Zum ersten Mal: Mutter-Kind-Kur

oder: Einfach mal nichts tun

„Du kommst irgendwie auch nicht mit deinem Buch voran“, sagt Supergirl. Ich schaue auf. „Gerade trinkst du total lang“, fährt sie fort. „Vorher warst du auf der Toilette. Dann hast du nach Baby Boss geschaut. Und das Fenster zugemacht.“ Supergirl hat recht. Ich komme nicht voran mit meinem Buch. Wir sitzen in unserem Zimmer in einer Mutter-Kind-Kurklinik in Schleswig-Holstein, auf Korbstühlen in einem verglasten Erker. Wir sind erst seit einigen Tagen hier. Vor mir auf dem Tisch liegt mein Buch. Es ist ein gutes: Der Report der Magd von Margaret Atwood. Das Buch wollte ich schon seit langer Zeit lesen. Trotzdem schaffe ich nur zwei Absätze am Stück, dann unterbreche ich die Lektüre und tue irgendetwas – total viel trinken, auf die Toilette gehen, nach Baby Boss schauen –, um mich gleich darauf wieder hinzusetzen und zu lesen. Zur Zeit scheine ich Schwierigkeiten zu haben, mich auf eine einzelne Sache einzulassen, zur Ruhe zu kommen.

Woran das liegt? Normalerweise habe ich so viel zu tun, dass ich die einzelnen To-dos in meinem Alltag nur unterkriege, wenn ich mehrere Dinge gleichzeitig mache. Zumindest bilde ich mir ein, dass es so ist. Eine WhatsApp-Nachricht schreiben und zeitgleich Fragen meiner Töchter beantworten. Supergirl zum Kieferorthopäden begleiten und im Wartezimmer einen Themenvorschlag für meinen Job im Kopf skizzieren. Wäsche aufhängen und dabei meine Zähne putzen.

Hier in der Kurklinik ist das anders. Ich könnte ein Buch lesen. Am helllichten Tag. Und dabei einen entkoffeinierten Kaffee trinken. Oder eine Joggingrunde über die Felder drehen. Oder auf dem Spielplatz sitzen und Supergirl und Baby Boss beim Rutschen zusehen. Oder wirklich und wahrhaftig nichts tun. Also einfach nur dasitzen und aus dem Fenster schauen, auf die herbstlich gefärbten Bäume, das hellblaue Becken des Freibades, das durch die Äste schimmert. Ich habe nur ein oder zwei Termine pro Tag: Anwendungen. Zum Beispiel Massage und Fango. Progressive Muskelentspannung. Walken an der Nordsee. Achtsamkeitstraining. Mehr habe ich nicht zu tun. Und das wenige, was ich mache, dient meiner Erholung. Es sind also gar keine echten Termine. Das ist ungewohnt.

„Wenn ich nichts mit mir anzufangen weiß, räume ich unser Appartement auf“, sage ich zu meiner Bezugstherapeutin, nachdem wir eine Woche in der Kurklinik sind. „Nichts zu tun zu haben, kann anfangs auch Stress auslösen“, entgegnet sie. Ich fühle mich ertappt. Eine andere Kursleiterin sagt, dass sich der Kuraufenthalt so anfühlen könnte, als hätte jemand plötzlich das Hamsterrad angehalten. Ich kann nicht anders, als mir die Szene bildlich vorzustellen: Der Hamster läuft aus Versehen weiter und plumpst vom oberen Teil des Rades herab. Ein Nager, der seiner Beschäftigung beraubt im Käfig liegt – das bin ich.

Als wir hier ankommen, weiß ich noch nichts davon, dass ich weite Teile des Tages nichts zu tun haben werde. Dass ich zum Beispiel um 9.20 Uhr anfangen werde, wiederholt auf meine Uhr zu schauen, um den Termin zum Walken an der Nordsee nicht zu verpassen: Treffpunkt 10 Uhr Busschleife. Zu allen Kursen komme ich zu früh. Weil ich mich darauf freue. Und weil ich auch nicht anders kann. Der Hamster ist pünktlich. Aber als wir hier ankommen, möchte ich nur eines: sofort wieder nach Hause fahren. Zu dritt betreten wir unser Appartement. Das Hotel Imperial in Karlsbad ist es nicht, denke ich. Die halben Familien um mich herum machen mich melancholisch. Ich fühle mich kurz niedergeschlagen und ein bisschen verloren. Diagnose: akutes Heimweh. In den ersten zwei Nächten schlafen Baby Boss, Supergirl und ich zu dritt in meinem Doppelbett. Jetzt – nach fast drei Wochen Kuraufenthalt – muss ich ein bisschen darüber lachen. Innerlich habe ich oft den Drang, voreilig die Flinte ins Korn zu werfen. Ich gebe ihm allerdings selten nach, was sich meist als gut erweist. So wie jetzt.

Freundinnen haben mir gesagt, wie großartig sie ihre Kuraufenthalte fanden. Das war ein wichtiger Grund für mich, überhaupt eine Kur zu beantragen. Vor der Fahrt habe ich die Vorstellung, dass auch mein Aufenthalt großartig werden könnte. Aber anfangs weiß ich nicht, was genau dafür passieren muss.

Es fühlt sich ein bisschen an, als würde ich schummeln, als nach ein paar Tagen mein Mann und Belle in eine Ferienwohnung im nächsten größeren Ort ziehen und wir die Zeit, in der ich keine Anwendungen habe, miteinander verbringen. Wir fahren nach Sylt und nach Dänemark, machen eine Seefahrt zu den Seehundsandbänken im Wattenmeer und eine Radtour auf die Hamburger Hallig. Aber ich bin nicht die einzige, die schummelt. Auch andere halbe Familien bekommen Besuch von Vätern oder Müttern. Wir sollen hier das machen, was uns gut tut, heißt es eingangs. Zeit mit der Familie zu verbringen gehört dazu.

Als mein Mann und Belle abreisen, werden die Zeiträume fürs Nichtstun wieder größer. Wünsche ich mir das für den Alltag? Ich denke an Astrid Lindgren und ihren Ausspruch: „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“ Es würde mir reichen, wenn ich jeden Tag so einen Moment hätte. Kann ich das einrichten? Oder habe ich zu viel zu tun?

Seit einigen Jahren spiele ich Klavier. Manchmal denke ich, dass ich es vor allem deshalb tue, weil mein Klavierlehrer eine so wahnsinnig lebenskluge Person ist. Er ist Amerikaner und 15 Jahre jünger als ich. Neben ihm fühle ich mich wie Karatekid, er ist mein Meister. Neulich habe ich ihm das gesagt. Da hat er gelacht. Er weiß, dass ich recht habe. Ich liege ihm immer damit in den Ohren, dass ich keine Zeit finde, Klavier zu üben. In der letzten Stunde vor der Kur hat er mir für die Zeit danach aufgeben, dass ich jeden Tag fünf Minuten spielen soll. „Aber auf keinen Fall mehr“, sagt er. „Wirklich nur fünf Minuten.“ Ich merke sofort, worauf er hinauswill. Es stimmt: Ich habe jeden Tag Zeit, fünf Minuten zu üben. Ich weiß es, und er weiß es auch. Ich sage es ja: Er ist mein Zen-Meister. Klavierspielen tut mir gut, weil ich dabei nicht zeitgleich Wäsche aufhängen oder mir die Zähne putzen kann. Es ist zwar kein Moment, in dem ich einfach nur dasitze, aber ein Moment für mich.

Bei der Kur steht auch Wirbelsäulengymnastik auf meinem Therapieplan. In der ersten Stunde sagt die Kursleiterin: „Pro Tag fünf Minuten trainieren, ist besser als gar nichts zu machen. Und zehn Minuten sind besser als fünf Minuten.“ Ich begreife langsam: Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich. Der Kuraufenthalt untermauert, was mir seit einiger Zeit durch den Kopf geht. Das fühlt sich schon mal ziemlich großartig an.

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