Zum ersten Mal: Cornwall

oder: Oh, wie schön ist Panama

Es gab eine Zeit, in der ich die Vorstellung hatte, ich könne vielleicht irgendwann mit dem Bloggen Geld verdienen, im besten Fall davon leben und dafür meinen Job an den Nagel hängen. Ich weiß eigentlich gar nicht genau, wie das funktioniert: mit dem Bloggen Geld verdienen. Wahrscheinlich über Anzeigenkunden oder Unternehmen, die einen als Werbepartner entdecken und über deren Produkte ich dann berichten müsste und Texte schreiben würde wie „Zum ersten Mal: Mit Weight Watchers zur Strandfigur.“

Damals habe ich auch darüber nachgedacht, dass ich ein ganzes Blog-Imperium aufbauen und zwei weitere Domains bestücken könnte: sophiebackt.com, unter der ich köstliche und garantiert gelingsichere Rezepte veröffentlichen würde, und sophiereist.com. Dort würde ich von unseren Road Trips, Städtereisen, Erholungsurlauben und Wochenenden im Grünen berichten.

Aber wer sagt eigentlich, dass ich auf meinem Blog nicht auch ohne Imperium übers Reisen schreiben darf? Ich versuche es jetzt einfach mal. Vielleicht kann ich ja jemanden für Cornwall begeistern.

Wir sind mit dem eigenen Auto unterwegs und haben uns Cornwall deshalb in Etappen genähert: von Berlin nach Köln, wo wir gute Freunde besucht haben, und von Köln über Calais zu einem kleinen Ort in der Nähe von Gatwick, wo wir ein weiteres Mal übernachtet haben. Von dort sind es noch schlappe 470 Kilometer bis nach Penzance in Cornwall, eine Gegend, in der in meiner Vorstellung alles nach Bananen duftet, mindestens aber nach Scones mit Clotted Cream und Jam, mein persönliches Panama also, das ich unbedingt finden möchte.

Mein Mann spult die Kilometer runter, er kommt in dieser Hinsicht nach seinem Vater, der mit seinen knapp 70 Jahren immer noch rund 1.150 Kilometer mehr oder weniger am Stück fährt, auch über Nacht. Unsere Kinder sind diesbezüglich auch hart im Nehmen, aber die Anfahrt von Berlin nach Cornwall mit dem Auto, eine Strecke von immerhin rund 1.500 Kilometern, ist sicherlich nicht jedermanns Sache. In Newquay gibt es einen Flughafen, der von einigen wenigen deutschen Städten angeflogen wird.

Wir machen einen längeren Zwischenstopp in Barrington Court, einem Garten, der vom National Trust betrieben wird, einer englischen Stiftung, die sich um den Erhalt von Schlössern, Burgen, Herrenhäusern und Gärten kümmert, aber auch für saubere Strandabschnitte und Natur sorgt. Eine Mitgliedschaft für zwei Wochen kostet rund 110 Euro, dafür sind alle Eintritte und Parkplätze umsonst.

Barrington Court.

Die A 303, eine Art Bundesstraße, die bis nach Penzance reicht, führt auch an Stonehenge vorbei. Der Steinkreis lässt sich aus dem Auto heraus gut erkennen, ist aber definitiv darüber hinaus einen Besuch wert. Wir waren während unserer letzten England-Reise im Jahr 2019 dort – neben zahlreichen anderen Touristen und Esoterikern, die mit Gongs und Klangschalen musiziert haben.

Als wir noch ungefähr eine Stunde zu fahren haben, fragt Supergirl meinen Mann: „Möchtest du etwas essen?“ „Nein, danke, ich habe keinen Hunger“, erwidert er. Daraufhin Supergirl: „Du könntest etwas aus Langeweile essen.“

In Cornwall haben wir zwei Unterkünfte, von denen aus wir sternförmig Ausflüge in die Umgebung unternehmen. Die erste liegt in New Mill, einer kleinen Ansammlung von Häusern nördlich von Penzance. Einfach vor die Tür treten, um an den Strand oder einkaufen zu gehen, ist hier nicht möglich, uns aber auch nicht wichtig. Die Abgeschiedenheit und Stille tut uns gut. Außerdem ist die Unterkunft eine der besten, die wir je gebucht haben, die Gastgeber sind so freundlich und nett, dass es unsere Herzen öffnet, alles in dem Häuschen fühlt sich nach Wellness an: der Ausblick aus dem Bad auf ein frischgemähtes Feld, auf dem sich abends Kaninchen und Füchse „Gute Nacht“ sagen, die bunt gestreiften Hamam-Tücher, die wir anstelle von Handtüchern vorfinden, die duftenden weißen Bettbezüge. Zur Begrüßung erwartet uns ein selbstgebackener „lemon drizzle cake“, einer der besten Zitronenkuchen, die ich je gegessen habe.

Willkommensgruß.

Unsere Töchter verlieben sich sofort in den Hund unserer Vermieter, Siddy, ein Deutscher Drahthaar-Pointer. Beim Spielen mit ihm traut sich sogar Baby Boss Englisch zu sprechen. Abends führt uns ein kleiner Spaziergang zu einer nahegelegenen Weide, auf der zwei Esel wohnen, die unsere Mädchen Cupcake und Loona taufen. Alles total idyllisch.

Zennor Head.

Wir haben vier ganze Tage vor Ort, fünf oder sechs hätten es aber auch ruhig sein können. Oder auch „immer“, aber das kommt ja leider nicht in Frage. Am ersten Tag zieht es uns nach St Ives: in den Ort und an einen von mehreren Stränden, den das Städtchen zu bieten hat. Auf dem Weg dorthin machen wir einen Abstecher nach Zennor Head, einer Landspitze, die malerisch ins türkisfarbene Meer ragt und ein Stück des berühmten South West Coast Path beheimatet, der unter anderem im lesenswerten Buch „Der Salzpfad“ von Raynor Winn beschrieben wird. Zennor Head und St Ives lohnen sich sehr.

St Ives.

Am zweiten Tag unseres Aufenthalts in New Mill besichtigen wir den wunderschönen Garten Trengwainton, der ebenfalls zum National Trust gehört, wir haben also freien Eintritt. Nachmittags besuchen wir zwei prähistorische Steinformationen – Lanyon Quoit, drei aufrechtstehende Monolithen mit Deckstein, und Men-An-Tol, ein runder Stein mit Loch in der Mitte. Vor allem die Kinder sind begeistert, in der Nachmittagshitze zu steinalten Kultstätten zu wandern. Nein, kleiner Scherz, sind sie nicht. Mir gefällt es der Maulerei zum Trotz sehr gut. Zum Men-An-Tol dauert es tatsächlich eine Weile zu Fuß, Lanyon Quoit steht fast direkt an der Straße auf einem Feld. Wir fahren weiter bis zum Cape Cornwall und genießen den wunderschönen Ausblick und weichen mit lautem Jauchzen den Wellen im Hafen aus, bis Supergirl von einer getroffen wird und klatschnass, aber glücklich ist.

Trengwainton Garden.
Men-An-Tol.

Am dritten Tag besichtigen wir das Minack Theatre, ein Amphitheater aus Granitstein mit sagenhaftem Blick auf die kornische Küstenlandschaft und das Meer (vorab via Internet buchen!). Von dort aus geht es direkt zum Strand (Porthcurno Beach) und für Supergirl, Baby Boss und mich ins 15 Grad kalte Wasser.

Minack Theatre.
Porthcurno Beach.

Am vierten und letzten Tag besuchen wir eines der Wahrzeichen Cornwalls: St Michael‘s Mount, eine Burg, die bei Ebbe zu Fuß, bei Flut nur noch per Boot zu erreichen ist, und die einen wunderschönen Garten beherbergt.

St Michael’s Mount.
St Michael’s Mount Garden.

Vom St Michael’s Mount fahren wir weiter nach Penzance, wo wir eine kleine Runde drehen, Scones, Clotted Cream und Jam einkaufen und über den Jubilee Pool im Art-déco-Stil staunen, den Baby Boss am liebsten gleich besuchen würde.

Jubilee Pool Penzance.

New Mill so schnell wieder zu verlassen, macht uns fast ein bisschen traurig. Aber wir haben noch eine weitere ganze Woche in einem anderen Ort in Cornwall vor uns und versüßen uns die Fahrt dahin mit einem Abstecher zu Englands Südspitze Lizard Point, wo wir mit Ferngläsern Seehunde beobachten können, die auf einem Felsen die Sonne genießen.

Lizard Point.

Danach geht es noch in den spektakulären Glendurgan Garden, dessen Wege aus dem Garten hinaus bis zu einem kleinen Strand führen, an dem wir eine Rast mit kornischem Eis machen. Bekannt ist Glendurgan vor allem für seinen Irrgarten aus Kirschlorbeerhecken, den der damalige Eigentümer Alfred Fox im Jahr 1833 für seine 12 Kinder anlegen ließ. „Wer als Erster da ist!“, ruft Supergirl und stürzt sich direkt in das Gewirr aus Wegen. Belle geht ein paar Meter, dann ist es ihr „zu heiß“. Baby Boss will zwischendurch unter Tränen abbrechen, elterliche Überredungskünste können sie gerade noch davon abhalten. Waren Fox‘ Kinder ähnlich herausfordernd?

Glendurgan Garden.

Die ersten Tage in Cornwall bekommen in unserer Urlaubsbewertung jedenfalls schon mal die volle Punktezahl von 10. Und ja: hier duftet alles nach Bananen, mindestens jedoch nach Scones mit Clotted Cream. Und das ist ja vielleicht sogar noch besser, zumindest solange ich nichts für die Weight Watchers schreiben muss.

9 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Cornwall“

  1. Liebe Sophie, so ohne Imperium lese ich dich lieber! 👍😍 Tipps für die Strandfigur gibt es schließlich wie Sand am Meer.
    Ein superschöner Urlaub, den ihr da macht. Aber die vielen Kilometer … puh. Das ist wie bei unseren Freunden aus UK, die gerade über Frankreich kommend bis in die Toskana fahren, gestern trafen wir sie am Lago Maggiore. Für uns sind die 900/1000 Kilometer bis nach Deutschland zur Familie das Schmerz-Limit. Ich bin gespannt auf Teil Zwei deines Berichts! Liebe Grüße Anke

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    1. Liebe Anke, ohne Imperium schreibe ich auch lieber! 😉 Meinen Job würde ich trotzdem gern an den Nagel hängen können. Oder sagen wir so: Zumindest umsatteln würde ich gern und Schriftstellerin werden. 🤓
      Die viele Fahrerei ist auch wirklich etwas strapaziös. Vielleicht probieren wir das nächste Mal die Flug-Mietwagen-Variante ab London aus. Ist natürlich auch eine Kostenfrage.
      Liebe Grüße (jetzt aus Devon)!

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  2. Was für ein wunderbarer Reisebericht mit deinen bildschönen Fotos. Ich kann mir gut vorstellen, wie es ist, dort einen Urlaub zu genießen, sich die Gärten anzusehen, auf das Meer zu schauen. Schade, dass Cornwall so weit weg ist….

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  3. Reiseberichte stehen dir auch gut, lesen sich weg wie nix und machen einfach Spaß :-). Ich freue mich auf mehr! Viel Spaß und reichlich tolle Augenblicke weiterhin! Ich schätze die Devon Rex Katzen stammen wohl aus Devon…vielleicht begegnet dir eine ;-).

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    1. Liebe Anja, vielen Dank für dein liebes Feedback. Ich muss gerade daran denken, dass meine Eltern früher immer ein Reisetagebuch geführt haben. So etwas habe ich nie gemacht. Aber vielleicht ist dieser Cornwall-Eintrag ja der erste Schritt in die richtige Richtung. Ich muss ja auch nicht alles veröffentlichen. 😉
      Liebe Grüße!
      PS Nach den Katzen werde ich Ausschau halten und dir eine mitbringen, falls ich eine sehe. 😉

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      1. Ach, bist du süß 😸!
        Ich habe viele Reisetagebücher geschrieben (mein erstes mit 13 Jahren) und es ist so wunderbar all diese Erinnerungen jederzeit wieder nachlesen zu können :-).

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