Immer wieder: Neujahrsvorsätze

oder: Das J.LO-Programm

Seit Silvester hängt eine DIN-A-4-Seite an unserer Kühlschranktür, der Computerausdruck eines Dokuments, das meine beiden älteren Töchter für mich erstellt haben. Die Überschrift lautet „J.Lo-Programm“. Darunter finden sich ein Foto der gleichnamigen Sängerin beim Laufen sowie Sport- und Ernährungstipps wie „Versuchen, mindestens 1 x die Woche zu joggen“ und „Zwischenmahlzeiten: wenn möglich keine, zur Not Obst und Gemüse“. Außerdem werden mir bestimmte Übungen vorgeschlagen, die ich in einem fünf- bis zehnminütigen Fitnessprogramm an den Tagen ausführen soll, an dem wir unsere gemeinsame Serie schauen. Zum Beispiel „Planks“, die ich mal gegoogelt, von denen ich aber schon wieder vergessen habe, was das ist. Eine Ernährungspyramide ist zu sehen und ganz unten auf der Seite stehen drei Links zu 10-Minuten-Workouts.

Meine beiden älteren Töchter lesen regelmäßig die ZEIT – und die Bunte. Sie kennen sich also sehr gut aus mit J.Lo, die im Jahresranking der Zeitschrift den ersten Platz belegt hat, noch vor Kate von England, der „royalen Powerfrau: schöner und stärker als je zuvor“, wie die Bunte schreibt. Über J.Lo steht nichts dergleichen, aber auch ohne Lobhudelei der Zeitschrift weiß ich, dass J.Lo mit 52 Jahren so gut aussieht wie ich nicht mit 25. Deshalb habe ich sie mir im allerweitesten Sinne zum Vorbild gemacht.

Meine Töchter haben mir empfohlen, noch ein weiteres Motivationsbild einer Berühmtheit auszudrucken und ebenfalls an die Kühlschranktür zu hängen. Ich habe mir Rebel Wilson überlegt, weil sie nicht einfach so und ohne ihr Zutun schlank ist, sondern offenbar hart dafür kämpfen musste. Aber unsere Druckerpatrone schwächelt gerade, so dass ich das Bild bisher nur in meinem Kopf habe.

Der Aushang am Kühlschrank passt ganz gut zu mir, meine Töchter wissen das. Denn ich denke gerade darüber nach, mich selbst neu zu erfinden. So habe ich es meinen Töchtern gegenüber natürlich nicht gesagt. Es klingt albern und nach Madonna, sich selbst neu erfinden zu wollen. Aber ich habe ihnen gesagt, dass ich gern ein bisschen schlanker und sportlicher wäre.

Meine Idee hat auch mit dem Jahreswechsel zu tun und mit meiner fälschlichen Annahme, dass solche Vorhaben im neuen Jahr leichter umzusetzen sind als sagen wir mal mit Startdatum 28. November. Ich glaube, dass alles, was ich jemals im November begonnen habe, kläglich gescheitert ist. Und ich gebe dem Monat die Schuld, so viel ist klar.

Ich möchte mich übrigens nicht komplett neu erfinden, vieles an mir mag ich, das kann ruhig so bleiben. Ich dachte da eher an so eine Art Mami Makeover, irgendetwas, das ein paar überzählige Pfunde schmelzen lässt, die ich gern auf meine drei Schwangerschaften schieben würde, die damit aber nicht das Geringste zu tun haben. – Moment, jetzt habe ich den Begriff gerade gegoogelt und unter „Mommy Makeover“ tatsächlich diverse Einträge über Schönheits-OPs gefunden. DAS meine ich natürlich nicht. Ich plane keine Bauchdeckenstraffung (auch häufig im Rahmen einer Mini-Bauchstraffung möglich, wie ich gelesen habe), Fettabsaugung und Bruststraffung!!! Ist denn jeder Begriff, den man verwendet, schon irgendwie vergeben?

Ich dachte an auf den ersten Blick ganz harmlose Veränderungen: fünf Kilo Gewichtsabnahme und Extensions. Öfter joggen, um am Ende des Jahres die 10 Kilometer zu schaffen, ohne über meine heraushängende Zunge zu stolpern. Weniger Süßigkeiten essen. So was halt. Was man sich eben für das neue Jahr vornimmt, den Januar über berauscht lebt, im Februar zähneknirschend einhält, im März desillusioniert abbricht.

Auf die Gefahr hin, für schrecklich oberflächlich gehalten zu werden: Ich würde gern besser aussehen. Schlanker sein. Mehr Haare haben. Seitdem ich denken kann, begleiten mich ein Pummelchen-Komplex und ein Dünne-Haare-Komplex, wobei der Dünne-Haare-Komplex in den vergangenen Jahren schlimmer geworden ist, vielleicht sind hormonell bedingt viele meiner dünnen Haare ausgefallen, es ist also ein richtiggehender Wenige-dünne-Haare-Komplex daraus geworden. Wobei mein Bruder auch schon in unserer Jugendzeit darüber gewitzelt hat, ich sähe aus wie eine Puppe, der man zu viele Haare ausgerissen hat. Oder bilde ich mir das nur ein? Hat er das vielleicht gar nicht über mich gesagt, sondern über eine seiner Verehrerinnen?

Meine Haarstruktur hat im Laufe meines Lebens dazu geführt, dass ich die unterschiedlichsten Frisuren ausprobiert und meine Haare oft kurz getragen habe. Dann musste meine Friseurin sie sogar ausdünnen, damit sie richtig sitzen, was sich außerordentlich gut angefühlt hat: selbst mein feines Haar muss mal ausgedünnt werden. Zuletzt hatte ich die Haare im Sommer 2019 kurz – dann aber zwei Erlebnisse, die mich dazu bewogen haben, sie wieder lang wachsen zu lassen. Im Sommerurlaub haben wir eine Familie mit Teenager-Kindern gesehen, die Frau haben wir von hinten zunächst für eine der Töchter gehalten. Sie hatte lange Haare und in dem Moment wurde mir klar, dass mich nie jemand von hinten für eine meiner Töchter halten würde, dazu braucht man unbedingt lange Haare. Und auch das ist natürlich keine Garantie! Und dann wurde ich von einer der Cousinen meines Mannes auf einem Foto für einen „Bub“ gehalten, wie sie sagte. „Und wer ist der Bub?“ Dabei deutete sie auf mich auf dem Foto. Der Bub. Hm. Lange Haare sind nämlich noch immer ein Symbol von Weiblichkeit, da kann man machen, was man will.

Ich versuche gerade alles Mögliche, um meinen Haaren mehr Volumen zu verleihen, Schaumfestiger zum Beispiel und ein Nahrungsergänzungsmittel, auf das meine beiden älteren Töchter in der ZEIT, nein, ähm, Entschuldigung, in der Zeitschrift Bunte gestoßen sind. Aber ich weiß nicht, ob das alles von Erfolg gekrönt sein wird. Also doch lieber Extensions? Hat jemand Erfahrung damit und möchte sie mit mir teilen? Ich könnte als Gegenleistung ein paar Tipps in Sachen Ernährung geben. „Möglich wenig Süßigkeiten essen“ steht auf dem Blatt am Kühlschrank (und nicht ich habe das „st“ vergessen, sondern meine Töchter).

Meine Haare offen zu tragen, kommt mir übrigens immer ein bisschen so vor wie im Sommer im Bikini baden zu gehen. Ich fühle mich unsicher. Das könnte daran liegen, dass ich befürchte, andere könnten denken, dass ich aussehe wie eine Puppe, der man zu viele Haare ausgerissen hat. Vielleicht ist es aber auch einfach nur schrecklich ungewohnt, weil ich immer einen Pferdeschwanz trage. Vielleicht muss ich mich einfach öfter trauen. Vielleicht geht das unsichere Gefühl dann weg. Ich schreibe es mal auf meine Liste mit den Neujahrsvorsätzen gleich neben „weniger Konsum“.

Wenn es klappt, könnte sich daraus eine Strategie ergeben, die sich positiv auf meinen Pummelchen-Komplex auswirkt. Wenn ich öfter Bikini trüge, würde ich mich vielleicht irgendwann sogar schrecklich gut darin fühlen. Vielleicht aber auch nicht.

Ich glaube, schlanke Personen können es nicht richtig nachvollziehen, wie es ist, wenn man nicht zu ihnen gehört. Wenn es einfach wahnsinnig mühselig ist, sein Gewicht zu halten oder noch etwas davon zu verlieren. Ich glaube, die denken dann manchmal „Iss halt einfach weniger.“ So einfach ist es aber leider nicht. Ich befürchte, Essen und Ernährung hat zum Beispiel ganz viel mit (schlechten) Angewohnheiten zu tun. Und die wird man nicht über Nacht los. Ich habe mir angewöhnt – vor ewiger Zeit wahrscheinlich schon – mich mit Süßigkeiten und Essen insgesamt zu belohnen: „So, jetzt hast du fleißig gearbeitet und hundert Dinge organisiert, jetzt setz‘ dich doch erst mal hin, trink‘ einen entkoffeinierten Kaffee und iss‘ dazu ein leckeres Stück Kuchen.“ Schon der Gedanke daran macht mich froh. Halt, nein, das muss jetzt dringend aufhören!

Ich muss noch etwas zugeben: Das Selbst-neu-Erfinden-Wollen hat auch mit meinem Alter zu tun – ich bin jetzt fast so alt wie J.Lo, wobei, nein, eigentlich nicht. Ich bin fast zehn Jahre jünger als sie. Aber ich sehe zehn Jahre älter aus. Und auch damit soll jetzt Schluss sein!

In den Januar bin ich jedenfalls schon mal sehr gut gestartet. Was meine Motivation bisher aufrecht erhält? Es ist nicht der Jahresanfang. Es ist der Umstand, dass sich meine Töchter mit dem „J.Lo-Programm“ so viel Mühe gegeben haben. Ich möchte, dass ihr Vorhaben gelingt.

P.S. Meine Coronainfektion hat das Programm leider ein wenig torpediert. Meine Schwägerin Goldstück, die Ärztin ist, hat gesagt, wir Erwachsenen sollten drei bis vier Wochen keinen Sport machen, also zumindest nicht laufen. Die sind noch nicht vergangen. Aber im Winterurlaub habe ich eine Mütze mit Kunstfell-Bommel getragen, von der meine Töchter behaupten, dass auch J.Lo so eine hätte. Das muss für den Moment reichen.

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