Immer wieder: Enttäuschte Erwartungen

oder: Dabei sein ist alles

Eine ehemalige Freundin sagte mal zu mir, dass es zwei Kategorien von Menschen gebe: Gastgeber und Gäste. Natürlich war das nicht ganz ernst gemeint und vor allem wertfrei. Menschen lassen sich kaum einteilen, erst recht nicht in nur zwei Kategorien. Wenn überhaupt, dann passt jeder Mensch in viele Schubladen. Ich habe dennoch verstanden, was sie damit gemeint hat. Ich bin zum Beispiel Linkshänderin, brünett, Mutter, Ed-Sheeran-Fan und – Gastgeberin. Ich versammle gern Menschen um mich und bewirte sie mit viel Hingabe. Nicht nur mit Gemüsequiche und Donauwellen-Cupcakes, sondern auch im übertragenen Sinne. Ich sorge für andere und sorge mich um sie. Ich bitte Menschen zu mir herein und mache die Tür dabei weit auf, auch zu meinem Herzen.

Neulich hatte ich Geburtstag. Ich habe mich lange darauf gefreut. Mein Mann zieht mich damit auf, behauptet, mein Geburtstag sei für mich der wichtigste Tag des Jahres, mir würde es vor allem darum gehen, viele Geschenke zu bekommen. Aber das stimmt nicht. Ich könnte komplett auf Geschenke verzichten, aber nicht auf die lieben Worte, die ich anlässlich meines Geburtstags geballt zu hören bekomme. Also nicht nur von einer Person alle paar Wochen, sondern von vielen Personen an ein und demselben Tag.

Ich mag es, wenn andere an mich denken, wenn sie mir sagen, dass ich eine wichtige Rolle in ihrem Leben spiele, dass sie froh sind, dass es mich gibt. Ich mag es, wenn sie mir Glück und Gesundheit wünschen und das aufzählen, was sie an mir schätzen. Wenn sich andere Menschen freuen, dass ich vor 34 Jahren geboren wurde, nein, ähm, hüstel, ich meine vor 44 Jahren. Meinen Eltern zum Beispiel konnte ich die Freude darüber ansehen, sie stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Da stand: Was haben wir für ein Glück! Dieses Gesicht habe auch ich gemacht, als Belle vor ein paar Tagen 15 Jahre alt geworden ist.

In diesem Jahr hatte ich ein paar Freundinnen zu mir eingeladen, endlich mal wieder nach all der Zeit, in der Corona das schwierig bis unmöglich gemacht und die eigene Planung mehr als einmal über den Haufen geworfen hat. Ich hatte fast schon so etwas wie ein kleines Konzept für die Feier. Ich wollte ein paar Frauen zusammenbringen, von denen ich denke, dass sie einander mögen, vielleicht sogar guttun könnten. Deshalb habe ich nicht alle meine Freundinnen eingeladen, sondern nur einige von ihnen. Ich hatte den Geburtstag lange und akribisch vorbereitet, ich hatte geplant, was es zu essen geben sollte, und war gemeinsam mit meinem Mann durch die Gänge eines Supermarkts gehuscht, um viele leckere Dinge in einen großen Einkaufswagen zu stapeln. Ich hatte sogar Sekt gekauft – mit und ohne Alkohol –, um Bellinis anzubieten.

Ich habe nicht direkt an meinem Geburtstag gefeiert, weil Baby Boss an diesem Tag ihren ersten Turnwettkampf hatte. Das war mir recht. Geburtstagskind und gleichzeitig Gastgeberin zu sein und morgens noch die letzten Kirschen auf Donauwellen-Cupcakes zu platzieren, lässt mich hektisch werden.

Baby Boss und ihre Turnfreundinnen hatten den Wettkampf lange und akribisch vorbereitet, sie hatten die Abfolge der Übungen auswendig gelernt und fleißig trainiert. In Baby Boss‘ Augen waren ihre Leistungen an allen Geräten mittlerweile „perfekt“, sie brachte sogar nach langem Üben eine passable Rückwärtsrolle zustande. Nur am Reck war sie nach eigenen Angaben noch nicht so sicher. Keine der Übungen, von denen sie sprach, hatte ich je geschafft: keinen Aufschwung, kein Handstand-Abrollen, keinen Radschlag, keine Hocke übers Pferd.

Baby Boss war aufgeregt, Baby Boss hatte Erwartungen an ihren ersten Wettkampf, Erwartungen an sich selbst. Sie marschierte mit all den anderen Mädchen zu Musik in die Halle ein, in der schwarz-weißen Trainingsjacke des Vereins, mit ordentlichen französischen Zöpfen, die ihr Supergirl geflochten hatte. Die Mädchen streiften die Jacken ab und der Wettkampf ging los. Von der Tribüne aus kam mir Baby Boss größer vor als sonst. Eine Scheinriesin im glitzernden Turnanzug.

In Baby Boss‘ Jahrgang traten 20 Mädchen gegeneinander an: Boden, Reck, Sprung und Schwebebalken. Ich war stolz auf meine Tochter, hatte nicht mit solchen Fortschritten gerechnet. Am Ende gab es eine Siegerehrung, die letztplatzierten Turnerinnen wurden zuerst aufgerufen. Bevor ich mich darauf einstellen konnte, Baby Boss‘ Namen zu hören, wurde er genannt. Sie hatte – aller Akribie und selbst empfundener Perfektion zum Trotz – den vorletzten Platz belegt. Auf dem Rückweg im Auto weinte sie. Sie sah wieder so klein aus, wie ich sie in Erinnerung hatte. Ein schniefender Zwerg auf dem Rücksitz. „Sei nicht enttäuscht“, sagte mein Mann. „Lass sie doch enttäuscht sein“, sagte ich gereizt und nahm ihre kleine Hand. Denn ich weiß nicht, wie das gehen soll: nicht enttäuscht zu sein. Es ist ein starkes Gefühl, eines, das sich nicht auf Wunsch abschalten lässt. Geht es um unangenehme Empfindungen, höre ich die Floskel viel zu oft: „Sei nicht traurig, nicht enttäuscht, nicht sauer.“ Darf man das nicht sein: traurig, enttäuscht, sauer? Soll die Floskel trösten? Tut sie nicht.

Am Tag darauf feierte ich meinen Geburtstag nach. Es war noch längst nicht alles vorbereitet, als mich die ersten Absagen erreichten. Ich dachte mir „Sei nicht enttäuscht“, weinte aber trotzdem, während ich die Cupcakes verzierte. Die letzte Absage kam auf Nachfrage, als die Feier fast vorbei war. Von 12 Frauen, die mir am Herzen liegen und mit denen ich ein paar gemeinsame Stunden verbringen wollte, hatten mir drei am Tag der Feier abgesagt, eine ein paar Tage zuvor. Alle hatten ihre Gründe, ich mache keiner einen Vorwurf. Ich schreibe hier nicht über andere, sondern über mich. Über meine Vorfreude, meine Bedürfnisse, über Erwartungen und die Gefahr, dass diese enttäuscht werden.

Wenn Baby Boss nicht gerade an der Grenze zur Perfektion turnt, hört sie gern die Hörspiele der Buchreihe „Die Schule der magischen Tiere“. Im ersten Band gibt es eine Stelle, die mich total betroffen macht. Benni lädt Ida zu seinem Geburtstag ein, aber Ida vergisst ihn und geht nicht hin. Ich weiß noch, wie ich es zu meinen Kindern gesagt habe: „Das hätte ich nicht geschrieben. Das finde ich viel zu krass.“

10 Kommentare zu „Immer wieder: Enttäuschte Erwartungen“

  1. Ja, Erwartungen … ich sage immer, am besten wird es meistens dann, wenn man keine hat oder sogar skeptisch war. Aber das sind Floskeln wie „Sei nicht enttäuscht!“, gut gemeint, doch zwecklos. Man hofft und freut sich eben, und man ist enttäuscht. Besser so, denn lieber eine Achterbahnfahrt der Gefühle, als gar kein Rummel.
    Liebe Sophie, ich gratuliere dir nachträglich herzlich zur „Schnapszahl“ und hoffe, deine Geburtstagsfeier war auch mit weniger Gästen (und ohne Schnaps 😉) schön und die Donauwellen-Cupcakes gingen weg wie geschnitten Brot!
    Babyboss turnt aber weiter, oder?

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    1. Liebe Anke, du schreibst immer so herzlich. Das macht mich richtig froh. Danke für deine Glückwünsche!
      Den Spruch mit der Achterbahnfahrt muss ich mir dringend merken und bei der nächstbesten Gelegenheit anbringen. 🙂
      Und, ja, die Geburtstagsfeier war sehr schön! Goldlöckchen war zum Beispiel da und Schneewittchen, Sam und Alex. Wir haben den einen oder anderen Bellini auf mein Wohl getrunken.
      Baby Boss lässt sich erfreulicherweise nicht so leicht unterkriegen und turnt weiter. Du hättest sie bei dem Wettkampf sehen sollen! Wie gesagt: ich konnte all diese Übungen nie! Ich bin total unbegabt, was Geräteturnen betrifft. Es war eine einzige Qual für mich damals, sicherlich auch für etwaige Zuschauer (meine Klassenkameradinnen und meine Sportlehrerin).
      Herzliche Grüße nach Italien!

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      1. Danke dir! Ich drücke die Daumen, dass das Turnen ihr weiter viel Freude macht. Ich liebte es und turnte als kleines Kind auch selbst. Leider sind meine Töchter abgesprungen, die Kleine, weil sie immer mal was anderes will, die Große, weil es mit bis zu viermal drei Stunden Training pro Woche nicht mehr mit dem Gymnasium vereinbar war. Schade. Mir kamen vor Rührung beim Zuschauen immer die Tränen, nicht nur beim Wettkampf, selbst bei den Proben. Es ist so ein schöner Sport. Liebe Grüße nach Berlin!

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  2. Klar bist du enttäuscht, wenn die Absagen so geballt eingehen…
    Wie sagte Marie von Ebner-Eschenbach:
    „Alle anderen Enttäuschungen sind gering im Vergleich zu denen, die wir an uns selbst erleben.“
    Für die nächste Party an besten gleich ein paar Absagen einplanen, vielleicht hilft das etwas…

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    1. Ich wette, wenn ich Absagen einplane und zum Beispiel weniger einkaufe, kommen alle. Insofern ist das ein echt guter Tipp, den ich beherzigen werde. Das passt auch zu meinem Hang zu magischem Denken. Und wenn das Essen dann nicht ausreicht, hole ich einfach Pommes bei der Dönerbude gegenüber. 😉

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  3. Sophie, heute habe ich’s mal wieder geschafft deinen Blog zu lesen. Immer wieder gerne… Mach weiter so!
    Happy Birthday natürlich nachträglich auch noch auf diesem Wege. \o/

    Enttäuscht – Wort wörtlich also die Offenbarung einer Täuschung, also doch auch etwas Gutes?! Wer will schon sein Leben lang getäuscht sein.
    Wäre unser Leben frei von Enttäuschungen, so wäre das doch auch eine Art langweilige Monotonie.

    Viele Grüße vom See in die Hauptstadt!

    Manu

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  4. Liebe Sophie,

    Ich finde, dass Enttäuschungen zum Leben gehören, wie das „berühmte“ Salz in der Suppe. Deine Vorfreude war groß, die Erwartungen hoch. Du hast alles getan, um die Voraussetzungen für eine schöne Zeit zu schaffen.
    Sei froh, dass du so viele Freundinnen erreicht hast.

    In diesen Zeiten, die von Krieg, Klimawandel,Pandemie und vielen anderen Ängsten geprägt sind, ist es doch eher hoffnungsvoll, wenn acht von zwölf Eingeladenen gekommen sind und dein Angebot nach einem gemeinsamen Treffen und Momenten von gegenseitigem Respekt, Neugierde und freundschaftlichem Zusammensein, gefolgt sind.

    Ich glaube nicht, dass du etwas falsch gemacht hast. Aber verstehe ich deine Enttäuschung und Traurigkeit.

    PS.
    Deine Erwartungen waren hoch. Baby Boss scheint das, in Bezug auf ihre eigenen Erwartungen an ihren ersten Wettbewerb auch so gegangen zu sein:
    Das Beste geben und gleichzeitig zu wissen, dass man manchmal „nur“ Vorletzter ist, will gelernt sein.

    Danke für den Text und den Gedankenanstoß
    Mit lieben Grüßen
    Der „Follower“

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    1. Lieber Follower, vielen lieben Dank für deinen Kommentar, der jetzt für mich ein Denkanstoß ist. Mir gefällt dein Eindruck, dass ich ja doch viele meiner Freundinnen erreicht habe. Ja, das stimmt. Und ich bin froh über jede einzelne von ihnen, auch über die, die nicht kommen konnten. Herzliche Grüße, Sophie

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