Zum ersten Mal: Ed Sheeran in München

oder: Familienbande

Der Beitrag könnte mit einem rosa-weißen Heliumballon beginnen, mit dem diesjährigen Neujahrsmorgen oder schon sehr viel früher: an einem warmen, sonnigen Herbsttag im Jahr 2006. Mit dem Ballon wurden mein Mann und ich am vergangenen Wochenende am Hauptbahnhof in München von seiner Schwester empfangen, die ich schon einmal erwähnt und zurecht ein Goldstück genannt habe. Mir hat seit langer Zeit niemand mehr einen Heliumballon geschenkt, vielleicht habe ich sogar noch nie einen bekommen, ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern.

Ich kenne nur wenige Menschen, denen es gelingt, mit einer einzigen Geste so viel Herzlichkeit und Vorfreude auf die gemeinsame Zeit, so viel Zuneigung und so viel Unbeschwertheit auszustrahlen. Eben noch war ich eine unter hunderten Reisenden, die mit Rucksäcken und Koffern beladen wie Ameisen über die Bahnsteige und durch die Ankunftshalle wuselten. Im nächsten Moment stach ich aus der Masse heraus: Ich war die Einzige mit einem Ballon in der Hand. Ich war die, die vor lauter Leichtigkeit fast über den Köpfen der anderen schwebte und dabei wie ein Honigkuchenpferd strahlte. Ich war herzlich willkommen in München.

Am Neujahrsmorgen 2022 konnte ich meinen Mann, den ewigen Sparfuchs, dazu überreden, diesen Kurztrip zu unternehmen, um seine Schwester und eines von drei Ed-Sheeran-Konzerten zu besuchen, die dieser dort spielen würde – in der bayerischen Landeshauptstadt und nicht etwa in Berlin.

Im Herbst 2006 haben mein Mann und ich geheiratet, und ich habe damit nicht nur eine besondere Bindung zu ihm besiegelt, sondern auch Familienbande zu einer Handvoll Menschen geknüpft, die ich ohne meinen Mann wahrscheinlich nie kennen und vor allem nicht lieben gelernt hätte: meine Schwägerin, meine Schwiegereltern, Cousinen und Cousins, Onkel und Tanten, Großcousinen, Patentanten meines Mannes – und nicht zu vergessen: den einen oder anderen Pudel.

Meinen Freundeskreis habe ich mal mit einem Orchester verglichen. Meine Familie – auch die angeheiratete – ist mehr als das. Es ist die Entourage, die mit uns auf Tour geht. Die Tour, die „Leben“ heißt. Unsere Familien sind die sogenannten Roadies, die sich auch für die schwersten Aufgaben nicht zu schade sind, die unsere Bühne, die Tontechnik und die Lichtanlage aufbauen, um uns den großen Auftritt zu ermöglichen. Anders gesagt: die ihren Beitrag dazu leisten, dass wir so leben können, wie wir es tun. Die uns mit ihrer Liebe und Zuneigung und zuweilen auch Geschenken überhäufen, uns mit Rat und Tat zur Seite stehen, uns unter die Arme greifen, wenn es nötig ist. Die all das tun, ohne je eine Gegenleistung zu erwarten. Die wissen, dass wir dasselbe für sie tun würden.

Ein Kurztrip nach München, wie wir ihn am vergangenen Wochenende unternommen haben, wäre ohne unsere Familien nicht denkbar und nicht annähernd so schön gewesen: wenn meine Eltern nicht drei Tage und Nächte auf unsere Töchter aufgepasst hätten, die Mädchen morgens nicht geweckt und abends nicht ins Bett geschickt, Pausenbrote geschmiert, Trinkflaschen aufgefüllt, nach den Hausaufgaben gefragt und Essen gekocht hätten. Wenn wir nicht bei meiner Schwägerin hätten wohnen können, die uns wie selbstverständlich ihr Bett überlassen und selbst auf dem Sofa geschlafen hat. Die für uns eingekauft und uns bewirtet hat, als wären wir im Robinson Club: Kaffee und Eier gekocht, Käse aus Österreich aufgetischt, Obstsalat geschnippelt. Die uns am liebsten jeden Tag ins Restaurant eingeladen hätte. Die mit uns an der Isar gejoggt, ins Museum und ins Kino gegangen ist. Die so herzlich, gutherzig und großzügig ist, dass sie dringend Nachahmer finden sollte. Die dieses verlängerte Wochenende zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht hat.

Sollte ich jetzt vielleicht auch noch Ed erwähnen, mit dem ich leider nicht verwandt oder verschwägert bin? Der war natürlich auch fantastisch!!! Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob auf mein Urteil Verlass ist. Ich bin nämlich sehr leicht zu begeistern. Man stelle mir einen Mann oder auch eine Frau oder eine Band auf die Bühne, gebe ihnen Instrumente in die Hand und lasse sie singen – und ich bin schockverliebt und zu keinem klaren Gedanken mehr fähig. Wer dennoch meine Einschätzung lesen will: Das Konzert war spektakulär! Großartig! Phänomenal! Der Mann kann einfach alles: singen, rappen, laut, leise, Ballade, Krawall, allein mit Loop Station und gemeinsam mit Band. Und Lichtshow. Und Feuerwerk. Fast das Beste an ihm ist: Er ist so sympathisch, dass man ihn am liebsten heiraten / adoptieren / als Bruder an seiner Seite haben möchte. Beim Auftritt trug er ein T-Shirt mit der Aufschrift „Munich“ und, als er die Zugabe spielte, ein Fußballtrikot der deutschen Nationalmannschaft. Er erzählte, er sei in München im Zoo und im Museum gewesen (leider nicht zeitgleich mit uns und vielleicht auch nicht im selben. Wir waren in der Alten Pinakothek, und du Ed?). Es ist wie so oft im Leben: Es sind die kleinen Dinge, die zählen. Die den entscheidenden Unterschied machen. München-T-Shirts. Obstsalat. Heliumballons.

Und falls ihr euch fragt, ob ich nochmal zu einem Ed-Sheeran-Konzert gehen würde, so lautet meine Antwort: Ja, ich will! Aber ich würde auch ohne Konzert jederzeit wieder nach München fahren. Einzig und allein, um meine Schwägerin zu sehen.

3 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Ed Sheeran in München“

  1. Eine wunderbare Hommage an deine doppelte Familie.
    Im Herbst 2006, welch ein Zufall! Wir haben im Sommer desselben Jahres geheiratet. Bei uns könnte mein Mann vielleicht etwas ähnliches schreiben. (Wenn er denn schreiben würde. 😉) Ich denke, er fühlt sich so sauwohl, wie du bei deiner Schwägerin, bei meiner Schwester in Dresden, die uns alle immer wie eine Mutter mit offenen Armen empfängt. Mein Mann hat in meine deutsche Familie eingeheiratet und eine gute Partie gemacht. Leider hat er selbst praktisch keine Familie (mehr). Da ist es nochmal doppelt bedeutsam, in der Familie des Partners so gut aufgenommen zu werden.
    Ein Konzert ist immer eine gute Idee, mal dem Alltag zu entfliehen und das Leben zu feiern. Wenn es dann noch so ein netter Künstler ist wie Ed … Liebe Grüße nach Berlin! Anke

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    1. Ich denke, es ist nicht selbstverständlich, dass man so viel Glück mit seiner Schwiegerfamilie hat, und irgendwie wollte ich meiner Freude darüber gern mal Ausdruck verleihen. Meine Schwägerin ist wirklich ein Schatz. Und das trifft auch auf meine Schwiegereltern und den Rest meiner angeheirateten Familie zu. Ich habe alle in mein Herz geschlossen. (Falls ihr das hier lest: Liebe Grüße!!!)
      Ja, und Ed, der ist wirklich einfach fantastisch. Also, falls er mal nach Italien kommt, würde ich an deiner Stelle hingehen. 😉

      Gefällt 1 Person

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