Zum ersten Mal: Was auf die Ohren

oder: Wer nichts hört, kann nicht den Tisch decken

Als meine mittlere Tochter klein war, hatte sie ein wichtiges Accessoire. Ohne ihren Schnuller konnte sie nirgendwohin hingehen, wirklich nirgendwohin. Es war die ganz große Liebe oder Abhängigkeit und sie nannte den Schnuller „meine Lulu“. Es gab natürlich nicht nur einen, sondern Hunderte. Und jeder einzelne war ein wichtiges Erkennungsmerkmal, fast schon ein Markenzeichen.

Einmal waren wir auf die Taufe des Sohnes enger Freunde eingeladen und mein Mann war mit unserer mittleren Tochter, damals noch unsere Kleinste, auf der Toilette. Diese befand sich im Keller des Restaurants und mein Blut gefror mir in den Adern, als ich einen markerschütternden Schrei hörte. Ich dachte, unsere Tochter sei die Treppe hinuntergestürzt. Aber es war noch viel schlimmer! Ihre Lulu war ins Klo gefallen und unwiederbringlich verloren. Ich weiß gar nicht, ob mein Mann vor Schreck gespült hat. Ich glaube, ja. Passen würde es zu ihm. Jedenfalls muss es ein traumatischer Augenblick für unsere Tochter gewesen sein: meine Lulu im Klo. Unsere Freunde konnten uns mit einem Reserveschnuller aushelfen. Die Feier war halbwegs gerettet.

Jetzt hat meine Tochter ein neues wichtiges Accessoire, nicht für den Mund, sondern für die Ohren. Wenn sie sich in unserer Wohnung befindet, trägt sie oft Kopfhörer, dicke weiße Over Ears, mit denen sie sich komplett von der Außenwelt abschotten kann, wie sie es damals beim monotonen Zuzeln an meine Lulu geschafft hat. Das Abschirmen scheint mir Methode zu haben. Wer nicht hören kann, muss zum Beispiel auch nicht den Tisch decken, ein Job, den sie hasst, wie sie selbst sagt.

Mit jemandem ins Gespräch zu kommen, der seine Ohren unter Kopfhörern versteckt, ist nicht einfach. Und ich komme mir immer ein bisschen belämmert vor, wenn ich durch die Wohnung laufe und schüchterne Bitten äußere oder forsche Aufträge erteile, die damit zu tun haben, dass Shorts auf dem Duschvorleger mittig im Bad vergessen wurden oder der Kaninchenstall noch geputzt werden muss, die aber gar nicht gehört werden. Oft liegt meine Tochter auf ihrem Hochbett. Das bedeutet: Sie hört mich nicht und sie sieht mich auch nicht. Und andersherum: Ich sehe auch sie nicht. Neulich dachte ich, ich wäre allein im Kinderzimmer, und habe mich ein bisschen mit unseren Kaninchen Jimmy und Hermine unterhalten. Was man halt so sagt: „Na, seid ihr meine kleinen Freunde? Ja, ihr seid wirklich die Alllerbravsten.“ Plötzlich regte sich etwas auf dem Hochbett und es war Supergirl mit ihren Kopfhörern, die von dort herunterschaute.

Vor wenigen Wochen noch spielten Kopfhörer keine entscheidende Rolle im Leben meiner mittleren Tochter und in meinem auch nicht. Unwissend hatte ich mich mit einer Kollegin über ein mögliches Motiv für eine Illustration eines Artikels unterhalten und sie sagte: „Ja, also, wenn es um einen Teenager geht, muss der auf jeden Fall Kopfhörer aufhaben.“ Das scheint also nicht nur ein Markenzeichen meiner Tochter, sondern der gesamten Jugend zu sein. Allen Eltern geht es ähnlich. Und wahrscheinlich hören ihre Teenager-Kinder die elterlichen Arbeitsaufträge einfach nicht und setzen sie allein deshalb nicht um. Von wegen Faulheit oder Unachtsamkeit! Es sind die Kopfhörer! Nichts weiter! Nur: wie wird man die wieder los? Wie hoch ist der Preis, den ich zu zahlen bereit wäre?

Meine Lulu hat Supergirl erst mit vier Jahren aufgegeben oder besser gesagt: kurz vor ihrem vierten Geburtstag. Wir hatten eine Abschiedsparty für die hundert Schnuller geplant – mit Waffeln und verschiedenen Spielen. Das ist kein Scherz. Ich hatte gelesen, dass so ein offizieller Akt dabei helfen könnte, dass der Abschied schmerz- und rückfallfrei gelingt. Fast hätten wir die Feier verschieben müssen, weil sich unsere große Tochter kurz zuvor den Arm gebrochen hatte und operiert werden musste. Wir wussten nicht, ob Supergirl in der Stimmung sein würde, sich von meine Lulu zu trennen. Doch sie wollte die Feierlichkeiten trotz des Unfalls ihrer Schwester durchziehen. Es gibt Fotos, die uns fünf auf der Party zeigen, an deren Ende meine Lulu in all seinen Ausführungen feierlich in ein Kästchen verpackt und dann für die Schnullerfee bereitgestellt wurde. Zur Belohnung hatte diese unserer Tochter einen Puppenkinderwagen versprochen – ein Riesengeschenk also noch kurz vor dem Geburtstag. Die Party mit Waffeln war ein Moment für die Ewigkeit und der Kinderwagen über lange Jahre hinweg ein absolutes Highlight unter den Spielzeugen. Heute steht er in unserem Wochenendhäuschen im Berliner Umland und kommt nach wie vor zum Einsatz, wenn meine kleinste Tochter, seit kurzem neun Jahre alt, darin herumgeschoben wird.

Die hat es übrigens ganz geschickt gemacht: Nachdem die Schnullerfee im Austausch mit den Schnullern eine Spielzeuggitarre gebracht hatte, stellte sie auf ihr Däumchen um, an dem sie gefühlt Jahrzehnte genuckelt hat, bis sie nicht mehr auf lackierte Nägel verzichten wollte. Wir hatten ihr weisgemacht, dass das gesundheitlich bedenklich wäre. Naja, und nach dem Daumenlutschen saugt sie jetzt an ihrer Unterlippe, die morgens oft wie aufgespritzt aussieht. Da wäre es mir lieber, sie hätte einfach nur Kopfhörer auf. Die könnte ich mir ja auch mal ausleihen, wenn mein Mann wieder mit seiner letzten Boxershorts vor mir steht.

PS Wie seid ihr die Schnuller eurer Kinder losgeworden? Und kennt jemand das Kopfhörerproblem?

10 Kommentare zu „Zum ersten Mal: Was auf die Ohren“

  1. So ein Kopfhörer hat viele Vorteile. Man stört niemanden, kann sein eigenes Programm zusammen stellen und mal von allem abschalten. Und im Gegensatz zum „Nucki“ werden auch die Zähne geschont. Danke für die witzige Geschichte und Grüße vom Follower

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  2. Unsere Mädels wollten einfach keinen Schnulli, so sehr ich mir das manchmal auch gewünscht hätte! Klingt komisch, aber so ein Lulu kann auch mal beruhigen, ohne das Mama ständig im Einsatz ist. Ich wollte auch keinen als Baby und Kleinkind, hatte trotzdem schiefe Zähne. Deswegen bin ich ganz entspannt, was Schnullis betrifft. Irgendwann sind sie uninteressant, genauso wie Kopfhörer…Ob die Abneigung gegenüber Schnullern vererbbar ist würde mich noch interessieren, meine Enkel mochten sie auch nicht!

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  3. Meine beiden hatten keinen Nuckel. Ich war voll auf dem „Stillkinder brauchen den nicht“-Trip. War auch so. Bei beiden Kindern gab es den Moment, dass meine Mutter mal bei uns war und das etwa drei oder vier Monate alte Baby sehr quengelig. Sie bestand drauf, es doch einmal mit dem „verbotenen Teil“ (das doch bei uns gute Dienste geleistet hatte) zu versuchen. Ergebnis: Da war es schon zu spät, der Schnuller wurde als schnell uninteressantes Spielzeug links liegen gelassen.
    Das Kopfhörerproblem haben wir gerade mit unserer Großen, 15-jährig. Sogar ohne Kopfhörer oder mit den kleinen Stöpseln, die setzen nicht so ein weithin sichtbares Achtungszeichen. Ich rede auch, ohne gehört zu werden. Bei uns ist es nicht der Duschvorleger in der Mitte, sondern es sind die Ecken hinter der Tür und unter dem Fenster im Bad, in denen sich abgelegte Sachen türmen, bis ich nicht nur darum bitte, sondern drauf bestehe und zuschaue, dass sie die wegsortiert. Ich fürchte, in dieser Phase sind sie einfach in einer anderen Welt.
    Waren wir auch so? Nee, oder?😉
    Danke für den amüsanten und tröstlichen Einblick in euren Familienalltag! Ciao Anke

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    1. Liebe Anke, ich glaube, ich war wirklich nicht so! Aber in diesem Zusammenhang fällt mir eine lustige Geschichte aus meiner Teenager-Zeit ein, die meine Mutter neulich meinen Töchtern erzählt hat: Ich habe einen Bruder, der zwei Jahre älter ist als ich. Und meine Mutter hatte ihn mehrfach dazu aufgefordert, getrage Kleidung aufzuräumen, die verstreut in seinem Zimmer lag (immerhin dort!). Falls er das nicht täte, würde sie die Sachen aus dem Fenster werfen. Was soll ich sagen? Er hielt das wohl für eine leere Drohung und die Kleidung landete Stück für Stück im Kirschbaum des Nachbarn. Laut Angaben meiner Mutter hat mein Bruder vor Wut geschäumt. Liebe Grüße nach Italien! Sophie

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      1. So etwas erzählten auch meine Kolleginnen: Eine in meinem Alter hatte auch die Sachen ihres Sohnes rausgeworden. Eine jüngere Kollegin musste selbst erfahren, wie es ist, wenn die Mutter den Schulranzen aus dem Fenster ausleert, weil der mit Ramsch überquoll. Die Frage ist: Und danach muss man nie wieder mahnen? Hm, vielleicht ist diese Methode eine Überlegung wert. 😉

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  4. Meine Kinder wollten leider, trotz ausgiebiger Versuche meinerseits, keinen Nuckel. Die Idee mit der Abschiedsparty für den Schnuller finde ich wirklich toll. Vielleicht kann man so eine Party ja auch irgendwann für die Kopfhörer unserer Teenies veranstalten:-) Vielen Dank für den lustigen Beitrag. Liebe Grüße!

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    1. Liebe Zeliha, weißt du, was das Nervige an der Schnuller-Geschichte meiner kleinsten Tochter ist? Sie hatte auch sehr lange Zeit keinen. Und dann haben mein Mann und ich einen großen Fehler gemacht. In ihrem zweiten Kitajahr gehörte sie in der Krippe zu den Großen. Die vielen Kleinen, die nachkamen, brachten ihre Schnuller mit. Und plötzlich äußerte unsere Jüngste den vermeintlich harmlosen Wunsch, auch mal einen in die Kita mitnehmen zu wollen. Wie das eben so ist: Man möchte dazugehören. Wir dachten: Ja, wieso nicht? Wir hatten nicht damit gerechnet, dass sie anfangen würde, den Schnuller, den sie zuvor jahrelang abgelehnt hatte, zu benutzen. Aber: sie tat es! Da war sie fast zweieinhalb Jahre alt! Kinder sind immer für Überraschungen gut. Liebe Grüße, Sophie

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  5. Der letzte Nucki, der nach einer Vielzahl noch übrig war, wurde von seinem Besitzer auf die Reise geschickt, d.h. er wurde in einen Kanal geworfen und konnte schwimmend die Welt erobern.

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