Immer wieder: Hände waschen

oder: Zwänge reloaded

Es gibt Dinge, die sich wie ein roter Faden durch mein Leben ziehen: zum Beispiel der Spaß, den ich beim Schreiben empfinde, und meine Zwangsstörung.

Als Jugendliche habe ich zwei „Bücher“ geschrieben. Ich muss das jetzt einfach mal in Anführungszeichen setzen, auch wenn ich finde, dass sie den Lesefluss unterbrechen. Sie heißen „Nelson und Anika“ und „Levi – Oder wie lernt man zu leben?“. Beide Texte liegen bei meinen Eltern, ich weiß eigentlich gar nicht mehr genau, worum es geht. Ich erinnere mich nur daran, dass es Liebesgeschichten sind, solche, wie ich sie damals selbst gern erlebt hätte, aber nicht erlebt habe.

Schon als Kind hatte ich zwanghafte Verhaltensweisen. Ich kann mich daran erinnern, wie ich beim Lesen vor- und zurückgeblättert und die Seitenzahlen kontrolliert habe, weil ich Sorge hatte, ich könnte eine Seite überblättern. Das störte mich, es kostete Zeit. Als ich älter war, musste ich bestimmte Zeichen mit der Hand machen, wenn ich mich von meiner Mutter verabschiedete, um in die Schule zu fahren. Sie winkte vom Balkon und ich gestikulierte, schob die Hand vor meinem Gesicht von links nach rechts und hob dann den Zeigefinger. Das Ganze sollte „Fahr vorsichtig“ bedeuten und ich musste die Geste meist mehrmals ausführen, weil ich es vielleicht nicht ganz richtig gemacht hatte. Und nur, wenn es ganz richtig war, konnte es auch Wirkung entfalten, das heißt: meine Mutter beschützen. Ich fühlte mich für vieles verantwortlich, das kann auch eine Last sein.

Im Laufe meines Lebens spielten meine Zwänge mal eine größere, mal eine kleinere Rolle, aber sie waren und sind nie ganz verschwunden. Wenn meine Zwangsstörung in guten Zeiten quasi nur als Statistin in einer Massenszene auftritt, ist sie doch immerhin noch so präsent, dass die Kamera ein kleines Weilchen an ihrem Antlitz hängenbleibt. Als Statistin zeigt sie nicht die übliche hässliche, furchteinflößende, mich oft an meiner eigenen Wahrnehmung zweifeln lassende Fratze, die sie trägt, wenn sie die Hauptrolle spielt. Sympathisch ist sie allerdings nie. Das liegt unter anderem daran, dass sie mindestens skeptisch, meist sogar argwöhnisch aus der Wäsche schaut. Ganz so, als würde sie unaufhörlich fragen: „Na, bist du dir wirklich sicher? Ich meine: Bist du dir wirklich, wirklich sicher? Wirklich ganz sicher?“

Die Zwangserkrankung hat mich zum Beispiel bei meiner Berufswahl beeinflusst. Ich wusste, dass ich keinen Job machen kann, bei dem ich viel Verantwortung trage: Ärztin etwa oder Erzieherin. Ständig würde ich darüber grübeln, ob ich alles „gut“ und „richtig“ mache. Ich könnte keine Medikamente verabreichen, ohne dass ich jemanden fragen müsste, ob ich zu viel oder zu wenig auf die Spritze gezogen hätte, jemand müsste auf die Skala schauen und kontrollieren, ob ich das richtige Medikament gewählt hätte. Ich wäre eine Zumutung für meine Kollegen! Ich könnte auch keinen Bus fahren, keine Straßenbahn und natürlich erst recht kein Flugzeug fliegen. Als Journalistin hat man es einfacher, habe ich gedacht, aber das war leider auch irgendwie ein Irrglaube. Manchmal setzt mir die Genauigkeit, mit der ich arbeiten muss, wahnsinnig zu. Jeder Leserbrief, der einen Fehler aufdeckt, und sei es auch nur ein vermeintlicher, triggert mich bis zum Geht-nicht-mehr. Es gibt Leser, die die Zeitschrift, für die ich schreibe, sammeln, archivieren, sich Sätze mit Textmarker anstreichen und Seiten mit Klebezetteln hervorheben. Herrje, was für ein Druck!

Bei einer Zwangsstörung ist es wie bei anderen psychischen Erkrankungen auch: Stress verstärkt die Symptome. Der Monat November, den ich im Übrigen ohnehin nicht leiden kann, war diesbezüglich eine Katastrophe. Begonnen hat er mit dem Einbruch in unseren Mietwagen im Urlaub. So etwas erschüttert mich leider bis ins Mark. Folge: erhöhtes Sicherheitsbedürfnis. Gefahrenstufe: rot. Mindestens. Wir haben jetzt zum Beispiel ein Lenkradschloss in unserem Auto, obwohl es keinen direkten Zusammenhang zur Tat gibt, uns ist schließlich nicht der komplette Wagen gestohlen worden.

Wenn ich unterwegs bin, checke ich wieder verstärkt meine Handtasche. Portemonnaie, Handy, Schlüssel? Alles noch da? Eigentlich brauche ich das nicht, weil meine linke Hand seit dem Diebstahl ständig auf meiner Tasche liegt und den Reißverschluss abdeckt.

Wir haben auch das Schloss an unserer Wohnungstür ausgetauscht. Denn der Schlüssel meines Mannes befand sich in einem der gestohlenen Rucksäcke. Ich dachte, dass es nicht ganz auszuschließen wäre, dass unser Wohnort mit ein bisschen Internetrecherche ausfindig gemacht werden könnte. Und – wer weiß? – vielleicht hätten die Täter in Italien Kontakte nach Deutschland und würden unsere Wohnung ausräumen lassen. Ich schreibe es jetzt nur äußerst ungern, aber ich fühle mich der Wahrheit verpflichtet: In der ersten Woche nach dem Urlaub, als das Schloss noch nicht ausgetauscht war, wollte ich zur Arbeit radeln. Während ich so vor mich hinfuhr, wurde das Bild eines möglichen Wohnungseinbruchs vor meinem geistigen Auge immer deutlicher. Also, vielmehr der Gedanke, dass jemand mit dem Schlüssel meines Mannes mir nichts, dir nichts in unsere Wohnung spazieren könnte. Auf halben Weg kehrte ich um und radelte zurück nach Hause. Ich konnte unsere Wohnung einfach nicht unbewacht lassen.

Und ich muss noch etwas schreiben, auch wenn sich das jetzt wirklich verrückt anhört. Als das Schloss bereits ausgetauscht war, waren wir an einem Freitagabend alle zu fünft unterwegs: bei einer Zaubershow. Ich hatte extra einen anderen Ausgang aus unserem Wohnhaus benutzt, für den Fall, dass uns jemand ausspähte. Kurz vor Schluss der Vorstellung stieg plötzlich der Gedanke in mir auf, jemand könnte bei uns eingebrochen sein und unsere Kaninchen getötet haben. Ich versuche, solche Gedanken abzuschütteln, aber es gelingt mir nicht gut.

Vergangene Woche fiel unser Kaninchen Jimmy plötzlich mehrmals ohne erkennbaren Grund zur Seite und rappelte sich erschrocken wieder auf. Ich dachte an einen Hirntumor und wusste, dass ich es nicht ertragen könnte, wenn er jetzt stirbt. Dass es einfach zu viel für mich wäre. Beim Tierarzt bekam er erfreulicherweise „nur“ die Diagnose Enzephalitozoonose, eine typische Erkrankung bei Kaninchen, die unter anderem für neurologische Ausfallerscheinungen sorgt. Theoretisch können sich auch Menschen infizieren, die Krankheit ist also genau das Richtige für eine Hypochonderin wie mich. Gefährdet sind nur Menschen mit schwach ausgeprägtem Immunsystem. Trotzdem wasche ich mir seitdem wieder oft und besonders gründlich die Hände (was bei jemandem mit einer Zwangsstörung auch mal mehrere Minuten dauern kann). Man kann ja nie wissen. Jimmy braucht Medikamente, die meistens ich ihm in das kleine Mündchen einflöße. Die Spritze muss jemand anderes aufziehen.

Supergirl sagte neulich zu mir, dass ich mir zu viele Sorgen machen würde. Sie hat recht damit. Ich habe eine rege Fantasie. Fürs Schreiben hat mir das immer genützt.

PS Der Text war doch nicht so heiter, oder? Aber ich möchte nicht, dass mich jemand falsch versteht. Ich bin ein glücklicher Mensch.

PPS Unser anderes Kaninchen – Hermine – zeigt jetzt auch erste Symptome.

2 Kommentare zu „Immer wieder: Hände waschen“

  1. Gut, dass du so offen über das sprechen (bzw. schreiben) kannst, was dich bewegt! Und ja, es ist kein heiterer Text geworden – aber das Leben hat leider nicht immer nur rosige Seiten zu bieten!
    Kopf hoch, der November ist bald vorbei, und der vorweihnachtliche Lichterglanz vertreibt ganz bestimmt alle Sorgen und Nöte!

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