oder: Dabei sein ist alles?
Ich könnte in diesen Blogbeitrag mit meiner Kindheit einsteigen, als ich mit Begeisterung Hockey spielte, bei den Bundesjugendspielen in der Schule aber trotzdem nie die Ehrenurkunde gewann. Oder im Februar des Jahres 2020, als ich begann, regelmäßig joggen zu gehen. Anfangs schaffte ich keine fünf Kilometer am Stück.
Ich könnte den Text aber auch mit dem Gespräch einleiten, das ich vor ein paar Wochen mit zwei Kolleginnen geführt habe. Es ging um den Team-Staffellauf der Berliner Wasserbetriebe und beide fragten mich mehr oder minder unverblümt, ob ich mir vorstellen könnte, dabei mitzumachen. Mit ihnen in einer Mannschaft. „Ähm, ja“, stotterte ich, „theoretisch schon.“ Das bedeutet bei mir: „Nee, sorry, eigentlich gar nicht.“ Das weiß bloß niemand außer mir.
Das Event findet Jahr für Jahr statt, diesmal zum 25. Mal. Es ist laut Angaben der Wasserbetriebe Deutschlands größter Staffellauf, die Strecke beträgt fünf Mal fünf Kilometer und führt durch die Berliner Parkanlage Tiergarten. Jeder Teilnehmer erhält dieses Jahr „eine Finisher-Medaille im ultimativen Jubiläumsdesign mit goldenem Band“, wie ich auf der Website zur Team-Staffel gelesen habe, allerdings erst jetzt. Finisher. Ultimativ. Gold. Klingt das nicht reizvoll?
Ich hätte mich aber auch ohne dieses Wissen angemeldet. Erstens, weil ich die beiden Kolleginnen mag und nicht enttäuschen wollte. Zweitens, weil ich nicht nein sagen kann. Und drittens, weil ich finde, dass Teamspirit, Kollegialität und ein harmonisches Miteinander im Job extrem wichtig sind. Sie können zum Beispiel für einen guten Ausgleich sorgen, sollte man sich mal ganz ausnahmsweise von Vorgesetzten nicht ausreichend wertgeschätzt fühlen. Ein gutes Betriebsklima ist aber kein Selbstläufer und jede und jeder Mitarbeitende sollte dazu beitragen, etwa, indem man ab und zu seinen inneren Ferkelwelpen besiegt und sich zu seinem ersten offiziellen Lauf mit Zeitmessung, Staffelstab und allem Drum und Dran anmeldet. Oh Gott!
Zwei meiner vier Teamkolleginnen begannen erst für diesen Lauf zu trainieren, die beiden anderen und ich sind Hobbyläuferinnen. Obwohl das Event zum Zeitpunkt der Anmeldung noch einige Wochen oder sogar Monate in der Zukunft lag, begann ich, meinen Trainingsplan zu überdenken. So bin ich nun mal. Ich kann in meinem Leben kaum etwas dem Zufall überlassen. Und es fällt mir enorm schwer, Fünfe gerade sein zu lassen. Das entspricht nicht meiner Natur oder vielleicht auch einfach nur nicht meiner Zwangserkrankung. Genau genommen war das wahrscheinlich der Grund, warum ich noch nie bei einem offiziellen Lauf teilgenommen hatte. Es setzt mich unter Druck. Nicht das Event als solches, nicht die anderen Teilnehmer. Nein! ICH setze mich unter Druck. Stehe dann plötzlich im Wettbewerb mit mir selbst. Und weil ich weiß, dass es so ist, wollte ich es bisher nicht darauf ankommen lassen. Mir ist es dann nämlich nicht mehr halbwegs egal, ob ich den Kilometer in 05:50 Minuten laufe, in 05:45 oder in 05:30.
Ich nahm mir Folgendes vor: Erstens: mich nicht zu stressen!!! Und zweitens: den Lauf in meiner persönlichen Bestzeit zu absolvieren!!! Ich dachte über Intervalltraining nach, Tempoläufe und Regeneration. Ich googelte das. Ich verfluchte den Tag, an dem ich mich in die Teilnehmerliste eingetragen hatte. Den Moment, als meine Kolleginnen auf das Teamevent zu sprechen gekommen waren. Meinen ersten Arbeitstag vor mehr als 14 Jahren. Hatte nicht alles auf die Teilnahme an der 5×5-Kilometer-Staffel im Jahr 2026 hingewiesen? War der Lauf unausweichlich gewesen? War jede Titelgeschichte, jedes Mitarbeitergespräch, jede Fortbildung, jede Weihnachtsfeier ein Teil des Weges dorthin? Conditio sine qua non, um mal das Wenige einfließen zu lassen, das ich vom Jura-Studium behalten habe?
Mehrmals überlegte ich mir Ausreden, um doch nicht am Event teilzunehmen. Keine war so gut wie die Realität. „Sag doch einfach ab, wenn dich das so stresst“, schlug mir meine 16 Jahre alte Tochter Supergirl vor. Aber so bin ich nicht. Ich lasse andere nicht hängen. Vor allem nicht wegen meiner Neurosen. Das würde ich als Zumutung empfinden. Einige seiner inneren Kämpfe sollte man mit und für sich selbst ausfechten und nicht anderen aufhalsen.
Am Tag des Laufes war ich nervös. Würde ich meinen Erwartungen gerecht werden? Das gehört definitiv zu den schwierigsten Aufgaben für mich, dagegen ist so ein 5-Kilometer-Lauf ein Sonntagsspaziergang.
Wir Läuferinnen und Läufer hatten alle T-Shirts von unserem Arbeitgeber bekommen, in Weiß und mit Logo und so. Ich trug es in der U- und S-Bahn auf dem Weg zum Tiergarten. Und ich bemerkte, dass ich Blicke auf mich zog. Dass andere Fahrgäste mit dem Namen meines Arbeitgebers etwas anfangen konnten. 96 Prozent der Menschen kennen die Organisation, für die ich arbeite. Und ganz plötzlich und eher unerwartet änderte sich meine Stimmung. Die Aufgeregtheit wurde von einem eigentümlichen Gefühl von Stolz verdrängt. „Ich stehe für eine gute Sache“, dachte ich. „Ich – und all meine Kolleginnen und Kollegen. Nicht nur die, die heute beim Lauf teilnehmen. Wir wollen etwas Gutes bewirken und arbeiten mit einer Akribie und Perfektion daran, wie ich sie noch nie irgendwo erlebt habe.“ (Außer bei Ärzten und Piloten vielleicht.)
Manchmal setzt mich diese Art der Arbeit ganz schön unter Druck. Nur keine Fehler machen, weil die Menschen unserem Urteil vertrauen! Ich bin ja ohnehin jemand, der immer Höchstleistungen von sich erwartet und nicht gut lockerlassen kann (siehe oben). Aber vielleicht bin ich gerade deshalb genau richtig in meinem Job. Ungelogen: dieser Gedanke steigt mir gerade das allererste Mal in den Kopf. Vielleicht bin ich als absoluter Kontrollfreak in irgendeiner skurrilen Weise die Idealbesetzung. Und wem das noch nicht als Moral der Geschichte reicht … Der Lauf an sich und das ganze Event waren großartig, mitreißend, unvergesslich. Ich habe mich nicht gestresst – und den Lauf in meiner persönlichen Bestzeit absolviert!!! Ob ich im nächsten Jahr wieder mit dabei bin? Aber sicher!
Liebe Sophie, ich habe mich sehr über deinen neuen Blog gefreut, prima Text!!!
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Lieber Follower, vielen Dank für deine liebe Nachricht. Also gehörst du vielleicht auch zu denen, die meine Blogbeiträge gern lesen, vielleicht sogar bei einem Kaffee auf dem Küchensofa? Sehr herzliche Grüße, Sophie
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Gratuliere zur Bestzeit! Wird diese auch verraten?…
Musste jedenfalls sehr über den Ferkelwelpen schmunzeln, der ja so viel niedlicher ist als der Schweinehund 😉
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