Immer wieder: Chaos vor der Abreise

oder: Schlechte Eigenschaften

Zur Zeit bin ich mit meiner Familie im Urlaub. Nicht nur wie gewöhnlich mit meinem Mann und meinen drei Töchtern, sondern auch mit meinen Eltern, meinem Bruder und seinen zwei Kindern. Wir wohnen alle unter einem Dach, und schon nach wenigen Tagen habe ich beobachtet, dass es zu einer interessanten Rollenverteilung gekommen ist. Manche haben ihre Rollen vielleicht freiwillig übernommen, andere wurden in ihre Rollen hineingedrängt. Ich zum Beispiel scheine den Hut aufzuhaben, wenn es darum geht, die Freizeitgestaltung zu organisieren oder zumindest Vorschläge dazu zu machen. Die Kinder haben die Rolle, möglichst viel Zeit an ihren Handys zu verbringen. Das machen sie ausnahmslos gut. Nur Baby Boss hat kein Smartphone, dafür aber schon ihr Buch ausgelesen. Außerdem schaukelt sie gern im Garten. Mein Mann verbringt die Hälfte des Urlaubs in der Küche und kocht für uns alle. Ihm macht das nichts aus, sagt er, und ich glaube ihm. Es ist nicht das erste Mal, dass mir bewusst wird, wie viel Glück ich mit ihm habe.

Ich verreise gern in größeren Gruppen, zum Beispiel mit meiner Familie oder der meines Mannes. Gemeinsame Urlaube klappen gut, halten aber auch die eine oder andere Herausforderung bereit. Man bekommt sehr geballt mit, wie eine andere Person tickt, wo ihre Stärken liegen und wo ihre Schwächen, sofern es überhaupt welche gibt. Manchmal macht es mir Mühe, mich auf andere einzustellen. Manchmal macht es höchstwahrscheinlich anderen Mühe, sich auf mich einzustellen. Ich habe Ecken und Kanten, so wie jeder andere auch. Dabei frage ich mich, ob andere dieselben Macken an mir wahrnehmen, die ich bei mir sehe, oder vielleicht ganz andere. Allein schon deshalb würde ich mich gern mal mit den Augen einer anderen Person sehen.

Wenn mich jemand nach meinen größten Schwächen fragen würde – außerhalb eines Vorstellungsgesprächs, in dem ich auf jeden Fall den Begriff „perfektionistisch“ fallen ließe –, kämen vielleicht andere Dinge heraus, als wenn meine Familie darauf angesprochen wird. Ich kann später vielleicht die Frage in den Raum stellen: Was geht euch an mir im Urlaub am meisten auf den Wecker? Vielleicht mache ich das aber auch erst nach der Reise. Oder sicherheitshalber gar nicht.

Wer ohne gemeinsamen Urlaub herausfinden möchte, wo ich Defizite habe, sollte am Tag einer x-beliebigen Abreise Mäuschen bei uns spielen. Ich befürchte, dass sich in den wenigen Stunden, die zwischen Weckerklingeln und Losfahren liegen, ein großer Teil meiner schlechten Eigenschaften zeigt. Ich bin zum Beispiel relativ schnell gestresst und gereizt. Zu meiner Entschuldigung möchte ich an dieser Stelle vorbringen, dass ich aber auch sehr viel Verantwortung trage. Nicht nur, wenn es um Reisevorbereitungen geht. Ich habe so viele Dinge im Kopf – für mich und für andere –, dass sich bei mir immer mal wieder ein Gefühl der absoluten Überforderung einstellt, auf das ich allerdings keine Rücksicht nehmen kann.

Ich neige dazu, Worst-Case-Szenarien zu konstruieren und andere nervös zu machen. Ich habe einen Hang zur Pedanterie. Wegen meiner Zwangsstörung wälze ich gern in eher absurden Bereichen Verantwortung auf andere ab. Und ich bin perfektionistisch. Außerdem befürchte ich, dass mich andere für ein bisschen „bossy“ halten könnten, aber das will ich eigentlich gar nicht sein. Im Gegenteil: Ich würde mir wünschen, dass andere öfter mal das Heft in die Hand nehmen. Aber das passiert nicht so oft. Also nehme ich es lieber, als dass es liegen bleibt.

Als wir jetzt nach Prerow gefahren sind, wollten wir um 8.30 Uhr aufbrechen, um der großen Welle des Anreiseverkehrs zuvorzukommen. Es war der Samstag vor Ostern. Nach Prerow schafft man es von Berlin aus in drei Stunden, wir waren aber auch schon mal die doppelte Zeit unterwegs. 8.30 Uhr ist eine absurde Zeitvorgabe, es ist vollkommen klar, dass wir das nicht schaffen – es sei denn, wir würden um 4.30 Uhr aufstehen. Am Tag der Abreise sind meist noch Dinge zu erledigen, um die wir uns eigentlich schon vor dem Urlaub hätten kümmern sollen. Diesmal haben wir zum Beispiel noch alle möglichen und unmöglichen Ecken der Wohnung aufgeräumt, weil sich eine Nachbarin während unserer Abwesenheit um unsere Kaninchen Jimmy und Hermine kümmert. Ich halte sie für jemanden, dem es absolut nichts ausmacht, wenn es unordentliche Ecken gibt. Ich würde sogar soweit gehen zu sagen, dass sie jemand ist, der äußerst höflich über unordentliche Ecken hinwegsehen würde.

Dennoch wuselte ich Ordnung schaffend durch die Wohnung, obwohl ich weiß, dass uns dieses Aufräumen in letzter Minute immer wieder das Genick bricht. Diesmal zum Beispiel habe ich noch Wäsche zusammengefaltet, die im Wohnzimmer auf dem Wäscheständer gehangen hatte – ein Raum, den unsere Nachbarin mutmaßlich gar nicht betreten würde. Aber ich war auf die Idee gekommen, dass mein Mann dort einen veganen Osterhasen platzieren könnte, zu dem wir sie am Ostersonntag via Handy hätten lotsen wollen. Bei Netto, wo er am Tag der Abreise noch frisches Gemüse für die Kaninchen gekauft hatte, gab es aber leider keine veganen Osterhasen.

Auch unsere Koffer sind am Abreisetag selten vollständig gepackt. Oft fehlt genau noch eines der Kleidungsstücke vom Wäscheständer. Je mehr ich räume, desto schneller vergeht die Zeit. Meine Töchter sind auch vor einer Abreise imstande, die Rolle derjenigen zu übernehmen, die in erster Linie auf ihre Smartphones starren. Ich belle Befehle durch die Wohnung, die im Nirwana verhallen. Ich stapfe von Zimmer zu Zimmer und ziehe Stecker. Ich frage meinen Mann, ob der Herd ausgeschaltet ist. Mein Mann ist es auch, der die Wohnung abschließen muss.

Gestern beim Joggen am Strand habe ich mich getraut und ihn gefragt, was meine drei schlechtesten Eigenschaften sind. „Das Schlimmste an dir ist, dass du perfekt bist“, hat er gesäuselt. Vielleicht ist er die einzige Person auf der Welt, die es so sieht. Er hält es zumindest schon sehr lange mit mir aus. Dennoch habe ich es nicht gelten lassen. „Nein, jetzt sag doch mal. Ich kann damit umgehen“, habe ich gesagt und innerlich die Zähne zusammengebissen, weil ich vermutlich doch nicht damit umgehen können würde. Aber es sagte nur, dass ich manchmal ein „Cholerikerchen“ sei, und damit hat er recht. Ich hatte Schlimmeres erwartet – aber vielleicht wollte es sich mein Mann auch nicht mit mir verscherzen. Irgendwer muss sich ja um die Freizeitgestaltung kümmern.

6 Kommentare zu „Immer wieder: Chaos vor der Abreise“

    1. Manchmal denke ich sogar darüber nach, meinen Mann zu fragen, ob er nicht mal die Wäsche abnehmen kann. Aber ich befürchte, er macht es nicht „richtig“… 😉
      Für den nächsten Urlaub werde ich es aber vielleicht mal versuchen, die Kleidung hängen zu lassen. Es ist nur ein verlängertes Wochenende. Da gelingt es mir vielleicht besser, Fünfe gerade sein zu lassen. 😉

      Gefällt 2 Personen

  1. Liebe Sophie, ach wie sehr fühle ich mich beim Lesen deiner Zeilen an mich selbst erinnert 😂. Lass dir daher sagen: Du bist nicht allein! Liebe Grüße von Perfektionistin zu Perfektionistin🙋🏻‍♀️

    Gefällt 2 Personen

  2. Kann mich Birgit nur anschließen: Willkommen im Club! Die anderen machen es nicht richtig (wenn überhaupt).😉
    Ostern war ich diesmal froh, dass wir nicht verreist sind. Den Stress, der bei mir schon am Tag zuvor ausbricht, wenn es ans Packen geht, habe ich mir gespart.
    Nun hoffe ich, ihr hattet ein paar erholsame Tage in eurem Lieblingsort!
    Ach, und sag mal: Die Freizeitaktivitäten, die du vorschlägst, sind die dann den anderen recht? Oder hast du, wie ich oft, noch das Gefühl, dass sie meinen, es müsse immer nach deinem Kopf gehen? Dabei wünsche ich mir nichts mehr, als einmal nur bei dem mitzumachen, was ein anderer vorschlägt.

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Anke, ja, es war wirklich wieder sehr schön in Prerow. Besonders genieße ich es immer, wenn wir durch den Darßer Wald zum Weststrand radeln. Beides lohnt sich sehr: Wald und Strand! Und beides gehört definitiv zu meinen Lieblingsorten weltweit. Kann man sich vielleicht gar nicht vorstellen, aber dort bin ich immer sehr nah dran am absoluten Seelenfrieden.
      Meine Vorschläge, was Freizeitaktivitäten angeht, treffen erfreulicherweise oft ins Schwarze. Und ich glaube, es ist allen auch sehr recht, dass ich mir etwas überlege. Dabei geht es mir ebenso wie dir: Ich könnte sehr gut damit leben, wenn andere tolle Dinge planen und ich einfach nur Teil der Gruppe bin und nicht ständig Organisator. Andererseits gebe ich an dieser Stelle aber auch ganz offen zu, dass ich gern Pläne schmiede. Ich bin so ein Vorfreude-Typ und habe mir zum Beispiel schon heute (eben aus Prerow zurückgekommen) von Belle und Baby Boss, die in die Stadtbücherei mussten, einen Reiseführer für unseren nächsten Trip mitbringen lassen. 😉 Ich kann es kaum erwarten. 😉 Das ist übrigens auch der Grund, warum ich es immer wieder schaffe, dieses Abreise-Chaos durchzustehen. Ich reise eben wahnsinnig gern!!!
      Liebe Grüße aus Berlin! Sophie

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s