Zum ersten Mal: Angst vor dem Empty-Nest-Syndrom

oder: Die Wichtigkeit des Augenblicks II

Im Zimmer meiner ältesten Tochter hängen zwei gerahmte Fotos an der Wand. Sie zeigen Belle im Alter von zehn Jahren bei einer Ballettaufführung ihrer Tanzschule. Belle trägt ein knallrotes Trikot, einen roten Tüllrock und auf dem Kopf eine Art Haarreif, an dem zwei tischtennisballgroße, weiße Kugeln befestigt sind, in der Mitte ein schwarzer Punkt. Es handelt sich um ein Augenpaar. Wem es jetzt noch nicht klar ist: Belle ist als Krabbe verkleidet. Der aufgeführte Tanz hieß „Arielle – Unter dem Meer“.

Ich habe Belle vor vielen Jahren vorgeschlagen, mit Ballett anzufangen, sie sträubte sich zuerst, ich weiß nicht mehr genau, warum. Vielleicht war es der Umstand, dass sie allein – ohne eine Freundin – zum Ballett hätte gehen müssen. Sie war sehr schüchtern und hatte vielleicht Sorge, keinen Anschluss zu finden. Irgendwie habe ich sie dann doch überzeugt, es zumindest einmal auszuprobieren. Sie tat es – und tanzt noch heute. Herr von Mami lässt eben manchmal nicht locker, und das hat sicherlich auch seine guten Seiten.

Vor kurzem gab es wieder eine Ballettaufführung. Es ist eine Veranstaltung ihrer Tanzschule, verschiedene Gruppen treten auf, Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Die einzelnen Stücke haben ein hohes Niveau, die Inhaberin der Ballettschule ist sehr ehrgeizig und perfektionistisch.

Ich habe Belle seit einem Jahr nicht tanzen sehen, so lange liegt die letzte Vorstellung zurück. Als sie die Bühne betrat, war ich fast ein bisschen überrascht. Ich sehe Belle jeden Tag, aber nicht im Balletttrikot und mit langem Rock, mit ordentlichem Dutt und für die Bühne zurechtgemacht und geschminkt. Sie sah erwachsen aus. Wie eine Frau. Wenn ich sie nicht gekannt und nicht gewusst hätte, dass es eine Gruppe von Jugendlichen ist, die da auftritt, hätte ich sie für volljährig gehalten. Dabei ist sie noch 16.

Belle tanzte wie eine richtige Ballerina und war unglaublich schön und anmutig. Ich möchte mich gar nicht vergleichen, aber ich glaube, dass ich nie in meinem Leben so anmutig ausgesehen habe wie sie auf dieser Bühne. Während des Tanzes, der viel zu schnell vorüberging, stolperten in loser Abfolge ein paar Gedanken durch meinen Kopf: Belle wird im nächsten Jahr Abitur machen. / Danach möchte sie als Au-pair nach Frankreich gehen, am liebsten nach Paris. / Vielleicht tanzt sie dort ebenso wie hier Ballett. / Vielleicht lernt sie einen Franzosen kennen. / Vielleicht tanzt auch er Ballett. / Vielleicht bleibt sie in Paris. / Und kehrt nie zurück.

Bevor ich mir das alles noch weiter in allen Grautönen der Farbpalette ausmalen konnte, war das Stück zu Ende und ich klatschte begeistert Beifall. Der Gedanke aber blieb und ich schiebe ihn seitdem in meinem Kopf herum und versuche, mich nicht von ihm einschüchtern zu lassen und ihm mit Floskeln zu begegnen wie: Das ist eben der Lauf der Dinge. Die Kinder werden groß und gehen ihre eigenen Wege.

Das ist mir natürlich alles klar. Aber: Für mich ist es eben mein erstes Kind, das ich ziehen lassen werde. Und zwar nicht in drei, vier Jahren, sondern im nächsten Sommer. Ich bin nicht geübt und auch nicht vorbereitet. Gefühlt bin ich doch selbst gerade erst bei meinen Eltern ausgezogen! Naja, ich gebe zu: Das liegt schon ein paar Jahrzehnte zurück. Und bei genauer Betrachtung bin ich auch nicht so jung wie ich mich fühle. Ich könnte zwar noch kleine Kinder im Buggy durch die Gegend schieben wie manch andere mit 45. Aber ich tue es nicht! Meine Töchter sind 16, 14 und 11 Jahre alt. Keine Buggys! Kein Geschiebe! Die Zeit läuft. Und manchmal scheint sie mir davonzulaufen.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich meinen Mann und mich allein in der dann unendlich großen Friedenauer Altbauwohnung sitzen. Allein? Nein, nicht ganz! Die Kaninchen unserer Töchter werden bei uns sein, während wir uns an den greisen Händen halten und uns die Zeiten zurückwünschen, in denen alle zwei Tage ein riesiger Berg Wäsche auf mich wartete und ein riesiger Stapel Abwasch auf meinen Mann. Wir werden nicht mehr dreimal pro Woche Nudeln essen – und auch das werde ich vermissen (werde ich tatsächlich!). In ein paar Jahren werden wir niemanden mehr um uns haben, den wir morgens acht bis zehnmal wecken müssen, bis sie endlich aufsteht (Baby Boss), und mir wird niemand mehr meinen Sahnejoghurt wegessen mit den Worten „Ich wusste nicht, dass das deiner ist“ (Supergirl). Ich weiß schon jetzt, dass mir das alles unheimlich fehlen wird – und deshalb genieße ich all diese Wäscheberge und die Pasta und aufgegessenen Joghurts im Geheimen und freue mich und bin dankbar, dass ich all das erleben darf.

Am vergangenen Donnerstag hatte Belle schulfrei und ich einen Gleittag. Wir waren zusammen „in der Stadt“, was die nächste große Einkaufsstraße meint. Wir haben ein Oberteil für sie gekauft und Kosmetikprodukte für unseren Urlaub, Schuhe für mich und beim Bäcker zwei Croissants für den Nachmittag. Wir sind nicht oft zu zweit unterwegs, nach dem Stadtbummel dachte ich: viel zu selten. Denn wir hatten eine schöne Zeit. Zeit miteinander und füreinander. Ich muss sie nutzen, dachte ich. Jede gemeinsame Minute sollte ich auskosten und aufsaugen, damit ich davon zehren kann, wenn Belle mit einem französischen Balletttänzer in Montmartre lebt und ich die Wochen zähle, bis ich sie wiedersehe.

Und ich weiß gar nicht mehr genau, ob ich es nur gedacht oder auch gesagt habe: „Wenn du nächstes Jahr weggehst, wirst du mir fehlen.“

5 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Angst vor dem Empty-Nest-Syndrom“

  1. Mir schießen beim Lesen die Tränen in die Augen. Gleiche Gedanken habe ich, wenn es um Ben geht..bei ihm wird es (wahrscheinlich) nicht Paris sein, seine erste Ballerina (die keine ist) hat er bereits in Köln getroffen. Ich genieße den gemeinsamen Familienurlaub…jetzt nochmal mehr und intensiver. Danke!

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    1. Liebe Katharina, danke für deine liebe Nachricht, die mich sehr berührt. Es tut ja auf jeden Fall schon mal gut zu wissen, dass man mit diesen Gedanken nicht allein ist. Vielleicht müssen dann all die Eltern mit den flügge gewordenen Kindern umso mehr zusammenrücken.
      Auch ich genieße diese gemeinsamen Familienurlaube übrigens sehr! Herzliche Grüße!

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  2. Huch, nächstes Jahr schon. Ihr habt also das 12-jährige Abitur. Wir haben noch zwei Jahre mit der Großen vor uns. Und im September mal einen Test, wie es sich anfühlt, wenn sie länger als eine Woche von zuhause fort ist. Sie wird einen ganzen Monat lang in … tädä … Berlin sein! Aber auch sie wird viel lernen und erfahren, was es heißt, daheim Wäsche- und Aufräumservice und immer warm zu essen zu haben. Dort müssen sie sich selbst versorgen und gehen auch arbeiten. Erasmus Mobility Programm nennt sich das und wird von ihrer Schule organisiert.
    Genießt euren nächsten Urlaub zu fünft! Vielleicht seid ihr im Jahr darauf zu sechst, und nehmt den Balletttänzer aus Paris auch noch mit. 😉

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    1. Hihi, ja, das wäre schön: alle zusammen in den Urlaub inklusive Balletttänzer!
      Na, da bin ich ja mal gespannt, was du zu berichten hast von deiner Großen. Vielleicht auch mal wieder hier bei mir? Klingt für mich nach einem „Zum ersten Mal …“ 😉
      Herzliche Abendgrüße aus Berlin und für morgen einen guten Start in die Woche!

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