Immer wieder: Auf der Waage

oder: Zwischen Missy und J.Lo

Ich bin jemand, der gern isst und der gern die Figur eines Topmodels hätte. Den Traum von den idealen Maßen habe ich aus den 90ern in mein jetziges Leben hinübergerettet. Er stammt aus der Zeit, in der Cindy Crawford, Linda Evangelista und Naomi Campbell das Schönheitsideal maßgeblich beeinflusst haben und omnipräsent waren, zum Beispiel in dem sehr sehenswerten Video zum George-Michael-Klassiker „Freedom“. Wenn ich genau darüber nachdenke, weiß ich nicht, ob ich wirklich davon sprechen möchte, dass ich den Traum hinübergerettet habe. Vielleicht hängt er mir eher nach oder verfolgt mich sogar. Ich glaube, seit den 90ern ist kein Tag vergangen, an dem ich mich nicht wenigstens einmal kurz kritisch im Spiegel beäugt hätte (meine Schwangerschaften sind davon ausgenommen).

Ich bin jemand, der gern im Sinne der Body Positivity mit sich leben würde, der daran glaubt, dass wahre Schönheit nicht an Äußerlichkeiten hängt. Ich bin jemand, der versucht, seinen Töchtern ein gutes Gefühl für ihren Körper zu vermitteln. Der einerseits Komplimente verteilt, um deren Selbstbewusstsein zu stärken (die drei sind aber auch einfach wirklich sehr schön, ich muss ihnen nichts vormachen), der andererseits aber tunlichst vermeidet, Äußerlichkeiten überzubewerten. Viel häufiger erwähne ich ihre Gutherzigkeit, ihren Mut, ihren Sinn für Gerechtigkeit und allerhand andere positive Eigenschaften und so genannte social skills.

Ich gebe mir Mühe, meinen Töchtern ein gutes Vorbild zu sein: kein Kalorienzählen im Beisein der Kinder, keine Genussfeindlichkeit, kein Verzicht auf Mahlzeiten, kein Gerede über Diäten. Dennoch frage ich mich manchmal, ob das genügt. Auf meine Töchter prasseln so viele Eindrücke von außen ein – ich schaffe es gar nicht, mich mit meinen Bemühungen zwischen sie und TikTok, Instagram und Co. zu schieben. Ich kann nicht verhindern, dass sie mit überzogenen Schönheitsidealen bombardiert werden und mit durch Filter verzerrter Realität.

Wenn ich mir bewusst mache, wie sehr die 90er-Jahre mein Schönheitsideal geprägt haben – Pamela Anderson zum Beispiel mit ihren operierten Brüsten, die selbst beim Joggen am Strand in Form blieben –, muss ich vielleicht geradezu froh sein, dass es nur das war. Soziale Medien, wie sie heute die Entwicklung von Millionen von Teenagern bestimmen oder zumindest mitbestimmen, gab es erfreulicherweise nicht.

Aber heute wie damals fallen Sprüche in der Schule oder im sonstigen privaten Umfeld, die vielleicht noch viel größeren Schaden anrichten und in Erinnerung bleiben. Weil sie noch unmittelbarer sind. So wie bei mir. Zu Grundschulzeiten habe ich zum Beispiel beim Ballettunterricht einer Freundin zugeschaut und eigenes Interesse bekundet. Meiner Erinnerung nach fand mich die Lehrerin „zu dick“. Dasselbe hörte ich bei einer sportmedizinischen Untersuchung – auch da war ich noch ein Kind. Und ich weiß noch, wie ein Freund meines Bruders ein Bild von mir im Badeanzug mit den Worten kommentierte: „Mann, ist die dick.“ Weil hier ja kaum jemand weiß, wie ich als Kind ausgesehen habe: Ja, ich war vielleicht pummelig, aber dick? Ich weiß nicht. Und selbst wenn: Ich glaube nicht, dass es zuträglich ist, wenn einem das immer wieder gesagt wird.

Ich lese gerade ein Buch, das meine Blogger-Freundin Anke geschrieben hat. In einer Szene geht die sechzehnjährige Protagonistin im Straussee bei Berlin baden und befürchtet, dort Bekannte zu treffen: „Ich zog den Bauch ein und tänzelte mehr oder weniger elegant über das trockene, piekende Gras in Richtung Badestelle.“ Ich habe auch den Hang dazu, meinen Bauch einzuziehen, wenn ich einen Bikini trage – und hätte nicht gedacht, dass es auch anderen so gehen könnte. Das mit dem Bauch merke ich übrigens gar nicht mehr richtig, es ist antrainiert. Vielleicht brauche ich noch ein paar Termine im Freibad, um das wieder loszuwerden.

Zu Abizeiten verglich mich mal ein Mitschüler mit der US-amerikanischen Rapperin Missy Elliott, dabei war ich damals eher schlank. Ich weiß, dass er nicht das Aussehen, sondern eher die Art oder den Coolness-Faktor meinte. Als Kompliment habe ich es dennoch nicht wirklich empfinden können. „Wieso denkt der denn ausgerechnet an Missy Elliott, wenn er mich sieht? Es gibt auch andere coole Frauen.“ Ich wäre natürlich viel lieber mit J.Lo verglichen worden, damals noch Jennifer Lopez. Das gilt auch heute. Wenn mir also mal jemand etwas Nettes sagen möchte …

Apropos: Ich bin nie jemand gewesen, der viele Komplimente für sein Aussehen bekommen hat. Das passiert mir übrigens auch heute nicht. Man kann sich auf den Standpunkt stellen, dass man es auch gar nicht nötig hat zu hören, ob man anderen gefällt. Hauptsache, man gefällt sich selbst. Ich weiß aber nicht, ob das so einfach ist. Ich zum Beispiel würde sagen, dass ich mein Aussehen bis heute nicht vernünftig einschätzen kann. Das klingt vielleicht seltsam oder unerwachsen und wahrscheinlich auch wenig selbstbewusst. Aber in diesem Zusammenhang habe ich auch nicht allzu viel erlebt, das mir geholfen hätte, ein gesundes Selbst- und Körperbewusstsein aufzubauen. Es tut mir auch leid, dass ich mein kindliches Pummel-Ich und die damit verbundenen Erfahrungen nicht einfach abstreifen kann, um anderen ein tolles Vorbild zu sein, das zu seinen Ecken und Kanten ebenso steht wie zu seinen Kurven und Dellen.

Wie soll man dieses Selbstbewusstsein aufbauen? Wo führt er entlang, der Weg zur Body Positivity? Das sind ernstgemeinte Fragen, denn genau in diesem Punkt möchte ich meine Töchter und am besten auch alle anderen Töchter aller anderen Mütter stärken – und natürlich auch die Söhne, denn der ganze Körperkult geht ja auch an ihnen nicht spurlos vorüber. Besonders bewegt hat mich in diesem Zusammenhang das Portrait über Ed Sheeran – einer meiner Lieblingssänger –, das im März dieses Jahres online beim Rolling Stone Magazin erschienen ist und in dem er von seiner Essstörung erzählt: „Also habe ich mich dabei ertappt, wie ich das tat, worüber Elton [John] in seinem Buch spricht – fressen, und dann kam es wieder hoch.“ (Elton John drückt es so aus: „Ich hatte Bulimie entwickelt.“)

Auch das ist mir nicht fremd, ich kenne es aus meiner Jugend. Es waren die 90er-Jahre.

9 Kommentare zu „Immer wieder: Auf der Waage“

  1. Was für ein sensibles Thema, danke, dass du das ansprichst. Und hochaktuell auch für meine Töchter und die von Bekannten. Ich kann von mir behaupten, dass ich für mich selbst im Reinen bin. Seit etwa zehn Jahren hat mich die Waage nicht mehr gesehen. Auch, weil die Kilos doch absolut irrelevant sind, das Gefühl muss passen. Man muss sich wohlfühlen, die Hose darf am Bund nicht kneifen, und gut. Auch mit zwei Kilos „zu viel“. Aber die Kinder sind leider so vielen ungesunden Einflüssen im Internet ausgesetzt. Damals gab es eine Handvoll Supermodels und Baywatch, jetzt gibt es für alle Tendenzen und Diäten massenweise Content, vor dem wir sie nicht vollkommen abschirmen können.
    Lieb von dir, dass du aus meinem Roman zitierst. Bei der jungen Protagonistin ist es zum Glück nur Koketterie. Aber weißt du, worum es in meinem ersten Roman ging? Um Bulimie. Er spielt in den 90er-Jahren (Treffer!), die Protagonistin ist Mitte zwanzig. Aber er zeigt auch eine Lösung auf: Wenn man das tut und lebt, womit man glücklich ist, wenn man seinen Platz oder seine Berufung gefunden hat, dann wird Essstörungen der Nährboden entzogen. Es ist sicher kein Zufall, dass viele Künstler als Kinder oder Jugendliche übergewichtig waren und gehänselt wurden, neben deinen Beispielen weiß ich auch von Tiziano Ferro, Marco Mengoni … Nun können nicht alle Künstler werden, aber ihren richtigen Platz im Leben finden und den Kopf voller Ideen und Lebenslust haben, statt Frust und Langeweile. Das schon. Hoffen wir, dass es uns gelingt, unseren Kindern auf diesem Weg zu helfen. Es wird nicht einfach, fürchte ich.
    Liebe Grüße, Anke

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    1. Es war ein kurzer Moment des Wiedererkennens, als ich die Stelle in deinem Roman gelesen habe. Ob Koketterie oder ehrliche Selbstzweifel – ich finde es bezeichnend und interessant, dass einem die Außenwirkung überhaupt so wichtig ist, dass man sich (noch) dünner macht, weil man meint, dass es besser ankommt. (Bei einer Sechzehnjährigen finde ich das auch nachvollziehbarer als bei mir.) Daran sieht man jedenfalls, wie tief diese Schönheitsideale in uns verwurzelt sind.
      Total interessant auch, dass du zuvor schon über Bulimie geschrieben hast. Wie bist du darauf gekommen? Ich hoffe, der Roman liegt nicht einfach nur in einer Schublade! Das Thema scheint mir gerade wieder so aktuell zu sein. Leider!
      Das Ed-Sheeran-Portrait ist übrigens wirklich lesenswert. Er hat sich mit anderen Stars wie Shawn Mendes und Justin Bieber verglichen und fragte sich, wieso die einen Waschbrettbauch haben und er nicht. Schon interessant, dass auch ein Megastar solche Selbstzweifel mit sich herumträgt. (Ich finde ihn übrigens tausendmal besser als die anderen genannten.)
      Ja, mal sehen, wie wir unsere Töchter da durchbringen. Ich befürworte es ja sehr, dass sie sich sportlich betätigen, weil das auch zu einem guten Körpergefühl verhilft, oft völlig unabhängig von der Figur. Bei mir selbst merke ich das auch: Seitdem ich laufe, nehme ich mich anders wahr. Ich mag es, diese Stärke zu spüren, dieses Durchhaltevermögen, mit dem ich bei mir im Zusammenhang mit Langstreckenlauf nicht im Geringsten gerechnet hätte.
      Manchmal denke ich, dass ich gern einen Lauftrainer-Schein machen und eine Laufgruppe mit Frauen starten würde, die von sich denken, dass sie läuferisch die absoluten Anti-Talente sind. Das habe ich nämlich auch über mich gedacht. Aber der Schein trog (oh Mann, die Vergangenheitsform habe ich sicherheitshalber nochmal nachgeschlagen). Jetzt schaffe ich sogar 10 Kilometer. Das macht mir ein extrem gutes Gefühl.
      Liebe Grüße zurück!!!

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      1. Wow, du läufst 10 Kilometer. Irre! Ich fange jetzt, wo es nicht mehr so heiß ist, gerade an, wieder regelmäßig „sportlich straff“ spazieren zu gehen. Wie du richtig sagst: gutes Körpergefühl, Figur passt dann meist auch. Für die Kinder fände ich Training in der Gruppe am besten, in Sachen Freundschaften und Teamgeist. Bei uns ist es aber gerade schulisch dermaßen anstrengend, dass sie sich nicht für feste Termine verpflichten wollen. Die Große geht unregelmäßig ins Fitnesscenter und die Kleine übt zuhause, will aber zumindest einmal pro Woche wieder zum Tennis gehen.

        Mein erstes Buch habe ich vor langer Zeit auf eigene Kosten in kleiner Stückzahl drucken lassen. Es war der Kinofilm „Hunger – Sehnsucht nach Liebe“, und eigene Lebensumstände, die mich inspiriert hatten, in einer fiktiven Geschichte das Thema Glückssuche zu behandeln. Und dabei ist es eben nicht die Liebe bzw. ein Partner, der die Lösung bringt. Die findet man nur in sich selbst.
        Liebe Sophie, hab ein erfülltes Wochenende, mit Sport, gutem Essen, Familie und dem Schreiben! Reihenfolge austauschbar und nebensächlich.🙂

        PS: Ich mag übrigens Shawn Mendes. Optisch und musikalisch. Man müsste nochmal jung sein, hi hi. 😉

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  2. Schwieriges Thema.
    Dem Thema „Schönheit“ wird halt immer so viel Wert beigemessen. Und natürlich sagt man seinen Kindern, dass es auf die inneren Werte ankommt. Dass das nicht stimmt, belegte neulich sogar eine Studie – hübsche Menschen bekommen leichter einen Job, einen Partner bzw. werden hübsche Kinder sogar in der Schule bevorzugt oder bekommen leichter Hilfe.

    Ich bin absolut durchschnittlich aussehend. Aber meine Güte – wie hab ich als Teenie die hübschen Mädchen beneidet. Wie gern hätte ich mehrere Verehrer gehabt und wäre der Gegenstand diverser Eifersuchtsdramen gewesen.

    Und klar sollte man Teenies stärken – Aussehen allein ist nicht alles. Aber gleichzeitig bekommt man ja auf allen Kanälen mit, dass es nicht stimmt. Da geht’s ja nicht nur um körperliches – auch die Kürbissuppe vom Mittagessen, der Tag am Baggersee… wird auf auf Instagram schön in Szene gesetzt. Da kommt man sich ja schon fast doof vor, wenn man eine Suppe ganz ordinär aus dem Topf serviert und fragt sich – während man selbst die Ameisen auf der Badedecke betrachtet – warum bei anderen eigentlich immer alles toller ist.

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    1. Ich hätte auch sehr gern im Mittelpunkt von Eifersuchtsdramen gestanden und musste sehr über diese Stelle deines Kommentars lachen. Auch über die Ameisen übrigens!
      Was du über die Studie schreibst, finde ich sehr interessant und auch krass, aber es überrascht mich leider nicht …

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  3. In einer idealen, wohlmeinenden Welt könnte man Selbstvertrauen aus sich selbst heraus gewinnen… Leider hören wir aber dann doch auf das, was uns die anderen sagen, mit dem Ergebnis, dass man sich schlecht fühlt, wenn man nicht irgendwelchen „Normen“ entspricht.
    Danke für deine mutigen und aufschlussreichen Zeilen!

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