Immer wieder: Sich einfach mal trauen

oder: Marry Me!

Ich glaube, es ist keine große Überraschung, wenn ich sage, dass ich gern auf Hochzeiten bin. Aber wahrscheinlich geht es vielen so, mir hat zumindest noch niemand gesagt, dass er Hochzeiten nicht mag. Wenn ich genauer darüber nachdenke, kann ich mir allerdings sehr gut vorstellen, dass es Lebenssituationen gibt, in denen einem das geballte Liebesglück anderer zu viel ist. Dauer-Singles zum Beispiel oder Menschen, die von Beziehung zu Beziehung springen, ohne dabei die Richtige/den Richtigen zu finden. Ich bin seit mehr als 15 Jahren dauer-verheiratet, noch dazu mit demselben Mann. Das macht mich wirklich froh und dankbar. Ich denke nämlich, dass es nicht leicht ist, den Partner fürs Leben oder zumindest für eine lange Zeit zu finden, da ist ganz schön viel Glück im Spiel. Und wahrscheinlich auch Durchhaltevermögen – auf beiden Seiten.

Neulich waren wir auf der Hochzeit der Cousine meines Mannes und es war eine sehr schöne Feier. Geheiratet wurde in einer schicken, aber dennoch gemütlichen Location in Berlin-Prenzlauer Berg – in den 90er-Jahren hat man dazu wahrscheinlich noch Veranstaltungsraum gesagt. Es gab eine freie Trauung, erlesene Küche und Tanz. Aber ich finde, dass die Rahmenbedingungen eigentlich keine allzu große Rolle spielen. Für mich kommt es darauf an, dass sich zwei gefunden haben, die sich füreinander entscheiden und Verantwortung für den anderen und eine gemeinsame Zukunft übernehmen wollen. Dass sie nicht darauf warten, dass vielleicht doch noch irgendjemand um die Ecke kommt, der (wenn nicht besser, so doch zumindest) anders ist. Dass diese zwei nicht zu denen gehören, die immer alles noch mal ganz von vorn erleben müssen: erstes Date, erste Verliebtheit, erster Kuss. Bei denen der erste Streit um den Abwasch dann vielleicht auch schon der letzte ist und das (vor)eilige Ende der Beziehung einläutet.

Natürlich ist es schön, sich frisch zu verlieben. Natürlich ist das alles wahnsinnig aufregend. Ich würde auch gern mal wieder auf ein erstes Date gehen oder zumindest jemanden anhimmeln oder – vielleicht noch besser – von jemandem angehimmelt werden. Trotzdem verstehe ich nicht, dass es so viele Menschen gibt, die diesem Wunsch, alles immer wieder neu erleben zu müssen, nachgeben. Das führt dazu, dass sich viele nicht festlegen und nicht binden wollen oder manchmal auch einfach nicht können. So lange sich die Beziehung wie eine Affäre anfühlt – gut. Wenn es enger wird – Alarm! Auch die Cousine meines Mannes, klug, charmant und wunderschön, hat sich lange Zeit genau darüber beklagt, vollkommen zu Recht. Aber dann kam glücklicherweise doch noch der „Richtige“ um die Ecke, der ebenso imstande war sich einzulassen wie sie.

Als ich den Bräutigam von neulich das erste Mal gesehen habe, trug er einen bunten Trainingsanzug aus Ballonseide und ein Frottee-Stirnband und ich hatte sofort ein gutes Gefühl. Jemand, der es nicht nötig hat, eine wie auch immer geartete Attitüde an den Tag zu legen, der nicht um jeden Preis cool sein will oder muss. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass er Gast auf einer 90er-Jahre-Motto-Party anlässlich meines 40. Geburtstags war, das erklärt das ungewöhnliche Outfit. Die beiden waren zu diesem Zeitpunkt gerade mal zwei, drei Wochen zusammen. Es hat Eindruck auf mich gemacht, dass er kostümiert kam.

Mein Mann und ich haben uns beim gemeinsamen Studium in Erlangen kennengelernt. Eigentlich hatten wir beide in Heidelberg studieren wollen, die Zentrale Studienplatzvergabe war auf diesen Wunsch nicht eingegangen. Er war mir schon im Hörsaal aufgefallen, kurze Zeit später trafen wir uns auf der Straße und ich lächelte ihn an, weil ich dachte, dass auch er mich wiedererkennen würde. Das tat er leider nicht, er hatte mich noch nie zuvor gesehen! Ich glaube zumindest, dass er das gesagt hat. Anfangs hatte ich Mühe, seinen starken Allgäuer Dialekt zu verstehen. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb war es bald um uns geschehen. Kurz darauf waren wir zusammen auf einer Studentenparty im Erlanger E-Werk, er zündete sich eine Zigarette am falschen Ende an und ich dachte, das sollte ein Trick werden. Aber es war nur ein Versehen. Sieben Jahre später haben wir geheiratet.

Was ich an Hochzeiten mag: das Bekenntnis zueinander, die offen ausgesprochene oder stillschweigende Vereinbarung, in guten wie in schlechten Tagen füreinander einzustehen. Ich mag es, wenn die Eheleute, die Verwandten und Freunde gerührt sind. Ich mag es, selbst gerührt zu sein. Ich finde es schön, wenn alle Menschen um mich herum gut angezogen sind, sich zurechtgemacht haben für diesen Anlass, ein Lächeln vor sich hertragen, strahlen. Auf Hochzeiten habe ich noch nie hässliche Menschen gesehen. Alle haben dieses Leuchten in den Augen.

Auch an meine eigene Hochzeit denke ich gern zurück. Dennoch scheint sie mir im Nachhinein gar nicht so wichtig zu sein, also: die Feier als solche. Sie war sehr schön, es gibt viele Momente, die mir immer in Erinnerung bleiben werden, rührende und lustige. Zum Beispiel der, als meine Mutter bei meiner Friseurin erschien, schon im Türrahmen stehenblieb und verkündete: „Ich habe den Schleier vergessen.“ Den hatte meine Friseurin feststecken sollen. Oder der Moment, als mich mein Vater zum Altar geführt hat. Später am Abend sagte die Begleitung eines Freundes meines Mannes zu mir, dass sie noch nicht darüber nachgedacht hätte, ob sie heiraten möchte. Aber sie würde ihren Vater gern ebenso stolz sehen, wie meiner in dem Augenblick ausgesehen hat, als wir gemeinsam durch den Mittelgang der Kirche geschritten sind.

Viel wichtiger als all das ist für mich dieses Bekenntnis, das Versprechen, das mein Mann und ich uns gegeben haben, und ich bin sehr glücklich darüber, dass wir es geschafft haben, daran festzuhalten.

Vielleicht würde auch er gern mal wieder auf ein erstes Date gehen, jemanden anhimmeln oder angehimmelt werden. Vielleicht würde er gern mal Abwechslung haben vom Alltag mit Frau und drei Kindern, Boxershorts auf dem Wäscheständer und Hefekuchen am Sonntag. Irgendetwas Verrücktes tun, muss ja nicht gleich mit einer anderen sein. Aber er ist hier, an meiner Seite, an den wahnsinnig vielen guten Tagen und an den sehr wenigen schlechten. Wie gut, dass wir uns damals getraut haben.

PS Und wenn er auf einer Hochzeit in Anzug und Hemd mit mir tanzt, dann fühle ich mich fast ein bisschen wie frisch verliebt.

6 Kommentare zu „Immer wieder: Sich einfach mal trauen“

  1. Ich gebe dir Recht – Hochzeiten entfalten ihre eigene Magie. Und ja: es ist viel Glück im Spiel, ob man jemanden kennenlernt oder Dauersingle bleibt.
    Ich verstehe übrigens auch nicht, wieso man ständig auf der Suche nach Neuem sein kann, wenn sich das Neue nach weniger Zeit abnutzt. Glückwunsch an diejenigen, die ihr Herzblatt gefunden haben und ihr wirklich großes Glück nicht aufs Spiel setzen…
    Danke für diesen schönen Beitrag!

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  2. Ich stellte kürzlich fest, dass wir gar nicht mehr zu Hochzeiten eingeladen werden. Unsere Generation ist durch, die nächste noch lange nicht dran. Ich fürchte, als Brautmutter muss man sich dann ganz besonders schön anziehen. 🙈 So ein Mittelding wie Cousinen haben wir nicht in der Familie. 😆
    Schön, dein Text. Und immer schön zu hören, dass es Paare wie euch gibt, die am Gemeinsamen festhalten, statt beim ersten Problem hinzuschmeißen und nach neuen flüchtigen Abenteuern zu suchen. Ob es Glück oder Zufall war, dass man den „Richtigen“ getroffen hat? Sicher. Es ist aber auch schön, anzunehmen, dass das Schicksal, eine Vorhersehung, die Hand im Spiel hatte. 😍

    Gefällt 1 Person

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