. Bitte daran denken: Ich bin nicht BMW. Trommelwirbel. Es war die bescheidene dänische Skagen. (Ich kann das einfach nicht: so viel Geld ausgeben.)

Zurück in den Zug Leipzig-Berlin. Vor lauter Verlegenheit oder um mich von meinen kalten Füßen abzulenken, die mir der nahende Immobilienkauf bescherte, arbeitete ich während der Rückfahrt den Katalog des Maklerbüros so gewissenhaft durch, als müsste ich diverse Besichtigungstermine in der ganzen Welt vorbereiten. Der Teil mit den Kaufimmobilien beginnt mit einem Anwesen auf Mallorca. Das Haus soll 65 Millionen Euro kosten. Ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die in Wellblech- oder Lehmhütten leben, aber ich wusste nicht, dass es einzelne Villen gibt, die 65 Millionen Euro kosten. Mir war das Geld, das wir für unser Immobilienprojekt in die Hand nehmen würden, viel vorgekommen. Aber es ist ein geradezu lächerlicher Betrag im Gegensatz zu selbst den günstigsten Immobilien dieses Katalogs, in deren Nähe ich nie kommen werde, noch nicht einmal in einem BMW und mit Burberry-Schal. Die Rückseite des Magazins ziert eine Werbeanzeige für eine Uhr. Das beworbene Modell kostet 21.000 Euro.

„Was macht ihr in Leipzig?“, fragte mein Bruder, der unterbezahlte Buchhändler, per Messenger App, nachdem er ein Bild des Hauptbahnhofs in meinem Status entdeckt hatte. „Wir haben uns eine Wohnung als Kapitalanlage zum Kauf angeschaut“. Es gibt Sätze, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich sie mal schreiben würde. „What?! Euch geht es ja gut!“, schrieb er zurück. „Naja, es ist eine kleine Wohnung.“ „Alles klar! Gegönnt!“

Mein Bruder müsste sieben, acht Jahre arbeiten, um den Preis für eine solche Immobilie zusammenzukratzen. In der Zeit könnte er nichts essen, nicht heizen, keine Miete zahlen. Vielleicht bin ich wegen des Immobilienkaufs nicht nur verlegen, denke ich, vielleicht fühle ich mich sogar ein bisschen schäbig.

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