Immer wieder: Weihnachten mit

oder: Gedenken und Gedanken

Heute früh bin ich um kurz nach fünf wach geworden und musste an den Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg gestern Abend denken. Daran, dass Menschen dabei gestorben sind und viele schwer verletzt wurden. Ich dachte darüber nach, wie zerbrechlich das Leben ist. Wie sehr ich versuche, voller Hoffnung zu sein, und darüber, wie schwer mir das manchmal fällt.

Ich dachte an all die Todesfälle, die ich in diesem Jahr von Herzen betrauert habe. Es waren so viele wie noch nie zuvor in meinem Leben. Sechs Menschen aus meinem näheren Umfeld sind gestorben, drei davon waren erst um die 40 Jahre alt.

Ich musste darüber nachdenken, dass viele Menschen, die ich kenne, in diesem Jahr ihr erstes Weihnachtsfest ohne diesen von ihnen sehr geliebten Angehörigen verbringen werden, und ich stelle es mir schwer und unsagbar traurig vor. Dann dachte ich daran, dass es den Hinterbliebenen der Opfer von gestern auch so gehen wird. Diese Gedanken machten mich so traurig, dass ich morgens um kurz nach fünf in mein Kissen weinte, bis ich wieder einschlief.

Schon seit einer Weile denke ich darüber nach, eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Weihnachten ohne“ zu schreiben. Ich habe eine vage Idee dazu, es soll um das erste Weihnachtsfest gehen, das jemand nach dem Tod einer geliebten Person ohne sie verbringen muss. Ich habe auch schon einen ersten Satz in meinem Kopf. Erste Sätze sind zentral, ich hüte sie wie einen Schatz. Es wäre um einen verstorbenen Bruder gegangen und ich stellte mir vor, wie schrecklich es für mich wäre, meinen Bruder zu verlieren. Vielleicht habe ich es auch deshalb bisher nicht geschafft, die Kurzgeschichte zu beginnen.

Heute Vormittag schrieb mir meine Schwägerin und die Mutter meiner Nichte und meines Neffen, dass unser Weihnachtspäckchen für sie angekommen wäre. Ein DHL-Bote im Weihnachtsmannkostüm hätte es ihr überreicht. Ich hatte den Eindruck, dass unsere Überraschung gelungen war, und ihre Nachricht war so herzig, dass mir ganz warm ums Herz wurde. So warm, dass ich beschloss, doch keinen Blogbeitrag mit dem Titel „Weihnachten ohne“ zu schreiben, sondern einen Text mit dem Namen „Weihnachten mit“. Der Trauer die Hoffnung und die Liebe entgegensetzen, darum soll es gehen.

„Weihnachten mit“ bedeutet für mich, dass sich in meinem Leben immer wieder Wogen entgegen aller Erwartungen geglättet haben, dass Streits beigelegt werden konnten, dass Kaputtgegangenes repariert wurde, dass sich selbst verkorkste Beziehungen berappelt haben und noch schöner und wunderbarer geworden sind. Dass ich besonders gern in der Weihnachtszeit rund um das Fest der Liebe, Freundschaft und Familie darüber nachdenke und mich still und leise darüber freue.

„Weihnachten mit“ heißt, dass ich das Glück habe, so viele Menschen in meinem Herzen zu tragen, dass es mich selbst oft wundert, wie sie dort alle Platz finden. Im Ultraschall wäre mein Herz sicher auffällig, vielleicht muss ich es mal checken lassen.

Ich habe eine liebenswerte, fantastische Familie, und ich spreche hier ausdrücklich nicht nur von meinen Verwandten, sondern auch von meiner wunderbaren angeheirateten Familie. Ihr wisst doch hoffentlich alle, dass es mir auf jede und jeden von euch ankommt – vom fernen Bodensee, über das Allgäu und die Pfalz, über München und Bamberg bis nach Berlin (Friedenau, Lichterfelde, Steglitz, Britz, Mitte – habe ich jemanden vergessen?!).

Ich rede über Wahlverwandtschaften und Seelenverwandte, über Freundinnen und Freunde, über all die Menschen, die mich durchs Leben begleiten, mit denen ich alles oder zumindest vieles teilen kann. Menschen, die mich inspirieren, zum Lachen bringen, bestärken, trösten und tragen. Menschen, mit denen ich weinen kann. Ich rede über gute Geister, die mir vom Schicksal geschickt wurden.

Menschen, die mir den Alltag versüßen oder den Job, die Laufrunde oder den Café-Besuch.

Wenn ich darüber nachdenke, fühle ich mich so gesegnet, dass bei mir kein Wunsch offenbleibt (außer vielleicht der eine) und kein Auge trocken. Ich danke euch allen, ihr bedeutet mir die Welt.

Frohe Weihnachten.

PS Allen, die in diesem Jahr einen geliebten Menschen verloren haben, möchte ich an dieser Stelle besonders liebe Grüße senden.

8 Kommentare zu „Immer wieder: Weihnachten mit“

  1. Ein schöner Text über die Magie der Weihnachszeit… schade, dass der Gedanke dieses Festes immer mehr im Konsumrausch unterzugehen droht, und umso besser, dass du den wahren Sinn hochhälst! Auch schön, dass du so viel Platz für andere Menschen in deinem Herzen hast – das macht dich zu etwas Besonderem.
    Frohe Weihnachten 🎄 🎄 🎄!

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  2. Gestern hatte ich ein vorweihnachtliches Gespräch mit meiner Chefin. Es ging um die Weihnachtserzählungen von Dickens. Ich bekannte, dass diese es eigentlich immer schaffen mein hartes Sünderherz zu erweichen und mich zu Tränen zu rühren! Ich überlegte sie für den Abend vorzunehmen, um mich in eine bußfertige Stimmung zu bringen. Ich wollte nämlich vor Weihnachten noch zur Beichte gehen. Ich unterlies es dann jedoch sie herauszusuchen. Nun dieser schöne Weihnachtstext! Wäre ich nicht schon zur Beichte gewesen, dann würde ich sicher jetzt gehen.

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  3. Zeit und Liebe…doch lässt uns der Alltag gerade dazu oft keine Zeit oder Muße. Ich mache mit meinen Kölner Freundinnen kurz vor Weihnachten einen Love Actually Abend mit Winter GinTonic & Sandwiches. Jedes Jahr denke ich kurz vorher: absagen, wird uns allen zu viel, zu knapp…dann sitzen wir zu siebt mit Wintersocken und Kuscheldecke auf unserer Couch, sprechen über die bekannten (und immer wieder neu entdeckten) Szenen und gehen abends mit viel Wärme im Herzen in unsere Betten. Eigentlich müssten noch viel mehr auf meiner Couch sitzen…du auch, liebe Sophie! Merry & peaceful Christmas, Katharina

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    1. Da wäre ich auch super-gern mit dabei, liebe Katharina. Es klingt total schön!!!
      Wir haben mit den beiden großen Mädels (die kleinste hat an diesem Abend bei einer Freundin übernachtet) dieses Jahr das erste Mal zusammen „Tatsächlich … Liebe“ gesehen und alle waren ganz begeistert. 🙂
      Ganz herzliche Grüße an alle! Sophie

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  4. Liebe Sophie, ich finde „mit“ ist sowieso die bessere Präposition, die wir im Denken und Schreiben bevorzugen sollten.
    Danke für den berührenden Text.
    Frohe Feiertage MIT allen deinen Lieben! Aus Kopenhagen, alles Liebe von Anke

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