Zum ersten Mal: Mit Corona infiziert

oder: Zwei Jahre umsonst abgemüht?

Meine jüngste Tochter sitzt im Kinderzimmer und ich im Flur. Mehr als vier Meter liegen zwischen uns, wir schauen uns an und winken uns zu. Wir essen zusammen Abendbrot, mit den Tellern auf unseren Knien. In der Nähe steht ein Fenster offen, es ist kühl, um die null Grad an diesem Abend in Berlin. Am Morgen ist meine Jüngste positiv auf Corona getestet worden – das Ergebnis des PCR-Tests steht zu diesem Zeitpunkt noch aus –, der Rest der Familie und ich sind frisch getestet und negativ. So soll es bleiben und deshalb sitze ich im Flur und sie allein im Kinderzimmer und wir nicht alle gemeinsam am Esstisch im Wohnzimmer. Dort sitzen mein Mann und meine großen Töchter, ich höre sie plaudern.

Meiner jüngsten Tochter geht es recht gut, das ist die Hauptsache. Sie ist verschnupft, hustet ab und zu, nichts, worüber man sich in „normalen“ Zeiten Gedanken gemacht hätte. Ich mache mir trotzdem Sorgen. Darüber, dass es noch schlimmer werden könnte, um das „Multisystem Inflammatory Syndrome in Children“, um Long Covid, um die Gesundheit der anderen Familienmitglieder, um meine. Wenn eines unserer Kinder krank ist, schläft es normalerweise auf einer Matratze in unserem Schlafzimmer, diesmal nicht. Natürlich nicht. Die Mittlere musste das Zimmer räumen, die Jüngste schläft dort jetzt allein. Wobei: nicht ganz allein. Jimmy und Hermine, unsere Zwergkaninchen, sind ja auch noch da.

Ich hatte immer gedacht, ich würde mich wahnsinnig vor Läusen ekeln, wenn eines meiner Kinder je welche hätte, und alles waschen, putzen, desinfizieren, kurzum: total durchdrehen. Als es dann soweit war, ist nichts dergleichen passiert. Im Auge des Orkans war ich erstaunlich ruhig. Ich habe die Kinder behandelt, die Betten frisch bezogen, das war’s. Ähnlich geht es mir jetzt: Der Sorgen zum Trotz bin ich erstaunlich gefasst, vielleicht aber auch einfach nur am Ende meiner Kräfte. Haben wir uns zwei Jahre umsonst abgemüht? Wir haben alle Verhaltensregeln, Weisungen, Verordnungen befolgt, sind geimpft, geboostert, im Homeoffice – und dennoch ist jemand von uns erkrankt. Mit positivem Corona-Schnelltest in der Schule und dem darauffolgenden Gang zum Sekretariat, abgesondert von den anderen, infiziert, isoliert. Wenigstens war sie nicht allein, ein anderes Mädchen war auch betroffen. Die Anrufe aus der Schule bin ich fast schon gewohnt. Diesmal habe ich es kommen sehen – es gab schon einen bestätigten Fall in ihrer Klasse und einen Verdachtsfall – und dennoch nicht daran geglaubt. Als mein Handy klingelte, war ich gerade in einem Video-Chat mit einer Kollegin.

Meine Jüngste hält sich wacker, aber wir übertreiben es auch nicht mit der Isolation. Meine Schwägerin – am Rande bemerkt: ein echtes Goldstück – ist Kinderärztin und hat uns ein paar Empfehlungen gegeben: „Masken tragen, Abstand halten, die Kleine allein schlafen lassen“ gehören dazu. Mein Mann und ich sind geboostert – das klingt doch fast, als hätten wir Superkräfte. Aber gegen den Schurken Omikron hilft auch das nicht zu hundert Prozent. Meine Schwägerin rät uns, vorsichtig zu sein, die Lage ernst zu nehmen. Ich finde, sie hat recht. Meine Kleine soll sich nicht ausgeschlossen fühlen, aber meine noch ungeimpfte Mittlere soll die reale Chance haben, gesund zu bleiben. Meine Große zählt noch als frisch geimpft. Sie soll nächste Woche ins Praktikum gehen, zu unserer Tierärztin, darauf freut sie sich. Hoffentlich ist das möglich. Wir werden versuchen, alles dafür zu tun.

Bei uns stehen eigentlich immer alle Türen offen, nur die zum Badezimmer nicht. Jetzt ist das Gegenteil der Fall. Verlässt jemand einen Raum, setzt er sich eine Maske auf. In der Wohnung! Ich hätte nicht gedacht, dass mir das jemals passieren würde. Bis vor einem Jahr hatte ich nie eine FFP2-Maske auf, ich wusste noch nicht einmal, dass es solche Masken überhaupt gibt. Wenn meine kleine Tochter über den Flur läuft und ein anderes Zimmer betreten will, ruft sie laut: „Maske auf!“ Aber die meiste Zeit ist sie im Kinderzimmer, hört Hörspiel, spielt Playmobil. Mein Mann liest ihr Asterix vor, beide tragen dabei Masken, klar. Sie räumt ihren Schreibtisch auf, ein Fach macht sie leer für die Sachen, die sie während der Quarantäne bearbeiten soll, die noch nicht angeordnet ist, aber kommen wird. Das Testergebnis hat auf sich warten lassen und erreicht uns erst am Folgetag. Wir haben mit einem positiven Testergebnis gerechnet, es schwarz auf weiß zu lesen, macht uns dennoch beklommen. Also gut: weitermachen mit den ganzen Sicherheitsvorkehrungen. 

Meine großen Töchter und mein Mann haben angefangen, der Kleinen Briefchen zu schreiben und sie durch den Türspalt zu schieben. Sie könnten die Tür natürlich genauso gut öffnen, aber dann würde es nur halb so viel Spaß machen. Die Kleine hat offenbar viel zu tun in ihrer Isolation und antwortet wortkarg. Klar, sie macht Aufgaben, die sie in der Schule verpasst hat.

Mir ist wichtig, dass das alles auch mental erträglich ist. Wir tanzen schon so lange auf dem Vulkan. Manchmal denke ich: Irgendwann wird das einen von uns auf die Couch bringen, wenn wir nicht immer wieder auf uns achtgeben.

Und das tun nicht nur wir, sondern auch viele andere um uns herum: auf uns achtgeben. Wir bekommen Mails, Text- und Sprachnachrichten und Anrufe mit Genesungswünschen aus dem gesamten Bundesgebiet, obwohl noch kaum jemand von unserer Misere weiß. Aber alle, die es wissen, bieten ihre Hilfe an, finden liebe Worte, sind an unserer Seite. Die Spaltung mag da draußen sein, irgendwo zwischen Impfgegnern und Impfbefürwortern, Leugnern und Hatern und Rechten und Ultra-Rechten und Egoisten und Esoterikern. Aber wir bekommen hier nichts davon mit. Im Moment halten alle zusammen und alle zu uns. Das rührt mich und ich bin unendlich dankbar dafür. Mehr noch: es verleiht mir die Superkraft, die der Booster nicht bieten kann.

PS Meine kleine Tochter kam heute maskentragend zu mir ins Homeoffice (im Schlafzimmer) und machte den Vorschlag: Schreib‘ doch einen Blogeintrag über alles. Gesagt, getan.

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