Zum ersten Mal: Schreibübungen im Seminar

oder: Kindheitserinnerungen

In einigen Ecken von Zehlendorf bin ich so gut wie gar nicht mehr. Ich bin dort aufgewachsen, zur Schule gegangen, finde jede Ecke auch ohne Google Maps. Jetzt wohne ich in Friedenau, nicht weit von Zehlendorf entfernt. Dennoch: Mein Lebensmittelpunkt hat sich verlagert.

Am vergangenen Donnerstag hatte ich einen Arzttermin, der mich nach langer Abwesenheit nach Zehlendorf-Mitte zurückführte. Das klitzekleine Kiez-Kino Bali gibt es noch immer, ich habe mich über den Anblick gefreut. War es nicht größer, damals, in meiner Kindheit? Schön, dich zu sehen, dachte ich.

Nahe einer großen Kreuzung, die ich auf meinem Weg zum Arzt überqueren musste, haben mein Vater, mein Bruder und ich damals gern Eis gegessen: bei Eis-Hennig. In den 80er- und 90er-Jahren gab es mehrere Filialen in Berlin, eine noch heute in Tempelhof. Am Abend vor jeder Urlaubsreise in den Sommerferien sind wir zu der in Zehlendorf geradelt – so erzählen es meine Eltern. Es war ein weiter Weg, nicht nur für Kinder, der Bezirk ist groß. Meine Mutter hat die letzten Reisevorbereitungen getroffen, ohne dass wir im Hintergrund herumwuselten.

Das Eis gab es nicht klassisch in Kugeln, sondern wurde mit einer Art Spachtel in den Becher gestrichen. Das war damals ganz neu und besonders, und ich weiß noch, dass ich mit meinem Plastiklöffel immer auf eine ganz bestimmte Art und Weise Furchen in das Eis gezogen habe: direkt am Rand im Kreis, so dass sich mit der Zeit in der Mitte ein Hügel bildete.

Ich mochte es, wenn die Sahne an der Stelle, wo sie das Eis berührte, gefror und eine Schicht bildete. Ich erinnere mich, wie ich diese Schicht mit dem Plastiklöffel vorsichtig vom Eis gehoben und mir in den Mund geschoben habe. Während wir aßen, sagte mein Vater damals immer: „Und morgen um diese Zeit sind wir schon auf Bornholm.“

Die Praxis befindet sich in einem Gebäudekomplex, der sich Zehlendorfer Welle nennt. Ich glaube, dort gibt es noch immer ein Schwimmbad. Damals jedenfalls gab es eines, ich habe dort schwimmen gelernt, wenn ich mich richtig erinnere, zumindest hatten wir in dem Bad Schulsport. Ich sehe die höhenverstellbaren Föne vor mir, die wir mit Pfennigen gefüttert haben. Später als Teenager war ich manchmal gemeinsam mit meinem Vater im Schwimmbad. Er schwamm eine Zeit lang regelmäßig, um etwas für seine Gesundheit zu tun, auch das ist lange her. Ich denke, dass es nicht unbedingt an der Tagesordnung ist, dass Teenie-Töchter etwas mit ihren Vätern unternehmen. Ich freue mich, dass es bei mir so war.

Nach dem Arzttermin, der Sorgen zerstreute, die ich monatelang mit mir herumgeschleppt hatte, marschierte ich strammen Schrittes zur Bushaltestelle. Im Hintergrund, das sah ich schon von weitem, ein Gartencenter, das ich als Kind gern mit meiner Mutter besucht hatte. Vielleicht nach meinem Hockeytraining? Ich weiß es nicht mehr. Aber ich erinnere mich noch gut an den Duft nach Grünpflanzen, Hydrokultur und Wasser, das den gesamten Verkaufsraum durchzog. So wie die Luft nach einem Regenguss riecht. Frisch, sauber, unverbraucht. Kann sich jemand außer mir noch an Hydrokultur erinnern? Das war vielleicht ebenso neu und besonders wie das gespachtelte Eis.

Ich glaube nicht, dass wir im Gartencenter oft etwas kauften. Wo hätten wir auch all die Pflanzen unterbringen sollen? Aber wir waren gern zusammen dort, streiften durch die Gewächshäuser und über das Gelände. Ohne Mission, einfach nur, um zusammen zu sein. Oder war das die Mission? Ich bin auch heute noch gern in Gartencentern, sehr gern mit meiner Mutter.

„Erinnerst du dich noch?“, schreibe ich ihr aus dem Bus und schicke ein Foto eines der Gewächshäuser. „Ja“, schreibt sie zurück. „Sehr gut.“ Und fragt sinngemäß: „Was machst du in Zehlendorf?“

Mich erinnern, denke ich.

6 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Schreibübungen im Seminar“

  1. Ein sehr schöner Beitrag! 😊 Ich bin in Spandau aufgewachsen und im Sommer sind meine Eltern und ich freitags oft am frühen Abend nach Tempelhof gefahren, um mit einem gespachtelten Eis von „Eis Henning“ das Wochenende einzuleiten. Erinnerungen…

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    1. Wie schön, dass auch du Eis-Hennig-Erinnerungen hast! Meine Oma hat ganz in der Nähe der Filiale in Tempelhof gewohnt. Wir waren bestimmt auch mit ihr dort. Vielleicht saßen du und ich damals zufällig mal Seite an Seite. 🙂

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  2. Liebe Sophie, geh mit deiner Mutter doch mal wieder in dieses Gartencenter deiner Kindheit! Das wird ihr bestimmt gefallen.
    Der letzte Absatz hat mich persönlich sehr berührt. Gerade gestern war ich in einem Ort am Lago Maggiore, in dem ich das erste und bis gestern letzte Mal mit meinen Eltern war, fast genau auf den Tag vor 18 Jahren. Als ich meiner Tochter die Plätze und Gebäude zeigte, vor denen wir Fotos gemacht hatten (noch solche mit Datum drauf, deshalb weiß ich das so genau), hätte ich gern eine Nachricht gesendet: Erinnert ihr euch noch?
    Ich finde es erstaunlich, dass du nur in einen anderen Stadtteil gezogen bist, und doch so lange nicht in den Straßen deiner Kindheit warst. Aber Berlin ist ja auch keine Stadt, sondern eine kleine Welt.
    Liebe Grüße aus dem Süden, wo ich auch in manche Orte nur alle 18 Jahre mal hinkomme. 😉 Anke

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    1. Liebe Anke, was du jetzt geschrieben hast, berührt mich nun wieder. Irgendwann lassen sich all diese Erinnerungen nicht mehr mit den Eltern teilen. Aber dennoch: es ist passiert, ihr habt etwas gemeinsam erlebt. Das wird immer bleiben.
      Zehlendorf ist wirklich ein großer Bezirk und an einigen Orten bin ich natürlich nach wie vor: zum Beispiel bei meinen Eltern oder immer sehr gern im Grunewald. Eine meiner Joggingrunden führt mich ebenfalls durch Teile Zehlendorfs, aber die Ecke, die ich in meinem Beitrag beschrieben habe, besuche ich selten bis nie. Liegt vielleicht daran, dass die Eisdiele vor langer Zeit geschlossen hat. 😉
      Sehr herzliche Grüße! Sophie

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  3. Erstaunlich, was so ein kleiner Ausflug in ein anderes Viertel für Erinnerungen heraufbeschwören kann… und Eis Hennig kenn ich auch noch von früher, leider hat nur noch eine von 11 Filialen überlebt… Danke fürs Teilen!

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