Zum ersten Mal: Vergessene Gärten, versteckte Buchten

oder: Cornwall, zweite Halbzeit

Mich beschleicht das Gefühl, dass ich bei meinem letzten Reisebericht ausgerechnet bei Scones mit Clotted Cream und Jam stehengeblieben bin. Oder waren es Fish and Chips? Beides stand während unseres Urlaubs mehrmals auf unserem Speiseplan, man kommt weder um die Scones noch um den Fisch wirklich herum, und ehrlich gesagt möchte ich das auch gar nicht. Sie sind so etwas wie Nationalgerichte, die jeder Urlauber probiert haben muss. Chips, also frittierte Kartoffeln, etwas dicker und kürzer als Pommes, gehören in unserer Familie essensmäßig auch zu den kleinsten gemeinsamen Nennern. Unsere Töchter sind etwas herausfordernd, was ihre Nahrungsaufnahme betrifft, da ist es gut, eine Rückfalloption zu haben. Deshalb essen wir auch überdurchschnittlich oft Nudeln mit Tomatensauce/Butter (Belle)/Ketchup (Baby Boss).

Fish and Chips.

Sowohl bei den Scones als auch beim Fisch kann man etwas falsch machen, davor möchte ich jetzt ausdrücklich warnen. Bei Fish and Chips solltet ihr nie davon ausgehen, dass das bestellte Essen vielleicht nicht reichen könnte. NIE! Denn die Portionen sind gefühlt alle LARGE! Und damit meine ich: RIESIG! Und köstlich! Dennoch hatten wir an unserem letzten Abend in New Mill große Probleme, das bestellte Essen zu verdrücken und haben es trotz aller Bemühungen auch leider nicht geschafft. Und bei den Scones outet man sich am besten als Tourist, indem man sie zuerst mit der Clotted Cream bestreicht und darauf die Marmelade verteilt. Das ist zwar nicht schlimm, aber irgendwie doch falsch, wie ich erst viel zu spät erfahren habe: Erst die Marmelade, dann die Cream!

So nicht!

In England ist es übrigens weit verbreitet, die genaue Kalorienanzahl von Speisen anzugeben, also nicht nur auf Verpackungen, sondern zum Beispiel auch ab und zu in Cafés für die Kuchen, die sie im Angebot haben. Da steht dann etwa: Victoria-Sponge-Cake, 615 Kalorien pro Stück. Das sollte einem nicht den Appetit verderben. Vielleicht einfach jemand anderen an den Tresen schicken, um zu bestellen.

Unsere nächste Unterkunft in Cornwall nach New Mill ist ein Reihenhaus in Carharrack, einem kleinen Ort zwischen Redruth und Truro, den andere Menschen, die in Cornwall leben, nicht kennen, vielleicht gerade einmal die Bewohner Carharracks selbst. Wir haben ihn auch nicht ausgesucht, weil er so malerisch ist, sondern weil er recht zentral liegt und sich die Unterkunft bis kurz vor Reiseantritt stornieren ließ. Das war uns wichtig, denn unser für 2021 geplanter Südenglandurlaub ist coronabedingt ins Wasser gefallen.

Vom kleinen, nicht weiter erwähnenswerten Örtchen Carharrack aus unternehmen wir wieder Ausflüge in alle Himmelsrichtungen: diesmal oft an Strände, weil wir mit Kindern unterwegs sind, die nicht immer nur durch Gärten latschen wollen (was ich stundenlang tun könnte). Kleiner Tipp: Unseren Kindern gefallen die Gärten besser, bei denen zeitgleich auch Herrenhäuser zu besichtigen sind. Einen besonders schönen Nachmittag verbringen wir deshalb in Trerice, wo wir Kinderspiele aus vergangenen Zeiten auf der Wiese spielen, und in Lanhydrock House, das ein überwältigend gut erhaltenes Interieur bietet. Für Kinder gibt es dort unter anderem die Möglichkeit, sich zu verkleiden, Kronen oder Narrenkappe aufzusetzen und sich vor einer Kulisse fotografieren zu lassen. Oder ein riesiges altes Schaukelpferd zu besteigen, das mich an den Film „Der kleine Lord“ denken lässt. Auch die Gärten der beiden Häuser sind unbedingt sehenswert!

Trerice House.
Lanhydrock House.
Lanhydrock Garden.

In Cornwall gibt es zahlreiche wunderschöne Strände, die mich echt ein bisschen überrascht haben. Ich hätte nicht erwartet, dass sie so karibisch aussehen würden mit türkis-blauem Wasser und hellgelbem Sand. Ganz besonders gefällt uns der Chapel Porth Beach, zu dem wir von St Agnes Head über den South West Coast Path vor beeindruckender Meereskulisse wandern – vorbei an der ehemaligen Zinnmine Wheal Coates. Wir haben an diesem Tag unsere Wasserflasche vergessen. Oder sollte ich sagen, dass mein Mann sie vergessen hat? Es gibt unterschiedliche Auffassungen davon, wer sie hätte einstecken sollen. Jedenfalls stürzen wir uns am Chapel Porth Beach direkt auf den Kiosk und kaufen Cola light. Übrigens lässt sich der Strand auch per Auto erreichen, per Wanderung ist es aber noch schöner (finden die Erwachsenen). Da wir in unserer Familie mehr Kinder als Erwachsene sind, fahren wir das nächste Mal mit dem Auto dorthin und parken kostenfrei, weil der Parkplatz zum National Trust gehört. Diesmal haben wir auch Wasser dabei und stürzen uns nicht auf den Kiosk, sondern mit unserem neu erworbenen Bodyboard in die Brandung (nur Supergirl, Baby Boss und ich, das Wasser hat knapp 18 Grad, und Belle sitzt die meiste Zeit in ihrer Kapuzenjacke am Strand, als die Sonne herauskommt, setzt sie sich in den Schatten).

South West Coast Path mit Zinnmine im Hintergrund.
Chapel Porth Beach.

Andere, ebenfalls schöne Strände besuchen wir auch: den Perranporth Beach (recht voll) und den Porthtowan Beach (ebenfalls recht voll). Außerdem machen wir von Carharrack aus Abstecher nach Truro und Falmouth und nach Trellisick House. Besonders habe ich mich auf die Lost Gardens of Heligan gefreut, die laut Reiseführern und Internet zu den besonders sehenswerten Gärten in Cornwall gehören. Es ist auch sehr schön dort, aber wir haben noch mehr Verwunschenes und Feenhaftes, noch mehr Figuren wie die schlafende Frau, die „Mud Maid“, erwartet. Dennoch: wer in Cornwall ist, sollte den Garten besuchen und genug Zeit dafür einplanen. Das gilt übrigens für alle Gärten. Einheimische nehmen gern Picknickdecken und Proviant mit und setzen sich auf die dafür vorgesehenen Wiesen.

Die „Mud Maid“ in den Lost Gardens of Heligan.
Lost Gardens of Heligan.

Unser England-Trip ist nach gut zwei Wochen Cornwall erfreulicherweise noch nicht zu Ende. In der Verlängerung zieht es uns für je drei Übernachtungen und zwei komplette Tage ins Exmoor und nach London. Wir sehen wilde Ponys, besichtigen das Herrenhaus Knightshayes, Windsor Castle und Westminster Abbey, schlendern über die Tower Bridge und über den Leicester Square, stöbern im Kaufhaus Selfridges und sitzen auf verbranntem Rasen im Hyde Park. Das Elfmeterschießen verbringen wir für je eine Nacht im malerischen Ort Rye, in Antwerpen und Münster, bevor es nach knapp mehr als drei Wochen zurück nach Berlin geht.

Exmoor-Ponys, die eher schüchtern sind.
London.
The Shard.

Am Ende des Urlaubs stelle ich fest: Die größten Schätze habe ich nicht im Windsor Castle gesehen, sondern in den Gärten, die wir in den vergangenen Wochen besucht haben: vielfältige Pflanzen in allen Farben und Formen, eine Pracht von unvorstellbarer Intensität, und dennoch strahlt alles eine Ruhe aus, die in heutigen Zeiten nur noch selten zu erleben ist.

Stille und einen Moment der Einkehr habe ich in der kleinen katholischen Kirche „St Anthony of Padua“ in Rye gefunden und nicht im prachtvollen Westminster Abbey.

Das beste Mittagessen hatten wir auf dem Lidl-Parkplatz in Calais nach unserer Rückkehr aus Dover: frisches Baguette, Tomaten und Morbier.

Im Tesco Superstore zwischen Sundae Swirly Toffee-Dessert und Butter Chicken Cooking Sauce fühle ich mich wohler als im Selfridges zwischen Designerkleidern und -taschen, die nicht ausgepreist sind.

Mein Mann und meine drei Töchter sind meine liebste Reisegesellschaft. Und ich kann gut damit leben, dreimal pro Woche Nudeln zu essen.

Rye.

6 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Vergessene Gärten, versteckte Buchten“

  1. Erfrischendes Lesevergnügen, liebe Sophie! Ich überlege grad, ob ich 18 Grad Wassertemperatur lieber hätte als dieses Badewannengefühl hier bei uns in Alassio, bei dem man unter sengender Sonne von einer kühlen Dusche träumt. 😉

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