Zum ersten Mal: Im Schreibrausch

oder: Ein Monat ohne Blogbeitrag!

Ich habe lange keinen Blogbeitrag mehr verfasst. Und das hat eigentlich nur einen Grund: Ich bin total im Schreibrausch. Und merke selbst, dass das nach einem Widerspruch klingt.

Als ich mit dem Bloggen anfing, hatte ich die Vorstellung, jede Woche einen Text zu veröffentlichen. Das lief eigentlich die längste Zeit sehr gut. Rund 160 Beiträge in knapp vier Jahren. Wenn wir verreist waren, schaffte ich es nicht, meine selbst gesetzten Ziele einzuhalten. Aber, okay, das war eine Ausnahme. Seit November des letzten Jahres ist es hier aber auch ganz unabhängig von Urlaubsreisen deutlich ruhiger geworden. Was ist also plötzlich los mit mir? Sind mir die Ideen ausgegangen? Nein! Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall. Ich bin so inspiriert wie selten zuvor und schreibe jeden einzelnen Tag, teilweise mehrere Stunden. Und woran?

Ende vergangenen Jahres habe ich begonnen, ein Buch zu schreiben. Und was soll ich sagen? Obwohl es nicht mein erstes ist, hat es mich wie keines sonst in seinen Bann gezogen. Ich denke ständig daran, fast so, als wäre ich verliebt. Und ich rede auch ständig darüber – fragt mal meinen Mann und meine Freundinnen. (Tausend Dank an alle, die sich meine Schwärmerei nach wie vor anhören, allen voran Goldlöckchen, Anna Freudchen, Pippilotta und Juskabo!)

Mir kommt es fast so vor, als ob vor einigen Monaten eine Lawine in mir losgetreten wurde. Es war im November 2024, kurz nach dem Schreibseminar bei Alexa Hennig von Lange, als ich anfing, meine erste Kurzgeschichte für Erwachsene zu schreiben. Das Grundgefühl und die Grundidee hatten mich allerdings schon früher gepackt, nämlich im Spätsommer im Sommerbad Wilmersdorf. Ich gehe wirklich gern dorthin. Wenn es sich anbietet, auch gern allein. Ich war schon als Kind in diesem Freibad, als das Nichtschwimmerbecken mit hellblauen Fliesen ausgelegt war und in meiner Erinnerung zwei Rutschen von beiden Seiten ins Wasser führten. Aber vielleicht war es auch nur eine, so wie jetzt. Das Becken ist seit einigen Jahren mit silbernem Metall ausgeschlagen. Es gibt einen seichten Einstieg, als ob man im Meer badet, ins Becken eingelassene Whirlpool-Liegen, einen Wasserpilz und abgetrennte Bahnen für Schwimmer. Sehr teure Pommes. Eine Liegewiese am Hang, auf der wir immer mit unseren Kindern gesessen haben. Oder eher ich. Zu fünft waren wir nur selten im sogenannten „Lochow“.

Als ich zuletzt im Freibad war, hatte ich plötzlich eine Idee für einen Text. Anfangs war es eher nur eine Eingebung. Ein junger Mann fragt eine Frau, ob er ihr beim Eincremen ihres Rückens helfen soll. Ich wusste in dem Moment nicht, was daraus werden könnte. Ich wusste nicht, warum der junge Mann das fragte. War es eine Mutprobe? War er allein im Schwimmbad oder mit seinen Freunden? Ich wusste nicht, wie die Frau darauf reagieren würde. Ich wusste aber, dass die beiden im Gegensatz zu vielen anderen Schwimmbadbesuchern nicht tätowiert wären. Keine Berliner Bären, keine Portraits der eigenen Kinder auf dem Oberarm oder Namen des Partners über dem Brustmuskel. Keine Schriftzüge wie „Wilmersdorf forever“. Ich hatte nicht geahnt, dass ich noch nicht mal ein halbes Jahr später ein Buch von jetzt fast 250 Seiten aus dieser Eingebung entwickelt hätte.

Zuerst trug ich die Grundidee eine Weile mit mir herum wie einen Glücksbringer, wie die norwegische Münze in meinem Portemonnaie, die ich vor Jahren in Oslo auf einer Mauer gefunden hatte. Oder vielleicht wie einen Zitronenkern, den ich bei der nächstbesten Gelegenheit einpflanzen wollte, damit irgendwann ein Bäumchen daraus wird, wie wir sie auf unserem Balkon zu stehen haben.

Ich glaube, es war nach einem Besuch bei meiner Freundin Eugie im schon erwähnten November 2024, als ich an meinem Lieblingscafé vorbeikam und einen der Baristas in der Küche stehen sah. Von hinten nur. In meiner Erinnerung trug er ein graues Sweatshirt. Die Scheibe war beschlagen, drinnen war es warm, draußen kalt. Und in dem Moment lag das Buch quasi geschrieben vor mir. Mir wurde nämlich schlagartig klar: Die Frau aus dem Freibad und der junge Mann kannten sich, und zwar aus dem Café, in dem er als Barista arbeitete und sie sich gern einen kleinen entkoffeinierten Caffè Latte holte. Sie kannten sich vom Sehen und mochten sich vom Sehen, und deshalb sprach der junge Mann die Frau an, fragte, ob er ihr behilflich sein könnte. Beim Eincremen ihres Rückens.

Nachdem ich die Kurzgeschichte aufgeschrieben hatte, war ich nicht zufrieden. Also: mit dem Text schon. Auch deshalb, weil er sich so echt anfühlte. Nicht nur für mich offenbar. Manche sprachen mich nach der Lektüre auf meinen Freibad-Flirt an. Und ich so: „Hä? Welcher Flirt?“ Mein Gegenüber: „Na, als dir dieser Niko im Sommer im Freibad den Rücken eingecremt hat! Du weißt schon …“ Ich: „Na, das ist doch aber Fiktion! Aber danke, dass du denkst, dass mich auch junge Männer noch attraktiv finden könnten.“ Hach, da waren ein paar lustige Gespräche dabei! Allerdings kann ich Folgendes verkünden: Wenn ich einen Flirt hätte (was natürlich vollkommen abwegig ist!), würde ich darüber nicht auf dem Blog schreiben. Hihi. 

Wie gesagt, ich war nicht zufrieden. Und wieso nicht? Weil sich die Geschichte so unvollendet anfühlte. Weil ich wissen wollte, wie es weitergeht. OB es überhaupt weitergeht! Was wird Hannah tun? Das habe ich mich gefragt. Und: Meint es Niko ernst mit ihr? Und was ist mit Chris, Hannahs Mann? Denkt jemand an ihn? Muss ich es tun, falls Hannah ihn vergisst, weil ihr Herz plötzlich für Niko schlägt? Wie kann ich Hannah und Chris und letztlich auch Niko vor einem Unheil bewahren? Bin ich überhaupt dazu in der Lage oder machen meine Figuren ohnehin das, was sie wollen? So kommt es mir nämlich nicht nur vor, es IST so: Die Charaktere entwickeln ein total starkes Eigenleben. Ich kann ihnen gar nicht vorschreiben, was sie sagen und wie sie handeln. Klingt das verrückt?

Ich habe in meinem Leben immer mal wieder darüber nachgedacht, dass nur eine kleine Änderung in dessen Verlauf riesige Auswirkungen haben kann. Einmal ist man zur falschen Zeit am falschen Ort oder zur richtigen am richtigen. Oder zur richtigen Zeit am falschen Ort. Oder zur falschen Zeit am richtigen Ort. Man trifft eine Entscheidung zulasten einer anderen. Oder der Zufall funkt einem dazwischen. Diesen Gedanken lasse ich in meinem Buch freien Lauf. Was wäre passiert, wenn Hannah auf Nikos Vorschlag eingegangen wäre und sie sich geküsst hätten? Unter der heißen Sommersonne im Freibad?

Meine Geschichte spaltet sich an zwei Punkten zu insgesamt drei verschiedenen Handlungssträngen auf. Hängt diese Spaltung vom Zufall ab oder allein von Hannah? Das könnt ihr vielleicht irgendwann mal lesen – wenn es das Schicksal auch in diesem Punkt wahnsinnig gut mit mir meint und mein großer (Kindheits-)Traum von der Schriftstellerei in Erfüllung geht.

Die erste Fassung ist schon eine Weile fertig, aber jetzt beginnt vielleicht die eigentliche Arbeit, das Feilen und Schleifen und Nachfassen an den richtigen Stellen. Und deshalb, nur deshalb, weil ich gerade dabei bin, Hannah und Niko und auch Chris besser kennenzulernen, schaffe ich es nicht, den Blog regelmäßig zu bedienen. Dabei liegt er mir sehr am Herzen! Deshalb hoffe ich sehr, dass ihr, meine Leserinnen und Leser, mir auch die Treue haltet, wenn ich hier auf dem Blog ein bisschen weniger unterwegs bin. Lasst euch davon nicht aufhalten, lest fleißig meine Texte, klickt die Links – und empfehlt mich sehr gern weiter! Und schreibt mir auch gern, von welchen ersten und letzten Malen ich euch erzählen soll! Bis bald!

Sehr herzlich, eure Sophie

4 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Im Schreibrausch“

  1. Na, das schönste „Zum ersten Mal“, von dem ich hier gerne lesen möchte, ist natürlich der Beitrag, in dem du von der Veröffentlichung deiner Geschichte berichtest.
    Viel Freude weiterhin bei der Arbeit daran, liebe Sophie! Liebe Grüße Anke

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  2. Beim Wort „Schreibrausch“ muss ich an das folgende Zitat von Kafka denken:
    »Nur die Nächte mit Schreiben durchrasen, das will ich.«
    Toll, dass du so voller Inspiration bist und die Geschichten nur so aus dir heraussprudeln!! Hoffentlich haust du dir aber nicht die Nächte um die Ohren und dein Schönheitsschlaf kommt zu kurz… 😉

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    1. Das Zitat gefällt mir! Und ich schreibe tatsächlich lieber am Tag, in den letzten Wochen teilweise auch stundenlang. Manchmal frage ich mich, woher ich die Zeit nehme …

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