Immer wieder: Strich durch die Rechnung

oder: Kurreif

Heute früh stand ich mit meiner Freundin Alex in der Schlange vor meinem Friedenauer Lieblingscafé, als mein Handy klingelte. Zuerst dachte ich, es sei nur irgendein Handy, es klang so dumpf in meiner Handtasche neben dem neuen umweltfreundlichen Coffee-to-go-Becher, den mir Schneewittchen zum Geburtstag geschenkt hat. Als ich es herauszog, blinkte mir die Nummer der Schule gefährlich entgegen. Hätte ich genug Zeit gehabt, hätte ich „Nicht schon wieder!“ gedacht. Weil das Telefon aber schon eine Weile geklingelt hatte, nahm ich den Anruf einfach nur schicksalsergeben an. „Hallo?“ „Ja, hallo, hier die Schule. Baby Boss hat…“ Corona?, dachte ich mit einem mühsam unterdrückten Schrei des Entsetzens. „…sich die Hand in einer Tür eingeklemmt.“ „Soll ich sie abholen?“, fragte ich überflüssigerweise. Natürlich sollte ich das, sonst wäre ich nicht angerufen worden. Zu meiner Entschuldigung muss ich sagen, dass ich einfach nicht vorbereitet bin auf solche Momente, jedes Mal gerate ich latent unter Stress, wenn mich die Schule anruft. „Das wäre gut“, antwortete die Sekretärin. „Alles klar, ich bin um die Ecke, ich komme gleich“, sagte ich und eilte mit Alex im Schlepptau los. Es regnete.

Morgen will ich mit Supergirl und Baby Boss zur Mutter-Kind-Kur fahren. Ich frage mich immer noch, ob ich wirklich K.O. genug dafür bin, erschöpft, runtergerockt, dringend erholungsbedürftig. Oder bin ich vielleicht nur eine Kurschleicherin, die sich ein paar schöne Wochen auf Kosten der Krankenkasse machen will?

Baby Boss sitzt mit laufender Nase und tränenüberströmtem Gesicht im Sekretariat. Manchmal denke ich, dass ich sie besonders liebhabe, wenn sie weint. Ich muss an Astrid Lindgrens Lotta aus der Krachmacherstraße denken, die ihren Cousin haut, damit er in Tränen ausbricht. Denn dann findet sie ihn besonders niedlich. Ich besehe mir Baby Boss‘ Hand, wechsle ein paar nette Worte mit der Sekretärin und dem Schulleiter. Ich nehme Baby Boss mit zu Alex, die draußen vor der Schule wartet. Alex kennt das, sie hat selbst Kinder. Sie lässt sich von so etwas nicht beirren.

Baby Boss braucht noch Unterrichtsmaterialien aus der Schule, die sie während der Kur bearbeiten soll, ihre Lehrerin sollte ihr einen Zettel mitgeben, was Baby Boss in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathe zu erledigen hat. Wir müssen also nach der ersten Schulstunde, die seit ein paar Minuten läuft, zur Schule zurück, um alles zusammenzusammeln, und vertreiben uns die Zeit bis dahin zu dritt im Café. Der Barista schaut auf, lächelt, macht einen Kakao für Baby Boss, für Alex und mich „das Übliche“, wie er es nennt. Baby Boss sitzt am Tisch, die Hand auf einem Kühlkissen, das wir aus der Schule mitnehmen durften. Der geplante Kaffeeplausch entfällt, Alex ist cool mit so etwas. Sie ist insgesamt cool, flexibel, kindererprobt, hat das Herz auf dem rechten Fleck. Bemüht sich um Baby Boss, bemüht sich um mich, sorgt für gute Laune. Wir machen gemeinsam das Beste aus der zusammengewürfelten Runde, bei Baby Boss bauen sich die Stresshormone ab, sie wird müde.

Um kurz vor neun eilt Alex zur Arbeit, Baby Boss und ich zur Schule. Es regnet noch immer. Im Klassenraum erfahren wir, dass ihre Lehrerin gar nicht da ist, sie streikt. Baby Boss bekommt den wichtigen Zettel nicht, wir wissen nicht, welche Unterlagen sie braucht und sie packt alles ein. Mit der Hand, die nicht eingequetscht wurde. Bei der rechten sind die Nägel schon blau angelaufen gewesen, als sie noch im Sekretariat saß. Die Englischlehrerin, die noch im Raum ist, sagt uns wenigstens, was Baby Boss in ihrem Fach erledigen soll. Wegen der anderen Fächer muss ich der Klassenlehrerin nachher noch mailen. Manchmal denke ich, dass ich das nicht mehr lange schaffe: allem hinterherzulaufen.

Mit Schulranzen, Turnbeutel und einer weiteren Tasche mit Schulbüchern und Heften verlassen wir das Gebäude. „Kannst du meinen Roller abschließen?“, fragt Baby Boss. Ich stelle den Schirm ab, es regnet auf meinen Kopf. Ich mache mich an dem Schloss zu schaffen, es hakt, es regnet auf meinen Kopf, es hakt immer noch, ich merke, wie ich die Geduld verliere. Ich rüttle wild am Schloss herum, was natürlich nicht das Geringste bewirkt. Das ist mir klar, ich könnte heulen. Baby Boss bekommt das Schloss auch nicht auf, es regnet, wir sind mit tausend Taschen bepackt, ich habe noch sehr viele Dinge zu erledigen, bevor wir morgen die Kur antreten. Abends ein Corona-Test, wer weiß, was dabei herauskommt. Ich kann nicht immer angespannt sein. Ich versuche nochmal, das Schloss zu öffnen. Ich rüttle nicht mehr, sondern versuche ruhig zu bleiben. Es regnet. Ich bin K.O., erschöpft, runtergerockt, denke ich. Keine Kurschleicherin. Das Schloss springt auf.

8 Kommentare zu „Immer wieder: Strich durch die Rechnung“

  1. Liebe Sophie, danke für deinen Text. Ich glaube, wer Kinder begleitet und umsorgt, wächst stetig über sich selbst hinaus. Das kann zwar viel Früchte hervorbringen, aber auch an den Kräften zehren. Ich hoffe eine Auszeit hilft Dir gegen die Wachstumsschmerzen. Und natürlich gute Besserung für die Kleine.

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    1. Danke dir, liebe ewa, für deine lieben Worte. Es gibt einfach so Tage, zu denen mir nicht allzu viel einfällt. Aber immerhin genug, um darüber zu bloggen. 😉
      Ich freue mich wirklich sehr auf die Kur, vielleicht schreibe ich bald so etwas wie „Zum ersten Mal: Phönix aus der Asche“. 😉

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  2. Liebe Sophie, wie ich das Gefühl „Strich durch die Rechnung“ kenne, wenn die Schule anruft. Zuletzt blieb mir die Schrecksekunde ein paar Mal insofern erspart, da sie immer meinen Mann anriefen, der mich dann informierte und schon mal die Lage sondiert hatte. Hand eingeklemmt ist natürlich mit Sorge verbunden, autsch. Da ihr nicht zum Notarzt musstet, ist es wohl zum Glück glimpflich abgegangen. Gute Besserung!
    Das mit den Kuren finde ich eine super Sache in Deutschland. Ich kenne einige Freundinnen, die so eine Auszeit, ob mit Kindern oder ohne, bereits in Anspruch genommen haben. In Italien gibt es das nicht und Arbeitgeber in der Schweiz würden dich auch nur auslachen. Ehrlich gesagt, träume ich davon und habe schon überlegt, die 3 Augustwochen meiner insgesamt nur 4 Wochen Urlaub zu nutzen und mir selbst eine zu buchen. Gesundheitlich gibt es einige Belastungen, die ich seit Jahren ungelöst herumschleppe. Aber was sagt dann die Familie, wenn ich sage: Macht was ihr wollt, aber ohne mich! Ich fürchte, es bleibt ein Traum. Haben denn die Kinder dabei irgendeine Art Unterricht? Nein? Nur Hausaufgaben?
    Dann wünsche ich dir maximale Entspannung und besonders entspannte Stunden mit deinen zwei Töchtern. Hätte die Große eigentlich auch mitgekonnt?

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    1. Liebe Anke, ich finde das mit den Vorsorgekuren in Deutschland auch ganz toll. Ich kenne eigentlich kaum eine Mutter, der diese drei Wochen Auszeit nicht guttun würden. Ich fahre da auch wirklich sehr hoffnungsvoll hin. Ich habe schon seit Jahren immer wieder Probleme mit der Halswirbelsäule und freue mich auf Sport, Yoga und vielleicht sogar Massagen. Das wäre toll. Aber ich weiß natürlich noch nicht, was mich beziehungsweise uns vor Ort erwartet.
      Supergirl und Baby Boss haben Schulunterricht an den Tagen, an denen sie auch in Berlin zur Schule gehen müssten. Die meiste Zeit der Kur sind hier allerdings Herbstferien. Sie werden in der Zeit betreut, in der ich irgendwelche Anwendungen habe. Ich habe auch einige Freundinnen, die bereits auf Kur waren, und fast alle haben sehr geschwärmt.
      Ich kann sehr gut verstehen, dass du am Überlegen bist, ob du dir so eine Auszeit gönnst. Es tut bestimmt gut. Das denke ich bei mir auch.
      Belle hätte nicht mitfahren können, das Maximalalter ist 12, Ausnahmen gibt es bis zu einem Alter von 14 Jahren. Aber mein Mann und sie besuchen uns ein paar Tage vor Ort. Darauf freue ich mich schon.
      Herzlichen Dank für deine guten Wünsche. Ich werde berichten! PS Drück‘ mir mal die Daumen, dass jetzt nicht noch eine von uns einen positiven Corona-Test hat…

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      1. Ah, danke für die Erklärungen. Ich blende immer aus, dass es Herbstferien bei euch gibt. 🙈
        Na klar drücke ich ganz fest alle Daumen, dass euch das dumme Virus keinen Strich durch die Rechnung macht! Liebe Grüße Anke

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