Immer wieder: Automatisch ins WLAN einwählen

oder: Sich zeigen

Ich verrate jetzt mal kein Geheimnis: Ich bin ziemlich neurotisch. Eigentlich sagt man das heutzutage nicht mehr, ich weiß. Auf Wikipedia steht dazu: „Inzwischen wurde der Neurosebegriff zugunsten einer differenzierten Aufteilung in verschiedene Störungsgruppen weitgehend aufgegeben.“ Früher fielen darunter zum Beispiel Angst- und Zwangsstörungen und Hypochondrie. Mit zwei der genannten Erkrankungen kenne ich mich besser aus, als mir lieb ist. Viele Menschen, mit denen ich zu tun habe, wissen das auch. Trotzdem versuche ich die meiste Zeit, konkrete Auswüchse meiner Störung geheim zu halten. Warum? Weil ich mich immer noch ein bisschen dafür schäme. Meine hypochondrischen Befürchtungen sind seltsam, meine zwanghaften Verhaltensweisen sogar noch schlimmer. Am liebsten würde ich das alles abstellen, aber ich habe mich geschlagen gegeben. Ich werde in meinem Leben nie frei davon sein. Das ist okay für mich.

Meine Zwänge zu verbergen, kostet mich Energie. Manchmal muss ich regelrecht schauspielern und mir etwas einfallen lassen, damit meine Störung nicht auffliegt. Ist das vielleicht belastender als die Erkrankung selbst? Sollte ich nicht dazu stehen? Würde es mein Leben nicht einfacher machen?

Bei uns zuhause wählt sich mein Handy automatisch ins WLAN ein, und es gibt noch zwei weitere Wohnungen in Deutschland, an denen es das tut: die Wohnung meiner Schwägerin in München und die meiner Schwiegereltern in Kempten. In den vergangenen Jahren sind mir beide Orte sehr ans Herz gewachsen. Das liegt weniger an den Wohnungen oder Städten selbst, als an meiner angeheirateten Familie. Ich glaube, ich sage das zu selten: Ich habe großes Glück mit ihr gehabt.

Meine Schwägerin ist ein wirklich toller Mensch, für mich der absolute Sechser im Lotto. Wenn wir bei ihr in München sind, so wie jetzt die ersten zwei Tage in diesen Winterferien, fühle ich mich, als wäre ich in einem Wellness-Hotel. Sie liest mir jeden Wunsch von den Augen ab, wirklich jeden, und ist darin sogar besser als mein Mann. Meine Schwägerin ist so herzlich und gastfreundlich und unkompliziert, wie ich es sonst nur selten erlebe. Und dabei kenne ich wirklich viele herzliche und gastfreundliche Menschen. Aber so unkomplizierte sind fast nie darunter.

Ebenso wie mein Mann ist sie übrigens gar nicht neurotisch, was ich wirklich erstaunlich finde. Ich kenne nämlich nicht allzu viele Menschen, die so sind: nicht neurotisch. Damit geht eine gewisse Freiheit einher. Neurosen hingegen schränken ein und bestimmen in manchen Fällen das Leben komplett.

Bei meinen Schwiegereltern ist es ganz ähnlich wie bei meiner Schwägerin. Wir leben dort wie kleine Königinnen und Könige. Mein Schwiegervater fährt morgens zum Einkaufen, damit wir alle frische Brötchen zum Frühstück und Brezeln auf der Skipiste haben. Und meine Schwiegermutter unterhält uns mit Geschichten aus ihrer Vergangenheit und Gegenwart und kocht und bäckt unermüdlich. Alles schmeckt köstlich: die Schnitzel, Suppen, Eierkuchen, Torten, Kekse …!!! Alles ist vorbereitet, wenn wir kommen, wir beziehen eines der Zimmer in der Wohnung meiner Schwiegereltern, haben ein eigenes Bad, der Tisch ist gedeckt, die Handtücher liegen bereit. Wenn wir im Allgäu im Skiurlaub sind, dann ist das diese eine Woche im Jahr, in der ich mich um all diese Dinge nicht selbst kümmern muss. Und ich genieße es sehr. Habe ich jemals darüber geschrieben, wie dankbar ich dafür bin? Wie gut es sich anfühlt, wenn sich jemand so lieb um mich und uns kümmert?

Dieses Jahr war der Urlaub bei meinen Schwiegereltern ein Stück weit anders als sonst. Besonders, würde ich sagen. Noch besser. Vielleicht lag es daran, dass ich mich getraut habe, mich ein wenig mehr zu zeigen. Ich habe es mir nicht vorgenommen, es hat sich einfach so ergeben. Wenn sich mein Handy offensichtlich wie zuhause fühlt und sich umgehend ins WLAN einloggt, müsste mir das doch auch gelingen, oder? Mit allem, was dazu gehört.

Jetzt verrate ich mal ein Geheimnis: Ich kann keine Lebensmittel essen, die nicht absolut einbruchssicher verpackt zum Kühlen auf dem Balkon gestanden haben. Es geht einfach nicht. Ich denke, dass Ratten daran geknabbert haben könnten. Selbst dann, wenn klar ist, dass das unter keinen Umständen passiert sein kann, weil man keine zerrissene Verpackung oder kleine Bissspuren sieht. Ich weiß, es ist verrückt. Aber es ist so.

Und jetzt nimmt die Geschichte ihren Lauf: Meine Schwägerin hatte meinen Schwiegereltern und uns jeweils fünf, sechs verschiedene Stücke Käse gekauft, die in zwei großen Papiertüten steckten. Wir brachten sie aus München mit, wo wir wie gesagt auf unserem Weg ins Allgäu Zwischenstopp gemacht hatten. Weil der Kühlschrank meiner Schwiegereltern voll war (mit all den Leckereien für uns), wanderte ihre Käse-Tüte auf den Balkon. Gar nicht lang, einen Nachmittag nur, muss ich zugeben, an dem ich immer wieder rattenängstlich hinauslinste. Zwei Dinge waren klar: Meine Schwiegereltern würden ihren Käse mit uns teilen wollen, damit wir möglichst viel von unserem nach Berlin mitnehmen konnten. Und: Ich würde unter gar keinen Umständen auf dieses Angebot eingehen können!!! Aber wie sollte ich das nur erklären?!?!

Ich schaffte es einige Tage lang, mich um das Käse-Thema herumzudrücken, aß mehr oder weniger unauffällig nur von unseren Stücken, die von Beginn an den Sonderplatz im Kühlschrank erhalten hatte. Irgendwann aber, und ich weiß gar nicht mehr wieso, brachte meine Schwiegermutter plötzlich das Gespräch auf ihren Käse – und meine Deckung brach in sich zusammen. „Ich kann davon nicht essen“, sagte ich. „Es geht einfach nicht. Er stand auf dem Balkon. Auf dem Balkon! Und jeder weiß doch, was das bedeutet, oder?“ Niemand wusste es, also musste ich es erklären. Aber das war gut so. Denn meine Schwiegermutter – glaubt es oder nicht – kramte auf einmal Geschichten hervor, wann und warum auch sie schon mal vergleichbare, nicht für jedermann nachvollziehbare Sorgen gehabt hatte. Wir saßen am Tisch und redeten und redeten. Ich glaube, ich habe mich ihr noch nie so nahe gefühlt.

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