Immer wieder: Allein mit den Mädels

oder: Bis zum Hals im Wasser?

Manchmal denke ich darüber nach, wie Alleinerziehende wohl ihren Alltag meistern – und bewundere sie heimlich dafür, dass sie es überhaupt schaffen. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, wie es sich anfühlt, für alles oder zumindest so gut wie alles allein verantwortlich zu sein. Von A wie Anorak anziehen über H wie Hausaufgaben betreuen und P wie Pausenbrot belegen bis Z wie Zahnarzttermin vergessen. Auch wenn die meisten Termine unserer drei Töchter von mir organisiert und koordiniert werden, gibt es trotzdem viele Arbeiten rund um Haushalt und Kinder, die sich mein Mann und ich sehr gewissenhaft teilen. Er kocht, ich wasche die Wäsche, er kauft ein, ich beziehe die Betten, wir beide fegen, saugen, wischen Staub, räumen den Geschirrspüler ein und wieder aus und betreuen die Mädchen bei den Hausaufgaben – je nach Zeitkontingent und Interessen.

Meine Freundin Goldlöckchen ist alleinerziehend und hat ihre siebenjährige Tochter oft 24 Stunden an sieben Tagen pro Woche um sich. Ich frage mich, wie sie das alles auf die Reihe kriegt. Ich bin zwar auch immer mit meinen Töchtern zusammen, aber ich bin nicht immer allein mit ihnen. Morgens und abends und samstags und sonntags ist mein Mann da, und wenn ich am Wochenende mal ein Bad nehmen möchte (mit Badezusatz „Wald“), dann werde ich zwar trotzdem von einem meiner Kinder durch die geschlossene Badezimmertür gerufen. Aber dann höre ich, wie mein Mann sagt: „Mami badet gerade.“ Und dann höre ich, wie sich das fragliche Kind an ihn wendet. Und inhaliere den Waldduft ganz tief und schließe für einen Moment die Augen und träume mich in den Berliner Grunewald – bis meine Töchter vor der Badezimmertür zu streiten beginnen. Goldlöckchen hat leider keine Badewanne, dafür habe ich ihr aber neulich ein Duschgel „Waldduft“ geschenkt.

Ab und zu begeben sich mein Mann und ich zeitgleich auf große Fahrt: Er geht auf Dienstreise und ich mache einen Kurztrip in die Welt der Alleinerziehenden. Eine Weile sind solche Reisen öfter vorgekommen, aber Corona hat sie fast unmöglich gemacht. Vielleicht werden Dienstreisen auch insgesamt aus der Mode kommen und verstärkt durch Video-Meetings ersetzt. Das wäre nicht schlecht.

Mein Mann jedenfalls musste vor ein paar Wochen dienstlich nach Köln, dazu brach er am Sonntagnachmittag auf und sollte am Mittwoch spät abends wieder zuhause sein. Meine Schwiegermutter fragte ihn am Telefon, ob ich „Bammel davor hätte“, drei ganze Tage mit den drei Kindern allein zu sein. Ich fand es irgendwie rührend, dass sie sich um mich sorgte. Und ich fragte mich, ob sich jemals jemand um die Alleinerziehenden sorgt und sich darüber Gedanken macht, ob sie Bammel haben. (Hast du manchmal Bammel, Goldlöckchen? Und all ihr anderen? Wie oft wächst euch alles über den Kopf – und wie könnten wir euch helfen?)

Als ich am Sonntagabend allein in unserem Bett lag, wusste ich nicht so recht, wohin mit mir. Ich platzierte mein Kissen in der Mitte des Kopfendes, mich selbst in der Mitte des Bettes, aber auch das half nicht weiter. Wenn mein Mann nicht neben mir liegt, finde ich nicht in den Schlaf. Zuvor hatte ich in einem Anflug von Zwanghaftigkeit sekundenlang auf unseren Wecker gestarrt: War auch wirklich das kleine Glockensymbol zu sehen, das anzeigt, dass der Alarm gestellt ist? Allein verantwortlich zu sein, ruft meine bösen Geister auf den Plan. Aber nicht nur meine, wie sich kurze Zeit später herausstellte. Während ich mich schlaflos von einer Seite auf die andere warf, hörte ich die Leiter des Hochbettes im Nebenzimmer knarren. Jemand schien sie hinabzusteigen. Kurze Zeit später stand meine mittlere Tochter im Türrahmen, ich konnte sie gut sehen, bei uns in der Großstadt wird es nie ganz dunkel. „Ich kann nicht einschlafen“, sagte sie. „Ich auch nicht“, sagte ich. „Ich habe Angst“, sagte sie. Ich fragte: „Wovor?“ „Dass Einbrecher kommen.“ Stille. „Kann ich hier schlafen?“ Wenig später lag sie neben mir im Bett. Wobei, nein, neben mir lag eine knapp 60 Zentimeter lange Kuscheltierrobbe, über deren plötzliches Auftauchen ich kurz lachen musste. Wir schliefen dann beide schnell ein und nach einer traumlosen Nacht erwachte ich um 5.40 Uhr zwanzig Minuten vor dem Weckerklingeln.

Ich koche nicht gern, das ist eine der größten Herausforderungen, denen ich mich stellen muss, wenn mein Mann nicht da ist. Gerade denke ich darüber nach, ob mir meine Schwiegermutter, die eine ausgezeichnete Köchin ist, fürs nächste Mal ein Care Paket zurechtmachen und schicken kann. Sie bringt bei einem Berlin-Besuch auch schon mal einen Schweinebraten, Torten und ungefähr hundert Stück selbstgemachtes Kleingebäck mit – da kennt sie nichts, das schüttelt sie aus dem Ärmel.

Am ersten Abend haben wir die Reste vom Samstag gegessen: Chili con und sin carne und Nudeln für meine Große. Am Montagabend habe ich Pommes und Döner von der Imbissbude gegenüber geholt. Wenn mein Mann auf Dienstreise ist oder auch nur abends im Kino, tendiere ich zu Fast Food. Am Dienstag habe ich GEKOCHT! Ich habe ein Gericht von meiner liebsten Backseite im Internet ausgedruckt: American Pancakes. Das ist doch fast wie Kuchenbacken, habe ich gedacht, und das mache ich schließlich wirklich gern. Ich habe ungefähr hundert Pancakes gebacken, naja, das ist jetzt ein bisschen übertrieben, und habe dafür eine gute Stunde gebraucht, das ist leider nicht übertrieben. Ich habe den Tisch schön gedeckt, es gab sogar Ahornsirup, und allen hat es gut geschmeckt, obwohl zwei, drei dieser dicken kleinen Puffer nicht ganz durch waren. Vielleicht sogar vier. Aber meine Töchter haben mir versichert, dass das gar nicht schlimm sei und die Pancakes total lecker wären.

Eine weitere große Herausforderung für mich ist es, morgens früh aufzustehen, ohne dass mir mein Mann eine Latte Macchiato ans Bett bringt. Obwohl sie koffeinfrei ist, macht sie mich wach. Wenn ich in die Küche schlürfen und unsere Kaffeemaschine selbst bedienen muss, ist der Tag eigentlich schon gelaufen. Also, zumindest in der dunklen Jahreszeit.

Zwischen abends kochen und morgens Milch aufschäumen liegen natürlich noch unzählige To-dos (Dudenschreibweise!), die ich ganz allein bewältigen muss, wenn mein Mann auf Dienstreise ist, diesmal zum Beispiel: Pausenbrote belegen, Trinkflaschen auffüllen, rote Lehrerin-Kürzel unterschreiben, zum PCR-Test fahren, Hausaufgaben betreuen, wegen eines verlorenen Lineals schimpfen (hat sich am nächsten Tag wieder angefunden), Wichtelgeschenk kaufen, Einkäufe in den dritten Stock schleppen, Geschirrspülmaschine ein- und ausräumen, Betten machen. Habe ich etwas vergessen? Ach ja, Herd putzen (wegen der Pancakes, alles war total fettig, die mache ich nie wieder, ich schwöre).

Am Mittwochmorgen war ich stehend k.o. und habe den Wecker, den ich am Abend zuvor wieder zwanghaft betrachtet hatte, ausgeschaltet und dann – ganz unabsichtlich – weitergeschlafen. Eigentlich klar: so ganz ohne Kaffee. Gott sei Dank hat unser Zwergkaninchen Jimmy gegen 6.20 Uhr begonnen, an den Gitterstäben des Käfigs zu rütteln, um darauf aufmerksam zu machen, dass ich das Frühstück (Heu mit Apfelstückchen) noch nicht hereingereicht hatte.

Als mein Mann am Mittwochabend zurückkam, war ich froh, das Zepter an ihn weiterreichen zu können, den Reichsapfel behielt ich wie immer bei mir, ich lege ihn nur zum Baden ab. Und ich fragte mich erneut: Wie funktioniert es, wenn immer nur einer für alles zuständig ist? Mag mir das mal jemand schreiben? „Immer wieder: Bis zum Hals im Wasser“ oder so? Und damit meine ich jetzt nicht die Badewanne. Die ersten fünf Einsender bekommen ein Duschgel und eine Latte Macchiato ans Bett gebracht.

PS Das Wort Anorak habe ich zuletzt in den 80er Jahren benutzt, wahrscheinlich ist es ebenso aus der Mode gekommen wie der Anorak selbst.

PPS Es gibt übrigens auch Alleinerziehende unter Paaren, die tun mir besonders leid.

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