Immer wieder: Den Algorithmus auf Instagram füttern

oder: Tiefe Einblicke

Neulich fragte mich meine Tante per WhatsApp, wie ich zur elektronischen Patientenakte stehe und ob wir uns welche erstellen lassen. Sie hätte Vorbehalte in puncto Sicherheit und befürchtete fatale Folgen, sollte jemand die Akte hacken und Daten verändern. Das warf bei mir die Frage auf, welche fatalen Folgen es für meinen Ruf hätte, sollte jemand meinen Instagram-Account hacken und zum Beispiel die Übersicht mit den von mir gelikten oder gespeicherten Beiträgen aufrufen. Ich denke, dass sich daraus ein vielleicht seltsames, aber beunruhigender Weise sogar ziemlich zutreffendes Bild meiner Person ergeben könnte.

Angeheizt wurden diese Befürchtungen am selben Tag, als ich mich unbeobachtet fühlte und in ein sogenanntes Edit – einen Zusammenschnitt aus mehreren Videosequenzen – auf Instagram versank. „Sag mal, wie oft willst du dir das jetzt eigentlich noch anschauen?“, fragte Belle, die auf dem Sofa saß. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie auf mich den Eindruck gemacht, als wäre sie mit eigenen Dingen beschäftigt. „Ich? Wie? Was? Ich mache doch gar nichts“, sagte ich und fühlte mich ertappt.

Belle war es auch, die mir erzählte, dass ihr manchmal Videos vorgeschlagen werden, die ICH gelikt hätte. Oh Gott!!! In dem konkreten Fall handelte es sich zwar nur um eines von Alexa Henning von Lange, das total harmlos war. Aber ich beschloss, in Zukunft nicht mehr alles zu liken, was mir gefällt. Sicher ist sicher.

Instagram hat den Vor-/Nachteil, dass einem ständig Inhalte präsentiert werden, die einen potentiell interessieren könnten. Manchmal macht es mir richtiggehend Spaß, diesen Algorithmus zu füttern, manchmal finde ich es aber auch ein bisschen gruselig. Es entsteht bei mir dabei nämlich fast der Eindruck, dass es auf der Welt nichts anderes mehr gibt als gutaussehende Schauspieler, springseilspringende durchtrainierte Männer im Weihnachtsmannkostüm und Mittel für volleres, gesünderes Haar. Oder Frauen Mitte 40, die entweder ein Six Pack haben oder für einen Handstand trainieren. 

In den vergangenen Wochen sind mir bei Instagram zum Beispiel überdurchschnittlich viele Videos beziehungsweise sogenannte Reels mit dem Schauspieler Aaron Taylor-Johnson eingespielt worden. Wie er über rote Teppiche schreitet, in die Kamera lächelt, bei Talkshows zu Gast ist, im Fitnessstudio trainiert. Ich würde lügen, wenn ich sagte, es hätte mich nicht wenigstens ein bisschen interessiert. Und je mehr Videos ich anschaute (und vielleicht das eine oder andere ganz vereinzelt auch mal likte – das war vor Belles Hinweis!), desto öfter sah ich ihn. Es gibt definitiv Schlimmeres, das muss ich zugeben.

Angeblich erfüllt er die Kriterien des Goldenen Schnitts, mit dem sich Schönheit messen lässt. Darum ging es in dem Video, das ich mir neulich Abend angeblich 50-mal angeschaut hatte, was eine maßlose Übertreibung ist! Irgendwann kam es mir jedenfalls so vor, als ob es nur noch Videos mit Aaron Taylor-Johnson bei Instagram gäbe, als wäre er der einzige übriggebliebene Mann auf der großen, weiten Welt.

Auch interessant: Die Hinweise auf Haarwachstumsbeschleunigungs-Haarausfallreduktions-Nur-wir-können-dir-jetzt-noch-helfen-Produkte, die mir täglich bei Instagram zugespielt werden. Diese (Werbe-)Maßnahmen haben auf Seiten der Hersteller schon erste Erfolge erzielt: Ich habe mir Nahrungsergänzungsmittel bestellt, die ich offenbar dringend gebraucht habe und die meine letzte Rettung sein könnten. Es handelt sich um Kapseln mit Bio-Gerstengras und um Tabletten mit Biotin, Selen und Zink, die ich gestern das erste Mal genommen habe und von denen ich jetzt schon spüre, dass sie wirken.

Zu dem springseilspringenden Weihnachtsmann möchte ich auch noch ein paar Worte der Rechtfertigung hervorbringen. Ich weiß nicht – wirklich nicht! – warum mir immer wieder Videos von ihm vorgeschlagen wurden. Vielleicht hängt das irgendwie mit meinem Interesse für Body Transformation zusammen. Menschen, die sich mithilfe von Diäten und Training quasi neu erfinden. Solche Videos gibt es massenhaft auf Instagram. (Oder es wirkt so, weil ich ständig welche vorgeschlagen bekomme).

Der junge, springseilspringende Mann, der übrigens normalerweise kein Weihnachtsmannkostüm trägt (das tat er nur im Dezember), sondern meist medienwirksam oben ohne sportelt, war früher nämlich auch nicht so durchtrainiert wie jetzt. Und früher konnte er auch nicht davon leben, dass er Springseil springt, sondern hat gekellnert. Außerdem hat er, soweit ich weiß, bulgarische Wurzeln, was mir auch irgendwie sympathisch ist, seitdem ich vor mehr als 25 Jahren Osteuropa für mich entdeckt habe. Naja, und irgendwann dachte ich, wenn mir eh schon ständig Videos von ihm vorgeschlagen werden, dann kann ich ihm doch eigentlich auch gleich folgen. Denn er ist wirklich gut, in dem, was er tut: Springseilspringen meine ich.

Vielleicht klingt das jetzt alles nach seichter Unterhaltung und Zerstreuung. ABER! Instagram hat tatsächlich schon mal etwas herausragend Gutes in meinem Leben bewirkt und insofern fühle ich mich der Plattform zu ewigem Dank verpflichtet. Irgendwann im vergangenen Spätsommer wurde mir nämlich eine Werbung eingespielt, die meinem Leben einen vielleicht ganz entscheidenden Impuls gegeben hat – mehr noch als die Nahrungsergänzungsmittel für schönes, volles Haar. Die Rede ist vom Hinweis auf das Seminar „Der Weg zum eigenen Kinderbuch“ von Alexa Hennig von Lange, das ich im vergangenen Oktober in Hamburg besucht habe. Es hat mich richtiggehend beflügelt. Ein guter Grund also, den Algorithmus munter weiter zu füttern. Vielleicht gibt es ja noch mehr solcher Impulse – und wenn ab und zu Aaron Taylor-Johnson auftaucht, wäre das auch nicht so schlimm.

6 Kommentare zu „Immer wieder: Den Algorithmus auf Instagram füttern“

  1. „Menschen, die sich mithilfe von Diäten und Training quasi neu erfinden.“ Ich bin da etwas empfindlich beim Gedanken an solche Inhalte, wenn ich an die jungen Nutzer denke, die noch auf der Suche nach sich selbst, nach dem Sinn des Lebens sind.😢
    Ich selbst bin ganz ohne IG & Co. schon digital verseucht. Wenn meine Kinder (oder der Mann) fragen: „Was guckst du da die ganze Zeit aufs Handy?“, ist meine Standardantwort: „Ich lese Nachrichten.“ Stimmt meist auch, aber Nachrichten können auch Boulevard oder Crime sein. Und diese füttert dann der Google-Feed am liebsten nach. Manches passt zu mir und meinen Suchinteressen, anderes … gruselig. Lustig ist aber das 50/50-Gemisch aus deutschen und italienischen Artikeln. Da hat Herr Google mein Profil schon mal geknackt. 😂
    PS: Den Schauspieler kannte ich nicht. Ich habe ihn gegoogelt. Mal sehen, ob er jetzt auch bei mir öfter auftaucht.

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    1. Liebe Anke, und damit hast du natürlich völlig recht: Mit solchen Inhalten kann man auch empfindlich sein und sollte es sogar. Wenn sie bei mir ausgespielt werden, hat das mit meinem Nutzungsverhalten zu tun, und das ist mir auch bewusst. Ich bilde mir ein, mitten im Leben zu stehen und eine ganz bestimmte Haltung dazu einnehmen zu können. Das gelingt anderen, vielleicht auch jüngeren Nutzern nicht immer. Ich weiß, wie sehr mich die Schönheitsideale der 90er-Jahre geprägt haben, unter deren Eindruck stehe ich ja heute noch. Insofern ist das alles mit großer Vorsicht zu genießen.
      Interessant war, dass mir heute, nachdem ich bei Instagram eine Story zum neuen Blogbeitrag erstellt hatte, in der der Name Aaron Taylor-Johnson vorkam, gleich noch mehr Videos (Reels) von ihm vorgeschlagen wurden. So funktioniert es …

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  2. Liebe Sophie, Du scheinst Insta für Dich im Griff zu haben und es mit Humor zu nehmen, das finde ich gut!

    Selbst gelingt mir das weniger, das Gefühl, dass die Blase der angezeigten Inhalte immer kleiner wird, finde ich zunehmend schwierig. Zudem belauscht das Handy einen offensichtlich, obwohl ich das nicht zugelassen habe. Mir ist es bereits mehrfach passiert, dass ich nur mit jemandem über etwas gesprochen (!) habe, es nicht gegoogelt habe oder vorher damit in Verbindung war und keine zwei Stunden später, spielt Insta mir dazu Werbung ein. Erst glaubte ich an Zufall, inzwischen nicht mehr.

    Es gibt aber auch nette Entdeckungen und so bleibt es eine Münze mit zwei Gesichtern. Mal sehen, wie lange ich sie noch werfe.

    Liebe Grüße

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    1. Liebe MissLazy, ich hatte auch schon mehrfach den Eindruck, vom Handy belauscht zu werden. Es war genauso, wie du geschildert hast. Nur ein Gespräch, keine Internetrecherche oder so. Ich wüsste gern, ob das wirklich sein kann. Und ich hatte tatsächlich erwogen, dieses Thema auch im Blogbeitrag anzureißen, wollte aber nicht paranoid erscheinen. Wenn ich jetzt allerdings höre, dass es auch anderen so geht … Wirft schon ein paar Fragen auf, oder?
      Liebe Grüße zurück!

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