Zum ersten Mal: Hoffest

oder: Zusammen ist man weniger allein

Ich glaube, dass es in Berlin ebenso wie in jeder anderen Großstadt möglich ist, jahrelang in einem Mehrfamilienhaus zu wohnen, aber keinen Nachbarn zu kennen. Ich glaube, dass überall, wo Menschen sind, der Begriff Gemeinschaft eine zentrale Rolle spielen sollte, eine größere jedenfalls, als es oft der Fall ist. Und ich glaube daran, dass wir jedem Einzelnen Platz in unserer Gesellschaft verschaffen können, indem wir alle näher zusammenrücken.

Wir wohnen in einem großen Eckhaus in Friedenau, es gibt zwei Aufgänge und insgesamt 16 Mietparteien. Wir teilen uns einen Hinterhof, in dem mehr Fahrräder stehen als Mieter in unserem Haus wohnen. Es gibt eine Klopfstange, auf der niemand seine Teppiche klopft, viele Mülltonnen und ein kleines Stück Grün, das von einer rostigen Beetumrandung eingefasst ist.

In der Coronazeit hat ein Nachbar aus dem anderen Aufgang damit begonnen, das kleine Stückchen Grün zu verschönern, er hat Rasen gesät und gemäht, Blumen gepflanzt und eine Bank in den Garten gestellt. Es gibt die Broken-Window-Theorie, die einen Zusammenhang zwischen dem Verfall von Stadtgebieten und Kriminalität sieht und – knapp gesagt – von folgender These ausgeht: Wird eine zerbrochene Scheibe nicht schnell ersetzt, werden im Haus bald alle zerschlagen sein. Die Verwahrlosung bricht sich Bahn und zieht im weiteren Verlauf Kriminelle an.

Ich glaube, die Theorie lässt sich auch umkehren. Bei uns gab es keine zerbrochene Scheibe und bis auf den einen oder anderen Fahrraddiebstahl auch keine Kriminalität. Aber der Hinterhof war wüst und leer. Es gab keinen Grund, sich dort unten länger als nötig aufzuhalten: zwei Minuten, die es braucht, die Mülltüte in eine der Tonnen zu werfen oder das Fahrrad anzuschließen. Seitdem unser Nachbar den ersten Grassamen gesät hat, ist der Hinterhof ein anderer Ort geworden, ein schönerer.

Wir sind vor gut 10 Jahren in das Haus gezogen: mein Mann, die kleine Belle, das noch kleinere Supergirl und die winzige Baby Boss, mit der ich damals schwanger war. Wir kennen die Nachbarn aus unserem Haus nur ein bisschen, manche mehr, manche weniger, plaudern mal mit der alten Dame, die unter uns wohnt und uns trotzdem zu mögen scheint, mal mit den Nachbarn aus dem ersten Stock oder aus dem vierten. Was den anderen Hausaufgang betrifft, wusste ich bis vor kurzem nicht einmal genau, wer dort alles wohnt.

Trotzdem oder deswegen hat mein Mann neulich ein Hoffest organisiert. Er hat Aushänge entworfen und mit viel Tesafilm in die Hausflure beider Aufgänge gehängt. Zunächst eine Ankündigung des Festes etwa zwei Wochen vor dem geplanten Termin. Später eine Liste, in die sich die Nachbarn eintragen konnten: „Ich/Wir… bringe/n Folgendes mit…“

Ganz oben hatte mein Mann uns eingetragen: unseren Namen und dass wir Gemüsequiche und Wasser und Säfte mitbringen würden. Wir hatten darüber gesprochen, aber den Eintrag las ich erst unten, als ich das nächste Mal das Haus verließ. Ich musste lächeln beim Anblick der mir sehr vertrauten Schrift. Es macht mich froh, wenn mein Mann so engagiert ist, obwohl wir genug um die Ohren haben. Er lässt sich davon nicht beirren. Er lässt sich von nichts beirren.

Kurze Zeit später folgten die nächsten Einträge: Nudelsalat, Baguette und Dips, Käsekuchen. Es fühlte sich gut an, die Liste wachsen zu sehen. Wir hatten nicht damit gerechnet. Es machte fast den Eindruck, als hätten alle darauf gewartet, dass endlich ein Hoffest stattfinden würde. Besonders rührte mich der Eintrag der alten Dame, die unter uns wohnt. Sie kündigte an, Kartoffelsalat und eine Kanne Kaffee mitzubringen. „Omas bringen immer Kartoffelsalat mit“, sagte Baby Boss fachmännisch. Ich freute mich, dass jemand seinen Besuch ankündigte, von dem ich gedacht hätte: Vielleicht kommt sie gar nicht. Vielleicht fühlt sie sich nicht angesprochen, obwohl sie ebenso wie alle anderen absolut gemeint ist mit der Einladung, mit diesem Hoffest. Sie, die seit 60 Jahren in diesem Haus wohnt und es besser kennt als all wir anderen Mieter zusammen.

Am Tag des Festes wollen wir eine selbstgebastelte Girlande im Hof aufhängen, mit der wir zu Kindergeburtstagen unser Wohnzimmer dekoriert haben. Aus dem Küchenfenster sehen wir eine Nachbarin und ihre Tochter die Mülltonnen in eine Ecke des Hofes schieben, den Boden fegen und Luftballons aufblasen. Später bäckt sie dort unten Waffeln. Mindestens zwei Familien sind morgens noch nicht einmal in Berlin, am Nachmittag kommen sie trotzdem zum Fest.

Wir sitzen im Hof, der uns heute wie ein Garten vorkommt: Der Lehrer aus der Wohnung über uns mit der Dame aus der Wohnung unter uns, vertieft in ein Buch, das alte Bilder Friedenaus zeigt und das der Nachbar, der mit seiner Frau auf unserer Etage wohnt, mitgebracht hat. Die Kinder spielen Ball und Hopse und mit Puppen. Jedes Mal, wenn ein weiterer Gast im Hinterhof erscheint, gibt es ein großes Hallo. Das Buffett ist reichhaltig und bunt. Jeder steuert etwas bei. Ich gieße mir Kaffee aus der Thermoskanne der alten Dame ein, obwohl ich gar keinen Kaffee mit Koffein trinke. Er schmeckt gut und Herzklopfen bekomme ich auch nicht. Der Kartoffelsalat ist mit aufgeschnittenen sauren Gurken dekoriert. Die alte Dame aus dem anderen Haus hat Würstchen mitgebracht. Es fehlt uns an nichts. Wir duzen uns fast alle und sind glücklich.

Das Fest beginnt um 16 Uhr und löst sich erst gegen 20 Uhr auf, als es frisch wird und die Kinder in die Wanne und danach ins Bett müssen. Unser Nachbar trägt unseren Küchentisch allein zurück in den dritten Stock. Ich habe erfahren, dass er im Vorstand eines Fechtclubs ist, der Anfängerkurse für Erwachsene anbietet (vielleicht etwas für mich?). Dass man Sauerteig, den man von einer anderen Person bekommen hat, benennen und dabei denselben Anfangsbuchstaben verwenden muss, mit dem der Name des alten Teigs beginnt. Der Teig vom Hoffest hieß Fernando und hat köstliches Brot ergeben, das Belle, Supergirl und Baby Boss fast im Alleingang aufgegessen haben. Ich habe erfahren, dass eine Nachbarin Erzieherin ist und einmal im Jahr zu ihrer Familie nach Chile reist. Dass eine Nachbarin aus Polen stammt und lange Zeit in Dänemark gelebt hat. Dass die Bäckerei im Nebenhaus ihren Inhaber gewechselt hat. Dass die Lehrer in Berlin nicht so streng sind wie die in Baden-Württemberg. Dass ein Nachbar im Keller Saxophon übt, um uns andere nicht zu stören.

Und dass es manchmal einfacher ist als gedacht, viele verschiedene Menschen für einen Moment zusammenzubringen. Danke fürs Kommen.

7 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Hoffest“

  1. Liebe Sophie, danke für die Impressionen von eurem Hoffest.
    Da wäre man ja gerne dabei gewesen. Menschen, die gemeinsam feiern, essen, spielen, alt und jung, alle zusammen, das ist ein gutes Mittel gegen Einsamkeit und Hass.
    Dein Blog träg dazu bei, die Alltagssorgen leichter zu nehmen. Ich gratuliere,
    Mit lieben Grüßen, der „Follower“

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    1. Lieber Follower, vielen Dank für deine lieben Worte. Es freut mich, wenn ein bisschen von der tollen Atmosphäre, die beim Fest geherrscht hat, nach außen dringt. Geteilte Freude ist doppelte Freude. Herzliche Grüße, Sophie

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    1. Vielen Dank, lieber zeitgeiststories, für dein positives Feedback!
      Wir denken über ein weiteres Treffen in der Vorweihnachtszeit nach: mit Kinderpunsch, Glühwein und selbstgebackenen Plätzchen. Vielleicht können wir noch einen Feuerkorb organisieren und Marshmallows darüber rösten.

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  2. Das war eine gute Idee von euch – ein Hoffest in dem nun liebevoll bepflanzten Garten zu feiern. Wie du beschrieben hast, haben sich die Mieter aktiv und gerne beteiligt, alles ist harmonisch verlaufen, die Stimmung war gut, man hat sich neu kennen gelernt und besser kennen gelernt.
    Ich wünsche der Hausgemeinschaft noch viele Wiederholungen.

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  3. Eine wunderbare Idee, Interesse für die anderen Bewohner des Hauses wecken und Menschlichkeit Raum zu geben. Ich habe es vor kurzem auch bei uns erlebt, wo allerdings junge zugezogene Frauen die Initiatorinnen waren und so von ganz jung bis uralt zusammengebracht haben. Sehr nachahmenswert.

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