Zum ersten Mal: Grüße nach Amerika

oder: Aller Anfang ist schwer

Als ich siebzehn Jahre alt war, stand ich einmal auf einem Flughafen in Argentinien und weinte. Meine Erinnerungen an diesen Tag sind leider nur noch bruchstückhaft. Dabei hätte ich heute gern eine Geschichte mit allen wichtigen und vielleicht auch unwichtigen Details dazu erzählt. Ich hätte mir damals Notizen machen sollen, besser sogar Fotos mit einem Smartphone, das es noch nicht gab. In meiner Erinnerung war es dunkel, ein Winternachmittag in der südlichen Hemisphäre, wir standen auf dem Parkplatz des Flughafens, aber ich weiß schon gar nicht mehr genau, wer alles zu „wir“ gehörte. Vielleicht bilde ich es mir nur ein, dass mein damaliger Freund noch mit einem Auto angebraust kam? In letzter Minute sozusagen? Ich würde meine Hand dafür nicht ins Feuer legen.

Ich stand dort also auf dem Parkplatz und weinte und hatte den Eindruck, dass mein Gefühlsausbruch nicht für alle nachvollziehbar war. „Du fliegst doch zurück nach Hause! Wieso weinst du?“

Weil ich mein argentinisches Leben, das ich im Laufe des vergangenen Jahres irgendwann liebgewonnen hatte, hinter mir lassen würde. Weil ich wusste, dass kein Weg je dorthin zurückführen würde, selbst wenn ich wiederkäme.

Ich ließ meine Gastfamilie zurück. Ich glaube, das war alles in allem in Ordnung für mich. Ich mochte meine Gastfamilie und hatte ein gutes Verhältnis zu ihr. Aber ich würde meine eigene Familie bald wiedersehen. Das ist schwer zu toppen.

Ich ließ eine gute Freundin zurück. Ich glaube, dass setzte mir damals zu.

Ich ließ meinen damaligen Freund zurück. Selbst das war vielleicht noch nicht mal das Schwierigste.

Es war die Summe der Dinge. Es war Argentinien und das Leben, das ich mir dort – teilweise mühsam – aufgebaut hatte. Es waren die Freiheiten, die ich genoss, es war die Vertrautheit, die sich eingestellt hatte. Vielleicht weinte ich auch einfach, weil Abschiede schwer sind – egal, wohin es geht und woher man kommt.

Ungefähr ein Jahr zuvor hatte ich am Flughafen in Frankfurt geweint oder auf der Fahrt dorthin. Es gibt jedenfalls ein Foto, auf dem ich total verheult aussehe. Ich sollte meine Eltern und meinen Bruder und Freundinnen in Deutschland zurücklassen und in die Ferne fliegen. Und ich fragte mich, wer sich das alles überhaupt ausgedacht hatte, diesen Mist, und kam leider in Sekundenschnelle zur Erkenntnis, dass ICH es gewesen war, die sich das ausgedacht hatte und niemand sonst. Ich weiß nicht, ob ich die Schuld lieber auf jemand anderen geschoben hätte: „Du hast doch immer gesagt, so ein Auslandsjahr wäre ganz toll. Dann flieg doch selbst!“ Aber ICH hatte das ja immer gesagt mit dem tollen Auslandsjahr und irgendwie war ich mir nicht mehr so sicher, ob das alles so stimmte, als ich in Frankfurt am Flughafen stand. Und auch später kamen diese Zweifel immer wieder uneingeladen vorbei und gaben ihren Senf zu irgendetwas ab. Aber diese Besuche wurden im Laufe meiner Zeit in Argentinien weniger und blieben schließlich aus.  

So ist es oft im Leben und jetzt weiß ich es, aber damals war es mir noch unklar: Man trifft eine Entscheidung, beginnt etwas Neues, zieht zum Studieren weg, lernt dort jemanden kennen, zieht zurück in die Heimat, irgendwann in eine gemeinsame Wohnung, fällt fast durchs Staatsexamen, heiratet, zieht um, bekommt ein Kind, findet einen Job, bekommt noch ein Kind, wechselt den Job, zieht um, bekommt ein drittes Kind. Stellt sich im besten Fall alles toll vor und trifft diese Entscheidungen selbstbestimmt, manchmal kommt einem vielleicht aber auch das Leben dazwischen, das eigene Entscheidungen trifft oder einem welche abnimmt. Viertes Kind? Buchautorin? Vielleicht in einem anderen Leben.

Manche Menschen haben schon vor jedem dieser Schritte Angst oder zumindest leise Sorge. Andere gehen diese Schritte mit breiter Brust und sagen: „Ich schaffe das schon! Was soll passieren?“ Auch diejenigen werden manchmal noch von der Angst vor der eigenen Courage eingeholt. Schlimm ist das nicht. Aber egal, ob man zaudert und hadert und weint und alles in Frage stellt oder nicht: Am Ende wird meistens alles gut. Meistens sogar sehr gut. Und für den unwahrscheinlichen Fall, dass es das nicht wird, dann ist es zumindest eine Erfahrung. Oder ein Teil des Weges.

Ich würde sagen, dass das Austauschjahr in Argentinien einen wichtigen Beitrag zu dieser Erkenntnis geleistet hat. Ich bin das erste Mal in meinem Leben über mich hinausgewachsen und es hat mich gestärkt für weitere Herausforderungen – auch wenn mir das vielleicht nicht immer bewusst war. Und: ich HATTE eine tolle Zeit.

Neulich habe ich meinen drei Töchtern geraten, möglichst alle solche Auslandserfahrungen mitzunehmen: während der Schule, nach der Schule, während des Studiums. Als die Tochter einer meiner besten Freundinnen vor kurzem ins Flugzeug in die USA stieg, um zu einem Auslandsjahr aufzubrechen, habe ich zu ihnen gesagt: „Ich bin froh, dass Belle das nicht gemacht hat.“ „Hä?“, machte Supergirl. „Aber neulich hast du doch noch etwas ganz anderes gesagt.“ Im Leben gibt es nie nur den einen Blick auf die Dinge. Oft trage ich sogar in mir selbst widersprüchliche Gefühle.

Ich möchte meine Töchter nicht einen Tag missen. Und ich möchte, dass sie ausziehen und die Welt erkunden und ihr Glück finden, worin auch immer das liegen mag.

Ich möchte nicht, dass sie auch nur einen Tag ihres Leben traurig sind. Und ich möchte, falls es doch einmal passiert, dass sie merken, dass es zum Leben dazu gehört und sich solche Phasen überwinden lassen.

Ich möchte, dass sie Neues wagen und die Angst vor der eigenen Courage aushalten. Dass sie merken, dass es sich lohnt, dem Wandel eine Chance zu geben. Dass sie merken, dass im Wandel eine Chance steckt.

Es gab immer wieder Dinge in meinem Leben, die ich für wahnsinnig gute Ideen gehalten habe, von denen ich dann zwischendurch nicht mehr ganz so überzeugt bis gänzlich unüberzeugt war und die sich im weiteren Verlauf meist als goldrichtig erwiesen haben.

PS Liebe C, falls du das hier liest, fühl dich lieb gegrüßt. Ich wünsche dir von Herzen eine tolle Zeit und bin mir sicher, dass du sie haben wirst. Erwarte nicht zu viel von dir, gib dir Zeit anzukommen. Man muss sich gottbewahre nicht nach einer Woche schon wie zuhause fühlen. Es erscheint mir paradox: Je kürzer ich irgendwo war, desto schneller habe ich mich meist dort eingelebt. War ein langer Aufenthalt geplant, dauerte es länger. Ich weiß nicht genau, woran das liegt, habe aber eine Idee dazu.

Und die Idee für das Buch finde ich großartig und ich danke dir fürs Teilen. Ich habe zwar noch nicht angefangen zu schreiben, aber die Widmung habe ich schon im Kopf. Sehr herzlich, Sophie

8 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Grüße nach Amerika“

  1. Das hast du gut erkannt: meistens wird alles gut. Und in den wenigen Fällen, in denen es nicht gut laufen sollte, macht man eben seine Erfahrungen, die einen ja auch weiterbringen.
    Danke für das Teilen deiner klugen Zeilen!

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Sophie, es ist immer wieder wunderbar und bewundernswert zu sehen, wie Du mit wenigen Zeilen den Nagel auf den Kopf triffst! Und selbst das Photo ist so passend als wäre es genau für diesen Text aufgenommen worden. Danke, dass Du Deine Erfahrungen mit denen teilst, die eher noch bei der Abreise als bei der Ankunft sind. 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe MissLazy, ich danke dir von Herzen. Das Bild habe ich witzigerweise gerade erst gestern in einem meiner vielen Foto-Ordner auf dem Computer entdeckt und in meiner Kartei für mögliche Blog-Bilder abgelegt. Ich war überrascht, dass es heute gleich zum Einsatz kommt. Ich hätte kein besseres gehabt.

      Like

  3. Deine Gedanken treffen auch bei mir wieder mal voll ins Schwarze, liebe Sophie. Unsere Erfahrungen, mit mutigen Entscheidungen in jungen Jahren und unseren Sorgen, die flügge werdenden Töchter betreffend, ähneln sich. Zum Glück (! 😉 ) geht es für unsere Große erstmal nur für einen übersichtlichen Monat nach Berlin, in meine alte Heimat. Das fühlt sich nicht so ungewiss an.😄 Ich halte mir auch immer vor Augen, dass wir heute per Smartphone verbunden sind. Als wir in die weite Welt zogen, gab es tagelang keine Möglichkeit, Lebenszeichen an die Familie zu senden. Und ja: Es lief nicht alles glatt, aber an den Herausforderungen wuchsen wir und bekamen das Rüstzeug fürs Leben.
    Belle ist doch in Paris, oder irre ich da? Für wie lange?
    Liebe Grüße nach Berlin! Anke

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Anke, wann kommt deine Große? Ich erinnere mich, dass du mir davon erzählt hast. Ist sie allein unterwegs oder reist sie mit einer Gruppe?
      Bei den Smartphones denke ich manchmal, dass sie Fluch und Segen zugleich sind. Belle war jetzt eine Woche mit ihren zwei besten Freundinnen in Paris (das hast du dir ganz richtig gemerkt), ihre erste Reise ohne Begleitung erwachsener Personen. Sie hat sich so gut wie nie gemeldet, da war mir manchmal schon ein bisschen mulmig zumute. Und einmal hat sie ANGERUFEN, da habe ich mich so richtig erschreckt! Und dann ging es nur darum, dass sie in einem Second-Hand-Laden zwei Handtaschen gefunden hatte und sie mir Bilder davon zuschicken wollte. 😄
      Als ich damals in Argentinien war, sollten wir nicht mit unseren Eltern telefonieren. Es war zwar nicht ausdrücklich verboten, aber jedenfalls nicht erwünscht. Ich habe mich strikt daran gehalten und erst nach sieben Monaten das erste Mal mit ihnen telefoniert. Vorher gab es nur Briefe auf dünnem, hellblauem Luftpostpapier. Oh Mann! 😄
      Herzliche Grüße nach Italien! Sophie

      Gefällt 1 Person

      1. Stimmt, die theoretisch ständige Verfügbarkeit hat Pro und Contra. Da kann es schnell zu Missverständnissen kommen. Der Freund unserer Großen war grad in der Schweiz und hatte dort kein Rooming. Eh der Grund geklärt war, warum er sich nicht meldete, waren schon viele Tränen geflossen.😢 So viele unnütze Gedanken machten wir und unsere Eltern uns früher nicht.
        Nach Berlin geht es am Freitag. Es ist zwar eine europäische Initiative (Erasmus Mobility), aber die Organisation ist in italienischer Hand: Erst morgen gibt es eine Videokonferenz, bei der wir Details erfahren: welchen Flug sie nehmen, wo sie wohnen … es ist eine Gruppe mit zwei betreuenden Lehrkräften und einem Koordinator vor Ort, aber sie müssen selbst für sich sorgen (Unterkunft ohne Verpflegung) und arbeiten an verschiedenen Orten. Hab einen schönen Sonntag, liebe Sophie!

        Gefällt 1 Person

      2. Oh je, das ist genau das, was ich meine! Wenn jemand ein Handy hat, dann meint man doch, sie oder er müsse sich dann und wann melden. Und passiert das nicht, läuft manchmal leider das Kopfkino, oft genug mit falschen Filmen. 😉
        Deiner Großen wünsche ich jedenfalls eine ganz tolle Zeit in Berlin! Das hört sich alles spannend an.
        Und dir wünsche ich einen guten Start in die neue Woche, liebe Anke! 🙂

        Gefällt 1 Person

Hinterlasse eine Antwort zu Sophie bloggt Antwort abbrechen