Immer wieder: Abgeholt werden

oder: Von Eltern und Kindern

Seitdem ich selbst Kinder habe, sehe ich meine Eltern mit anderen Augen. Klarer. Und milder. Früher gab es Zeiten, in denen ich ihnen für alles Mögliche die Verantwortung zugeschoben habe. Noch dazu wahrscheinlich zu Unrecht. Meistens habe ich gar nicht mit ihnen darüber gesprochen, sondern nur innere Monologe geführt, in denen ich ihnen Vorwürfe gemacht habe. Mit dieser Methode konnte ich vermeiden, ihnen vor den Kopf zu gestoßen, aber ich habe ihnen auch nicht die Möglichkeit gegeben, sich zu erklären. Ich habe mich über dieses und jenes aufgeregt und selbstgerecht gedacht, ich würde es besser machen, wenn ich einmal Kinder hätte. Und jetzt, wo ich Mutter bin, merke ich, wie schwer es eigentlich ist: das Elternsein. Auf hundert Sachen, die ich richtig mache, kommen mindestens zehn, die sich irgendwie falsch anfühlen. Dazu beschleicht mich oft genug das Gefühl, dass ich eigentlich gar nicht so genau weiß, was richtig ist.

Als Supergirl, Baby Boss und ich gemeinsam auf Mutter-Kind-Kur waren, haben wir vor lauter Heimweh die ersten zwei Nächte zu dritt in einem Bett geschlafen. Das hatte erhebliche Auswirkungen auf meinen Schlaf. Ich bin pro Nacht ungelogen mindestens zehnmal aufgewacht, weil ich einen Arm im Gesicht oder ein Bein im Bauch hatte oder mir jemand aus allernächster Nähe ins Gesicht geatmet hat. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich erholt zurückkehren würde, wenn es bei dieser Zimmeraufteilung bliebe. In der dritten Nacht zog Baby Boss ins Kinderzimmer, Supergirl wollte weiterhin mit mir in einem Bett schlafen. Vor der vierten Nacht kam mir das schrecklich ungerecht vor: Baby Boss tat mir leid, so allein im Nebenzimmer. Ich wollte Supergirl umquartieren – und traf ihr damit versehentlich mitten ins ängstliche oder heimwehkranke Herz. Selten habe ich sie so außer sich erlebt, sie war nicht mehr zu erreichen und weinte sich im Kinderzimmer unter einem Bild aller Disneyprinzessinnen in den Schlaf. Nach einer Nacht hatte sie sich an das neue Bett gewöhnt und die Geschichte war Schnee von gestern – oder aber Supergirl wird sie mir bei Gelegenheit in inneren Monologen oder sehr direkt vorwerfen. Beides liegt durchaus im Bereich des Möglichen.

Jeder hat ja irgendwelche Marotten oder Spleens oder Unzulänglichkeiten. Eine von meinen ist, dass ich mich nicht wirklich traue, Auto zu fahren. Das soll sich jetzt aber dringend ändern. Momentan reicht es für ein paar Runden im wenig befahrenen Berlin-Zehlendorf. Wenn ihr da mal jemanden seht, der in einem schnittigen, flamenco-roten 2er-BMW mit Tempo 10 durch die 30er-Zone schleicht, dann bin ich das. Und so lange das so ist, verlasse ich mich für alle Strecken, die nachmittags mit dem Auto gefahren werden müssen, auf meinen Vater.

Mein Vater ist so ein Typ Elder Statesman, obwohl er nie in der Politik war. Jemand, der mit dem Alter immer besser geworden ist. Ich denke, er und ich sind uns sehr ähnlich. Er ist ebenso wie ich ein bisschen Tamagotchi-mäßig, aber für Männer ist es, glaube ich, manchmal schwieriger, das auszuleben. Männer müssen ja an sich immer irgendwie zäh und stark sein und können nicht darauf warten, dass sie mal jemand betüddelt. Jedenfalls nicht die Männer seiner Generation.

Ohne meinen Vater wäre ich in vielerlei Hinsicht manchmal ganz schön aufgeschmissen. Und das schreibe ich nicht nur, weil er donnerstags Baby Boss und mich zum Reitunterricht fährt und freitags Belle. Vielleicht ist es falsch, sich in solchen Dingen auf andere zu verlassen, sich abhängig zu machen. Vielleicht ist es nicht erwachsen oder unemanzipiert oder was auch immer. Aber jetzt mal ganz ehrlich: Ist es nicht wunderschön, sich als Kind auf seine Eltern verlassen zu können? Auch mit 44 noch? Ich genieße die 20 Minuten, die wir zusammen im Auto sitzen und reden. Wenn man es genau nimmt, sind es sogar zweimal 20 Minuten, denn in den allermeisten Fällen holt er uns auch wieder ab und bringt uns nach Hause, damit wir nicht den umständlichen und langwierigen Weg mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen müssen. Der Hinweg steht fest, der Rückweg wird jedes Mal neu verhandelt. „Soll ich euch denn auch abholen?“, fragt er, wenn wir im Grunewald angekommen sind. „Ja“, sage ich. „Das wäre schön.“

Am vergangenen Mittwoch sind Baby Boss, Supergirl und ich von der Kur zurückgekommen. Mit dem Zug natürlich, mit Tempo 10 kann ich nicht auf der Autobahn fahren. Wir waren schwer bepackt mit Rucksäcken und Koffern. „Sollen wir euch vom Bahnhof abholen?“, hatte meine Mutter per WhatsApp gefragt. „Ja“, hatte ich geantwortet. „Das wäre schön.“ Pünktlich um 15.21 Uhr eilte meine Mutter am Bahnhof Südkreuz am fraglichen Gleis auf uns zu. Ihre grau melierten Haare wehten im Gegenwind. In solchen Momenten habe ich meine Eltern besonders lieb, auch wenn ich manchmal vergesse, das zu sagen.

8 Kommentare zu „Immer wieder: Abgeholt werden“

  1. Die richtige Balance zwischen zur Selbstständigkeit erziehen und hilfreich zur Seite stehen ist nur in der Theorie leicht, so scheint es mir. Unsere Große sucht oft Auswege, wenn wir sie abholen wollen von einem Fest o.ä., fährt lieber bei den Eltern einer Freundin mit, um uns dann regelmäßig um die Ohren zu hauen, dass wir immer so ein Drama daraus machen würden, und andere ihre Kinder bringen und holen würden, jederzeit und überall. Manchmal hat man als Eltern das Gefühl ‒ gerade in der Pubertät ‒ egal wie, man macht es immer falsch. 😩
    Na dann, nur Mut beim Autofahren! Und ich wette, dein Vater bringt und holt euch trotzdem gern. 😍

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    1. Liebe Anke, ich finde es auch immer wieder schwierig, diese Balance zu finden. Meine Töchter verlassen sich zum Beispiel gern darauf, dass ich „unangenehme“ Aufgaben für sie übernehme (wie etwa ein bockiges Pony aus der Box zu holen). Aber ich verlasse mich ja auch gern mal auf meine Eltern, wie der Beitrag zeigt.
      Wieder Auto zu fahren hat übrigens auch irgendwie mit meinen Töchtern zu tun: Ich will zeigen, dass man sich diesen „unangenehmen“ Aufgaben durchaus stellen kann. Und wer weiß? Vielleicht fahre ich ja auch irgendwann meine Enkeltöchter von A nach B. Ich möchte jedenfalls gern dazu in der Lage sein. Liebe Grüße aus Berlin!

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    1. Das Autofahren macht mir mittlerweile nicht mehr allzu große Angst, wobei ich nach jeder Probefahrt immer noch weiche Knie habe. Aber ich wüsste gar nicht, ob ich es schaffen würde, irgendwo einzuparken. Wo wir wohnen, sind die Parkplätze rar und klein…

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  2. Ein berührender Text. Ich finde, dass es in unserer stark vom Individualismus geprägten Zeit, ein schönes Gegengewicht ist auch einfach mal füreinander da sein zu dürfen. Dabei gilt es natürlich, die Spannung zwischen dem „ich kann es auch alleine“ und dem „ich verlasse mich ganz und gar auf andere“ zu halten. Aber grundsätzlich finde ich, dass nicht jeder alle Talente und Stärken besitzen muss, und dass Kooperation auf beiden Seiten zu großer Zufriedenheit und Freude führen kann.

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    1. Weißt du was? Ich sehe es ganz genauso. Auch, was du über diese Spannung schreibst. Im Idealfall findet man die goldene Mitte.
      Am Wochenende habe ich übrigens mit unserem Auto die Strecke bis zum Reitclub geübt. Im Notfall könnte ich es wahrscheinlich allein schaffen (nur das Einparken an unserem Wohnort wird ein riesiges Problem…). Aber ich freue mich schon sehr auf den kommenden Donnerstag, wenn mein Vater uns zum Reiten fährt und wir wieder ein bisschen Zeit miteinander verbringen.

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