Zum ersten Mal: Frieren im Homeoffice

oder: Was vom Lockdown übrig blieb

Seit rund 2 ½ Jahren arbeite ich zuhause. Warum, weiß ich eigentlich auch nicht so genau. Das hatte ursprünglich irgendetwas mit Corona zu tun, oder? Mit dieser Pandemie, die alle in die eigenen vier Wände gezwungen hat. Ganz ehrlich: Über manche Dinge will ich gar nicht mehr nachdenken, weil sie mir so sehr zusetzen. Corona, der Krieg in der Ukraine, der Klimawandel, die Energiekrise. Das soll jetzt nicht so klingen, als ob ich den Kopf in den Sand stecke und denke, dass das alles nichts mit mir zu tun hat. Das Gegenteil ist der Fall: Ich habe das Gefühl, dass mich alle Themen unmittelbar betreffen, dass sie grundlegend relevant für mich sind – und gleichzeitig aber immer schwerer für mich zu fassen.

Ich sitze im Homeoffice und friere und weiß nicht, ob ich die Gasetagenheizung anstellen kann oder darf und welche Konsequenzen das langfristig hat: auf die Gasspeicher, unseren Geldbeutel, meine Klimabilanz. Sollte ich nicht warten, bis es richtig kalt wird? Und was bedeutet „richtig kalt“? Sind 19 Grad maßgeblich, wie sie in öffentlichen Gebäuden gelten, oder kann ich mir zuhause eine höhere Temperatur erlauben? Oder sollte ich mir noch weniger zumuten? Reicht es für den Moment nicht, mich in die Wolldecke einzuwickeln, die mir meine Mutter zu meinem 40. Geburtstag gestrickt hat? Mir regelmäßig Tee zu kochen? (Achtung: Bei Gelegenheit über den Energieverbrauch des Wasserkochers nachdenken!)

Ich fühle mich immer ein bisschen minderbemittelt, wenn ich darüber schreibe, dass ich manche Dinge nur schwer erfasse. Ich fühle mich schon minderbemittelt, wenn ich das überhaupt auch nur denke. Alle um mich herum scheinen einen Plan zu haben und überall mitreden zu können. Aber mich überfordern die Weltpolitik und die Weltwirtschaft manchmal – und auch vieles andere, was mit „Welt“ beginnt. Es fällt mir schwer, mit der Nachrichtenlage Schritt zu halten. Es ist zu komplex, es wächst mir über den kalten Kopf.

Was Corona betrifft, könnte man den Standpunkt vertreten: „Das war doch alles gar nicht so schlimm. Und außerdem ist es ja jetzt auch vorbei.“ Ich kenne Menschen, die das so sehen. In anderen Ländern ist die Pandemie tatsächlich vorbei, in den USA zum Beispiel, wie Mr Joe Biden kürzlich verkündet hat. Aber erstens fand ich Corona und alles, was damit zusammenhing, schlimm: Todesfälle im einstelligen Millionenbereich, Erkrankte im dreistelligen Millionenbereich, überlastetes Klinikpersonal und vor dem Kollaps stehende Gesundheitssysteme, soziale Distanz und Isolation, Spaltung der Gesellschaft. Was wir da erlebt haben und immer noch erleben, hätte ich einfach nicht für möglich gehalten, und es erscheint mir auch total verrückt. Und vorbei ist es auch nicht. Freundinnen von mir hat es zum Beispiel gerade und vor kurzem sehr heftig erwischt.

Also lieber im Homeoffice bleiben? Es ist nicht die Angst vor Corona, die mich in unserer Wohnung sitzen lässt. Es sind Gewohnheit und Bequemlichkeit. Die Arbeit von zuhause aus ist in den vergangenen Jahren zu meiner neuen Normalität geworden, sie ist Routine, und die ist nur schwer zu durchbrechen.

Und dabei ist es eine aufgezwungene Routine gewesen, eine, die mich Nerven gekostet hat. Vor allem natürlich in der Zeit, als das Homeoffice mit dem Homeschooling meiner drei Kinder einherging. Im Homeoffice gab es anstrengende Zeiten und herausfordernde, belastende und kräftezehrende. Später dann, als meine Kinder wieder zur Schule gingen, auch skurrile und einsame. Während des ersten oder zweiten oder dritten Lockdowns (gab es überhaupt so viele? ich habe irgendwann aufgehört zu zählen) saß ich mit meinen Töchtern am Esstisch im Wohnzimmer, wir alle hatten irgendwelche wichtigen Unterlagen und aufgeschlagene Bücher vor uns zu liegen und starrten auf aufgeklappte Laptops, eingeschaltete Tablets und leuchtende Smartphones.

Eigentlich hätte ich schon damals darüber schreiben sollen, nicht erst jetzt in der Retrospektive, die alles verklärt und mit einer gewissen Lagerfeuerromantik überzieht. „Wisst ihr noch Kinder, als wir damals im Lockdown plötzlich so viel Zeit füreinander hatten? Das war sooo schön.“ Ich kann mich an einen Moment im Lockdown erinnern, der sinnbildlich für die Zeit stehen könnte. Baby Boss öffnete den Kühlschrank und ein Becher Sahne fiel heraus, er zerplatzte auf dem Küchenboden. Die Sahne bildete einen cremefarbenen Fleck auf dem braunen Parkett. Und ich weinte. Ja, gut, in der Retrospektive ist es nicht so schlimm. Ich musste nur aufwischen, mehrfach und mit Spülmittel, weil die Sahne ihre fettigen Spuren hinterlassen hatte. Alles halb so wild. Aber damals war ich fix und fertig. Und zwar nicht wegen der Sahne.

Jetzt sitze ich noch immer im Homeoffice – und friere! –  und schaffe es irgendwie nicht zurück. Ich wünschte, mein Arbeitgeber würde eine Ansage machen. So etwas wie: „Okay, kommt jetzt bitte alle für mindestens 50 Prozent eurer Arbeitszeit wieder zurück ins Büro.“ Aber er scheut sich davor, ist besorgt, dass die Mitarbeitenden, die ihr Homeoffice genießen, auf die Barrikaden gehen könnten. Ich würde sofort und ohne Murren im Büro erscheinen. Wenn es sein muss, sogar mit Wolldecke und einer Thermoskanne Tee.

5 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Frieren im Homeoffice“

  1. Liebe Sophie, ich fühle deine Not. Ich bin froh, nach anderthalb Jahren wieder ins Büro gerufen worden zu sein. Homeoffice war eine gute Erfahrung, hat aber eben auch Schattenseiten. Ich habe auch gemerkt: Gerade an Tagen, an denen man sich nicht so hundert Prozent fit fühlt, gammelt man daheim selbstmitleidig vor sich hin. Duschen, ordentlich anziehen und ins Büro fahren gibt einen Energie-Schub. Man reißt sich zusammen und mit den Kollegen kommt man auf andere Gedanken. Ob gemeinsam frieren auch halb so viel frieren bedeutet? Wir werden es sehen. Die Moral hebt es in jedem Fall! Ich drücke dir die Daumen, dass du auch wieder darfst! Liebe Grüße aus dem Süden und sei getröstet, wir frieren tatsächlich auch schon, Ende September, irre.

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    1. Liebe Anke, ich darf ja sogar ins Büro kommen, muss aber nicht. Und obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, wieder regelmäßig zu gehen, fallen mir immer tausend gute Gründe ein, es dann doch nicht zu tun. Es ist wie verhext. Für mich wäre es einfacher, eine klare Ansage zu bekommen. Denn natürlich tut es gut, ins Büro zu fahren, Kollegen zu treffen, wieder mehr Teil eines Ganzen zu sein.
      Und du hast ganz recht mit dem Energie-Schub!
      Ich sende dir wärmende Grüße nach Italien!

      Gefällt 1 Person

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