Zum ersten Mal: Toxische Männlichkeit?

oder: Kompliment oder Übergriff?

Ich habe mich in den letzten Jahren immer mal wieder gefragt, warum ich von Männern keine Komplimente mehr bekomme. Ich dachte, es läge an mir, an meinem fortgeschrittenen Alter, der Falte auf der Stirn, den hängenden Bäckchen, den Dellen am Po. Es gibt ja diesen Witz: Was passiert, wenn sich eine Frau über 40 versteckt? Antwort: Niemand sucht mehr nach ihr.

Ich dachte also, der eben beschriebene Wandel wäre Grund genug, um aus dem Blickfeld eines Mannes – aller Männer – zu verschwinden. Auf Nimmerwiedersehen. Aber ich habe mit dieser Annahme vermutlich die ganze Zeit falsch gelegen. Ich glaube, dass ich jetzt auf die richtige Erklärung gestoßen bin. Es erscheint mir total plausibel. Es liegt gar nicht an mir, es liegt an ihnen! Es ist die Sorge der Männer, als übergriffig wahrgenommen zu werden. Wie ich darauf komme? Lest weiter!

Neulich war ich seit langer Zeit mal wieder im Büro. Es war kurz vor unserem Sommerurlaub, es war sehr warm an diesem Tag und ich trug ein Kleid. Es war neu, wie es gefühlt alle meine Kleider sind, ich habe da so einen Lieblings-Modemacher, dem ich nur schwer widerstehen kann. Ich trug also dieses Kleid, neu, blau und gemustert. Es ist ärmellos, und solche Kleider trage ich eigentlich erst, seitdem ich regelmäßig Hanteltraining mache.

Im Treppenhaus begegnete ich einem Kollegen, der mir etwas zurief wie: „Tolles Kleid! Tolle Farbe!“ Und noch bevor ich mich darüber zu freuen beginnen konnte, setzte er hinterher: „Wenn ich das überhaupt sagen darf. Es sollte nicht übergriffig sein.“

Das Kompliment war deutlich von einem Übergriff entfernt, grundsätzlich und im konkreten Fall vielleicht sogar noch umso mehr, weil der fragliche Kollege offen schwul ist. Ich hatte fast das Gefühl, er hätte das eben Gesagte am liebsten zurückgenommen, das Kompliment flog rat- und ziellos im Treppenhaus umher. Dabei war es ja noch nicht einmal um mich persönlich gegangen, sondern nur um das Kleid. Der Kollege hatte zum Beispiel nichts über meine trainierten Oberarme gesagt, das hätte mich sicherlich überrascht, aber in aller Heimlichkeit vielleicht sogar gefreut. Ich hätte gedacht: Das Training beginnt sich auszuzahlen.

Das Straucheln des Kollegen tat mir fast ein bisschen leid: die Sorge, etwas Falsches, Unpassendes, Übergriffiges gesagt zu haben, wobei es doch etwas sehr Nettes war, was mich aufrichtig gefreut hatte. Das Kleid IST toll! Es HAT eine tolle Farbe! Auch oder gerade mit Mitte 40 kann und sollte man so etwas tragen – aller Falten und Dellen zum Trotz.

Ich versicherte dem Kollegen, dass sein Kommentar ganz und gar nicht übergriffig gewesen sei, und blieb mit meinem halben Kompliment zurück.

Später unterhielt ich mich mit Goldlöckchen darüber. Sie erzählte von einer Nachbarin, die gesagt hatte, dass sie von niemandem mehr bewertet werden wolle: auf Äußerlichkeiten bezogen und insgesamt. Ist ein Kompliment eine Bewertung? Und was für eine!

Wenn es danach geht: Ich würde gern mehr von anderen bewertet werden, am besten positiv! Versteht sich von selbst. Ich habe ohnehin das Gefühl, die Menschen sagen sich viel zu selten nette Dinge. Mit Komplimenten wird hausgehalten als ginge es darum, die Staatsverschuldung zu senken. Oder sind etwa alle einfach nur besorgt, sie könnten jemandem damit zu nahe treten? Wohl kaum, denn negative Bemerkungen, Groll und Hate Speech werden vergleichsweise schnell und unzensiert herausgehauen.

Die Geschichte mit meinem Kollegen hat mich nachdenklich gemacht. Bewegen sich Männer heutzutage auf dünnem Eis, wenn sie einer Frau etwas Nettes sagen? Zwischen einem Kompliment und einer blöden Anmache liegen doch Welten. Woher kommt also die Sorge? Wird all das, das Mit- und Untereinander der Geschlechter, tatsächlich strenger gesehen? Bin ich nicht mehr up to date? Manchmal kommt es mir so vor. Dazu zwei Beispiele. Es geht um den Begriff der toxischen Männlichkeit, den ich als Jugendliche nicht kannte; vielleicht gab es ihn in den neunziger Jahren überhaupt nicht.

Vor einigen Monaten haben mein Mann, meine drei Töchter und ich gemeinsam den Film „Dirty Dancing“ angeschaut. Ich habe jahrelang auf diesen Moment gewartet, der Film gehört zu meinen absoluten Favoriten. Er ist erst ab 12 Jahren freigegeben, wir versuchen uns im Allgemeinen an solche Vorgaben zu halten. Baby Boss war zu diesem Zeitpunkt 11 Jahre alt, aber ich habe die Problematik mit der Abtreibung vorher mit ihr besprochen. Für – ich nenne es jetzt mal – erotische Szenen gilt ohnehin: Wem das zu viel wird, der schaut einfach weg. Womit ich nicht gerechnet hatte: Für Kritik sorgte ein ganz anderer Moment im Film.

Es war die Szene, als Johnny und Baby im Regen zum Auto stapfen, um endlich – endlich! – die Hebefigur zu üben. Das macht man ja bekanntlich am besten im Wasser. Und da wollen beide jetzt hinfahren, also zum See. Nur leider steckt der Autoschlüssel im Zündschloss und die Türen und Fenster des Autos sind verschlossen. Aber Johnny ist ja bekanntlich ein ganzer Mann (so habe ich es zumindest als Jugendliche immer gesehen und schäme mich zu sagen, dass es auch heute noch so ist), reißt einfach einen Holzpflock aus dem Boden und stößt damit die Fensterscheibe ein. (Schmacht.) Belle jedoch war gar nicht nach Schmachten zumute. Ihr Kommentar, ganz trocken: „Toxische Männlichkeit.“ Mein Ausruf „Johnny!“ blieb mir im Halse stecken.

Auch Emmanuel Macron wurde schon einmal toxische Männlichkeit vorgeworfen, nicht nur von Belle, die ja eigentlich ein großer Fan der Eheleute Macron ist. Monsieur le Président hatte nämlich nach einem Rugbyspiel in der Kabine der einen Mannschaft eine Flasche Bier in einem Zug ausgetrunken. Früher galt das vielleicht maximal als Macho-Gehabe (der Begriff Macho wurde auch schon in den Neunzigern verwendet). Jetzt ist es aber toxisch. Ich weiß gar nicht mehr, wie Macron aus dieser Nummer wieder herausgekommen ist. Ich fand es zwar etwas unpassend, auch im Hinblick auf seine Vorbildfunktion, aber nicht toxisch. Und jetzt frage ich mich: Was wäre gewesen, wenn Brigitte Macron das Bier getrunken hätte? In einem Zug? Hätte ich das noch unpassender gefunden? Mache ich in solchen Momenten Unterschiede zwischen Männern und Frauen? Macht ihr das?

Es wurden auch Bilder von Emmanuel Macron herausgegeben, auf dem man seine behaarte Brust sieht, und andere, auf denen er auf einen Boxsack einschlägt. Das war wohl beides nicht toxische Männlichkeit, aber vielleicht habe ich die genauere Berichterstattung verpasst, weil ich online neue Kleider bestellt habe. Jedenfalls schien es mir, als ob Macron ebenso wie ich Hanteltraining macht, höchstwahrscheinlich mit schwereren Hanteln.

Mein Bruder erzählte neulich die Geschichte der 18-jährigen Tochter gemeinsamer Freunde. Die hätte bei einem Sportfest beim Aufräumen zwei Stühle getragen und da kam ein Junge beziehungsweise junger Mann aus ihrem Jahrgang und wollte ihr helfen. Das fand die Tochter auch total übergriffig. Vielleicht hat sie gedacht: „Toxische Männlichkeit.“ Ich kann es nicht ausschließen.

Gibt es eigentlich auch ein Gegenstück dazu? Toxische Weiblichkeit? Und, falls ja, wie ist sie definiert? Irgendwelche Einfälle? Ihr könnt ja mal darüber nachdenken, ich mache derweil ein bisschen Hanteltraining.

10 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Toxische Männlichkeit?“

  1. Sehr interessanter Beitrag, ich muss erstmal darüber nachdenken! Eins kann ich aber gleich sagen – diese ganze Gleichberechtigung und Übergriffigkeit und Toxis etc. kippt gewaltig auf die Seite. Ich meine damit, dass es sich ins Gegenteil verkehrt. Also alles jetzt übertrieben wird und man einfach nicht die Mitte findet, die vernünftige Mitte.

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  2. Liebe Sophie, sehr interessanter Blogeintrag. Ich glaube, alle sind maximal verwirrt. Wobei „alle“ vermutlich vor allem die Menschen in unserer Umgebung meint, die sich über so etwas Gedanken machen können, weil sie im Alltag von existenziellen Problemen glücklicherweise verschont sind.

    Dass Mädchen und junge Frauen heute viel deutlicher sagen, wo eine Grenze ist, finde ich uneingeschränkt gut. Wir hätten früher auch ein paar mehr Grenzen ziehen sollen…… Was dabei aber manchmal mit verloren geht, ist die Gabe, sich über Freundlichkeit zu freuen, ohne sich dabei angegriffen oder unangemessen behandelt zu fühlen. An einem Briefkasten in der Nähe hängt ein Sticker „Support friendly people“. Das sollte die Richtschnur für die Bewertung sein. Wie so oft im Leben machen der Ton und die Umstände die Musik. Ein freundliches Kompliment ist genau das: etwas Schönes, nicht mehr und nicht weniger! Darüber darf und sollte man sich freuen.

    Und wenn eine(r) dann doch mal danebengreift, darf man das benennen und ablehnen. Aber ohne zu denken, dass alles im Zweifel immer böse gemeint und toxisch ist.

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    1. Ich bin total bei dir: Ich finde es auch gut, dass heutzutage Mädchen und junge Frauen im besten Fall ihre Grenzen besser aufzeigen können als wir damals. Und ich finde es auch gut, wenn bestimmtes Verhalten kritisch hinterfragt wird, hier am besten ganz unabhängig vom Geschlecht (und der Herkunft, der Hautfarbe etc.).
      Ich hatte gerade ein sehr interessantes Gespräch mit einer meiner Freundinnen, die zwei Söhne hat. Sie beobachtet schon eine gewisse Unsicherheit im Umgang mit dem anderen Geschlecht. Das tut mir dann auch leid.

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  3. Gut beobachtet. In meiner Erinnerung waren die deutschen Männer aber auch lange vor übertrieben ausgelegtem MeToo und sogenannter Toxischer Männlichkeit schon sehr sparsam mit Komplimenten. Im Gegensatz zu den Italienern. Wo es mir besser gefiel als junge Frau? Nun ja, ein gesundes Mittelmaß wäre ideal, aber wenn es das nicht gibt, wähle ich die Komplimente! 😉
    Die ich auch selbst gern großzügiger verteilen möchte. Die Freude, die man dem oder der Angesprochenen macht, hebt auch die eigene Stimmung, stelle ich immer wieder fest.
    Aber sag mal: Machst du auch Männern Komplimente bezüglich ihres Äußeren, der Kleidung oder so, oder doch eher nur anderen Frauen? Ich glaube, wir Frauen sind Männern ggü. auch gehemmt, solange es sich nicht um engste Bekannte handelt. Dabei würde es nicht so schnell als plumpe Anmache interpretiert werden, oder?
    Ein weites Feld. Liebe Grüße!

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    1. Weißt du was? Darüber habe ich tatsächlich gerade nachgedacht: dass ich selbst auch in den vergangenen Jahren sehr zurückhaltend geworden bin, Männern Komplimente zu machen. Ich habe nämlich auch Sorge, es könnte falsch verstanden werden, und zwar nicht nur als Anmache, sondern tatsächlich als übergriffig empfunden werden. Ich hätte früher zum Beispiel auch mal einem Mann, den ich besser kenne und der mir sympathisch ist, bei Reden an den Arm gefasst oder so. So etwas vermeide ich jetzt total. Und es fällt mir auf, wenn jemand das bei mir tut – selbst dann, wenn ich es nicht als unangenehm empfinde.

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  4. Ich scheine, was Komplimente machen angeht, deutlich entspannter zu sein als viele von heute. Ein nettes Wort zu einem Kleidungsstück – was soll hier verkehrt sein? Klar, man sollte unbedingt irgendwelche Aussagen zu körperlichen Merkmalen vermeiden; auch wenn die Aussage positiv formuliert ist, kann sie beim Gegenüber total falsch ankommen. Deshalb Finger weg davon!
    Übrigens: Das Internet ist voller Artikel über toxische Personen: wie erkennt man sie und wie wird man sie vor allem wieder los? Es scheint auch toxische Frauen zu geben, wenn auch die toxischen Männer leider deutlich überwiegen…

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  5. Zwar existiert dieser Beitrag schon ein paar Tage länger, ich möchte aber dennoch meinen Kommentar hier lassen:
    Wir sind eine Gesellschaft im Wandel und müssen unsere Rollen neu finden. Männer sehen, dass sie oft übergriffig handeln, aber 40 Jahre oder mehr Gewohnheit und Erziehung schüttelt man nicht mal eben ab.

    Mein Kompass bei Komplimenten ist übigens:

    Würde ich diese Aussage so gegenüber meiner Mutter machen?

    Wenn ich das reinen Gewissens kann, dann ist es ein gutes Kompliment und nicht übergriffig.

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    1. Liebe Christine, ich freue mich sehr, dass du mir einen Kommentar hinterlassen hast, auch wenn der Beitrag schon ein bisschen älter ist. Denn: Deinen Kompass finde ich echt gut und ich werde mir diese Frage merken. Hättest du mir nicht geschrieben, hätte ich den Kompass nie kennengelernt. Danke dafür und liebe Grüße aus Berlin! Sophie

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