Immer wieder: Weiche Knie

oder: Herz über Kopf

Als unsere Kinder noch klein waren, wurde ihnen im Auto manchmal schlecht. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Fahrt auf Mallorca, als Baby Boss knapp drei Jahre alt war und bei jeder Kurve gequält aufstöhnte, und daran, wie sich Supergirl als kleines Mädchen einmal auf ihre Kleidung übergeben hat. Lange Jahre hatten wir deshalb eine so genannte „schlechte Tüte“ im Auto. Eines der Mädchen hatte sie so bezeichnet, ein kindlicher Versprecher: Schließlich war die Tüte für Momente gedacht, in denen jemandem schlecht wurde. Seit einigen Jahren gehört die schlechte Tüte nicht mehr zur Grundausstattung. Neulich hätte ich eine gebraucht.

Wir waren auf dem Weg nach Karlsbad. Meine Schwiegereltern hatten uns dorthin eingeladen: ein verlängertes Wochenende in einem Fünf-Sterne-Hotel mit ihnen, meiner Schwägerin und der Cousine meines Schwiegervaters. Wir freuten uns seit Monaten darauf. Die Stimmung während der Fahrt war daher zunächst ausgelassen. Erst, als wir bereits drei Stunden unterwegs waren, die Dunkelheit einsetzte und wir in Schlangenlinien durchs Erzgebirge fuhren, kippte sie langsam. Vor allem bei mir. Ich wurde reisekrank.

Bei mir ist es ein bisschen komisch: Ich halte mich einerseits für eine starke Person, zäh und belastbar. Viele Sachen mache ich mit links. Dagegen ist irgendein Teil meiner Selbst, den ich nicht richtig verorten kann, total anfällig und reizbar. Zum Beispiel mein Nervensystem. Sitze ich im Auto und fahre Serpentinen, wird mir leider nicht nur schlecht, sondern ich fühle mich nach einiger Zeit so fahrig und nervös, dass ich am liebsten schreiend aus dem Auto springen würde. Naja, der letzte Halbsatz ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber ich wünsche mir dann nichts sehnlicher, als endlich – endlich! – anzukommen.

Ich habe auch noch andere solcher Befindlichkeiten und bilde mir ein, dass sie vielleicht alle zusammenhängen könnten. Aber vielleicht ist dieses Zusammenhänge-Sehen auch nur eine weitere Befindlichkeit. Es gibt zum Beispiel einen Grund dafür, warum ich nur entkoffeinierten Kaffee trinke. Manchmal vergesse ich ihn oder gehe darüber hinweg, wenn ich Appetit auf Kaffee habe, aber keiner ohne Koffein zu haben ist. Dann trinke ich trotzdem welchen und nehme – je nach Stärke des Getränks – verschiedene Symptome in Kauf: innere Unruhe, Zittern, ein Gefühl wie unter Strom.

In Karlsbad gab es am Frühstückbuffet keinen entkoffeinierten Kaffee. Aber vielleicht hätten sie mir sogar einen koffeinfreien Soja latte mit veganen Schokostreuseln serviert. Ich weiß es nicht, ich habe mich nicht zu fragen getraut. Manchmal bin ich etwas schüchtern, vor allem, wenn ich fremde Leute ansprechen muss oder vor vielen Menschen reden. Neulich gab es bei Belle in der Klasse einen Elternabend und ich wusste, dass ich etwas würde sagen müssen: dass mein Mann weiterhin als Kassenwart zur Verfügung steht und sich in der Klassenkasse nicht mehr allzu viel Geld befindet. Da habe ich mir im Vorfeld extra ein paar Sätze zurechtgelegt, die ich mehrmals in Gedanken geübt habe.

Im Hotel gab es ein Paar, das unsere Blicke vom ersten Abend an auf sich zog. Wir mussten am Anreisetag direkt ins Restaurant eilen, weil das Buffet gegen halb neun abgeräumt werden sollte – und da saßen sie. Ich vergaß meine Übelkeit und hatte nur noch Augen für die beiden.

Es war ein schönes Paar, schick gekleidet, geradezu elegant. Absolut angemessen für ein Fünf-Sterne-Hotel. Sie wirkten sympathisch, waren einander auf sehr angenehme Weise zugewandt, ich würde fast sagen, dass man die Liebe zwischen ihnen spüren konnte. Einmal sahen wir sie, als sie gemeinsam ein Spiegel-Selfie auf dem Hotelflur machten. Ich glaube, spätestens da habe ich mich ein bisschen in die beiden verknallt. Es waren Männer mit Ausstrahlung. Zwei richtige Hingucker. „Die sind immer so ordentlich“, sagte Belle.

Wir nannten sie „die Österreicher“ und Belle und Baby Boss überlegten, wie die beiden wohl heißen mochten. „Florian“, sagte mein Mann. „Der eine heißt ganz sicher Florian.“ Den anderen nannten wir Philip. Florian hielten wir für einen Tänzer, weil er besonders aufrecht ging und so vornehm und hübsch aussah.

Am Tag unserer Abreise grüßte mich Florian morgens am Frühstücksbuffet. Baby Boss traute ihren Ohren kaum. Ich glaube, auch sie hatte sich ein bisschen in ihn verknallt. Während des Essens plante sie detailliert, die beiden anzusprechen und sie nach ihren Namen fragen, um herausfinden, ob wir richtig lagen. Sie saßen nur wenige Meter von unserem Tisch entfernt und Baby Boss machte immer wieder ein, zwei Schritte auf sie zu – die Österreicher hatten es bestimmt bemerkt. Es war ihnen wahrscheinlich ohnehin nicht entgangen, dass wir ständig zu ihnen herüberstarrten. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich ihnen gern sagen wollte, warum. Ich trank meinen Kaffee in großen Schlucken. Ich wurde langsam nervös.

Plötzlich standen die Österreicher auf. Jetzt oder nie, dachte ich und erhob mich ebenfalls. „Okay, Baby Boss, hinterher.“ Denn ich bin unbedingt dafür, Menschen nette Dinge zu sagen, wenn man sie denn ohnehin schon denkt. Natürlich nur, wenn es sich ergibt. Es ergab sich in diesem Fall nicht wirklich, das war mir klar, aber Baby Boss wollte ihr Anliegen loswerden, auch das konnte ich spüren. Sie hatte ihre Sätze einstudiert. Ich meine nicht.

Wir eilten Philip und Florian hinterher. „Entschuldigung“, sagte ich, als wir auf ihrer Höhe waren. „Meine Tochter wollte Ihnen gern etwas sagen.“ Baby Boss an meiner Hand blieb stumm, stand nur versonnen lächelnd neben mir. Das Koffein stieg mir in den Kopf oder irgendwohin, wo es Schaden anrichten konnte. „Ich, äh, wir, äh, finden, dass Sie so ein schönes Paar sind“, stammelte ich. „Das wollten wir Ihnen einfach gern noch sagen. Ihr, also, Sie sind uns die ganze Zeit aufgefallen.“ Die beiden freuten sich sehr darüber, das konnte ich sehen, ihre Augen wurden vor Überraschung ganz groß. Sie strahlten wie zwei Schneekönige und sagten so etwas wie „Ja, das ist aber nett.“ in ihrem österreichischen Dialekt, der gar keiner war.

Bei mir führte dieser ungeplante Auftritt zu einem unerwarteten Adrenalinstoß. Der kam zu dem dazu, den das Koffein in mir ausgelöst hatte. Mir wurden die Knie ganz weich, sie fingen richtig an zu zittern. Ich kenne das. Ich habe einen Hang zu nervösen Körperreaktionen (siehe oben). Ich hätte jetzt schleunigst das Weite suchen können, mich irgendwo hinsetzen und in eine schlechte Tüte atmen, um mich wieder runterzuregulieren. Aber wir gerieten in ein richtig nettes Gespräch miteinander, fast herzlich. Ich hätte es noch mehr genossen, wenn meine Knie nicht so gezittert hätten.

Im Nachhinein habe ich mich gefragt, ob es richtig gewesen ist, den Österreichern hinterherzueilen. War es kindisch, peinlich, aufdringlich? Ich hätte die Überdosis Koffein bedenken sollen. Mir vorher etwas zurechtlegen. Ich lasse mich in vielen Dingen eher von meinem Verstand leiten, nicht von Impulsen. Diesmal war es Herz über Kopf. So verkehrt kann das doch aber gar nicht sein, oder?

6 Kommentare zu „Immer wieder: Weiche Knie“

  1. Und ob das richtig war! So eine schöne Geschichte. Leider sind wir allgemein viel zu zurückhaltend, wenn es darum geht, Fremden ein nettes Wort zu sagen oder gar ein Kompliment zu machen. Neulich wartete ich in der Anprobe im Klamottenladen und sah eine Frau, die in einem „Leoparden“-Kleid, das ich nie probiert hätte, hinreißend aussah. Das hätte ich ihr gern gesagt und hab es mich leider nicht getraut.
    Liebe Grüße Anke

    Gefällt 2 Personen

    1. Das verstehe ich voll und ganz. Ich traue mich auch oft nicht, etwas zu sagen, aber ich versuche es zu ändern. Denn meistens macht es die andere Person ja froh, wenn sie etwas Nettes über sich hört. Ich muss dabei immer an den Spruch denken: Kindness can change the world.
      Die Österreicher haben uns übrigens „gestanden“, dass wir ihnen ebenso aufgefallen waren wie sie uns. Am Vorabend hätten sie sich zum Beispiel darüber unterhalten, was ich für ein tolles rotes Kleid getragen hätte. ☺️

      Gefällt 1 Person

  2. Das war wieder ein toller Blog und ich habe mich köstlich über euer kleines Abenteuer amüsiert. Die Frage ist nur, wie hießen denn die beiden Österreicher oder habt ihr in eurer Aufregung vergessen danach zu fragen?

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  3. Daphne du Maurier bringt es auf den Punkt:
    „Ein freundliches Wort kostet nichts, und dennoch ist es das Schönste aller Geschenke.“
    Gut, dass du dich getraut hast, die Österreicher anzusprechen – ihre positive Reaktion sollte dich bestärken, zukünftig noch schneller Nettigkeiten zu verteilen.

    Gefällt 1 Person

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