Immer wieder: Backen ist mein Yoga

oder: Sinn und Sinnlichkeit

Wenn ich an meine Mutter denke, sehe ich sie oft strickend vor mir. Es gibt keine andere Tätigkeit, die ich mehr mit ihr verbinde als diese Handarbeit. Wobei das Wort Handarbeit zu niedlich klingt für die Perfektion, zu der es meine Mutter gebracht hat. Pullover, Schals, Mützen, Puppenkleidung, Babydecken, Socken. Ich glaube, sie kann einfach alles stricken. Oder nein: Ich glaube, sie kann einfach alles. Es gibt kaum jemanden, den ich kenne, der so viel leistet – und so wenig Aufhebens darum macht. Das Stricken deutet schüchtern darauf hin, was meine Mutter ausmacht: Gelassenheit, Geduld, Konzentration, Ausdauer, Genauigkeit, Zielstrebigkeit, Bescheidenheit.

Ich frage mich, welche Tätigkeit meine Töchter in erster Linie mit mir verbinden. Vielleicht das Schreiben? Das Bild, das ich dabei abgebe, finde ich allerdings nicht so ansprechend wie das meiner strickenden Mutter. Ich bin jemand, dem es schwerfällt, längere Zeit in aufrechter Haltung zu sitzen, der nach einer Weile mit gewölbtem Rücken und vorgeschobenem Kinn schildkrötenähnlich vor dem Rechner hängt. Vielleicht sehen mich meine Töchter auch in meinen Jogging-Schuhen als toughe Läuferin (schon besser) oder am Klavier sitzend und schwerfällig die richtigen Töne suchend (wiederum nicht so prickelnd). Eigentlich fände ich es schön, wenn sie sagen würden: „Unsere Mutter ist eine, die immer einen Kuchen im Ofen hat. Sie duftet nach Vanillezucker und Zimt, hat Mehlstaub an der Kleidung, und wenn wir aus der Schule nach Hause kommen, stehen Kakao und Cupcakes auf dem Tisch.“ Das klingt nach Bullerbü oder Lotta aus der Krachmacherstraße. Nach heiler Welt. Eine Mutter, die bäckt, ist eine, die sich um das Wohl ihrer Kinder sorgt, nicht nur um das leibliche. Eine, die es ihnen und sich gemütlich macht.

Marmorgebäck (schmeckt so gut, wie es aussieht).

Am vergangenen Wochenende habe ich Cupcakes gebacken, stand gerade noch am heißen Ofen und habe kurze Zeit später Supergirl umarmt. „Du bist so warm“, sagte sie, und ich dachte: „So möchte ich sein: warm.“

Ich weiß gar nicht mehr genau, wann ich mit dem Backen angefangen habe. Zuerst dachte ich, es hätte mit Corona zu tun gehabt, aber das stimmt nicht. Während Corona habe ich das Backen als Hobby nur vertieft, vielleicht sogar zu einer gewissen bescheidenen Perfektion gebracht. Aber auch schon vorher habe ich Kuchen und vor allem Cupcakes gezaubert. Besonders gern habe ich gebacken, wenn unser Klavierlehrer kam – und das war auf jeden Fall noch vor Pandemie und Lockdown. Ich wusste, dass ich ihm mit einem guten Stück Kuchen, selbstgebackenen Spekulatius oder aufwendig verzierten Cupcakes eine Freude mache. Vielleicht wollte ich ihm auch zeigen, dass es Dinge gibt, die ich besser kann als ausgerechnet Klavierspielen. Vielleicht dachte ich, er würde den einen oder anderen falschen Ton verzeihen oder überhören, wenn er andächtig an einem Stück Bananenbrot kaut (sein damaliger Lieblingskuchen).

Bienenstich-Cupcakes (machen so viel Arbeit, wie es aussieht).

Ich finde, Backen hat etwas sehr Sinnliches. Allein, wie alles duftet! Vanille, Marzipan, Butter und Hefe, Backkakao und Nüsse. Geriebene Karotten oder Zitronenschale. Geschmolzene Schokolade. Zimt. Lebkuchen- oder Spekulatiusgewürz. Honig. Ich mag es, mit meinen Fingern durch fein gemahlenes Mehl zu fahren, Teig zu kneten, die glatte, weiche, oft warme Oberfläche zu fühlen. Teig in eine Kuchenform laufen zu lassen und die Reste mit einem Teigschaber aus einer Rührschüssel zu streichen. Ich mag es, mit den Händen zu arbeiten, so, dass sich die Hände auch wirklich bewegen, die Unterarme, die Schultern. Kraftvoll. Nicht nur die Finger, die flink, aber in einem sehr beschränkten Radius über die Tastatur gleiten. Ich mag es, wenn Teig von den Quirlen des Handrührgeräts tropft. Die Digitalanzeige der Küchenwaage. Das Surren des eingeschalteten Ofens. Den Moment, in dem der Kuchen aufgeht, wenn Muffins schüchtern ihre kleinen Bäuche über die Vertiefungen heben. Wenn die Oberfläche des Gebäcks aufbricht, als würde ein kleiner Vulkan eruptieren. Ich mochte es sehr, in der vergangenen Vorweihnachtszeit gemeinsam mit Baby Boss zu backen. Ihren geschickten kleinen Händen beim Ausrollen des Plätzchenteigs zuzuschauen. Festzustellen, dass sie im Vergleich zu ihren großen Schwestern noch kleine Hände hat.

Julkuchen (lieben die Mädchen).

Ich liebe es, Cupcakes zu backen und zu verzieren. Kleine Kuchen, die nicht nur gut schmecken, sondern darüber hinaus unerhört gut aussehen. Schokoladencreme in eine Spritztülle zu füllen und dann in Kreisen in die Höhe zu ziehen. Das Geräusch, wenn eines der Kinder eine Schüssel ausschleckt. Die Erinnerung daran, selbst die Quirle des Handrührgeräts abgeschleckt zu haben, nachdem meine Tante beim Geburtstag meiner Großmutter Sahne damit geschlagen hatte. Ich sehe mich noch als Kind dort in der Küche stehen.

Halloween-Cupcakes (Wer es nicht erkennt: Das sollen Fledermäuse sein!).

Ich liebe es, verschiedene Rezepte auszuprobieren. Mir gerade so große Herausforderungen zu suchen, wie ich sie auch bewältigen kann. Es ist eine Tätigkeit, bei der ich keinerlei zwanghafte Verhaltensweisen an den Tag lege, wie mir gerade bewusst wird. Ich muss nicht kontrollieren, ob ich das Mehl richtig abgewogen habe oder ob der Kuchen auch wirklich durchgebacken ist. Backen entspannt mich, ich kann vollständig abtauchen: in der Schokolade, die ich über dem dampfenden Wasserbad schmelze, oder im frisch angerührten Pudding, der eine wichtige Rolle beim Zubereiten der Buttercreme spielen wird und stolz darauf ist. Wenn ich das Gebäck in den Ofen schiebe, wache ich auf wie aus einem Dornröschenschlaf. Backen ist mein Yoga.

Donauwellen-Cupcakes (gehören zu meinen Favoriten – und zu den unseres Klavierlehrers).

Auf ZEIT online habe ich neulich gelesen: „Kochen ist zweckgesteuert, Backen hingegen die pure Unvernunft. Niemand braucht dreistöckige Crème-Brûlée-Torten, doch genau das macht sie so gut.“

Die Chance, beim Backen krachend zu scheitern, ist gering. Man kann viel Lob und manchmal sogar Begeisterungsstürme auslösen. Besonders gern mag ich es, den von mir liebevoll kuratierten Kuchen sonntags gemeinsam mit meinen Eltern, meinen Kindern und meinem Mann zu essen. Denn es kommt mir nicht nur aufs Backen an. Fast noch mehr genieße ich die Zeit, in der wir alle gemeinsam am Tisch sitzen. Guten Appetit!

PS Ich denke mir übrigens Rezepte nie selbst aus. Sie stammen von verschiedenen Websites und aus Backbüchern.

Nikolauskuchen (sieht vielleicht schwerer zu backen aus, als es ist).

Clown-Muffins (der Hit auf Kindergeburtstagen).

Blaubeer-Cupcakes (der Hit auf Erwachsenengeburtstagen).

Schaut niedlich aus, hat mir aber den letzten Nerv geraubt. Vor allem das Geweih!

16 Kommentare zu „Immer wieder: Backen ist mein Yoga“

  1. Beim Lesen ist mir das Wasser im Mund zusammen gelaufen und ich hatte „Pfützen auf der Zunge“. Ein prima Text und wieder ganz schöne Fotos. Von deinen Hobbys ist das Backen das süßeste, aber das Schreiben das nachhaltigste und das Fotografieren ein Glück für den Betrachter. Ich freue mich schon auf den nächsten Blog und grüße recht herzlich
    Der „Follower“

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    1. Lieber Follower,
      das hast du schön gesagt! Ich freue mich immer, dass du auch einen Blick für die Optik hast und die Fotos kommentierst. Die sind mir nämlich auch sehr wichtig. Trotzdem vergesse ich das Fotografieren manchmal, wenn ich von meinen Hobbys erzähle. Es scheint ein eher schüchternes Hobby zu sein. Dabei macht es mir großen Spaß. Gerade denke ich, dass ich gern mal für ein Backbuch Fotos machen und Texte schreiben würde. Alles aus einem Guss. 😉
      Herzliche Grüße, Sophie
      PS Und hier noch ein kleiner „Vorgucker“ auf die nächsten Blogbeiträge: Es könnte mal um echtes Yoga gehen und vielleicht auch bald um Oslo.

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  2. Liebe Sophie,
    Ich liiiiiiiiiebe es so sehr, mit welch einer herzerwärmender Leidenschaft du über das Backen schreibst! Und irgendwie läuft mir gerade auch heftigst das Wasser im Mund zusammen ;-).

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  3. Liebe Sophie, machst du denn in der Küche auch so lustige Posen, den Krieger oder die Heuschrecke und wie sie nicht alle heißen? 😉
    Ich bin (bislang) kein Yoga-Freund, und beim Backen habe ich weder die Geduld noch das Talent, solche Kunstwerke zu schaffen, wie du sie hier zeigst. Wow! Ich gebe gesenkten Hauptes zu, bislang mancher Hobby-Bäckerin unterstellt zu haben, sie quält und müht sich dabei nur, um vor den Gästen eine gute Figur zu machen. Jetzt, nachdem ich deinen wunderbaren Text gelesen habe, weiß ich von und beneide dich um die Freude, die das Backen bei dir hervorruft. Wie schön. Und ich beneide deine Familie, die mit so viel Liebe und Leckereien verwöhnt wird.
    Liebe Grüße aus Italien! (Habe mich gerade in Ermangelung so verführerischen Backwerkes mit einem Rest vom Dresdner Stollen getröstet.😂 )

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    1. Liebe Anke,
      es kann sein, dass ich hier demnächst wirklich mal über Yoga schreiben werde (also das echte!), denn ich bräuchte etwas, das im besten Fall verhindert, dass ich vor dem Rechner schildkrötenähnlich zusammensacke. Deshalb versuche ich gerade, eine Yoga-Routine zu etablieren und werde im Februar mit meiner Freundin Anna Freudchen eine Probestunde machen. Dann berichte ich gern vom herabschauenden Hund und Katze und Kobra, aber ob ich dafür genug Platz in unserer Küche habe, ist fraglich. „Der Küchenbulle“ ist übrigens keine Yoga-Übung, sondern mein Mann. 😉
      Ich hoffe übrigens, dass alle Leserinnen und Leser heute ein bisschen Appetit auf etwas Süßes bekommen habe. Ich backe erst am Samstag wieder – für den Geburtstag einer Freundin.
      Liebe Grüße aus Berlin!

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  4. Liebe Sophie, die Fotos sind wirklich toll und machen Appetit auf alles, was darauf abgebildet ist! Und deine humorvolle Art, zu schreiben, ist wie immer herzerwärmend. Ich bewundere dich dafür, dass du dich so gut selbst auf die Schippe nehmen kannst!

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    1. Liebe Birgit, ich finde, ein bisschen Selbstironie hat noch niemandem geschadet. Deshalb schreibe ich mit einem Augenzwinkern auch gern über mich und meine Ecken und Kanten. Für heute steht übrigens wieder Backen auf dem Programm. 😉 Herzliche Grüße! Sophie

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  5. Ich danke dir für die liebevolle Einführung in deinen Blog, in der du mich so gut beschrieben hast. Ich habe mich sehr gefreut und will versuchen eins deiner Erstlingswerke – wann es gebacken wurde weiß ich nicht mehr – ebenso liebevoll zu beschreiben, da es leider nicht möglich ist, ein Bild zu senden.
    Die Ostertorte – ein runder Kuchen mit Zuckerguss, auf dem sechzehn kleine Schmetterlinge saßen !!! Du hast mit Marzipanrohmasse gearbeitet, sie gefärbt, ausgerollt und Förmchen ausgestochen: Es gab braune Stäbchen für die Körper der Schmetterlinge und für die Flügel rosa, gelbe, grüne und blaue Herzchen, die dann noch mit Pünktchen verziert und mit noch mehr Zuckerguss auf dem Kuchen befestigt wurden.
    Ein wunderbarer Kuchen, schade, dass er aufgegessen wurde. Ich hätte ihn, wie das Igelchen, lieber aufgehoben.

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