oder: Familienbande
Seit Anfang des Jahres haben wir als Familie eine Serie, die wir alle gemeinsam schauen. Das gab es noch nie und hat wahrscheinlich in erster Linie damit zu tun, dass unsere Töchter mittlerweile so alt sind, dass sie sich für Themen interessieren, die auch meinen Mann abholen. Also nicht mehr nur für Pferde und das Leben auf einer Ranch oder einem Reiterhof. Ich finde das Leben auf einem Reiterhof auch unterhaltsam und deshalb hatten meine Töchter und ich schon immer gemeinsame Serien: von Horseland über Heartland bis hin zu Zoe und Raven.
Unsere gemeinsame Serie heißt Modern Family. Es ist eine US-amerikanische Mockumentary-Comedy, wie es auf Wikipedia heißt, bei der wir alle viel zu lachen haben. Vielleicht auch, weil wir uns selbst ab und zu in den handelnden Personen wiederfinden oder andere Familienmitglieder Vergleiche ziehen. Ich bin ziemlich klar wie Claire (zuweilen etwas neurotisch, überfürsorglich und bossy), wäre aber eigentlich lieber wie Gloria (von der ich jedes Mal, wenn sie zu sehen ist, denke: Wow, was ist das nur für eine bildschöne Frau?!).
Mein Mann kommt am dichtesten an Phil heran, was irgendwie passt, weil er Claires Ehemann ist. Phil ist tollpatschig und verplant. Mein Mann hat auch solche Züge. Belle nennt diese Art „verwirrt“. Von den Dingen, die ich meinem Mann wortreich erzähle, merkt er sich rund 20 Prozent, von diesen 20 Prozent bringt er anschließend 50 Prozent durcheinander. Neulich kam er von der Arbeit nach Hause und hatte einen schwarzen und einen braunen Schuh an. Ich frage bei so etwas gar nicht mehr nach. Auf einer Geburtstagsparty hat er mal einen chinesischen Glückskeks samt Inhalt gegessen. Er bestreitet jegliche Ähnlichkeit mit Phil.
Wenn man weitere Vergleiche ziehen wollte: Belle wäre wie die mittlere Tochter Alex (die immer alles weiß), Supergirl wie die große Tochter Hailey (der es am wichtigsten ist, schön auszusehen), Baby Boss wie Luke, der Sohn (der das Nesthäkchen der Familie ist und leicht die Konzentration verliert).
Die Charaktere sind alle stark überzeichnet, damit auch jeder weiß, was gemeint ist. Aber die Überzeichnung macht Spaß, die Darsteller haben allesamt ein komödiantisches Talent und die Personen, die sie spielen, bei allem Hang zur Marotte das Herz auf dem richtigen Fleck. Und jede und jeder ist wichtig für das Gesamtgefüge. Ohne die hyperkorrekte Claire würde Phil zum Beispiel nur halb so lustig erscheinen.
Neulich waren wir gemeinsam mit meinen Eltern, meinem Bruder und seinen Kindern im Urlaub. Die haben auch alle das Herz auf dem richtigen Fleck, aber darüber wollte ich diesmal ausnahmsweise nicht schreiben, sondern darüber, was Familien doch für komplexe Gefüge sind. Ebenso wie bei der Serie Modern Family hat jede und jeder seine Rolle, die er sich vielleicht ausgesucht hat, die ihm aber auch vielleicht nur von den anderen zugedacht wurde. Und diese Rolle spielt sie oder er dann oscarverdächtig oder manchmal mehr schlecht als recht.
Wir haben fast jeden Tag das Spiel Werwolf gespielt, und dabei hat sich alles am klarsten gezeigt. Alle waren plötzlich nicht nur in ihren Werwolf-Rollen, sondern auch in ihrer ganzen komplexen Persönlichkeit fast vollständig zu erfassen. Ein gemeinsames Werwolf-Spiel funktioniert besser als jede Familienaufstellung/-therapie. Es ist unfassbar, was dort zutage tritt.
Fangen wir bei meinem Bruder an, der trotz seiner schillernden Löwenhaftigkeit (oder vielleicht gerade deshalb) beim Werwolf-Spiel total leicht zu erfassen ist. Er wird eigentlich jedes Mal als einer der ersten als Werwolf verdächtigt und aus dem Dorf gejagt – egal, welche Rolle er hat. Das liegt daran, dass er als Typ einfach verdächtig ist. Er schaut aus wie ein Werwolf, er redet wie ein Werwolf, er gefällt sich in der Rolle des Werwolfs. Wenn er keiner ist, wäre er gern einer. Oder der Priester. Halleluja. Er ist wirklich ein schlauer Fuchs, wenn ich das so schreiben darf, analytisch und präzise. Aber auch – und da haben wir wieder den Löwen – ein bisschen selbstverliebt.
Meine Mutter möchte dagegen auf keinen Fall Werwolf sein. Sie sträubt sich innerlich wie äußerlich gegen die Rolle. Gehört sie zu den Werwölfen, dauert es Minuten, gefühlt Stunden, bis ein Opfer gefunden wird. Sie möchte einfach nicht, dass es Opfer gibt, vor allem nicht, dass es eines ihrer geliebten Enkelkinder trifft. Wenn man sie anklagt, tut sie nichts zu ihrer Verteidigung, sondern stirbt Runde für Runde den Märtyrertod – egal, welche Rolle sie hat. Als Hexe hat sie auch unnötig Opfer mit in den Tod gerissen. Das passt eigentlich gar nicht zu ihr. Denn sie ist dermaßen gutherzig, wie ich es nur selten erlebt habe.
Mein Neffe, wie Supergirl 14 Jahre alt, ist der perfekte Moderator. Sympathisch, lustig, einfallsreich und umgänglich. Er steckt lieber zurück, als auszuteilen, schweigt, wenn es angezeigt ist, redet mit Bedacht. Wenn er nicht moderiert, ist er überdurchschnittlich oft der Amor und lässt seine Pfeile gezielt fliegen. Auch diese Rolle passt zu ihm. Er ist einer, der Menschen verbindet, nicht trennt. Ihm werden alle Herzen zufliegen, da bin ich mir sicher.
Baby Boss kandidiert besonders gern für das Bürgermeisteramt, auch wenn sie die Jüngste ist. Ihr mangelt es nicht an Selbstbewusstsein, sie liebt den großen Auftritt, aber das weiß die geneigte Leserin, der geneigte Leser ja bereits. Am liebsten spielt sie eine der guten Rollen, Hexe oder Seherin. Nur eine Rolle mag unser Nesthäkchen vielleicht noch lieber: das Werwolfsjunge, die einzige im weitesten Sinne kindliche Rolle unter den von uns verwendeten Spielkarten. Als Kleinste fühlt sie sich wohl.
Meine Nichte ist die perfekte Seherin oder Hexe, gutherzig wie meine Mutter, aber sie lässt sich nicht von ihren Gefühlen überwältigen. Das macht sie zu einer ziemlich starken Spielerin. Ich habe die Tendenz, ihr immer zu vertrauen, was natürlich manchmal daneben gehen kann. Ich halte sie für eine starke Persönlichkeit, aber keine, die sich in den Vordergrund drängt. Da hat sie viel mit Belle gemeinsam, auch sie: die geborene Seherin. Klug, klar, kompetent. Supergirl – so lieb ich sie habe – ist ebenso wie mein Bruder durch und durch Werwolf. Auch sie: analytisch, präzise. Mit einem starken Willen. Jemand, der sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt. Der athletische Körper kraftvoll und bis in die letzte Sehne gespannt. Bereit zum Sprung.
Mein Mann dagegen ist der totale Anti-Werwolf, gutmütig, lieb und nachgiebig, aber im Sinne von „Der Klügere gibt nach“. Er kann überhaupt nicht lügen. Wenn er Werwolf ist, merkt man es sofort an seinem ausweichenden Blick. Auch er kandidiert jedes Mal fürs Bürgermeisteramt, wird aber selten gewählt. Vielleicht ist er allen zu „verwirrt“. Er spielt die Rollen besonders gut, die vielleicht nicht ganz so wichtig sind, aber in einem bestimmten Moment das Spiel entscheiden können: der Jäger zum Beispiel oder die Beschwörerin.
Habe ich jemanden vergessen? Ach ja, meinen Vater. Jetzt muss ich fast ein bisschen lachen. Er ist Psychologe und verlässt sich im Spiel sehr stark auf seine Intuition und Menschenkenntnis, stürzt damit aber auch oft vollkommen unbescholtene Dorfbewohner in den Tod. Lernt er daraus? Das bleibt abzuwarten.
Und ich? Das kann sich jetzt jeder gern selbst überlegen. Wer mag, kommt einfach mal zu einem gemeinsamen Werwolf-Spiel vorbei.
Es ist doch toll, wenn ihr in einer so großen Runde zusammen kommt und „Werwolf“ spielt! Stelle ich mir sehr schön vor, wenn so viele verschiedene Charaktere die unterschiedlichen Rollen so gut ausfüllen und sich (fast) alle auf das Spiel einlassen können… Vielen Dank für diesen Einblick in euren „gruseligen“ Ferienaktivitäten 😉
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Ja, es macht wirklich sehr viel Spaß, vor allem in der großen Runde. Dank Werwolf-Spiel war es auch nicht so schlimm, dass wir noch sehr wechselhaftes Wetter an der Ostsee hatten.
Hast du auch schon mal Werwolf gespielt? Falls ja, was ist deine Lieblingsrolle?
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Liebe Sophie
da ist dir ja erneut ein literarisches Kleinod gelungen. Im Skizzenblock deiner liebevollen Porträts wirken die Protagonisten so lebendig, dass man sie alle am liebsten sofort zu einem Spielenachmittag einladen möchte.
Der Amor, die Hexe, die Seherin und natürlich die Werwölfe könnten dann die Herrschaft über Düsterwald mit taktischem Geschick erlangen.
Die „Guten“ und die „Bösen“ können dann, unterstützt vom Kommentator, den Weg freimachen für die unterschiedlichen Gefühle, die immer aufeinandertreffen, wenn wir uns im Kreis der Familie, der Freunde, am Arbeitsplatz oder in der Schule begegnen.
Danke für diesen witzigen Blog und weiter viel Spaß im Kreis deiner Lieben.
Es grüßt recht herzlich der „Follower“
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Lieber Follower, ich danke dir für dieses Kleinod an Kommentar! Sehr herzliche Grüße zurück! Sophie
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