Zum letzten Mal: Gin Tonic

oder: Den Schauplatz verlagern

Neulich stand ich mit meiner Freundin Schneewittchen in der Schlange vor einem Café im schönen Friedenau. Ich gehe gern dorthin, der Kaffee ist wirklich wahnsinnig gut, aus einer echten Kaffeemaschine eben, den Unterschied schmeckt man oder zumindest bilde ich mir das ein. Wir trippelten weiter, immer näher in Richtung Tresen, wir steckten die Köpfe zusammen und lachten viel, und ich fühlte mich ein bisschen wie mit Anfang 20, wenn ich mich in irgendwelchen Clubs oder Bars der Theke näherte. Heiter, übermütig, vielleicht auf einen Flirt aus. Nur, dass es jetzt halb neun an einem Freitagmorgen war und nicht halb zwei in einer Wochenendnacht. Außerdem wollte ich keinen Gin Tonic bestellen. Ich kann mich noch nicht einmal mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal einen getrunken habe. Vielleicht damals im „G“?

Es gibt Zeiten, die mir sehr weit weg vorkommen. Es gibt Zeiten, die es definitiv auch sind. Zeiten, in denen ich vorzugsweise und fast ausschließlich mit Goldlöckchen am Wochenende in einer Bar abhing, die es jetzt nicht mehr gibt und die ich deshalb guten Gewissens beim Namen nennen kann: Greenwich, von uns nur kurz „G“ genannt. Gute Zeiten waren das, sehr gute. Wir hatten es geschafft, innerhalb kürzester Zeit jeden Barmann – es waren wirklich nur Männer, was für eine Auswahl! – kennengelernt zu haben. Und sie kannten uns. Wir bezeichneten uns damals ironischerweise selbst als „Barhasis“. Wir tranken immer dasselbe und immer ein bisschen zu viel, vorzugsweise Gin Tonic, manchmal auch Watermelon Man oder Tigermilch, irgendetwas mit Rum und Sahne (nur ich bestellte Tigermilch, Goldlöckchen nie). Aber wir waren jung – was kostete die Welt? Wir tranken ohnehin immer zum selben Preis. Ich glaube, die Barkeeper stellten uns nur 10 oder 20 Euro für einen ganzen Abend in Rechnung und machten dabei immer denselben Witz, taten so, als ob sie rechneten und sagten dann doch jedes Mal wieder dieselbe Summe. Shots gab es noch zusätzlich und selbstverständlich aufs Haus. Die Barmänner waren alle toll: respektvoll, zuvorkommend, witzig, charmant. Es gab nie merkwürdige Momente, niemand erwartete je eine Gegenleistung für die günstigen Drinks oder so. Im Gegenteil: wir haben uns immer sehr wohl gefühlt im Greenwich. Sicher. Gemocht.

Nach einer Weile kannten wir nicht nur die Barkeeper, sondern auch andere Stammgäste. Mit einem kam ich mal am frühen Morgen und nach dem einen oder anderen Gin Tonic darauf, dass wir unsere Hosen tauschen könnten. Ich trug eine Stoffhose, er eine Jeans. Lustige Idee, dachte ich. Da wusste ich noch nicht, dass er keine Unterwäsche trug. Wir machten uns auf den Weg zur Toilette, ich glaube, es war die mit „XX“ gekennzeichnete für Frauen. Was dann kam, ist schnell erzählt: Hosen ausziehen, den nackten Tatsachen ins Gesicht blicken, wobei Gesicht hier nicht der richtige Ausdruck ist. Betretenes Schweigen, beschämtes Blinzeln. Hosen schnell wieder anziehen. Also, die des anderen. Ich hatte damals eine ziemlich zwanghafte Phase und ekelte mich vor allem Möglichen und der Gedanke daran, dass ich jetzt eine Jeans trug, unter der jemand anderes nichts als sein Adamskostüm getragen hatte, war eine große Herausforderung für mich. Es war wie eine Art Expositionstherapie, die mich allerdings nicht geheilt hat. Schade eigentlich.

Ich erinnere mich daran, dass eben dieser Stammgast an jenem frühen Morgen nach dem Hosentausch eine Weile verschwunden war, weil er nach seinem Portemonnaie suchte, das ihm gestohlen worden war. Er suchte draußen, hoffte, jemand hätte es in einen nahen Mülleimer geworfen. Vermutlich wühlte er in eben solchen, während er meine Hose trug. Ich war jedenfalls stocknüchtern nach der Aktion und wartete ewig, bis er zurückkam und wir unsere Kleidung zurücktauschen konnten. Zuhause habe ich mein komplettes Outfit in die Waschmaschine gestopft und selbst geduscht. Noch Fragen?

Solche Gefahren drohen nicht, wenn ich morgens mit Schneewittchen in der Schlange vor dem Café stehe und mir die Herbstsonne ins Gesicht scheint. Am Tresen angekommen, müssen wir nichts sagen. Der Barista weiß, was wir bestellen wollen. Ich nehme einen kleinen entkoffeinierten Caffè latte zum Mitnehmen. Weiter weg vom Gin Tonic geht gar nicht. Wenn ich Glück habe, schaut der Barista kurz auf. Macht er aber nicht. Macht er nie. Vielleicht erkennt er mich aus dem Augenwinkel, was ja auch irgendwie nett ist.

Als Goldlöckchen und ich Barhasis im Greenwich waren, mussten wir uns nicht anstrengen, die Blicke auf uns zu ziehen. Wir waren Anfang 20 und die meisten Barkeeper gut zehn Jahre älter als wir. Steinalt in unseren Augen. Ich schätze, der Barista ist fünf, sechs Jahre jünger als ich, vielleicht sogar noch mehr. Ich bin fast 44. Steinalt in seinen Augen, nehme ich an. So dreht sich alles irgendwie um. Ich zahle zwei Euro neunzig – wie immer – und werfe 10 Cent in das kleine Glas, das für Trinkgeld bereitsteht. Jetzt, wo ich es mir leisten kann, trinke ich keinen Alkohol mehr. Vielleicht nehme ich das nächste Mal dafür einen selbstgebackenen Cantuccino zum Kaffee.

3 Kommentare zu „Zum letzten Mal: Gin Tonic“

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