Zum ersten Mal: Früher war mehr Lametta

oder: Weihnachtsrituale

Meine Großmutter hatte ein ausgeprägtes handwerkliches Talent und die nötige Geduld für feinste Basteleien. Besonders gern hat sie Laubsägearbeiten gemacht und in der Vorweihnachtszeit stellen wir alle Jahre wieder eine ganz besondere davon auf. Ich weiß nicht, ob die Idee von ihr stammte oder ob sie eine Vorlage hatte. Es ist eine Laubsägearbeit, wie sie typischerweise im Erzgebirge hergestellt wird: aus dünnem Holz gesägte und bemalte Figuren, die sich in eine schmale Leiste mit Schlitz stecken lassen. Soweit ich weiß, haben nur meine Eltern, meine Tante und wir eine davon. Und unsere Weihnachtsdekoration gehörte früher meiner anderen Oma, wir haben sie erst nach ihrem Tod bekommen.

Baby Boss reißt sich darum, die Figuren aufzustellen, was ich verstehen kann. Auch ich hatte und habe großen Spaß daran. Es ist eine winterliche Szene, ein Markt mit einer Obstverkäuferin, die dicke rote Äpfel in ihren Körben hat, einem Bäckersjungen, der einen Laib Brot vor sich herträgt, einem Weihnachtsbaumverkäufer, einem Mädchen mit Schlitten. Die Figuren lassen sich jedes Jahr anders aufstellen, aber meine Oma hatte sie auf den Rückseiten in einer bestimmten Reihenfolge durchnummeriert, was typisch für sie war, und ich glaube, Baby Boss hält sich daran. Wenn wir die Weihnachtsdekoration herausholen und aufstellen, denke ich sowohl an meine Großmutter als auch an meine Oma. Das ist ein schöner Moment.

Die inoffizielle Nummer 13 auf der Leiste.

Die Leiste steht immer in unserem Wohnzimmer auf dem Fensterbrett neben dem Esstisch, an der einzig richtigen Stelle. So, wie es auch für viele andere Weihnachtsdekorationen richtige Stellen gibt. Mein Mann holt Jahr für Jahr die Kisten mit den Weihnachtssachen aus unserer Kammer, ich werfe einen Blick hinein und stelle fest, dass der Schmuck nicht auf dieselbe Weise altert wie unsere Kinder und wir. Die selbstgebastelten, teilweise windschiefen Sachen stammen immer noch aus den Händen von Kita- und Grundschulkindern, die gekaufte Weihnachtsdekoration wurde für kleine Mädchen angeschafft: eine Krippe mit niedlichen Holzfiguren zum Beispiel und eine Girlande mit Engeln und Weihnachtsbäumen. Beides findet auch in diesem Jahr seinen Platz, auch wenn sich das Kinderzimmer mittlerweile zumindest halbwegs als Jugendzimmer neu erfunden hat. So, wie sich auch unsere Töchter ständig neu erfinden und die kleineren Ausgaben ihrer selbst unwiederbringlich hinter sich lassen.

Zu ihrem ersten Weihnachtsfest trug meine mittlerweile 15-jährige Tochter ein China-Kleidchen, ich nehme an, in Größe 62. Zu ihrem zweiten Weihnachtsfest trank sie noch aus dem Fläschchen. Beim dritten war ihr ein Schokoladenweihnachtsmann wichtig, den sie in der Kita geschenkt bekommen und den sie „Nikili“ getauft hatte. Sie spielte mit ihm wie mit einer Spielfigur, innerlich war er schon zerdrückt, die Alufolie hielt ihn mühsam in Form. Es folgten viele weitere Weihnachten mit unseren Töchtern in unterschiedlichen Größen und Kleidern, oft rot-kariert, mal mit Pailletten, die im Wohnzimmer meiner Eltern abfielen und noch Monate später für Weihnachtserinnerungen sorgten.

Wir bastelten, sangen und naschten auf Weihnachtsfeiern in der Kita und in der Schule, die Kinder glaubten an den Weihnachtsmann, schrieben Wunschzettel, putzten ihre Stiefel für den Nikolaus, begleiteten uns auf Weihnachtsmärkte, ihre kleinen behandschuhten Hände in unseren großen. Die Weihnachtszeit war immer trubelig, aber immer schön. Ich verrate jetzt mal ein Geheimnis: Die dunkle Jahreszeit ertrage ich besser, wenn mich Feiern und Vorführungen von Schule, Ballett und Sport nach draußen treiben, wenn wir alte und neue Freunde treffen, Zeit mit anderen verbringen, umgeben vom Duft von Tannen, gebrannten Mandeln und Kinderpunsch. Oder habe ich davon etwa nur gelesen? Bei Erich Kästner oder Astrid Lindgren?

Auf dem Gymnasium meiner beiden großen Töchter finden keine Weihnachtsfeiern mehr statt, also zumindest keine, bei denen auch die Eltern eingeladen werden. Ich verstehe das natürlich, finde es aber trotzdem schade. Es ist wohl der Lauf der Dinge, so wie Belle auch nicht mehr aus dem Fläschchen trinkt oder mit Schokoweihnachtsmännern spielt.

Auch bei Baby Boss gibt es dieses Jahr keine Weihnachtsfeier, das hat wohl mit Corona zu tun. Überhaupt ist Corona für wahnsinnig vieles verantwortlich. Zum Beispiel dafür, dass ich die von meiner Großmutter ausgesägte Winterszene auf dem Fensterbrett in diesem Jahr noch nicht so oft gesehen habe wie sonst. Auch die Kerzen des Adventskranzes sind noch wenig benutzt und ich bin froh, dass ich nicht den offenbar von der Inflation betroffenen Kranz für 29,50 Euro gekauft, sondern einen gefunden habe, der zehn Euro günstiger war.

Corona ist schuld daran, dass wir in dieser Adventszeit deutlich weniger im Wohnzimmer waren als sonst. Zuerst war Supergirl dort auf eigenen Wunsch hin für vier Tage isoliert. Später hatte ich Corona und hielt mich die meiste Zeit im Schlafzimmer auf. Mein Mann schlief in dieser Zeit auf einer Matratze im Flur. In einem Schlafsack.

Gerade vor Weihnachten halten wir uns normalerweise an zahlreiche liebgewonnene Rituale. In den letzten Jahren haben wir wegen Corona auf vieles davon verzichtet. Vor zwei Jahren hat uns der Kinderarzt unserer Töchter am 24. Dezember bei uns zuhause getestet, da gab es noch keine Testcenter, und jeder Test hat 30 Euro gekostet. Mal fünf ergibt das ein beträchtliches Sümmchen. Aber wir konnten gemeinsam mit meinen Eltern feiern – unbezahlbar.

Ich habe mein ganzes Leben lang Weihnachten mit meinen Eltern gefeiert. Nur einmal nicht, als ich ein Austauschjahr in Argentinien gemacht habe. Vielleicht ist es falsch, sich an solchen Ritualen festzuhalten. Vielleicht sollte man sich davon nicht abhängig machen. Denn nicht immer verläuft alles nach Plan. Die eine oder andere Enttäuschung bliebe einem sicherlich erspart. Aber Rituale geben einem auch Halt, finde ich. So wie damals die Alufolie dem zerdrückten Nikili.

PS Ich bilde mir übrigens ein, dass meine Großmutter einen Cameo-Auftritt in der Weihnachtsdekoration hat. Ich bin der Meinung, dass sie sich selbst als Apfelverkäuferin in die winterliche Szene geschmuggelt hat. Leider kann ich sie nicht mehr fragen.

PPS Was ist euch zu Weihnachten wichtig?

War meine Großmutter oder Frau Holle das Vorbild für diese Figur?

6 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Früher war mehr Lametta“

  1. Lametta fehlt mir nicht. 😂 (Obwohl die Erinnerung daran, wie mein Vater und mein Opa manchmal aneinandergerieten, weil sie geteilter Meinung waren, wie viel, wie lang, wie dicht die Silberfäden an den Baum gehörten, schon lustig ist.)
    Welch schöne persönliche Erinnerung du von deiner Oma hast. Ich tue mich jedes Jahr schwer, die paar gekauften Erzgebirgs-Weihnachtsschmuckstücke (Räuchermännchen, Mini-Schwibbogen, Mini-Pyramide, Teelichthalter …) aufzubauen, weil ich mir immer sage, die passen nicht nach Italien und nicht in unsere weiße, moderne Einrichtung. Wenn dann alles steht und abends die Kerzen scheinen, bin ich doch froh, denn diese Figürchen und der Duft nach Räucherkerzen sind meine Erinnerungen an Weihnachten in der Kindheit.
    Danke für deinen schönen Text passend zu diesen Tagen. Genießt morgen einen 4. Advent mit allen Ritualen! LG Anke

    Gefällt 1 Person

    1. Lametta fehlt mir auch nicht. 😉 Das hatten wir tatsächlich noch nie am Baum, auch nicht in den 80er Jahren. Kennst du den Loriot-Sketch, in dem das vorkommt? Daran habe ich mich für die Überschrift ein bisschen bedient. 😉
      Ich finde, Weihnachtsdekoration ist eine Klasse für sich. Die muss vielleicht gar nicht ins Gesamtkonzept der Wohnung passen, sondern darf ruhig eigene Wege gehen. Hauptsache, die damit verbundenen Erinnerungen stimmen. Und das tun sie ja offenbar. 😉
      Räuchermännchen fand ich immer toll und faszinierend. Leider haben wir gar keines! Kommt noch auf den Wunschzettel.
      Euch auch einen schönen 4. Advent und herzliche Grüße nach Italien!

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s