Zum ersten Mal: Hefekuchen backen

oder: Geerbte Ängste

Auf den ersten Blick scheinen Hefekuchen und das Autobahnnetz rund um die Stadt München nichts gemeinsam zu haben. Dennoch flößen beide meiner Mutter Respekt ein – das Autobahngeflecht um München herum allerdings noch mehr als der Hefekuchen. Von einer stressigen Fahrt von einem kleinen beschaulichen Ort in Bayern in die Landeshauptstadt zu einem Möbelhersteller, die meine Mutter und ich gemeinsam erlebt haben, hat sie sich nie so richtig erholt. Zumindest ist sie seitdem nie wieder Autobahn gefahren. Das ist jetzt mehr als 25 Jahre her. Ich habe keinerlei Erinnerungen an diesen angeblichen Höllentrip.

Was Hefekuchen betrifft, ist meine Mutter der Ansicht, ihn einfach nicht backen zu können. Hier erinnere ich mich an eine große Keramikschüssel, innen cremefarben, außen hellbraun, in der der Teig dicker und dicker wurde, ganz so, wie es von einem guten Hefeteig erwartet wird. Ich weiß also nicht, was meine Mutter daran nicht gelungen ist, der Kuchen meiner Mutter hat mir immer gut geschmeckt. Dennoch habe ich mir beide Ängste angeeignet, sie sogar noch schlimmer gemacht: Auto fahre ich seit mehr als 20 Jahren gar nicht mehr, obwohl ich einen Führerschein habe. An Hefekuchen habe ich mich mein ganzes bisheriges Leben nicht herangewagt. Bis vor kurzem.  

Früher war mein Mann derjenige von uns beiden, der fürs Kochen und Backen zuständig war. Wir haben nie darüber gesprochen, wie es dazu gekommen ist, aber es ist und war mir sehr recht. Wir sind seit rund 23 Jahren ein Paar, mehr als 15 Jahre davon verheiratet. Ich bin ja erst Anfang, Mitte vierzig und nicht nahe der Hundert, wie ich manchmal behaupte. Wir haben uns also sehr jung kennengelernt. Ich glaube, mein Mann hat mich aus der Küche verbannt, weil er einfach keine Makkaroni mit geschmolzener Butter und Parmesan mehr sehen konnte. Vielleicht würde ich mich immer noch ausschließlich davon ernähren, wenn ich ihn nicht kennengelernt hätte. Eine Zeit lang nannte sich mein Mann in Anlehnung an den Koch Tim Mälzer „der Küchenbulle“, ich hingegen war nur als „Küchenkälbchen“ aktiv. Ich bin lange Zeit sehr gut damit gefahren.

In der Corona-Zeit habe ich immerhin das Backen für mich entdeckt und – auf die Gefahr hin, angeberisch zu klingen – es darin zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. Ehrlich gesagt frage ich mich, wie einem Kuchen nicht gelingen kann, wenn man sich doch einfach nur ans Rezept halten muss. Und das tue ich. Steht im Rezept „Rühren Sie sechs Eier einzeln jeweils eine Minute lang unter“, dann rühre ich die Eier eben einzeln unter, und zwar insgesamt sechs Minuten lang. Mein Mann schüttelt darüber nur den Kopf. Küchenbullen müssen solcherlei Anweisungen nicht folgen.

Ich habe russischen Zupf- und deutschen Apfelkuchen gebacken, argentinische Alfajores und schottische Scones, nicht zu vergessen: amerikanische Pancakes! Ich habe Spekulatius-Käsekuchen zubereitet, Maulwurfkuchen, Igel- und Erdnussbutterkekse. Außerdem: Donauwellen- und Bienenstichmuffins, die ich mit appetitlichen Toppings und Puddingcremes verziert habe. Vielleicht war die Zeit einfach reif, mich einer weiteren Herausforderung zu stellen. Wieso nicht einfach mal einen Hefekuchen in Angriff nehmen? Die Stimme meiner Mutter im Ohr missachtend habe ich mir ein Rezept bei meiner liebsten Backseite im Internet ausgesucht und ausgedruckt.

Die erste Herausforderung bestand darin, Mehl einzukaufen. Das ist ja zur Zeit nicht so einfach. Die zweite Herausforderung ergab sich aus einer Anmerkung im Rezept. Dort ist nämlich davon die Rede, die Zutaten „mit dem Knethaken einer Küchenmaschine etwa acht Minuten zu einem glatten Teig zu verarbeiten“. Wir haben aber keine Küchenmaschine, sondern nur ein Handrührgerät. Hat jemand damit schon mal den eher zäh-klebrigen Hefeteig gerührt, der sich mit aller Kraft an den Knethaken festklammert und immer wieder daran hochklettert, bis er fast das Plastikgehäuse des Handrührgeräts berührt? Etwa acht Minuten lang? Weiß jemand, wie viel Armkraft das kostet? „Hättest du doch auch mit der Hand kneten können“, sagte der Küchenbulle, nachdem meine Hände rot angelaufen waren.

Als der Teig mithilfe des Rührgeräts genug durchgewalkt war, formte ich ihn liebevoll zu einer Kugel und platzierte ihn in unserer hellgelben Plastikrührschüssel unter einem Handtuch auf der Fensterbank in der Sonne. Von Zeit zu Zeit stattete ich dem Teig dort einen Besuch ab. Bald sah er wie ein praller Babybauch aus, was meine jüngste Tochter dazu verlockte, ihn anzufassen. Vielleicht hatte sie gehofft, ein Strampeln zu spüren.

Über all die Ausführungen zum Hefeteig darf ich nicht vergessen, über geerbte Ängste zu schreiben. Dazu muss ich noch eine kurze Anekdote erzählen, an die ich mich im Gegensatz zu der Fahrt nach München sehr gut erinnern kann: Mein Bruder hat im August Geburtstag und konnte als Kind immer im Freien feiern. Einmal bekam er einen Bumerang aus Kunststoff geschenkt, den einer seiner Freunde im Park warf. Der Bumerang traf meine Mutter, die auf einer Decke am Boden saß, am Kopf. Äußere Verletzungen waren nicht ersichtlich. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb – ich weiß es nicht – zückte meine Mutter nach dem Unfall gefühlt alle fünf Minuten ihren Taschenspiegel, um ihre Pupillenreflexe zu überprüfen. Ich kann das verstehen, ich mache das auch manchmal, auch ohne vom Bumerang getroffen worden zu sein. Ich glaube, der Apfel fällt eben einfach nicht weit vom Stamm. 

Und deshalb frage ich mich: Werden meine Mädchen Angst vor dem Autofahren und der Zubereitung bestimmter Gerichte haben, werden sie Taschenspiegel mit sich herumtragen und Bumerangs meiden, vielleicht sogar den gesamten australischen Kontinent? Eigentlich möchte ich all das nicht, ich möchte, dass sie mutig, stark und unabhängig werden. Der Hefekuchen ist mir übrigens sehr gut gelungen. Vielleicht steht bei mir deshalb als nächstes ein Trip nach München auf dem Programm oder zumindest: eine Fahrt um den Block.

10 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Hefekuchen backen“

  1. Meine Kleine (4 Jahre) fragte neulich: „Ist der Herd aus?“ Eine Frage, die ich sonst immer an meinen Mann richte. An schlechten Tagen sogar nachdem ich es bereits selbst mehrfach geprüft habe. Ich will meine Ängste auch nicht vererben. Aber ich befürchte, die Angst geht auf die Kinder über. Gut, dass sie auch die Heldinnen-Taten erleben. Für Dich ist es Hefekuchen und Auto fahren? Für mich zum Beispiel geschlossene Rutschen. Neulich erst habe ich meine Kleine vom Rutsche-Turm gerettet. Sie konnte aus Angst weder vor noch zurück. Da kletterte ich hoch und sagte zu ihr: Jetzt müssen wir uns zusammen überwinden. Das Gefühl beim Rausschießen aus der Röhre war großartig.
    Wenn wir schon Ängste vererben dann doch bitte auch unseren Mut. Nur wer Angst hat, kann auch mutig sein.

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    1. Das hast du schön gesagt, liebe Eva: Nur wer Angst hat, kann auch mutig sein.
      Das mit dem Herd kenne ich übrigens. Wenn ich nachschaue, murmele ich dabei manchmal leise „aus, aus, aus“. Als meine größte Tochter noch ein kleines Mädchen war, hatte sie ein Playmobil-Haus, in dem ein kleiner blauer Herd stand. Einmal hörte ich, wie sie beim Spielen „aus, aus, aus“ flüsterte… Naja, was soll ich dazu noch sagen?
      Liebe Grüße aus Berlin!

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  2. Ein wunderbarer Beitrag! Ich traue mich auch nicht an Hefekuchen, obwohl ich ansonsten (fast) ALLES backe und das Backen liebe. Auch bei der häuslichen Aufgabenverteilung finde ich mich/ uns eins zu eins wieder, genauso wie ich diese Kommentare zum genauen Einhalten von Rezeptangaben kenne … 😉

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    1. Vielen Dank für deine Nachricht! Ich habe mich sehr gefreut.
      Nach dem positiven Hefekuchen-Erlebnis habe ich mich zu Ostern an einen Rüblikuchen gewagt. Auch davor hatte ich aus unerklärlichen Gründen Respekt. Aber: auch der Rüblikuchen ist gut gelungen! Es hilft bestimmt, sich immer schön ans Rezept zu halten!
      Liebe Grüße, Sophie

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  3. Liebe Sophie,es ist dir wieder einmal gelungen, den leckeren Streusel- Kuchen in eine unterhaltsame Geschichte zu „verpacken“. Vielleicht gelingt es dir ja mit deinen Ängsten so umzugehen, wie deine Jüngste mit dem kugligen Hefeteig: vorsichtig, achtsam und mit der nötigen Zuneigung. Danke für den Text und das tolle Foto. Es grüßt der Follower

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  4. Glückwunsch zum Hefekuchen! Beim Backen bin ich nicht ängstlich, höchstens faul. Als Autofahrer bin ich ebenfalls Schisser. Ich weiß nicht, ob das geerbt ist, meine Eltern hatten kein Auto und keinen Führerschein, aber das war in der DDR gar nicht so selten. Meine Mutter meinte jedenfalls, wäre sie jünger gewesen, als es dann nach der Wende endlich Autos ohne Wartezeit gab, hätte sie gerne die Fahrerlaubnis gemacht. Vielleicht war ich auch in Sachen Führerschein bequem, und solange ich in der (deutschen) Großstadt wohnte, brauchte man keinen. Hier in der italienischen Provinz geht nichts ohne Auto. Also zumindest nicht, wenn man arbeitet und Kinder abzuholen und zu bringen hat. Also habe ich im zarten Alter von 34 hier den Führerschein gemacht. Leider übte man dafür nur das „um den Block“ fahren, und viel mehr tue ich auch bis heute nicht. Autobahn? Aiuto! Hilfe! Solltest du es also demnächst um den Block versuchen, nur Mut! Das geht.😉 Autobahn? Frag jemand anderen.🙈
    Danke für die nette Geschichte, in der, wie ich in den Kommentaren lese, nicht nur ich mich wiederfinde, und liebe Grüße.

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    1. Das mit dem Autofahren ist wirklich so eine Sache für mich, es ist ein richtiger Angstgegner. Das hat auch damit zu tun, dass ich nur ganz kurz mit einem Schaltwagen gefahren bin, nämlich in der Fahrschule. Damals hatten meine Eltern ein Auto mit Automatikgetriebe, auf das ich dann umgestiegen bin. Also habe ich das Schalten innerhalb kürzester Zeit wieder verlernt.
      Vor zwei Jahren hatten wir uns sogar einen Automatikwagen bestellt, damit ich mich doch wieder ins Auto traue. Leider wurde er nie geliefert: Chipmangel! Vielleicht hat es sich so in der DDR angefühlt, als man auf seinen Trabi warten musste.
      Liebe Grüße nach Italien!

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  5. Als ich das Bild gesehen und „Geerbte Ängste“ gelesen habe, musste ich schon lächeln und wusste, dass es wohl um Hefeteig gehen würde. Wieder ein gelungener Beitrag, der mir viel Freude gemacht, mir aber auch zu denken gegeben hat.

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