Zum ersten Mal: Trainingslager in Hof

oder: Purzelbaum vs. Rolle vorwärts

Vor einer Weile war ich in Hof und das eher unverhofft. Unsere beiden jüngeren Töchter hatten dort ein Trainingslager mit ihrem Turnverein und manche Eltern waren im Vorfeld angerufen und gefragt worden, ob sie einige Kinder dorthin fahren könnten. Wir gehörten zu diesen Eltern (wahrscheinlich, weil gleich zwei unserer Kinder turnen). Und weil ich so begeistert bin von all dem ehrenamtlichen Engagement der Trainerinnen und Trainer, bestand nicht wirklich die Möglichkeit, auf diese Anfrage mit „Nein“ zu antworten.

Mein Mann hatte an dem fraglichen Wochenende Geburtstag und der Gedanke, dass er ihn allein in Hof verbringen würde, quälte mich einen Moment lang. Dass er die Mädchen freitags dort abliefern, dann zurückkommen, am Samstag seinen Geburtstag in Berlin feiern und am Sonntag wieder nach Hof fahren würde, wäre auch keine vernünftige (und klimafreundliche) Option. Also überlegte ich mir, dass ich ja ebenfalls mitfahren könnte, wir die Mädchen in Hof abliefern und uns danach irgendwo eine schöne Zeit machen könnten. So schlug ich es meinem Mann vor, als ich ihn bei der Arbeit anrief, um ihm die Anfrage des Turnvereins zu übermitteln. Als er an jenem Abend nach Hause kam, sagte er, er hätte schon ein Hotel für uns gefunden. Nicht in Hof (Gott sei Dank), sondern in Franzensbad.

Vor einer Weile waren wir also auf dem Weg nach Franken, auf den ausgeklappten Sitzen im Kofferraum saßen Baby Boss und eine ihrer besten Turnfreundinnen, auf der Rückbank hatten es sich Supergirl und zwei Freundinnen aus ihrer Turnriege bequem gemacht, eine davon die kleine Sonne, die ich hier schon einmal erwähnt habe. Auf dem Fahrersitz saß wie üblich mein Mann und ich neben ihm. Es war Freitagfrüh, sämtliche Kinder hatten eine Beurlaubung von der Schule, mein Mann hatte sich einen Gleittag genommen, ich gehöre zu den glücklichen Menschen, die freitags immer frei haben.

Es war einer dieser Momente, die mich unglaublich dankbar und froh machen. Wir saßen zu siebt in unserem Auto, die Mädels schnatterten und plapperten vor sich hin, schauten Turnvideos, hörten Musik, knabberten und knusperten Essbares im Minutentakt (zumindest Baby Boss) und ich wusste, dass ich mich niemals auf diese Reise begeben hätte, wenn ich nicht Mutter wäre. Dass so viele Dinge in meinem Leben nur passieren, weil ich Kinder habe. Dass mich dieser Umstand ständig dazu bringt, über irgendeinen Tellerrand zu schauen. Dass es keinen Stillstand gibt, keine Langeweile, nie die Frage im Raum steht: Was machen wir morgen? Dass ich mit ganz vielen Beschäftigungen und Tätigkeiten in Berührung komme, die ich mir nicht selbst ausgesucht habe, die mich allein schon deshalb inspirieren und bereichern. Über die ich oft staune. Turnwettkämpfe, Ballettauftritte, Musicalaufführungen, Gesangsunterricht, Reiten. Aber auch Alltägliches: Elternabende und Entwicklungsgespräche, Sommerfeste und Weihnachtsfeiern.

Ich hätte es nicht für möglich gehalten, am Wochenende immer wieder in Berliner Turnhallen zu sitzen und gebannt und voller Stolz und Begeisterung Wettkämpfe im Geräteturnen zu verfolgen. Ich habe Zeit meines Lebens keinen Aufschwung geschafft, ich habe kein Rad geschlagen, noch nicht einmal einen vernünftigen Purzelbaum auf die Reihe bekommen. Bei anderen heißt das übrigens „Rolle vorwärts“, aber bei mir konnte man es wirklich nur als Purzelbaum bezeichnen, und auch das ist streng genommen ein Euphemismus. Und jetzt schaue ich dabei zu, wie Supergirl einen Überschlag über den „Tisch“ macht oder einen Rückwärtsbogen auf dem Balken und ich weiß, dass ich ohne sie nicht hier wäre.

Mindestens einmal pro Woche bin ich im Berliner Grunewald, weil Belle und Baby Boss dort reiten. Ich liebe es, auf dem Hof zu sein. Sobald ich aus dem Auto steige, fühle ich mich wohl. Es liegt an dem Duft nach Wald und Pferdemist, an den Pferden selbst mit ihren großen dunklen Augen und den Ohren, die sich aufmerksam nach vorn drehen, wenn man mit ihnen spricht. An dem weichen Fell unter meiner Hand, wenn ich dem Lieblingspony von Baby Boss über den Nasenrücken streiche. Ich liebe die Runde, die um den Grunewaldsee führt, vor allem die Strecke direkt am Wasser, das grünlich schimmert, der blaue Himmel darüber, ein paar Schäfchenwolken. Ein Stück Paradies. Und ich weiß, dass ich ohne die Kinder nicht hier wäre.

Es gibt so viele Menschen, die ich nicht kennengelernt hätte, gäbe es unsere drei Töchter nicht. Darüber darf ich gar nicht nachdenken! Schneewittchen zum Beispiel wäre nicht in mein Leben getreten (und das wäre so ein Verlust) und auch sehr viele andere nicht: Frauen und Männer, deren Söhne und Töchter denselben Kindergarten oder dieselbe Schule besucht haben oder besuchen, die gemeinsam mit meinen Kindern turnen, tanzen und trainieren. Ja, ihr alle da draußen (vor allem in Friedenau!), genau euch meine ich. Wie schön, dass ich euch kennengelernt habe! Was für ein Glück!

Gäbe es meine Kinder nicht, hätte ich dieses ganze Wochenende in Franzensbad gar nicht erlebt. Ich wäre nicht am Freitagnachmittag im Dampfbad gewesen – übrigens im Bikini –, hätte abends keinen gebackenen Ziegenkäse mit Salat gegessen und nicht später im Hotel mit meinem Mann „Bridgerton“ geschaut. Wir hätten am nächsten Tag keinen Ausflug nach Marienbad und nach Karlsbad gemacht, hätten nicht im Grandhotel Pupp Torte gegessen und hätten abends nicht schon wieder im Dampfbad gesessen. Naja, vielleicht hätten wir das alles sogar gemacht, wenn wir keine Kinder hätten, vielleicht hätten wir es auf irgendwelchen Umwegen auch so nach Franzensbad geschafft. Vielleicht hätte ich dann sogar so viel Zeit, dass ich schon längst eine ganz passable Rolle vorwärts schaffen würde und vielleicht auch einen Handstand. Aber höchstwahrscheinlich wäre ich ohne meine Kinder nie auf die Idee gekommen, dass es sich toll anfühlen würde, so etwas zu können. Und außerdem: Was nützt der schönste Purzelbaum, wenn niemand daneben steht und sagt: Seht mal, das ist meine Mami.

10 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Trainingslager in Hof“

  1. Das hast du gut beobachtet: Die Kinder bereichern das Leben der Eltern ungemein und man lernt durch sie tausend neue Sachen und auch Menschen kennen.
    Und es ist doch super, wenn du und dein Mann für eure Fahrdienste gleich noch belohnt wurdet und das Dampfbad in Franzensbad aufsuchen konntet…😉

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    1. Man könnte die Sache mit dem Trainingslager und Franzensbad als Win-Win-Situation beschreiben. Letztlich hatten alle etwas davon, auch unsere große Tochter, die sich ein schönes Wochenende in Berlin gemacht hat. ☺️

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  2. Liebe Sophie! Das klingt nach einem wunderbaren Wochenende und du hast absolut recht. Kinder können einem für vieles die Augen öffnen, das man ohne sie nicht gesehen hätte, weil man seinen Tellerrand so schön hoch hat. Oder man findet ein Interesse wieder, das man selbst verloren hatte, wie ich das fürs Turnen. Als ich als Kind (mit 5 Jahren hüpfte ich selbst über den Schwebebalken) Maxi Gnauck bewunderte, ahnte ich freilich nicht, dass ich heute die italienischen Nationalturnerinnen „persönlich“ zu kennen glaube und schon oft live gesehen habe. 🤩
    Sportliche Grüße!
    PS: Ich kann nur noch beteuern, dass ich Rad schlug und Hand stand, jetzt tue ich es nicht mehr, weil meine Handgelenke nicht mehr so gern mitturnen. 😒

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    1. Liebe Anke, dein PS erinnert mich daran, dass meine Kinder absolut dagegen sind, dass ich irgendetwas Turnerisches ausprobiere. Sie befürchten, dass ich mich umgehend verletzen würde – und wahrscheinlich haben sie recht! 😂
      Sportliche Grüße zurück!
      Apropos: schaut ihr gerade Fußball?

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      1. Mit „gerade“ meinte ich die EM insgesamt. 😉 Ich habe schon befürchtet, dass ich es vielleicht missverständlich ausgedrückt habe.
        Die EM holt ja nicht jeden ab, uns allerdings schon. Und „euer“ Spiel heute Abend werden wir bestimmt auch anschauen.

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      2. Das ist nett. Ihr seid für uns, darf ich doch bitte annehmen.😉
        Ehrlich gesagt steige ich immer erst ab Viertelfinale wirklich ein, so als aktiver Fan mit Bier und Brüllen und was dazugehört. Ich leiste meinem Mann nachher aber Gesellschaft, zumindest die erste Halbzeit über.
        Dann habt ihr also eine besonders sportliche Zeit, zurzeit. ⚽😃

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      3. Erst beim Viertelfinale einzusteigen, kann auch mal schiefgehen, wenn man noch Spiele mit deutscher Beteiligung sehen will (und ich meine jetzt nicht den Schiedsrichter). 😉
        Ich drücke euch die Daumen! 🙂

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