Zum ersten Mal: Teenies, die auf Smartphones starren

oder: Neuer Wind

Heute ist in Berlin der erste Schultag nach den Sommerferien. Meine Töchter haben Pläne für das neue Schuljahr geschmiedet, alle wollen sich irgendwie „anstrengen“. Noch im Urlaub wurden Zettel geschrieben mit der Aufschrift „Morgen-Rutine“ (Baby Boss), auf denen minutiös festgehalten ist, wie viel Zeit für das Packen der Schulsachen, das Zubereiten des Kaninchenfutters und das eigene Frühstück vorgesehen ist. Seit heute früh möchte Baby Boss ihr Müsli auch nicht mehr auf ihrem Hochbett serviert bekommen – jetzt füllt sie es sich selbst ein und sitzt dabei am Küchentisch. Sie ist in der fünften Klasse, ein Zeitenwechsel!

Allen Mädchen war es wichtig, dass ihre Fingernägel zum Schulbeginn lackiert wären – eine Aufgabe, die untrennbar mit mir verbunden ist, ebenso wie das Wäschewaschen, das Bettenbeziehen und allerhand andere niedere Tätigkeiten im Haushalt. Vielleicht gehört diese Arbeitsteilung aber bald der Vergangenheit an! Denn die Mädchen haben vor Schuljahresbeginn ihre Zimmer aufgeräumt und die Schulsachen sortiert. Sie haben regelrecht ausgemistet. Ganz von allein und ohne zu murren.

Es scheint ein neuer Wind zu wehen: über die Ordner und Collegeblöcke Belles, durch die in Locken gelegte Mähne Supergirls und über Baby Boss‘ sonnengebräuntes Gesicht. Und das hat nicht etwa damit zu tun, dass der Herbst vor der Tür steht und es kühl von unserem Balkon in die Wohnung zieht.

Baby Boss hat sich sogar vorgenommen, nach Jahren aufzuhören, an ihrer Unterlippe zu nuckeln, eine schlechte Angewohnheit, die sie wie einen minderbemittelten Bieber aussehen lässt. Nein, das war gemein. Sie ist natürlich sogar mit eingesogener Unterlippe herzerweichend niedlich. Das muss so sein. Sie ist mein Nesthäkchen. Ein Wort übrigens, das Belle nicht leiden kann.

Diesen neuen Wind, denke ich, diese Aufbruchstimmung muss ich nutzen. Mein Schwiegervater deutete im Urlaub an, dass ich vielleicht nicht konsequent genug sei. Dass ich sagen solle „Wenn du nicht gleich deinen abgeschleckten Joghurtdeckel aus dem Wohnzimmer räumst, darfst du heute Abend nicht fernsehen“. Also, das Beispiel habe ich mir jetzt ausgedacht, aber ich glaube, er meinte etwas in dieser Art. Ich solle mir diese „Gleich heißt nie“-Mentalität nicht gefallen lassen.

Und deshalb gibt es seit heute früh eine wirklich wichtige neue Regelung! Die hat zwar nichts mit Aufräumen zu tun, betrifft aber ein Verhalten, das mir ein viel größerer Dorn im Auge ist als am Boden liegende Joghurtdeckel, Zopfgummis und Wäscheberge zusammen. Bevor ich hier gleich weiter ausführe, möchte ich aber noch einen kleinen Schlenker machen.

Neulich deutete mein Bruder an, dass er glaube, dass sich seine Tochter (also meine Nichte) gern mal in einem meiner Texte wiederfinden würde. Meine Nichte ist ein ganz zauberhaftes Mädchen, deren Gutherzigkeit ganze Bücher füllen könnte. Es wäre also ein Leichtes, über sie zu schreiben. Wenn ich andere auf meinem Blog erwähne, bin ich allerdings immer etwas zurückhaltend, weil ich nicht allzu viel Persönliches preisgeben möchte. Deshalb nutze ich Pseudonyme und manchmal lege ich anderen Menschen Textpassagen vor, die sie betreffen, bevor ich einen Beitrag veröffentliche. Was meine Nichte betrifft, habe ich gewissermaßen auf einen Startschuss gewartet. Den habe ich jetzt von meinem Bruder bekommen.

Ich möchte aber nicht nur meine Nichte erwähnen, sondern auch meinen ebenso zauberhaften Neffen (Hallo, meine Süßen, ich grüße euch ganz herzlich!). Die beiden waren in den Sommerferien ein paar Tage bei uns zu Besuch, denn seit einiger Zeit wohnen sie nicht mehr in Berlin. Wir hatten eine wunderschöne Zeit zusammen. Gebt mir zu meinen eigenen Mädels noch ein paar Kinder dazu und ich bin in meinem Element!

Eines Abends, als mein Mann nach Hause kam, war es in unserer Wohnung mucksmäuschenstill. „Hallo?“ rief er schon vom Flur aus. Wir waren alle zuhause, ich weiß nicht mehr, was Baby Boss und ich gemacht haben. Aber alle Jugendlichen saßen in ihren Zimmern und starrten schweigend auf ihre Smartphones. Meine Nichte, mein Neffe und Supergirl befanden sich gemeinsam in einem Raum – aber sie unterhielten sich nicht, sie spielten nichts miteinander. Und ich glaube, erst in diesem Moment, in dem ich diese Vielzahl an schweigenden, aufs Handy starrenden Teenager sah, wurde mir bewusst, wie weit es mit der Smartphone-Nutzung gekommen war. Ich muss das vielleicht erklären: Bei meinen eigenen Kindern bin und war ich es aus den vergangenen Monaten nicht anders gewohnt, also zumindest nicht, was Belle und Supergirl betrifft. Baby Boss darf ich nicht mit in diesen Topf werfen, weil sie kein Smartphone besitzt und dementsprechend nicht stundenlang schweigend darauf starren kann. Aber als es plötzlich so voll war bei uns, aber dennoch so still, da dachte ich: Es gerät außer Kontrolle.

Nur, damit mich hier niemand falsch versteht: Ich will nicht bewerten, ob es gut oder schlecht ist, seine Zeit am Smartphone zu verbringen. Und ich will es erst recht nicht so darstellen, als ob die Kinder die ganze Zeit nur unnütze Dinge damit tun. Ich weiß auch nicht, ob meine Definition von „unnützen Dingen“ überhaupt maßgeblich ist. Mein Bruder und ich zum Beispiel haben als Jugendliche in den 90er-Jahren ziemlich viel ferngesehen: Baywatch, Beverly Hills 90210, Musikvideos auf MTV. Und ich habe nachmittags stundenlang telefoniert, zum Beispiel (oder ausschließlich?) mit Goldlöckchen. Ich gehöre also offenkundig zu der Generation, die im Jugendalter KEIN Smartphone besessen, aber dennoch in die Röhre geschaut oder am Telefon gehangen hat. Jetzt ist alles in diesem Mini-Computer zusammengefasst: telefonieren, chatten, sich mit Freunden austauschen, Videos anschauen, Musik hören, Nachrichten lesen, Hausaufgaben machen, Zerstreuung, Recherche. Wer bin ich, darüber zu entscheiden, was davon „unnütz“ ist?

Dennoch tat es mir leid zu sehen, dass die Cousins und Cousinen zwar gemeinsam in einem Zimmer saßen, aber dennoch weit voneinander entfernt zu sein schienen. Versteht jemand, was ich meine? Du da hinten mit dem „Friends“-T-Shirt vielleicht?  

Ich war hin- und hergerissen, wie ich mit meiner Beobachtung umgehen sollte (schließlich war ich für einen Teil der Gruppe nicht erziehungsberechtigt) – dann sprach ich das Thema Smartphone-Nutzung aber doch recht unverblümt (aber lieb!) an. Um es kurz zu machen: Wenig später spielten meine Nichte, mein Neffe und Baby Boss zusammen „Das Spiel des Lebens“. Und als wir genug Mitspieler zusammen hatten, wechselten wir zu einem interaktiven Kartenspiel und verwandelten uns das ganze Wochenende lang je nach Rolle in Werwölfe, Hexen, Seherinnen und Jäger. Ich glaube, das Smartphone vermisste in dieser Zeit niemand. Und ich habe festgestellt, dass meine Nichte eine kluge und vorausschauende Seherin sein kann und mein Neffe ein ziemlich gewiefter Werwolf-Bürgermeister.

Jetzt, wo bei uns dieser neue Wind weht, habe ich mich getraut, eine tägliche Obergrenze für die Smartphone-Nutzung festzulegen. Sie wurde hart zwischen Supergirl und mir verhandelt. Belle und mein Mann haben sie nur abgenickt. Ich habe dazu meine eigene Jugend mit Festnetztelefonie, Brandon und Brenda Walsh und MC Hammer zugrunde gelegt. Manches davon fanden meine Eltern vielleicht auch „unnütz“.

PS Ein bisschen kommt es mir so vor, als ob ich heute eine Reizwortgeschichte mit den vorgegebenen Begriffen Nesthäkchen, Festnetztelefonie und Werwölfe hätte schreiben sollen. War nicht so. Hätte aber geklappt.

16 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Teenies, die auf Smartphones starren“

  1. Da kann man ja neidisch werden, dass ihr innerhalb der Familie eine Dorfbevölkerung von Düsterwald zusammenkriegt.
    Wir brauchen immer eine Freizeit dafür, sonst kann man fast schon im Ausschlussverfahren feststellen, wer welche Rolle hat.

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    1. Das geht aber auch nur, wenn meine Nichte und mein Neffe mit dabei sind. Mein Mann und ich haben das Spiel vor ein paar Wochen das erste Mal gemeinsam mit ihnen und unseren drei Töchtern gespielt (die Kinder kannten es schon alle). Wir waren zwar nur zu siebt, aber total begeistert. Die Runden haben natürlich nicht allzu lange gedauert. Am Wochenende waren dann auch meine Eltern, mein Bruder und seine Ex-Frau in wechselnder Besetzung mit von der Partie. Da wurde es dann richtig spannend!!!
      Herzliche Grüße!

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  2. Ein sehr schöner Beitrag, der mich daran erinnert hat, dass die Diskussion über die Smartphonenutzung bei uns sicher auch irgendwann ansteht. Ich hoffe, ich kann sie noch bis zum Beginn der Oberschule hinauszögern!? (So, wie die dazugehörige Anschaffung)
    Bei uns spielen gerade fünf Fünftklässelerinnen seit über zwei Stunden im Kinderzimmer. Das Handy ist bei allen im Rucksack verstaut. Eins hat bereits zweimal geklingelt, jedoch keine Beachtung gefunden:-) Das bleibt hoffentlich noch eine Weile so.

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    1. Hihi, das ist ja süß! Hoffentlich war es kein wichtiger Anruf. 😉
      Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es gut ist, wenn alle Eltern aus einer Schulklasse am selben Strang ziehen und das Smartphone erst sehr spät Einzug halten lassen. Irgendwann lässt es sich dann aber nicht mehr aufhalten.
      Supergirl hat ihr erstes richtiges Smartphone erst zum Wechsel aufs Gymnasium in der siebten Klasse bekommen. Seitdem ist es leider aber auch kaum mehr aus dem Alltag wegzudenken. Dafür schauen die Mädels aber so gut wie nie Serien oder Filme. Da waren mein Bruder und ich wirklich ganz anders.

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  3. Brenda, Brandon und Dylan werden nie in der Kategorie „unnütz“ sein! Danke, liebe Sophie, dass es außer mir noch jemanden gibt, der noch weiß, von wem die Rede ist! 🙂

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  4. Liebe Sophie,
    du hast ja mal wieder „den Nagel auf den Kopf getroffen“. Ich habe mich sehr über die liebevollen Beschreibungen der unterschiedlichen Charaktere gefreut.

    Bin selbst ein Fan von „Werwolf“ geworden, obwohl ich wegen des Namens erst skeptisch war.

    Als ich im Alter der Kinder war, haben Fernsehen und Smartphone noch keine Rolle gespielt. Es wurden häufig die Würfel, Karten und Spielbretter hervor geholt, um Spaß miteinander zu haben.

    Nun kann ich vom Wissen meiner Enkelkinder profitieren, die mir beim Umgang mit den neuen Medien gerne hilfreich zur Seite stehen.

    Ich habe den neuen Blog wieder sehr genossen.

    Es grüßt recht herzlich der „Follower“

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  5. Schick mal was von dem neuen Wind zu uns rüber, bitte! 😄 Vielleicht liegt es daran, dass 3 Monate Ferien zu lang sind, aber diese Aufbruchstimmung sehe ich hier noch nicht. Morgen in zwei Wochen geht es bei uns aber auch endlich weiter.
    Unsere Mädels haben in der sechsten Klasse, nach ein paar Monaten auf der neuen Mittelschule, auch ein Handy bekommen, nachdem praktisch alle eins hatten und sogar die Lehrer davon ausgehen, dass sich die Kinder daheim für gemeinsame Hausaufgaben per WhatsApp verabreden. Das ist sowieso das Problem für eine Zeitbeschränkung, die wir für die Jüngste auch installiert haben: Da sie das Gerät auch für Hausaufgaben nutzt, wartet sie natürlich immer gerade auf eine Antwort einer Mitschülerin, wenn ihre Zeit abgelaufen ist. Dann drückt sie den „Panic Button“ und bekommt vom Papa Extra Time. Ich hoffe, deine Mädchen lesen das jetzt nicht. 😉

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    1. Als wir im Urlaub in Rumänien waren, bin ich mit einer Kindheitsbekanntschaft meines Mannes ins Gespräch gekommen, die jetzt auch in Italien lebt. Da waren diese dreimonatigen Sommerferien auch kurz Thema und ich musste an dich denken. Das ist eine wirklich lange Zeit und so gern ich die Kinder um mich herum habe – sich ein „Programm“ für drei Monate zu überlegen, muss man auch erst mal schaffen!!! Wir waren jedenfalls alle ganz zufrieden damit, dass die Schule heute wieder angefangen hat – nach 6 1/2 ereignisreichen Wochen.
      Über den „Panic Button“ musste ich herzlich lachen. Die Begrenzung der Smartphone-Zeit ist bei uns so entgegenkommend geregelt (finde ich), dass auch die Hausaufgaben mit umfasst sein müssten. Hoffe ich zumindest. Wir haben übrigens keine Sperre installiert. Jemand hat allerdings angekündigt, dass die Handys am Wochenende vorgelegt werden müssen. (Das war Herr von Mami, glaube ich.)
      Ich will mich übrigens auch nicht aus der Begrenzung rausnehmen. Heute war ich bisher 1 Stunde und 2 Minuten am Handy. Das scheint mir ganz in Ordnung zu sein.

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  6. Es ist sicherlich sinnvoll, Grenzen zu setzen, wenn der Nachwuchs es selbst nicht schafft…
    Was ich persönlich besonders schade finde: Die heutige Jugend liest fast gar nicht mehr. Ich habe als Jugendlicher viel gelesen – und auch wenn es nicht immer Dostojewski oder sonstige Klassiker waren, wirkt sich das Lesen immer positiv auf spätere Fertigkeiten aus, die mit Text und Sprache zusammen hängen.

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    1. Eine Weile habe ich gedacht, die Kinder könnten sich vielleicht eigene Grenzen setzen. Aber dann bin ich doch darauf gekommen, dass das vielleicht zu viel Verantwortung für sie ist. Außerdem hat die Smartphone-Nutzung ein Stück weit etwas von einer schlechten Angewohnheit. Man greift einfach zum Handy und schaut etwas nach oder an. Es ist schwer, allein davon wegzukommen.
      Ich habe – wie beschrieben – als Jugendliche sehr viel vor dem Fernseher gesessen. Im Nachhinein habe ich mich auch gefragt, warum meine Eltern das nicht zeitlich begrenzt haben. Wahrscheinlich hätte ich das akzeptiert wie jetzt meine Töchter die Begrenzung der Smartphone-Zeit.

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  7. Danke, liebe Sophie, für den neuen, wunderbaren Blog, der mir soviel Freude bereitet und an gemeinsame, fröhliche Stunden erinnert hat, die wir zum Teil mit Werwölfen verbracht haben.
    Übrigens: Du hast dich vor der Schule von Goldlöckchen verabschiedet, bist zehn Minuten später zuhause angekommen und hast sofort mit ihr telefoniert – stundenlang….

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    1. Mit einem roten Telefon und eigenem Anschluss, den ihr uns habt legen lassen, damit eure Nummer nicht ständig besetzt ist! Ich erinnere mich. Und gerade ist mir auch die Telefonnummer eingefallen, die wir damals hatten. Weißt du die auch noch?

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